Nr. 40 Zweites Blatt.
151. Jahrgang.
Samstag 15. Februar 1901
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Die Eröffnung des englischen Parlaments.
London, 14. Februar.
Eine prunkvolle Zeremonie war die Eröffnung des englischen Parlaments durch König Eduard VII. Es lebte eine interessante Szene wieder auf, die sich seit fünfzehn Jahren nicht mehr in ihrem vollen Glanze entfaltet hatte. Am 21. Januar 1886 eröffnete die Königin Viktoria zum letzten Male persönlich das Parlament. Seit dieser Zeit ist die Thronrede immer vom Lordkanzler verlesen morden. Trotz der Trauer fand diesmal, da der König selbst nach Westminster kam, um die Thronrede zu verlesen, die Zeremonie mit ihrem ganzen Gepränge statt, was schon seit dem Tode des Prinzgemahls nicht mehr der Fall gewesen ist. Der König benutzte auch den königlichen Eingang im Viktori-Turm, der mit seiner hohen gewölbten Decke, der prächtigen Treppe und den Freskengemälden sich zu einem Prunkauf^uge besonders eignet. In dem Augenblick, wo er den Viktoriaturm betrat, wurde die königliche Fahne aufgezogen und so der draußen stehenden Menge angezeigt, daß der König bei seinem Parlament mar. Außerdem gebrauchte er auch die alte Staatskutsche, die bei seiner Hochzeit im Jahre 1863 zum letzten Mal verwende twurde. Diese würbe von acht Schimmeln gezogen, die von Vorreitern geführt murden. Als der König unter dem großen Thor des Viktoriaturms angelangt mar, ging er mit seinem Gefolge die große Treppe zum Garderobenzimmer hinan. Dort legte er den Mantel aus karmoisinrotem Seidensammet mit Goldfranzen und Hermelinfutter um; darunter trug er die Feldmarschallsuniform. Die Rechtsgelehrten streiten darüber, ob der König die Krone vor der Krönung tragen kann. Die Königin ließ sie im Jahre 1837 vor sich her tragen. Aber der Möttig, der nicht pedantisch ist, trug sie jetzt schon. Er hatte auch entschieden und offiziell ankündigen lassen, daß die Königin aTi der Zeremonie teilnehmen werde, obgleich dieses Erscheinen seiner Gemahlin im Parlament vor der Krönung gegen alles Herkommen ist. Der Könia hat darüber seine eigene Meinung; er hatte auch für die Königin einen neuen Thron bestellt, der ebenso prächtig wie der seinige ist und neben demselben unter dem Thronhimmel stand. Tie Königin trug ein schmarzes Kostüm mit einem Mantel und einer Schleppe aus karmoisinrotem Sammet; eine Diamantentiara schmückte ihr Haupt, und Tiamantengehänge blitzten am Halse. Die anwesenden Pairsdamen trugen schwarze ausgeschnittene Hof- fleiber unb .Adlerfebern im Haar, und blitzende Diamanten um die Schultern, dazu schwarze Handschuhe, schwarze Federn. Der Zug hatte folgende Ordnung: Zuerst kamen Lerolde und Unterherolde, deren seltsame Trachten London schon bei der Proklamation sah. Dann folgten die hohen Staatsbeamten, der Lordkanzler, der „Black Rod" und der Lordpräsident des Rates, der Herzog von Devonshire; dazu gesellten sich die Offiziere des königlichen Haushalts, der Lord Great Chamberlain, der Camptroller, der Schatzmeister und der Earl Marshall. Nunmehr folgten der König und die Königin, begleitet von dem Oberhofmeister, Pagen und Mitgliedern ihrer Familie, dem Herzog von Cornwall und York und den Prinzen von königlichem Geblüt. Lord Belper und die Herren der Leibwache in Scharlachuniform und Helmen mit weißen Febern erhöhten den Glanz des Schauspiels. Als der König und die Königin das Haus der Lords betreten hatten, erhoben sich alle Pairs mit ihren Damen und setzten sich erst wieder, als der König auf den Thron Platz genommen hatte, und der Lordkanzler ihnen mitteilte, es sei der Wille des Königs, daß sie e§ thun. Um den König und die Königin, die zu seiner linken Seite auf dem Throne sitzt, gruppierte sich das Gefolge. Rechts und links standen die Träger der Kron signien. Alsdann berief der „Black Rod", der oberste Dienstbeamte des Oberhauses, den Präsidenten und die Mitglieder des Unterhauses, der König erhob sich und verlas die Thronrede.
In der Thronrede wird zunächst auf die nationale Betrübnis und Trauer wegen des unersetzlichen Verlustes durch den Tod der Mutter hingewiesen, welche der ganzen Welt ein Beispiel gab von dem, was ein Monarch sein sollte. Der König wünsche lebhaft, in ihren Fußtapfen zu wandeln. .Sodann heißt es weiter: Inmitten des allgemeinen und persönlichen Sck)merzes ist es mir eine Genugthuung, das Parlament zu versichern, daß die Beziehungen zu den Mächten fortdauernd freundlich sind. — Der Krieg in Südafrika ist noch nicht gänzlich (!) beendigt, aber die Hauptstädte des Feindes und die hauptsächlichsten sind in meinem Besitz. Maßregeln sind getroffen, die, wie ich sicher hoffe, meine Truppen an stand setzen werden, den Streitkräften, die ihnen noch gegenüberstehen, wirksam entgegenzutreten. Ich bedaure sehr den Verlust von Menschenleben und Geldopfern, die der nutzlose Guerillakrieg mit sich bringt, den die Buren fortführen. Eine baldige Unterwerfung ist in ihrem eigenen Interesse (?) sehr zu wünschen, da es, solange sie nicht erfolgt, unmöglich ist, in jenen Kolonien Instruktionen einzusetzen, die allen weißen Bewohnern gleiche Rechte, der eingeborenen Bevölkerung Schutz und Gerechtigkeit sichern werden. — Die Einnahme Pekings durch verbündete Truppen und die glückliche Befreiung der in den Gesandtschaften belagerten Personen find Ergebnisse, wozu meine indischen Truppen und meine Seemacht wesentlich beigetragen haben. Denselben folgte die Unterwerfung der chinesischen Regierung unter die Forderungen, auf denen die Mächte bestanden. Unterhand
lungen dauern fort über die Art, wie die Zustimmung zu den Bedingungen der Mächte zu verwirklichen ift
Der König erwähnt sodann die Errichtung des australischen Staatenbundes und den bevorstehenden Besuch des Herzogs von Cornwall und York zur Eröffnung des Bundesparlaments, das nach dem Beschlüsse des Königs auf Neuseeland und Kanada auszudehnen ist. — Der König spricht seine Freude über die rasche und loyale Antwort aus, die der neuerliche Appell an den Patriotismus und die Hingabe Kanadas und Australiens fand, den die Fortführung der Feindseligkeiten in Südafrika veranlaßte. - Die Thronrede teilt alsdann die erfolgreiche U n t e r d r ü ck- ung des Aufstandes im Aschanti-Gebiet mit.
Weiter wird mitgeteilt, daß die durch die Dürre in Indien hervorgerufene Notlage und die große Sterblichkeit durch rechtzeitig eingetretenen Regen bedeutend gemildert wurde. Gleichzeitig wird das Bedauern ausgebrückt, daß in der Präsidentschaft Bombay noch fortwährend großes Elend herrsche, das man zu lindern bemüht sei Im Budgetvoranschlag für das kommende Jahr sei ernstlich Sorge getragen, die Beträge zu beschränken, aber die Erfordernisse für das Heer und die Flotte, besonders aber die Ausgaben für den südafrikanischen Krieg, machten eine Erhöhung der zu verlangenden Kredite unvermeidlich. Die Thronerledigung mache es notwendig, aufs neue für die Zivil liste Vorsorge zu treffen. Der König stellt dem Unterhause vorbehaltlos jene Erbeinkünfte zur Verfügung, die auch die verewigte Königin demselben eingeräumt hatte. Schließlich werden Vorschläge zur Vermehrung des Heereskontingents des Reiches und andere innerpolitische Vorschläge angekündigt.
Das Oberhaus war bis zum äußersten gefüllt. Unter den Anwesenden waren das Prinzenpaar Karl von Dänemark und Prinzessin Viktoria von Wales, Prinzessin Beatrice, Prinzessin Luise, die Herzoge von Connaught, Cambridge, Fife. Der König verlas mit deutlicher, klarer Stimme die Thronrede. Nach der Thronrede stiegen der König und die Königin von der Estrade herab, der Zug bildete sich wieder und verließ das Haus.
Auf dem ziemlich kurzen Wege vom Buckingham-Palast bis zum Parlamentsgebäude hatte sich eine außerordentlich große Menschenmenge angesammelt. In den Straßen bildeten Truppen und Polizeibeamte Spalier. Der königliche Zug bestand aus 6 Wagen, in den ersten 5 Wagen saßen die Mitglieder des königlichen Hauses, das Gefolge und die Hofwürdenträger. ^)ann folgte die prächtige Staats-Karosse. In dieser hatte das Königspaar Platz genommen. Auf dem ganzen Wege wurden die Majestäten von der Menge mit großer Begeisterung begrüßt.
Politische Tagesschau.
Aus Berlin, 14. Febr., wird uns geschrieben:
Der konservative Abg. Graf Klinckowström hat seit feiner Königsberger Rede, in der er die Einigung zwischen der Landwirtschaft und der Regierung als vollzogene Thatsache hinstellte, eine Erklärung nach der anderen an die Presse zu versenden. Trotzdem erhält sich hartnäckig die Behauptung von einem „Kompromiß Klinckow- str ö m" über die künftigen Zollsätze für landwirtschaftliche Erzeugnisse. Der „Fränk. Courier" hatte dieser Tgge „auf Grund bestimmtester Versicherungen eines Abgeordneten, der auf dem Boden des sogenannten Klinckowström'schen Kompromisses steht", die angeblichen Mindestsätze für Getreide usw. mitgeteilt. Heute abend nun veröffentlicht die „Kreuzztg." eine Zuschrift des Grafen, worin die Existenz einer Vereinbarung entschieden bestritten wird. Graf Klinckowström erklärt, selbst noch nicht zu wissen, wie hoch der Zoll für die einzelnen Getreidearten fein muß, wenn die Landwirtschaft ausreichend gestützt werden soll. Nicht die Getreidezölle allein seien für ihn maßgebend, sondern die Sätze für alle landwirtschaftlichen Produkte im Zusammenhang. Dies Bekenntnis ist bemerkenswert und überraschend. Wenn ein Hauptvertreter der landwirtschaftlichen Interessen offen ausspricht, er habe noch kein Urteil über die Höhe, der künftigen landwirtschaftlichen Schutzzölle, so muß man fragen: Wie soll denn das die Regierung wissen ohne bie Vorschläge ber Interessenten? Die In-, dustriellen haben doch ganz genau und eingehend begründete Eingaben gemacht darüber, auf welche Waren und in welcher Höhe sie einen Einfuhrzoll für zweckmäßig halten. Daß diese Interessenten, daß auch die Führer der Landwirtschaft solche Vorschläge nicht vorzeitig an die Öffentlichkeit bringen, das läßt sich verstehen. Aber es ist erstaunlich, daß ein Mann an der Spitze wie Graf Klinckowström noch nicht zu einem Resultat gekommen ist bezüglich der lanowirtschastlichen Schutzzölle, sondern mit Seelenruhe das Erscheinen des Zolltarifschemas abwartet, das diese Zollsätze enthalten wird. Der „Bund der Landwirte" hat vermutlich präziser seine Wünsche angemeldet. Graf Klinckowström wartet ab, was er bekommen soll. Ist das auch der Standpunkt anderer Agrarier „gemäßigter Richtung", so braucht die Regierung ja keinen „Sturm" zu befürchten, wenn sie nicht den anderweit empfohlenen 7 Mark-Getreidezoll als Mindestsatz einstellt.
Man schreibt uns aus Berlin, 14. Februar:
Seit der ehemalige Staatssekretär des Auswärtigen, v. Marschall, das Deutsche Reich am Goldenen Horn vertritt, sind die Beziehungen zwischen Berlin unb Konstantinopel recht freunbschaftljch. Kein anberer
Botschafter wirb vom Sultan so oft in Aubienz empfangen, wie Herr v. Marschall, unb ber wicberholte Austausch von Geschenken zwischen Abbul Hamid und Kaiser Wilhelm — sie werden stets durch Spezialgesandte überbracht —, die glänzende Aufnahme deutscher (Seeoffiziere vom Schulschiff „Moltke" usw. könnten bei den anderen Kabinetten Beunruhigung erregen, wenn die „alte" Orientfrage am politischen Horizont stünde. Das ist nicht der J-all, und überdies liegen die deutsch-türkischen Freundschaftsbeweise auf - wenn man so sagen darf — gesellschaftlichem Gebiete. Der Sultan hat sich wenigstens bisher nicht veranlaßt gesehen, sein Wohlwollen auch politisch zu betätigen, z. B. durch Gewährung der Konzession zum Bau ber Bagdad- bahn an die deutschen Unternehmer. Wenn deshalb Kaiser Wilhelm neuerdings seine Genugthuung kundgegeben hat über die „politischen Eindrücke", die sein Spezialgesandter, General v. Kessel, in Konstantinopel empfangen hat, so könne sich das wohl nur auf die allgemeine Stimmung des türkischen Hofes gegenüber Deutschland beziehen.
Unser Berliner Mitarbeiter schreibt unterm 14. Febr.: Der Besuch des Königs von England in Deutschland scheint zur Thatsache werden zu sollen, ob wohl die Londoner Presse selbst zum Teil einsichtig genug ist, gerade momentan nur geringe Sympathien für die Eng tauber im deutschen Volke zu konstatieren. Nach einem Telegramm aus Portsmouth hat die königliche Yacht den Befehl erhalten, das Königspaar nach Deutschland und wahrscheinlich auch nach Dänemark zu bringen. Der Besuch dürfte demnach nicht in Berlin, sondern in Homburg v d. H. stattfinden und einen familiären Charakter haben.
Engländer und Buren.
Nach einer Meldung des „Reuterschen Bureaus" aus Kapstadt vom 14. Febr. hat ein Buren-Kommando? am 13. den Oranjefluß im Distrikt von Philivpstowu überf d)ritten. Wie verlautet, steht das Kommanoo unter dem Befehle Dewets. Die Blätter in Kapstadt melden: Die hiesige Regierung und die Behörden erhielten Nachricht, datz Christian D e w e t und Präsident S t c i j n in die Kap- kolonie eingedrungen seien und sich Philipptowns bemächtigt hätten, gestern seien dieselben von britischen Truppen angegriffen und mit Verlust wieder aus der Stadt vertrieben.
Der englische Oberst Babington nahm bei einem Streifzuge, den er von Ventersdorp aus machte, in Naauwpoort ein kleines Burenkommando gefangen. Die Buren verteidigten sich hartnäckig und ergaben sich er ft, als eine Anzahl von ihnen getötet ober verwunbet war. — Die britische Besatzung von Lijbenburg würbe in ber vergangenen Woche von b e n Buren angegriffen, ohne daß es jedoch zu einem ernsten Kampfe kam. Die Buren feuerten aus einem Geschütz, das sie auf einer Anhöhe bei ber Stabt aufgestellt hatten, einige Schüsse in bie Stadt unb richteten auch Gewehrfeuer dorthin, bas aber bei der weiten Entfernung wirkungslos blieb.
Im englischen O b e r h a u s e besprach Lorb Kimberley ben Krieg. Die Opposition fei über bie neuerliche Art unb Weise ber Kriegführung äußerst unzu- frieben. Die erste Aufgabe der Regierung sei es, die Feinde zu überroinben. Zu diesem Zwecke dürfe kein Geld gespart werden. Er vertraue darauf, daß die Regierung entschlossen sei, eine durchgreifende Prüfung des H e e r e s s y st e m S vorzunehmen, und sich bemühen werde, das ganze System auf eine befriedigendere Grundlage zu stellen. Salisbury antwortete: Solange ber Krieg nicht gewonnen ist, kann nicht von der öffentlichen Meinung erwartet werden, daß sie die Kriegführung lobe, doch ist es eine unbillige Annahme, daß etwas Ungewöhnliches in der Länge dieses Feldzuges liege. Es handle sich um einen Guerillakrieg und organisierten Widerstand. Gelingt es, diesen zu brechen, so bestehe eine große Ähnlichkeit zwischen dem südafrikanischen Kriege und dem amerikanischen Segniums- Striege, derselbe dauerte vier Jahre, ehe es ben angestrengten Bemühungen jener hochintelligenten tatkräftigen Gemeinschaft gelang, ihn zu einem erfolgreichen Enbe zu bringen. In biefem Falle hanbele es sich um ein Laub, in bem sehr schwer zu kämpfen sei, unb bas durch seine Größe die Möglichkeit zu einem langandauernden Widerstand bietet. Wie groß auch die angreifende Macht sei, so müsse doch, wenn ber Wiberstanb stanbhaft unb hartnäckig burchgesührt werbe, eine lange Reihe von Monaten vergehen, ehe es möglich sei, roieber vollkommene Ruhe herzustellen. Es wird behauptet, das englische Volk unterstütze den KriegnichtvonHerzen und wünscheallesa nbe r e eher als eine Fortführung des Krieges. Er könne nur sagen, wenn der Feind irgend einen Teil seiner Unabhängig keit beibehalten dürfe, würde dies ein unaufhörliches Krieaführ en nach sich ziehen. Wie die Gefühle in jenen Gebieten geartet sind, ist es klar, daß, wenn wir nicht Herren und Sieger sind, keine Hoffnung für bauern ben Frieden vorhanden ist. Es ist klar, daß der Feind irgend welche Macht, die ihm zugestanden wird, vor allen Dingen dazu benutzen würde, neue Kräfte, neue Waffen zu sammeln in Vorbereitung eHierbei geeigneter Gelegenheit auszuführenden erneuten Angriffs. Wenn England zuließe, daß feinen Anstrengungen schließlich der Triumph fehlt, würden wir der Welt 3^9^ stehen, daß unsere Grenzen in verletzender Weise nbertauen werden könnten und daß wir machtlos wären, wirksam Widerstand zu bieten. Und wenn wir dies der Weit einmal


