Dau, der eben durch seine harmonische Ruhe sich als Luustwerk kennzeichnet. In Oberhefsen finden sich zwei Ähnliche Bauten, die Rathäuser zu Schotten und Alsfeld ; sie scheinen aus derselben schule zu sein. Das Alsfelder Rathaus ist bekanntlich vor einigen Jahren mit Müle vor dem Abbruch bewahrt worden, das Rathaus Ku ^xhotten wird zur Zeit ebenfalls wiederhergestellt. Daß ledvch das neue Schloß zu Gießen auch, im Innern sorg-- ßaltig ausgebaut werden soll, wird den maßgebenden Regierungskreisen besonders hoch angerechnet werden müssen. Leider sind allerdings in dieser Hinsicht gar keine wesent- slichen Reste — nur ein paar Fensterbelleidungen waren chn Fußboden versteckt — gefunden worden, es liegen jedoch sbereits vollständige Pläne über die Ausgestaltung der ^einzelnen Räume vor, die sich den oben ausgeführten Darlegungen anschließen und in glücklicher Weise die Formen der Erbauungszeit auf Grund genauer Studien in Ober- hefsen und in angrenzenden Gebieten benützen.
Zum Teil sind diese Pläne schon durch die in diesem lJahr erfolgte Erneuerung der schadhaften Pfosten, Unter- izüge und Wände verwirklicht,, doch bleibt noch» vieles zu ckhun übrig, und manches Jahr wird wohl noch darüber! hmgehen, bis sich das stolze Gebäude im alten Schmuck zeigen wird.
Inzwischen wird -sich wohl and); der ehrwürdige Brand- iplatz zu einem wahren Schmuckplatz herausgeputzt haben. .Schon dieser Sommer hat uns gezeigt, was hier alles iwerden kann. Wie hat sich doch der nüchterne Bau des kKreisamtsgebäudes unter den Sgänben wackerer Zimmer- !Leute und Maurer in einen stattlichen, hochragenden Re- ^Qierungssitz umgewandelt. Wie hat ferner die Anlage der iLandgrafenstraße und der nordöstliche Abschluß des Platzes fhier Gutes gewirkt. Nur noch Einiges, und Gießens Uöranb" wirb unter den Plätzen Deutschlands eine her- Mrragende Stelle einnehmen. —t-
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Aus Stadt und Kand.
-(Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten imtec genauer Quellenangabe: „Gieß. Anz." gestattet.)
Gießen, den 14. November 1901.
** Oberhessischer Geschichtsverein. Man ^schreibt uns von geschätzter Seite: Am Sonntag, den 17. sNovember, wird das M u s e u m des Oberhessischen Ge- rschichtsvereins, das infolge der Renovierung des alten Rat- Muses y eit Mai 1900 dem öffentlichen Verkehr entzogen iwar, dem Publikum wieder geöffnet werden. Die Sammlung hat äußerlich und innerlich große Veränderungen ierfahren. Ter städtischen Verwaltung verdankt sie durch Iben Umbau des Rathauses und die Ueberlassung des ganzen irestaurierten Baues größere und chrer Bedeutung wenigstens .Einigermaßen entsprechende Räumlichkeiten. Aber auch die iMuseumsverwaltuug hat in der Zwischenzeit nicht gefeiert, wie jeder Kenner der alten Sammlung sofort sehen wird. !^^ie unsreiwillige Muße, die ihr nach außen auferlegt war, »wurde durch Neuordnung von bisher nicht gesichtetem ^Material sowie durch Bestimmung, Zusammensetzung und ^Einstellung der zahlreichen neuen Funde und Zuwendungen XiusgeMlt. Tagtäglich haben vor allem in den letzten Mo- maten fleißige Hände, nicht nur männliche, sondern auch »weibliche, sich geregt. Eine ungemein starke Bereicherung :hat in erster Linie die prähistorische Abteilung erfahren infolge der ertragreichen Ausgrabungen der letzten Jahre sin der näheren und weiteren Umgebung Gießens, die das Interesse nicht nur einheimischer Freunbe unserer örtlichen Vorzeit, sondern sogar schon weiterer wissenschaftlicher Kreise erregt haben. Bereits ist unsere Gießener iSammlung über den Rahmen eines gewöhnlichen Lokal- Museums hinausgewachsen. Sie verdient wahrlich, lebhaft besucht und von denjenigen Freunden der Geschichte, die »bie Mittel dazu haben, oder im Besitz von Altertümern ffind, aud) thatkräftig unterstützt zu werden. Möge ein jeder Lammen und selbst sich überzeugen, was im alten Rathaus !geschaffen worden ist, oder gar sich anregen lassen, mitzu- 'Lrbeiten an her schönen Aufgabe, bas Leben unserer Alt- jvorderen in Stadt und Land vor unseren Augen Wiedererstehen, im neuen Gießen die Erinnerung an das alte Meßen und seine Umwohner nicht erlöschen zu lassen.
** Vor tragsab end. Auf religiösem Gebiet giebt .es in der Gegenwart keine Bewegung, die weit über die ijGrenzen ihres Entstehungsherdes hinaus solche Wellen geschlagen hätte, und noch schlüge tote die „Los von Rom"- -Bewegung in Oesterreich. Darum war es vorauszusehen, idaß der gestern abend im großen Sacck von Steins Garten gehaltene Vortrag des Pfarrers Kinzenbach aus Braunau (Böhmen) über Bilder gus der evangelischen Bewegung in Oester- sxeich eine recht zahlreiche Zuhörerschaft aus den evangelischen Kreisen unserer Stadt finden würde. Landgerichtsrat Schmerkenbecher eröffnete die Versamm
lung mit Einigen Worten, in denen er auf bie Pflicht der Evangelischen Deutschlands hinwies, diese zum größeren Teil rein rsligiöse Bewegung mit Rat und That zu unterstützen. Da sie immer wettere Kreise ergreife, sei es von dem größten Interesse, etwas Zuverlässiges darüber zu erfahren. Dazu sei Pfarrer Kinzenback) der rechte Mann, der mitten darin stehe. Pfarrer K- gab nun zunächst eine historische Skizze über die Entstehung der Bewegung, über die in Deutschland vielfach irrtümliche Gerüchte verbreitet seien. Bekanntlich gab es auch zur Zeit der Reformation in Oesterreich evangelische Bestrebungen, die aber erstickt wurden. Doch der Funke evangelischen Geistes glomm unter der Asche weiter. Im 19. Jahrhundert sind besonders zwei Versud)e der Lostrennung von Rom zu nennen, von denen der erste in das Jahr 1870 fällt, als bas Unfehl- barteitsdogma aufgestellt wurde. Da er von Deutschland aus keine Unterstützung fand, führte er zur Gründung der Altkatholisck)en Kirche. Der zweite 23er) ud); fällt in die 80 er Jahre. Dieser hatte einen lediglich politischen, materiellen Hintergrund und verpuffte deshalb bald im Sande. Aua) die jetzige Bewegung ist zum Teil auf nationale Anlässe zurückzusühren, auf den Gegensatz zwisd)en Deutschtum, in dem inan den Träger des Protestantismus sieht, und Slaventum, dem Vorkämpfer des „Ultramontanismus". Daneben wirkten aber auch andere religiöse, kulturelle Gesichtspunkte mit. Als erster trat auf den Kampfplatz die deutsche Studentenschaft in Oesterreid), aus deren Reihen 1897 zum ersten Male der Ruf „Los von Rom" ertönte. Daß der Kampf nicht im politischen Getriebe aufging, sei in erster Linie das Werk des Evangelischen Bundes, durch dessen Mithilfe es gelungen sei, innerhalb drei Jahre die Bewegung zu einem Leben im Evangeltum zu in ad) en. Dabei dürfe man aber and) die Vorkämpfer des Deutsch- tums nicht vergessen, wie Schönerer, Wolf, Bareuther und vor allem Dr. Eisenkolb- — Der Vortragende erzählte sodann von den vielen Anfeindungen, die die neue Bewegung zu erdulden gehabt hätte, und noch erduldete., Man habe gesagt, „Los von Rom" sei „Los von Gott" und aud) „Los. von Oesterreich". Er verwahre sich dagegen, daß sie keine Patrioten seien. Selbst den Staat, der ihnen überall Schwierigketten mache, nehme man gegen sie in Anspruch. Und dock) gehe die Bewegung vorwärts- Bis jetzt seien gegen 16 OOU Katholiken und 7000 Altkatholiken übergetreten, und die Zahl der Uebertritte steigere sich von Jahr zu Jahr. Etwa 60 Vikare seien nach Oesterreich! gekommen, bie allerdings erst zum Teil wirkten, da ihrer Naturalisierung große Schwierigkeiten in den Weg gelegt würden. 26 gottesdienstliche Gebäude seien errichtet worden, darunter 15 Kirchen; der Bau von 30 sei tn Angriff genommen. Weiter gab der Redner einen Ueberblick über seine Thätigkett in der kleinen evangelischen Gemeinde in Braunau (Böhmen), einem Städtchen von 8000 Einwohnern, das fünf katholische Kirchen und ein Benediktiner- klofter habe. Aud) er habe mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, besonders in der Anfangszeit, als er vom evangelischen Bunde Westfalens geschickt wurde. Doch gehe es auch in seiner Gemeinde, die ursprünglich 180 Seelen gezählt, wenn auch langsam, dock) vorwärts. In dem letzten Jahre seien in feiner Gemeinde 17 Uebertritte erfolgt. Aud) in sozialdemokratischen Kreisen — die Sozialdemokraten Oesterreichs seien im vollsten Gegensatz zu den deutschen Verehrer Bismarcks — seien Erfolge zu verzeichnen. Der Redner sd)loß mit einem Appell an die Amvesenden, die neue evangelische Bewegung mit Gebet und thätiger Beihilfe zu unterstützen. Es wurde eine Sammlung veranstaltet, deren Ertrag für den Bau einer evang. Kirche in ^Braunau verwendet wird.
** R e li g i o n s g e s ch ich t l iche Vorträge. Morgen, Freitag, wird Professor Holtzmann den ersten der angekündigten 23or träge zu Gunsten der deutschen Heilstätte für minderbemittelte Lungenkranke in Davos halten. Vielleick)t interessiert es, Genaueres über Anlage und Einrichtung dieser Auftakt zu erfahren. Sie liegt am oberen Abschlüsse des Davoser Thals 1598 Meter über dem Meer auf einer weiten, das Thal überblickenden Halde, welck)e ebene, wie leicht ansteigende Spaziergänge ermöglicht. Sie blickt mit ihrer 120 Meter langen Vorderseite über den Davoser See nad) Süden, dahin schauen, insbesondere alle Krankenzimmer. Rings umgiebt sie ausgedehnter, hochstämmiger Nadelwald, und durck) beträchtliche Höhen ist sie gegen Norden, Osten und Westen geschützt. Vor dem Untergeschoß befinden sich die hellen, geräumigen Lieaehallen. Für Reinheit, Lüftung, Heizung, Beleuchtung, Schutz gegen Feuersgefahr ist bestens gesorgt. Der Behandlung liegt die von Brehmer, Dettweiler u. a. ausgebildete hygienisch-diätetische Methode zu Grunde. — Im Interesse der finanziellen Sicherung dieser segensreichen Anstalt wäre ein zahlreicher Besuch der angekündigten 23orträge sehr erwünscht. Sie sollen in kurzen Zügen
ein Bild der Entstehung, Ausbreitung und inneren Entwicklung des Christentums geben. Der Kvnfirmandensaal der Johanneskirche ist einer der schönsten, für ernste Zwecke in nserer Stadt siuch darbietenden Räume; es wäre zu wünschen, daß er recht Vielen bei dieser Gelegenheit bekannt würde.
♦* Der Männer-Turnverein feiert nächsten Samstag, 16. er., sein diesjähriges Stiftungsfest durch einen Herren-Kommers im Vereinslokal. Für den folgenden Tag (Sonntag) ist ein Ausflug auf Textors Hardt geplant. Hier ist für Unterhaltung bestens gesorgt, und wird auch Gelegenheit gegeben fein, der Göttin Terpsichore zu huldigen. Jedenfalls dürften allen Teilnehmern einige genußreiche Stunden in Aussicht stehen.
** Ein Landwirt aus einem Mainz benachbarten Orte befand sick) dieser Tage mit seinem Fuhrwerk Geschäfte halber in Mainz. Das Pferd hatte er in einem Stalle untergebracht. Beim Anschirren zog er sich eine Verletzung an der Hand zu, die er nicht beachtete, trotzdem die Hand alsbald anschwoll. Er zog sich eine Blutvergiftung zu, an deren Folgen er gestorben ist.
** Die Zentrums-Fraktion des hessischen Landtags hat folgende dringliche Anfrage an die Regierung eingebracht: 1. Wie weit sind die Vorarbeiten zur Ausführung der im Frühjahr laufenden Jahres durch die Ständekammer bewilligten Nebenbahnen gediehen; sind insbesondere die erforderlichen Verhandlungen mit Privatunternehmern zum Abschluß gelangt? Ist die Großh. Regierung gewillt, zur Bekämpfung der täglich wachsenden Arbeitslosigkeit schleunigst alle Schritte zu thun, damit in kürzester Frist mit den Bahnbauten begonnen werden kann, und bei den diesbezüglichen Arbeiten in erster Linie in Hessen ansässige Arbeiter b e f d) ä f t i g t werden? 2. Will die Großh. Regierung nicht dahin wirken, daß bei den großen Bahnbauten im Bereiche der Eisenbahnoirektion Mainz in erster Linie einheimische Arbeiter Verwendung finoen und Auslän d er so lange ausgeschlossen werden, als der Bedarf durck) inländische Arbeiter gedeckt werden kann? Dr. Frenay, Dr- Schmttt, Molthan, Schlenger, von Brentano, Horn, Pennrich.
** Buchhaltungskursus für Handwerks« meister. 'Die Veranstaltung zunächst eines Buchhaltungskursus für Handwerksmeister unter Zugrundelegung des Lehrbuches: Heckelmanns „Allereinfachste Buchführung" (Preis 60 Psg.) ist von der Großh. Zentralstelle für die Gewerbe in Darmstadt in deren Tienftgebäude in Aussicht genommen. Um eine recht zahlreiche Beteiligung der Handwerker herbeizuführen, wird den Wünschen der Teilnehmer bezüglich der Festsetzung der Unterrichtszeit mög* lichst entsprochen werden. Am geeignetsten dürften die Nachmittags- und Abendstunden sein. Bei je zweistündigem Unterricht werden sechs Tage, bei je dreistündigem vier Tage und bei je vierstündigem Unterricht drei Tage erfordert, um den vorgesehenen Unterrichtsstoff in geeigneter Weise durchnehmen zu können. Tie Gliederung des Lehrstoffes wird folgende sein: 1. Das Fundament der Buchführung, die Ansammlung und Aufbewahrung der Briefe, Rechnungen und Schriftstücke; die Registratur im Akten- schränkchen; Grundbegriffe und technische Ausdrücke der Buchführung (in 2 Stunden). 2. Der Geld-, Wechsel-, Bank-, Check- und Giro-Verkehr (in 2 Stunden). 3. Das Kontokorrent oder Großkunden- und die Strazze oder das Klein- kundenbuch (in 2 Stunden). 4. Das Kafsenwesen, das Kassenbuch und die vereinfachte Kassenkontrolle (in 2 Stunden). 5. Der Rechnungsabschluß, das Inventarium oder die Jahresbilanz und Steuereir.schätzung (in 2 Stunden). 6. Durchsicht der inzwischen in handlichen und billigen Heftchen eingetragenen selbsterlebten Buchungen (in 2 Stunden). — Da die Abhaltung eines derartigen Buchhaltungs-Kursus durch die bis jetzt in geringer Anzahl eingelaufenen Anmeldungen noch nicht sichergestellt ist, so sei bemerkt, daß die hier vorgesehene Behandlung des Lehrstoffes den Buchhaltungsvvrträgen, in welchen die Zuhörer sich nicht zu betätigen haben, bei weitem vorzuziehen ist. Zur Führung nicht nur von Handwerksbetrieben, sondern muh von kaufmännischen Kleinbetrieben wird der gedachte Kurs eine gewünschte Anleitung bieten. — Anmeldungen sind baldigst an die Großh. Zentralstelle für die Gewerbe mit Angabe etwaiger besonderer Wünsche zu richten.
** Reisende Handwerksburfchen. In den 60 Verpslegungsstationen im Großherzogtum Hessen und der Provinz Hefsen-Nassau, die einen Verband bilden, verkehrten im Jahre 1900 insgesamt 130 729 Stationsgäfte. Die höchste Frequenz hatten Offenbach mit 13 329, Kassel mit 10148, Frankfurt mit 7573 Personen. Unter den 130 729 Stationsgästen befindet sich felbswerständlich eine große Anzahl, die auf den verschiedenen Stationen Einkehr hielten.
•* In Amerika verstorbene Hessen. Kath. Knobloch geb. Zimmermann aus Alzey, gest. in New-Pork; 43 Jahre alt.
litraft und Keckheit. Wenn jetzt Hauptmann diese dramatische iSkizze, erweiterte und ihr eine Fortsetzung zu geben für gut ^befunden hat, bann hat er damit keineswegs etwa zugestanden, !daß der „Biberpelz" künstlerisch etwas Unfertiges sei. Das Motiv regte ihn an zur weiteren Ausgestaltung und er schuf ieine neue Skizze, ein zweites selbständiges, organisch in sich ^abgeschlosienes Kunstwerk, wie etwa, um nur irgend ein Beispiel anzuführen, etwa die „Walküre" ober ber „Siegfried" Wagners selbständige Kunstwerke sind, die weder einer beson- iberen Einleitung noch einer Fortsetzung rein künstlerisch bedürftig sind. Wir sind aber jedenfalls begierig, dieses auf dem „Biberpelz" aufgebaute neueste Werk Hauptmanns, das demnächst in Berlin zu seiner ersten Aufführung kommen »soll und das uns ja auch schon in Aussicht gestellt worden sst, kennen zu lernen.
Als vor etwa einem Jahrzehnt „Der Biberpelz" im deutschen Theater zu Berlin zum ersten Male gegeben wurde, da soll sich das Publikum sterblich gelangweilt haben und vielleicht !hat damals der Kassierer jenes Theaters gemeint: „Dieser Biberpelz kann mir gestohlen werden." Heute ist das anders geworden, man amüsierte sich am Dienstag köstlich. Das Haus war, wie ja freilich immer bei Theatervereinsvorstellungen, ausverkaust. Wenn wir aber eins bedauern, dann ist es der -Umstand, daß unser Theater nicht auch bei gewöhnlichen Vorstellungen s o gut besucht ist, daß ber Kassierer bes Gießener Theaters sich nach ber Kassette beS Theatervereins nicht zu -sehnen braucht unb keinen Anlaß hat, ähnlich respektlose Wonmots zu machen.
Zu dem schönen Erfolge trug aber auch bie Aufführung jsehr wesentlich bei. Unser Gast, Herr Büller aus Leipzig, erzrette mit seinem feudalen AnttSvorsteher eine außerordentlich ienergische Lachnnrkmrg. Das stumme Sp«l, nut dem er seine
Reden emleitete und unterbrach, die Art seines Redens, dieser schneidig näselnde Ton, rief mitunter schallende Heiterkeit hervor. Wenn dieser mit dem Dämelsack geschlagene Beamte zornig, erstaunt ober miHeibig bie Augenliber hob ober senkte, bas Porträt ber Majestät anäugelte, fein Stäbchen schwang ober feine mitleibig erhabene Miene aufsetzte, rief er mit seinen köstlichen Dummheiten unwiberstehliches Gelächter hervor. Die glücklichsten seiner Nüaneen fanb er in berZeugenvernehmung berDiebin unb bem Hehler gegenüber unb da, wo er im 2. Akte eine Selst- apotheose anstimmt, sich als König in seinem Reiche aus- posaunt. Hier allerbings bot er Karrikatur. Aber Hauptmann selbst streift in seinem Wehrhahn, bieser Figur aristophanischer Weltoerspottung, bisweilen hart bie Grenze zur Karrikatur, unb schuf babei boch eine Bühnengestalt, in ber ber Begriff ber spezifisch preußischen Beamtenschneibigkeit unserer Tage unvergleichlich vorkörpert ist. Herr Büller ver- mieb im Aeußeren alles farrifierenbe, um so mehr trat die unglaubliche Boniertheit der Figur hervor. Es war eine Figur, bei der man sich unwillkürlich fragt: „Wo bist du bem boch schon einmal begegnet?" Eine unantastbare schauspielerische Meisterleistung von höchster technischer Fertigkeit, ein demokratenftessenber Amtsvorsteher vom Wirbel bis zur Sohle, bis in bie Fingerspitzen erfüllt von seiner eingebildeten Bedeutung, trotz kleiner llebertrcibungen eine Figur von vollster Unmittelbarkeit des Lebens.
Neben Herrn Büller stand unsere Frau Jenny als resolute, muSkelstarke und verschmitzte Waschftau Wolff, die den Kampf ums Dasein auf ihre Art aussicht, im Vordergründe. Die Formlosigkeit unb Farblosigkeit ihres Kostümes ließen an Naturtreue nichts zu wünschen übrig; biesem äußeren Aussehen aber entsprachen auch durchaus die robuste Bewegung und die derbe, manchmal übeuaute Redeweise. Die Frau
Wolff stiehlt mit Gemütsruhe wie ein Rabe, ermahnt ihre Adelheid, Bibelsprüche zu lernen, weint vor Rührung über einen kleinen Jungen, weil sie ihres eigenen verstorbenen gedenkt — Frau I. scheint diese Rührung fälschlich für Komödie zu halten, es ist ihr aber bitter ernst damit — und ist überhaupt eine erstaunliche, aber durchaus wahre Mischung von gutherzigem Gefühl und verwilderten Sittlichkeitsbegriffen. Frau I. hatte die allermeisten dieser Einzelhecken vollkommen erfaßt. Sie bot einen kräftigen, „wasch" -echten Realismus, eine köstliche naive Verworfenheck und saftige Ursprünglichkeit, eine Gestalt von prachtvollstem Biederfchein, die ganz außerordentlich wirksam war.
Auch von den übrigen Darstellern ist fast ausschließlich nur Günstiges zu sagen, zumal vom Zusammenspiel, das unter der Aegide des Herrn Ramseyer stand. Herr R. selber gab einen recht guten Wolff, Herr Hertzog einen ebensolchen Wulkow und Herr Zoder einen nicht minder annehmbaren Amtsschreiber. Herr Gerlach, der sonst selten versagt, war als Dr. Fleischer leider etwas farblos, und Herrn Leßmanns Rentner Krüger war keine Hauptmann'sche Gestalt. Der sonst ganz geschickte Darsteller hatte sich doch wohl etwas vergriffen und aus dem knorrigen, aufbrausenden alten Handwerksmeister eine allzu zappelige, gesucht eckige, nervöse, lebensunwahre Figur gemacht. Leider scheint Herr L., der seine vorttefflichen Anlagen bereits wiederholt bewiesen hat, zu Uebertreibungen zu neigen. In der kleinen Episode des Amts- dienerS hatte Herr Woisch wohl des Guten zu viel gethan, — ein solcher Süffel würde von Herrn v. Wehrhahn kaum geduldet werden — er bot aber doch eine ganz scharf umriffene Charakteristik. Auch die Damen Hohenfels unb Brandau fanden im ganzen die rechten Ausdrucksmittel für bie Töchter der Waschfrau. P. W.


