Ausgabe 
16.8.1901 Zweites Blatt
 
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worden ist. In drei Reihen übereinander finden sich nun an der Triumphbogenwand und der anstoßenden Südwand die eigentümlichen Darstellungen, die sich, wie es scheint, aus­schließlich auf weltliche Motive aus dem Ritterleben oder aus Sriegsszeuen beziehen. Die zumeist rotgewandeten Figuren heben sich vom blauen Grunde in halber Lebensgröße ab. Die Art der Darstellungen, sowie der Erhaltungszustand der Malereien an den zurzeit freigelegten Stellen läßt eine gründ­liche Wiederherstellung und Konservierung der kunsthistorisch wichtigen Bilder als höchst wünschenswert erscheinen.

Darmstadt, 14. Aug. DaS 1. Hess. Infanterie (Leib- garde )Regimeut Nr. 115 begab sich heute mittels Extra­züge zum Regiments-Exerzieren auf den Großen Sand nach Mainz. Es wird dort, da das 3. Hess Inf.-(Leib-)Regiment Nr. 117 zu gleicher Zeit im Griesheimer Lager Quartier bezieht, bis zum 20. d. MtS. in dem dortigen Kasernement einquartiert. Gestern beging der General der Kavallerie z. D. Wilhelm v. Winterfeld, zuletzt Gouverneur von Mainz, seit längeren Jahren in Darmstadt wohnhaft, die 60jährige Wiederkehr des Tages seines Eintritts als Offizier in das preußische Heer. General v. Winterfeld ist am 22. September 1824 zu Berlin geboren und trat am 12. August 1841 als Sekondelentnant mit Patent vom 22. De­zember 1841 beim 2. Dragoner-Regiment in Dienst. Bezüglich des geplanten Kostümfestes der Künstlerkolonie wird mitgeteilt, daß für die Herren nächste Woche im Spiel- haus etwa 100 Kostüme zur Ausstellung gelangen werden, die von Herrn Kayser in Mainz eigens für daS Darmstädter Fest verfertigt worden sind. Außerdem werden Kostüm­skizzen, die von Maler Kempin und A. Beyer entworfen sind, demnächst zur Ausstellung gelangen.

Frankfurt a. M., 14. Ang. Der größte Teil des Rothschild'schen Barvermögens geht nach Paris und England. Die verwitwete Baronin Rothschild ver­fügt über eigenes Vermögen nnd über Grundbesitz in Frank­furter Gemarkung, der auf etwa 100 Millionen taxiert wird, darunter die prachtvolle Besitzung Grüneburg und einen riesigen Park im Westend. Erbinnen des väterlichen Der- mögens find die beiden Töchter Frau Eduard v. Rothschild und Frau Mara B. A. Goldschmidt, denen dereinst auch daS mütterliche Vermögen zufallen wird. Eine bestimmte Schätzung des Rothschild'schen Vermögens ist zurzeit noch nicht vorhanden.

** Kleine Mitteilungen an» Hessen nnd den Nachbarstaat en. Am vergangenen Sonntag feierte der langjährige Verleger desßangcntr Wochenblatt", W Werner in Langen, mit seiner Ehefrau Marie Sophie, geb. Frerig, im stillen häuslichen Kreise das goldene Hochzeits-Jubiläum. Der erste Glückwunsch kam von dem Großherzog, der das Jubelpaar mit seinem Bildnis mit eigenhändiger Unterschrift erfreute.

Kutschke auf dem Gleiberg.

Von Frl. Franziska P r a s s e l aus Berlin erhalten wir folgende Zuschrift aus unserem Nachbarorte Gleiberg:

Auf einer Erholungsreise begriffen, habe ich schon längere Zeit das Vergnügen, auf dem alten, idyllischen Gleiberg die schönen Sommertage in ländlicher Ruhe zu ge­nießen. Gestern abend nun, zwei Tage vor meiner Abreise nach der Reichshauptstadt, lenkte ich meine Schritte, wie schon so oft, nach der alten, mir so lieb gewordenen Linde. Wer einmal auf dem Gleiberg geweilt hat, der wird auch ihr ein treues Andenken bewahren. Unter der Linde nun, mit mir zu gleicher Zeit, saßen zwei ältere Herren, denen ich zuerst wenig Aufmerksamkeit schenkte, zumal ich mich in länd­liche Tracht gekleidet mit dem kurzen hessischen Röckchen, selbst Städterin, den Fremden gegenüber sonderbar ausnahm. »Doch deine Sprache verrät dich", so warS auch hier, die Herren wurden auf mich aufmerksam, wir wurden bekannt miteinander und waS soll ich sagen, wen erkenne ich in dem einen? Einen Landsmann, während der andere, ein Freund des ersteren, ein Gießener Bürger war. Wie wurde mir zu Mute, als ich plötzlich wieder das urgemütliche, reinste Berlin'sch" hörte und in dem Landsmann zugleich einen Kollegen, einen Bruder in Apoll, begrüßen durfte. Doch wer war«? Ich will es Ihnen verraten. G. Hoffmann- Kutschke auS Breslau, der weithin bekannte und so beliebte Dichter. Er wars, der schon lange träumend unter der alten Linde geseffen und dort ein Gedicht auf den Gleiberg ver­faßt hatte. Im Auftrage des Dichters gebe ich das Gedicht, das er gleichzeitig dem Verschönerungsverein von Gleiberg zur Verfügung gestellt hat, nachstehend bekannt und über­mittele zugleich von G. Hoffmaun-Kutschke die herzlichsten Grüße.

Auf dem alten Burghof zu Gleiberg Da saß ich in jüngster Zeit, Ich trank einen perlenden Becher, Einstigen Tagen gewecht.

Nicht Graben- und Edelfräulein, Der Minne ergeben traut Umwarben den alten Sänger, Aber dennoch hat er sie geschaut. Stolz wehten die alten Fahnen Dom Turme herab ins Thal, Sie alle waren zur Stelle Jn einstiger Größe zumal.

Und ich erhob meinen Becher, Sang einstiger Größe ein Lied, Wie es im Gemurmel der Linde Unten den Schloßhof durchzieht. Ach, die Linde, die alte Linde, Sie hat so manches geseh'n Dom Lieben, Dulden und Sterben Und der Erde stetig Vergehn.

Nun schwanden sie alle zusammen, Ich blieb mit dem Freunde allein O warum muß Kommen und Gehen Der ewige Wechsel sein?

Dann schied ich vom alten Gleiberg Und weihe ihm das Gedicht, Vergeß ich auch seine Mauern, Die Linde vergeß ich nicht.

Sie weiß so viel zu erzählen. Geht hin und lauscht chrem Wort, Ich sage Euch, wer ihr gelauschet, Geht immer befriedigt fort.

Soweit die Zuschrift. Gotthelf Hoffmaun-Kutschke, der seit Jahren als Eisenbahnstations-Assistent in Breslau lebt,

ch bekanntlich der Verfasser des viel gesungenen Soldaten- lredesWas kraucht dort in dem Busch herum", aus dem Kriege 1870/71, das zuerst in denMecklenb. Nachr." am 22. August 1870 erschien, anfangs einem Füsilier Kutschke zugeschrieben wurde und auf das später auch der mecklen- durgische Geistliche PistoriuS und der Schriftsteller Dr. Otto Weddigen Urheberrechte geltend machten. Herrn Hoffmann KutschkeS Grüße an uns erwidern wir bestens und verbinden damit den Wunsch, daß des heute 57 jährigen wackerei. DolkSpoeten Leier, die hoffentlich auf dem Gleiberge roch öfter erklingen wird, und dann so frisch und froh und leicht und humorvoll wie dereinst er gab vor Jahren ein statt licheS Bändchen gesammelter Gedichte heraus noch lange Jahre volltönend wie in seiner ereignisreichen Jugendzeit ihm zur Seite stehen möge.

Vermischtes.

Ein Opernsänger als Duellant. Der Bassist Oberstötter vom Stadttheater in Magdeburg ist in der Sommerfrische in Jägerndorf von einem Honvedosfizier im Duell schwer verwundet worden. Oberstötter, der seine musikalischen Studien in Leipzig gemacht hat, war zuerst als Kapellmeister in Rußland thätig. Dann kam er als Cor- repetitor an die Münchener Hofoper. Hier entdeckte er, daß er eine schöne Baßstimme besitze, ließ sie ausbilden und wurde danach als Sänger an die Münchener Oper engagiert. B^n dort ging er nach Magdeburg. Oberstötter hat sich auch mit Erfolg als Komponist von Liedern in populärem Stile versucht.

* Wie man gut schläft. Bon Karl Gutzkow erzählt Professor T o e p i c r der Aeltere in seinem Buche75 Jahre even , Sdjaffen, Strebe n", (Verlag von schuster und Löffler in Berlin), eine hübsche Ancttwte. Gutzkow, der Mitte der 60 er Jahre in Weimar lebte, pflegte abends noch spät zu essen, so daß er nachts nicht schlafen konnte. Statt aber der Ueberlastung feines Magens Schuld zu geben, suchte er die Ursache in seinem Bette bezw. seiner Matratze. Schon hatte er sich alle moglichien Vertiefungen oder je nadj Bedürfnis Erhöhungen an feiner Matratze machen lassen, aber nichts wollte helfen, und er war ganz verzweifelt. Ta mutzte er einmal eine kleine Reise machen, auf der er erst zwischen 2 und 3 Uhr nachts in Tresden tmHotel de Rome" anlangte. Gutzkoiw hatte einen Bären­hunger, da öic Küche aber längst geschlossen, und die, kalte Mamsell" and) schon gegangen war, mutzte er trotz allen Lamentierens hungrig das schöne französische Bett besteigen. Er schlief wie ein Gott und und erroadfte am anderen Morgen gestärkt und wie neugeboren. Kaum aufgeftjanben, untersuchte er sofort das Bett, und fand es tadellos. Sein Entschluß war schnell gefaßt. Er klingelte nach dem Wirte, und fragte ihn, ob er ihm daS Bett verkaufen wolle. Nach längerem Parlarnentieren ging der Wirt darauf ein* und als Gutzow einige Tage später nach Weimar zuruckkehrte, fand er das Bett bereits vor. Nach seiner Gewohnheit ging er am Abend, nachdem er gut gegessen, in fein Stammlokal und verfiel da wieder in seinen Fehler, eine Menge Brötchen, sowie ein Entrecote mit Champignons und Madeirasauce zu fid) zu nehmen. Als er bann spät in der Nacht hoffnungsvoll fein neues Lager auf suchte, konnte er natürlich barauf ebenso wenig die Ruhe finben, wie auf seinem alten Bette, unb er mutzte nach wie vor, die Nächte schlaflos verbringen.

* Eine Tamenapotheke. In Warschau wird nächstens, wie von dort berichtet wird, eine Tamenapotheke eröffnet werben. Ein weiblicher Arzt, unb mehrere weib­liche Pharmaceuten haben sich um bie Konzession beworben.

*KönigEduardalsStubio. Ein heiteres Histör­chen wird aus. den Universitätstagen des jetzigen Königs von England erzählt. Ter Prinz mit einer Anzahl Kom­militonen, mehr ober weniger wohlbekannten Parforze- Reitern, hatte einst wenigSport" gehabt, unb um der Freube bes Tages nidjt ganz verlustig zu gehen, beschloß bie Jagbgesellschaft, querfelbcin nach Oxford zurückzureiten. Tie meisten der Herren kannten bie Gegend nicht und so gerieten sie auf bie Gefilde eines seiner Grobheit wegen in der ganzen Gegend bekannten Farmers Namens Hedges mitz dem SpitznamenLord-Oberrichter Burns", der beson­ders unliebenswürdig war, wenn ihm fremde Leute auf feine Felder kamen. Auch in diesem Falle war die Reiter erblicken und sie durch Schließung der Thore gefangen setzen Eins. Sodann ging et umher, und sammelte von jedem der Hexren einen Sovereign als Entschädigung ein, mit der Drohung, daß, niemand den Hof verlassen werde, der feinen Tribut nicht entrichtet habe. Tie Begleiter des Prinzen dachten, derLord-Oberrichter" werde um Entschuldigung bitten, wenn er höre, wer seine Gefangenen seien. Ta irrten sie sich aber gewaltig. Als er hörte, daß er den künftigen König von England festhalte, ant­wortete er gelassen:Prinz oder nicht Prinz, ich will mein Geld haben." Tas Erstaunen der Gesellschaft kann man sich vorstellen, aber von hohen Steinmauern um­geben, blieb ihr nichts übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, unb der Prinz von Wales amüsierte sich über ben Ausgang am meisten.

* Berlin, 14. Aug. Wieberum ist eine größere Ber­liner Bankfirma, bie bisher einen Durchaus guten Ruf im Publikum genoß, durch ben Leichtsinn und die be­trügerischen Manipulationen eines ihrer Chefs zn Grunde gerichtet, unb eine große Anzahl ihrer Kunden um mehrere Millionen Mark geschädigt worden. Es handelt sich um das Bankgeschäft ^a£ Opitz & C o., dessen leitender Inhaber Max Opitz wegen zahlreicher UnterfdUagungen, Ur­kundenfälschungen und mehrfacher Betrugsfälle verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis des Landgerichts I Berlin abgeführt worden ist. Tre Firma hatte fast ausschließlich mit Bank- und Börsengeschäften zu thun. Außerdem aber befaßte sich Max Opitz für seine Rechnung mit .Hypothekengeschäften. Zu diesem Zweck hatte er in seiner Wohnung eine sogenannte Bank für Hypotheken und Grundbesitz eingerichtet, und hier war das eigent­liche Feld für feine betrügerischen Manipulationen. Tnrch den fürstlichen Glanz, der hier herrschte, wurden die Kunden getäuscht unb veranlaßt, dem vornehmen Bankier Tausende und Abertausende von Mark anzuvertrauen unb ihn mit der Erledigung ihrer Vermögensangelegenheiten zy beaus- tragen. Für die Wohnung zahlte Opitz allein mit Neben­abgaben 10 000 Mk.: das Haus, in dem seine Bureaus für die feineren Kunden geöffnet waren, gehörte früher dem Fürsten Fürstenberg; dieser verkaufte es an die Gesell­schaft für Erdkunde, die jetzige Eigentümerin des palast­artigen Gebäudes. Für feine und feiner Familie Gebrauch besaß Opitz allein sechs Equipagen mit der dazu gehörigen Dienerschaft unb dem erforberlichen Pferbematerial. Außer­

dem nannte Opitz eine Villa in Westend fein eigen. Bon den Tcpositen, die bie Munben dem Opitz anvertrautcu, bestritt dieser in den letzten Jahren, als bie EKschäste au fingen, schlecht zu gehen, seinen Luxus. Sein Aufwand soll jährlich über 100000 Mark gekostet Haden. Rentier B., der früher eine Hofschlächterei betrieb, ist um etwa eine halbe Million durch Opitz geschädigt. Infolge seines vornehmen Auftretens unb seiner guten Beziehungen ver­stand es der Bankier, seinen Kundenkreis bis in die höchsten Gesellschaftsklassen auszudehnen. oo stand er auch lange Zeit mit dein Herzog Ernst Günther von Schleswig Holstein in geschäftlicher Verbindung. Diesen Namen benutzte er natürlid) dazu, um seine Klienten vertrauensselig zu machen. Wie tjod) sich die Schuldenlast des Opitz beläuft, konnte bisher noch nicht ziffernmäßig festgestellt werden, da eine Anzahl der Geschäftstunden von dem finanziellen Zusammenbruch des als überaus vermögend geltenden Bankiers nod> keine Ahnung hatte. Es dürste fid} aber nad} der vorläufigen Schätzung um mehrere Millionen Mark handeln.__

Handel und Verkehr. Volkswirtschaft

Fabrik feuerfester und säurefester Pro­dukte, Aktien-Gesellschaft, Vallendar a. R h. Ho Verhandlungen der Hauptversammlung wurden nach zweitägiger Taner geschlossen, ohne indes eine enOgiltige Entscheidung über das Schicksal der Gesellschaft gebracht zu haben. Nur soviel ist ftstzustellen, daß jetzt wohl alle Aktionäre von den Machenschaften Boeings überzeugt sind, sodaß letzterer, der unter polizeilid)er Bewachung erschienen war, nunn»ehr isoliert dasteht. Es wurde beschlossen, bie Beschlußfassung über die Genehmigung de- letzten Rech- nungSabschlusses und die Erteilung der Entlastung vorläufig auszusetzen. Gegen die Banken, insbesonbere gegen die Berliner Handelsgesellschaft und deren Geschäftsinhaber wurden heftige Angriffe gerichtet, mit dem Hinweis darauf, daß Justizrat Winterfeld, der Vorsitzende der Glashütte Siemens, einen Pachtvertrag Vorschläge, dessen Annahme die Gesellschaft hilflos jener Wettbewerbsgesellfchaft aus­liefere und ben Aktionären alles nehme. Tie Berliner Hanbelsgesellschaft hätte bei Anwenbung der Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmannes schon längst finden müssen, daß bei der Gesellsd>aft nicht alles in Ordnung sei. Trotzdem habe man fortgesetzt der Gesellschaft große Kredite ge­währt, anscheinend, um letztere ganz in bie Gewalt zu be­kommen, jetzt ziehe man bie Schlinge zu. Da sich auch in ben Kund mach ungey über die Einführung der Aktien und Schukbverschreibungen verschiedene unrichtige Angaben befänden, so sei es fraglid), ob nicht auch die Banken regreßpflichtig gemadft werden konnten. Tirektor Roland von der Bergisch-Märkischen Bank nahm die Banken gegen diese Angriffe in Schutz, indem er u. a. hervorhob, daß die Vereinigung von Nauheim mit Siemens von Boeing betrieben worden sei. Nach endlosen Verhandlungen wurde schließlich der Antrag angenommen, den Aufsichtsrat zu ermächtigen, binnen vier Wochen mit dem alten Aufsichts­rat unb Vorstande sowie mit Dritten über bereu Regreß­pflicht zu verhandeln und eventuell Vergleiche abzu­schließen. T-er Beschluß der Hauptversammlung vom 22. Mai 1900 auf Erhöhung des Aktienkapitals auf 8 Mill. Mark wurde einstimmig aufgehoben unb ebenso die Be­schlußfassung über die Verpachtung der Werke von der Tagesordnung abgesetzt. Damit wurden die Verhandlung n geschlossen. Unmittelbar nach der Versammlung fand die Gründung einer Schutzvereinigung von Aktionären statt, die demnächst mit Wiederaufrichtungs-Vorsdstägen hervor­treten will. Boeing ist mit seinen Schwindeleien durch­aus planmäßig zu Werk gegangen und hat sein Unter­nehmen vom ersten Augenblick der Umwandlung in die Aktienform an auf Betrug begründet. Bei der Gründung im Jahre 1891 erklärten als angebliche Erwerber der ein- zubringenden Fabrik (Ernst Boeing gehörig) Frau Julius Boeing, Arthur Boeing, Emil Boeing, Henriette und Bertha Boeing sich zu Gründern. L. O. Boeing wurde General­direktor, Arthur und Emil wurden stellvertretende Tirek­toren. Mitglieder des Aussid)tsrats wurden Ernst Boeing, Justizrat Tr. Reatz unb Baron d'Ablaing von Giesenburg. Obwohl bie Grünber früher erklärt hatten, bie mnzü- bringenbe Fabrik schon im Januar 1891 erworben zu haben, würbe sie am 2. Dezember 1891 von ihnen durch ihren Bevollmächtigten L. O. Boeing von dessen Bruder Ernst Boeing nochmals, und zwar für bie Aktiengesellschaft käuf­lich erworben. Es ergiebt sich somit, daß die Gründer zwar die eine Million Aktien, nicht aber die den Gegenwert darstellenden Einlagen übernommen hatten, und es entsteht nach dem Bericht die weitere Frage, ob die Gesellschaft überhaupt Gründer gehabt hat. Die Nachprüfung des Gründungshergangs durd) unparteiische Revisoren würbe baburch vereitelt, daß Ernst Boeing aus dem Aufsichtsrat unb Arthur unb Emil Boeing aus bem Vorstanb ausschieben, so baß der Aufsichtsrat, ber burch bie Zuwahl des Bürger­meisters Aleff von Eberhahn ergänzt worden war, unb der Vorstand (L. O. Boeing) bei ber Gründung nicht beteiligt erscheinen. Trotz erheblicher Bedenken des Amtsgerichts in Bad-Nauheim wurde schließlich die Eintragung erreicht, worauf alsbald die vorher ausgeschiedenen Brüder Boeing in ben Aufsichtsrat bezw. Vorstanb ivieder eintraten. Die eingebrachten Werte wurden zu 1 031 045 Mk. übernommen, ihr heutiger wirklicher Wert stellt sich) nach vielfachen Er­weiterungen unb Verbesserungen auf etwa 330 000 bis 375 000 Mk. Obwohl ferner erklärt wurde, daß die lieber» nähme ber Fabrik schuldenfrei erfolgt sei, würbe bie Ge­sellschaft burch verschiedene unrichtige Buchungen zu Gunsten von Ernst Boeing mit 64 928 Mk. Schulden belastet. Die Hauptkasse hatte L. O. Boeing in seiner Wohnung unb alle Buchungen geschahen auf feine Anweisung ohne Belege. Tie Eintragung einer viereinhalbprozentigen Anleihe von 300 000 Mk. in hypothekarischen Obligationen stieß bald darauf beim Amtsgericht von neuem auf Widerstand, weil das Vorhandensein eines Gläubigers bezweifelt wurde und eine ortsgerichtliche Schätzung der zu belastenden Grund- stücke nicht stattgesunden hatte. Nunmehr wurde zwischen der Gesellschaft und Rechtsanwalt Jäger in Darmstadt als Bevollmädstigten von Ernst Boeing ein Vertrag geschlossen, wonach Ernst Boeing 300 000 Mk. darleiht und auf die ortsgerichtliche Schätzung der Unterpfänder für das Dar­lehen verzichtet, wurde schließlich die Eintragung er­reicht. Der Beridft bezeichnet das Ganze als Scheinvertrag. Ernst Boeing habe das Tarlehen nie gegeben. Ferner gaben die Schuldverschreibungen Anlaß zu einer ganzen Reihe von Buchungen, nach denen 429 000 Mk. Schuldverschreib­ungen als verkauft beziehungsweise verpfändet nachge­wiesen sind, während in Wirklichkeit nur 300 000 Mk. ge- schaffen worden waren.__

Sport.

Fernfahrt Runde. Der 9. Gau des Deutschen Rad» fahr erkunde S veranstaltet am Sonntag, den 18. August, eine große