Mr. 88 Erstes Blatt.
151. Jahrgang.
Dienstag 16. April 1901
Erscheint tSglich mit
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»Myt im Wechsel mit „Heff. lairtwirt" und „Blätter Mr h«-. Volkskunde" viermal wöchentlich btigekflt.
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen 3ssel
Amtlicher Heil.
Bekanntmachung.
Betr.: Die Biehmärkte zu Gießen.
Die für Dienstag, den 16. und Mittwoch, den 17. April
I bestimmten Biehmärkte nehmen an beiden Tagen vor- -mittags 6 Utjr ihren Anfang.
Am Dienstag, den 16. I. M. erfolgt der Auftrieb zum Markte sowohl entlang der Ostseite, wie der Westseite des Schlachthauses.
Der Auftrieb muß um 8 Uhr vormittags beendet sein; zu dieser Stunde beginnt der Abtrieb des BieheS vom Marktplatz.
Gießen, den lö. April 1901.
Großherzogliches Polizeiamt Gieße».
Hechler.
evangelischen Gemeinde über den Besuch des Kronprinzen in der Kirche Ausdruck gab. Ter Kronprinz fuhr nach Schluß des Gottesdienstes zur K
apuzinergruft. Er wurde vom
Guardian in die Gruft geleitet, wo er im Namen des
Kaisers Wilhelm an den Sarkophagen der Kaiserin Elisabeth, des Kronprinzen Rudolf und des Erzherzogs Albrecht prachtvolle Kränke, die auf den Schleifen die deutsche ^Kaiserkrone und Darunter die Initiale W zeigen, niederlegte. Der Kronprinz verrichtete an den drei Ruhestätten kurze >Gebete, verließ daraus die Gruft und begab sich zur» Hofburg, h>o er in seinen Gemächern das Frühstück einnahm.' Sodann fbattete Se. Kaiserliche Hoheit sämtlichen in Wien weilenden Mitgliedern des Kaiserhauses, sowie dein Minister des Auswärtigen, Grafen Goluchowski, Besuche ab und empfing im weiteren Verlauf des Nachmittags die Gegenbesuche der Erzherzoge. Während einer Aufführung des Kölner Männergesangvereins im großen Musikvereinssaale erschien der Kronprinz in der Hofloge, wohnte einem Teil der Vortrage bei und ließ sich den Vorstand und mehrere Vorstandsmitglieder des Kölner Männergesangvereins vor- stellen.
Um 5 hllr fand im prächtig geschmückten Redoutensaale der Hofburg Gal ad in e r statt. An der Mitte der äußeren Schmalseite der in Hufeisenform aufgestellten Tafel saß der Kaiser, zur Rechten des Kaisers der deutsche Kronprinz, Mir Rechten des Kronprinzen Erzherzogin Maria Josepha. Unter den zahlreichen Geladenen befand sich auch der Bürgermeister Tr. Lueger. Während der Tafxl konzertierte eine Militärkapelle. Ter Kaiser und der Kronprinz unterhielten sich in lebhaftem Gespräche. In seinem Trinkspruch hieß der Kaiser den Kronprinzen, den Svhn W treuen Freundes Kaiser Wilhelm, willkommen und
Der deutsche Kronprinz in Wien.
Wien, 14. April.
_A Deutsche Kronprinz ist heute morgen um 8 Uhr SO Min. in Wien eingetroffen und auf dem festlich geschmückten Nordwestbahnhof vom Kaiser Franz Josef den Erzherzogen, dem deutschen Botschafter Fürsten zu Eulenburg, dem sächsischen Gesandten Grafen v. Rex, dem bayerischen Gesandten v. Podewils rc. empfangen worden, «us dem Perron hatte eine Ehrenkompagnie des Infanterie- Regiments Erzherzog Karl Stephan mit Fahne und Musik »Einteilung genommen, ferner waren auch Deputationen Reichsdeutscher Vereine in Wien anwesend. Kaiser Franz Josef erschien in preußischer Marschalls-Uniform, die Erzherzoge, die Inhaber preußischer Regimenter sind, in dieser Uniform. Nach der Ankunft des Hofsonderzuges verließ der Kronprinz den Wagen, grüßte militärisch und küßte dem Kaiser die Hand, worauf Kaiser Franz Josef seinen East auf beide Wangen küßte und der Kronprinz diese Zkusse erwiderte. Hieraus wurde die Front der Chrenkom- vagme, deren Kapelle bei der Ankunft des Hofsonderzuges die preußische Hymne intoniert hatte, abgeschritten. Sodann geleitete der Kaiser seinen Gast zu ber* Gruppe der Erzherzoge, mit denen der Kronprinz Handschlag wechselte. Hierauf sand die Vorstellung der anderen Herren statt. Der Kaiser und der Kronprinz begaben sich nun, begleitet von den Erzherzogen, zu den Equipagen. Ter Kronprinz »ahm zur Rechten des Kaisers in einem offenen zwei- spännigen Wagen Platz. Das Publikum begrüßte den Kaiser und feinen Gast mit brausenden Hochrufen.
Am Eingänge der Hofburg wurde der Kronprinz von dem Obersthofmeister Fürst Liechtenstein und dem Stellvertreter des Oberzeremonien Meisters v. Berzeviczy em- pfangen und nach oem Pietra dura-Zimmer geleitet, wo der Minister des Auswärtigen, Gras Goluchowski, die obersten Hofchargen und der ungarische Hofmarschall sich zur Begrüßung eingefunden hatten. Nach der Vorstellung begab sich der Kronprinz in seine Gemächer.
Um halb 10 Uhr vormittags empfing der Kaiser den Kronprinzen in längerer Privataudienz. Mittags stattete der Kaiser in den Fremdenappartements dem Gaste den Gegenbesuch ab. Kurz nach 10 Uhr vormittags fuhr Kronprinz Wilhelm mit Feldzeugmeister Fabini vor der protestantischen Kirche vor und würde dort vom deutschen Botschafter Fürsten zu Eulenburg und den Vorstandsmitgliedern der evangelischen Kirchengemeinde em- f»fangen. Der deutsche Kronprinz trug die Oberst-Uniform eines österreichischen Husaren-Regiments. Die Predigt hielt Pfarrer Dr. Johanni, der zum Schluß der Freude der
sprach, die Hoffnung aus, der Besuch werde die guten Beziehungen zwischen den beiden Häusern und die politische Intimität zwischen beiden Seiten n0ch enger knüpfen. Der Kaiser schloß, in Treue seines Waffenbruders gedenkend, mit einem Hoch auf den Kro n-- prinzen. Dieser erwiderte:
„Ew. Majestät bitte ich für die allergütigsten Worte und die unvergängliche herzliche Aufnahme allergnädigst meinen Dank entgegennehmen zu wollen. Ew. Majestät haben, so lange ich lebe, so viel Liebe und Güte mir zuteil kverden lassen, daß meine Dankbarkeit Ew. Majestät gegenüber niemals äufhören wird. Mich beseelt nur ein Wunsch, die Gefühle der herzlichsten Verehrung und Freundschaft fiir Ew. Majestät und dero Haus, die meinem Hause längst eine liebe Tradition wurden, auch meinerseits in Waffen brüderlicher Treue voll und ganz auszusprechen. Sv erhebe ich das Glas mit dem Rufe: Se. Majestät Kaiser und König Franz Josef hoch!"
Nach, der Tafel wurde großer Cercle abgehalten. Um 6 Uhr 45 Min. waren Galadiner und Cercle zu Ende.
Einen glanzvollen Abschluß der Festlichkeiten des heutigen Tages bildete das Theatre pare in der Hofoper. Ter Saal bot einen prächtigen Anblick. Im Parterre hatteiu die Generalität und das Offizierkorps Platz genommen! in den Logen die höchsten Hof- und Staatswürdenträger, Vertreter des Hochadels und die Spitzen der Gesellschaft. Unter den Anwesenden bemerkte man die Ministerpräsidenten v. Körber und v. Szell, sämtliche österreichischen Minister, den ungarischen Finanzminister v. Lukacs. Um halb 8 Uhr erschien der £of. In der Hoffestloge nahm Kronprinz Wilhelm zwischen dem Kaiser und der Erzherzogin Maria Josepha Platz. Das Publikum erhob sich von den Sitzen, worauf die Vorstellung begann. Zur Aufführung gelangte der erste Akt der Goldmarkschen Oper „Die Königin von Saba". In der Pause nahm der Hof im Ho'fsalon den Thee. Nach fünfviertelstündiger Unterbrechung folgte eine Balletaufführung. Nach der Vorstellung begleitete der Kaiser den Kronprinzen Wilhelm in die Hofburg und fichr sodann nach Sckchnbrunn.
Die Wiener und Budapester Blätter begrüßen ben Kronprinzen herzlichst „als Friedensbote, Friedensbürge, aber auch als jungen Freund Oesterreichs".
Die französischen Festlichkeiten.
v.
Toulo n , 14. April.
Ter Herzog von Genua besuchte gestern das Artillerie-Schulschiff „La Courvnne" und nahm bann an Bord des „St. Louis" an einem ihm zu Ehren vom Admiral Maigret veranstalteten Frühstück teil, bei dem herzliche Trinksprüche ausgetauscht wurden. Der Herzog von Genua erinnerte daran, daß er zweimal, einmal im fernen Osten und einmal hier, mit Maigret in famerabfdjaftlid>e Berührung getreten fei. Er betonte, er werde eine dankbare Erinnerung an den ihm bereiteten Empfang mit hinwegnehmen.
Ter Kommandant 9Jhoreu des fpanifdjen Kriegsschiffes „Pelayo" gab heute an Bord dieses Schiffes ein Frühstück. Bei Schluß des Mahles brachte der Kommandant einen Trinkspruch aus, in dem er für den den spanischen Vertretern bereiteten warmen Empfang dankte und dann fortfuhr:
„Ich wünsche Ihnen, daß das französische Volk, welck)es der Ueberzeugung ist, daß die moralische Kraft einer Nation im geraden Verhältnis zu ihrer militärischen Stärke steht, stets dem Aufschwünge der letzteren als der sichersten 93ürgfd)art des Friedens seine Fürsorge zuwende. Vergessen wir nicht, daß, je schwerer das in ben Dienst des Rechtes gestellte Schwert ist, um so weniger das grausame Wort „Macht geht vor Recht" Verwirklichung finden wird. Ich trinke auf den Präsidenten der Republik, auf die Wohlfahrt des französischen Volkes, auf ba? Gedeihen seines Heeres und seiner Marine."
Ter „Pelayo" wird morgen wieder nach Barcelona ab- sahren. Tas italienische Geschwader hat heute vormittag den hiesigen Hafen verlassen.
O M
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Ter Pariser „Gaulois" behauptet, daß die dem russi fdien Geschwader in Toulon erteilte Abfahrts- 0 rdre durch ein Telegramm des französischen Botschafters in Rom veranlaßt worden fei. Meser habe in einer Depesche an Telcasse erklärt, daß die gleichzeitige Anwesenheit des russischen und des italienijdien Geschwaders in Toulon ein Ting der Unmöglichkeit fei und daß Admiral Birilew mit feinen Schiffen sofort Toulon verlassen müsse, falls die begonnenen ausgezeichneten diplomatischen Beziehungen nicht wieder in Frage gestellt werden sollten. Telcasse habe dieses Telegramm dem russischen Botschafter in Paris übermittelt, der den Grafen Lambsdorff unverweilt von dem Wunsche der französischen Regierung verständigt habe.
Tie »Petersburger „Nowoje Wremja" schreibt, sie sei weit entfernt von dem Gedanken, in den Touloner Festlichkeiten den ersten Scyritt zum Abschlüsse eines französisch-italienischen Bündnisses oder den Zerfall des Dreibundes zu sehen, aber auch die bloße FreundschaftzwischenJtalienundFrank- r e i cf) bringe Veränderungen hervor in den politischen Kombinationen der europäischen
Mächte. Italien werde, wenn es mit der Verlängerung des Dreibundes einverstanden fei, in den Wortlaut des Vertrages jedenfalls Veränderungen hineintragen, da seine Freundschaft mit Frankreich solche erfordere. Für Rußland seien die Touloner Festlichkeiten hochersreulich; die Wiederherstellung herzlicher Beziehungen zwischen Frankreich und Italien sei ein neue* Pfand des Friedens. An dem Werke des F r i e d e « s zu arbeiten, sei aber die Hauptaufgabe der russischen Politik. Das Blatt sieht in den Touloner Festlichkeiten eine Friedenskundgebung, die darum besonders erfreulich ist, weil einer der Teilnehmer an dieser Kuud- gebuna dem Dreibund angehöre, der zwar keine kriegerischen Zwecke verfolge, ben Frieden aber durch Mittel schütze und aufrechterhalte, die nicht weniger drückend seien als der Krieg.________
Engländer und Bure».
Eine Brüsseler Drahtung der „Mornmg Post" besagt, Krüger und sein Anhang beanstanden fortgesetzt alle FriedenSanträge, deren Grundlage nicht die Anerkennung der völligen Unabhängigkeit beider Burenstaaten bilde. Sie I sagen, die Transvaalregierung habe in Zoutpansberg 15 Millionen Patronen und eine große Menge Gewehre angefammelt Da die Bürger demnach mit Waffen und Munition wohl Der« when seien, liege keine Notwendigkeit vor, die unzulänglichen Fmedensbedingungen KitchenerS anzunehmen.
Die chinesische Kriegskosten-Entschädigung.
Nach den neuesten Nachrichten betragen die vorläufig angemeldeten Ansprüche an KciegSkosten Entschädigungen, tn die die Forderungen von Privatpersonen, Mlsfiouen u. s. w. nicht einbegriffen find, in runden Zahlen für England 90 Millionen, für Deutschland 240 Millionen, für Frankreich 260 Millionen, für Rußland 340 Millionen Mk. Die Regierung der Bereinigten Staaten hat ihre Entschä» digungS-Forderung auf 25 Millionen Dollars, also auf etwas über 100 Millionen Mark angegeben. Im ganzen dürste sich die Schätzung deS Reuter'schen BureauS bestätigen, wonach der Gesamtbetrag der von China zu leistenden Entschä- digungen sich auf 60 Millionen Pfund Sterling, also auf 1200 Millionen Mark belaufen wird. Alle Sachverständige find darüber einig, daß China sehr wohl im Stande ist, bei sachgemäßer Regelung seiner Ftnanzverwaltung diese Summe aufzubringen, ohne dadurch in seiner wirtschaftlichen Entwickelung gehemmt zu werden. Wie „Daily Mail" erfährt, beträgt die Summe der englischen Entschädigungsforderungen 6 Millionen Pfund Sterling. „Daily Telegraph" meldet aus Washington: Rußland verlangt eine Entschädigungssumme, die über die von Deutschland geforderte hinaus- geht. ES verlangt entschädigt zu werden für die Kosten der Erhaltung von 123,000 Mann Truppen in China (einschließlich Mandschurei), für die Beschädigung der tranSmandschu- rischen Bahn und für anderes. Der „Sunday Special" mtldet aus Washington, die Regierung der Vereinigten Staaten habe den Mächten neue Vorschläge, betreffend die von China zu fordernde Entschädigung, unterbreitet. „Weekly Dispatch" will wiffen, daß die Regierung der Vereinigte» Staaten ihren Vertreter in Peking angewiesen habe, nur dann einen Vorschlag bezüglich der an China zu stellenden Entschädigungsforderung zu unterstützen, wenn die Summe 200 Millionen Dollars nicht überschreite. Der Betrag solle zu gleichen Teilen unter die Mächte verteilt werden und in Gold zahlbar fein. Im Falle der Ablehnung seitens der Mächte würde Amerika die Entscheidung des Schiedsgerichts im Haag anrufen. i7»TirHime^JC==T " "
Deutsches Keich-
Berlin, 14. April. Bei ben Majestäten fand gestern abend ein Tiner statt, wozu sämtliche Botschafter mit Gemahlinnett, die ältesten Militärattaches, und Staatssekretär v. Richthofen geloben waren.
— Ter Trinkspruch bes Kaisers bei der Frühstückstafel im Potsbamer Stadtschloß nach der Enthüllung bes Kaiser Wilhelmdenkmals am Donnerstag lautete nach, dem Berichte der „Kreuz-Ztg.":
Ich baute der Provinz Brandenburg für die Errichtung des Tenkmals Meines hochseligen Herrn Großvaters und für die Worte, die sie an Mich durch ihren Landes- direktor, den Freiherrn v. Manteuffel, gerichtet hat. Ich leere Mein Glas auf das Wohl Meiner treuen Märker. Tie Mart und die Märker Hurra — Hurra — Hurra!
Tas Wolffsche Bureau hatte berichtet, der Kaiser habe in feinem Trinkspruche für die ihm bei der Tenkmalsent- hüllung zu teil gewordene Begrüßung gedankt mit dem Bemerken, „in derselben seien Saiten angeschlagen worben, die auch ihn bewegten".
— Die „Kons. Korresp." erklärt auf Grund sicherer Erkundigungen ausdrücklich, daß das Wort vom „Kanal- d} lud en" niemals gefallen ift Zugleich stellt sie eft, daß bei dem Empfange der Herrenhauspräsidenten burt» )en Kaiser weder von der Kanalfrage noch von der Frage der Getreidezölle auch nur mit einem Worte Ote Rede gewesen sei.


