Ausgabe 
15.10.1901 Zweites Blatt
 
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Nr. L4Ä

151. Jahrgang

Zweites Blatt

Dienstag 15. Oktober 1901

EietzenerAnzeiger

GeneM-Anzeiger v **

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener Familien- blätter werden dem An­zeiger im Wechsel mit bemHess. Landwirt" und denBlättern für hessische Volkskunde" viermal wöchentlich bei­gelegt.

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Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den An­zeigenteil: Hans Beck.

Dom südafrikanischen Kriege.

Schon vor einigen Tagen wurde einem englischen Blatte gerichtet, daß Kommandant Scheepers, der Führer der am weitesten in der Kapkolonie vorgedrungenen Buren- abtellung, schwer erkrankt sei, unü nur zu Wagen seinen Leuten folgen könne. Am Snmstag nachmittag traf dann folgendes Telegramm ein, das wir alsbald durch Anschlag /bekannt gaben:

London, 12. Oktober. Eine Depesche Lord Kitcheuers meldet: Die Kolonne des Generals French hat den Komman­danten Schcepers gefangen.

Demnach -ist es also den Engländern gelungen, der Person -ihres gefährlichen Gegners habhaft zu werden. Welcher Erfolg diese Gefangennahme begleiten wird, ob vielleicht nun die Offensive der Buren in der Kapkolonie erlahmen wird, kann erst die Zukunft lehren. Es ist aber anzunehmen, daß dieser Kleinkrieg, der nun über ein Jahr dauert, auch die Unterführer bereits so weit herangebildet hat, daß sie jederzeit ein verantwortliches Kommando über­nehmen können. Merkwürdig bleibt es aber, daß Kitchener den Umstand in seiner Depesche verschflveigt, daß Schlepers ein kranker Manu ist, der sich kaum noch sortschsleppen kann. Auf eine Entstellung der Wahrheit kommt es den Eng- Cänoern allerdings nicht an.

Ein Telegramm desReuterscken Bureaus" sagt: Seit 5)em 15. September sind noch 18 Burenführer gefangen genommen und für immer aus Südafrika verbannt worden.

Diesen Nachrichten steht aber eine den Engländern sehr unangenehme Meldung gegenüber. Botha hat, nach Reuter, den Baviaanfluß überschritten und marschiert gegen M rden. Es wird vermutet, daß er eine Abteilung entsandt habe, um einen für ihn bestimmten Transport zu eskortieren und daß diese Abteilung ostwärts marschiere. Ein Brüsseler Telegramm derMorning Post'" aber besagt: Einer Depesche aus Lourenzv Marques zufolge hat Tewets Kommando seine Verbindung mit Bothas Streit­macht vollzo gen.

In Barkly West wurde, so meldet Reuter weiter, ein $itm Tode verurteilter Farmer zu 10 Jahren Zwangsarbeit begnadigt, bei einem Farmer in Jaeobsdal wurde die Todesstraif'e s,n Deportation umgewandelt. Ein früherer 'Feldkorüet in Vryburg war zu 10 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden; die Strafe wurde aus 3 Jahre herab­gesetzt. Die über einen Farmer in Vryburg verhängte Todesstrafe wurde in lebenslängliche Zwangsarbeit umge­wandelt. Zwei junge Farmer, die zweimal zum Feinde übergegangen waren, wurden früh in Vryburg durch den Strang hingerichtet. In Worcester wurde ein Farmer zu einer Geldstrafe von 100 Pfund Sterling bezw. 9 Atonalen haft verurteilt, weil er aus seiner Farm Lebens­mittel für mehr als 7 Tage hatte.

Deutsches Keich.

Berlin, 12. Okt. DieBerl. N. N." schreiben: In französischen und englischen Blättern sind dieser Tage ver­schiedentlich Gerüchte über einen hoch g r ad i an erv ösen Zu st and des Kaisers verbreitet worden. Nach unseren, aus vollkommen zuverlässiger Quelle stammenden Infor­mationen sind diese Ausstreuungen gänzlich ausderLuft gegriffen. Das Befinden des Kaisers, der in Hubertus­stock zweimal des Tages auf die Pürsche geht, läßt nichts zu wünschen übrig.

Tie Genesung der Kaiserin macht langsame, aber stetige Fortschritte. Bisher konnte die hohe Frau allerdings das Zimmer nicht verlassen, jedoch wird man bei günstigem Wetter im Laufe der nächsten Woche an die erste Ausfahrt denken können.

Der Kaiser hat 87 Ordens -und Ehrenaus­zeichnungen an Offiziere und Mannschaften der bisher in China beim ostasiatischen Expeditionskorps komman­dierten Marine-Infanterie verliehen. Hervorzuheben ist, daß Major v. Fo e r ste r, aggregiert dem 5. Garde-Regiment z. F., bisher im 2. Ostasiatischen Infanterie-Regiment, der bekanntlich mit seinem Bataillon den Heimweg über Triest und Wien zurückgelegt hat, den Orden pour le merite erhielt. Die Hauptleute Freyhold und Meister desselben Regi­ments erhielten die Schwerter zum Roten Adlerorden 4. Klasse, Hauptmann Fließbach vom gleichen Regiment den Roten Adlevorden 4. Klasse, der Gesandte in Peking Tr. Mumm v. Schwarzenstein den Kvonenorden 2. Klasse mit dem Stern.

- In den Wirtschaftlichen Ausschuß sind fol­gende Herren als Mitglieder berufen worden: Kommerzien­rat S e r v a e s in Ruhrort, Geh. Kommerzienrat «G o l d - 6 er g er in Berlin, Kommerzienrat Sey ff ar dt in Kre­feld. Dem Vernehmen nach steht die Berufung eines weiteren Mitgliedes bevor.

Auf ein von über hundert Bäckermeistern unter­zeichnetes Gesuch an den Vorstand deutscher Bäckerinnungen Germania", doch endlich zum Ziolltarifentwurf Stellung zu nehmen, antwortete der Obermeister, der Vor­stand bleibe bei seinem früher gefaßten Beschluß, die Zollfrage im Verbände nicht zur Erörterung zu bringen, zumal Sozialdemokraten und Freisinnige die Frage zu einer politischenaufgebauscht" hätten. Uebrigens werde das Aus­land den Zoll tragen. Die Meister wollen nun gegen diese Antwort Protest erheben.

Um Propaganda für die anarchistische Föde ra- tio n zu machen, sind für Berlin und Umgegend mehrere Vertrauensmänner ernannt worden. Das neue Anar- chiftenblattDie Freiheit" ist wieder erschienen. Auch scheinen die Gelder in die Anarchistenkassen wieder reich­licher zu fließen. Die hier tagenden Anarchistenklubs sollen fortan ständig polizeilich überwacht werden.

Die Neuerungen auf dem Gebiete des Personen- karifwesens im Eisenbahn.verkehr haben teil­

weise statt der seit Jahren angestrebten Verbilligung eine erhebliche Verkehrsverteuerung gebracht. Im Be­zirk der Eisenbahndirektion Magdeburg sind etwa 230 ver­schiedene Fahrkarten um durchschnittlich etwa 21 Proz. ver­teuert worden. In den anderen Direktionsbezirken mögen ähnliche Verhältnisse vorliegen. Gegen diese Verteuerung des Verkehrs erhebt besonders die Halberstädter Handels­kammer lebhaften Widerspruch

Tie Hauptversammlung der Korporation der Ber­liner Kaufmannschaft zur Beschlußfassung über die Umwand­lung in eine Handelskammer war beschlußunfähig, da das erforderliche Drittel stimmfähiger Mitglieder nicht anwesend war. Daher wurde eine neue Versammlung auf 26. Oktober einberufen, deren Beschlußfähigkeit dann von der Zahl der Teilnehmer unabhängig ist.

Wildpark, 12. Okt. Die Prinzen August Wilhelm und Oskar trafen von Plön hier ein und fuhren nach dem Neuen Palais.

Gumbinnen, 13. Okt. König Oskar von Schweden und Norwegen hat dem Füsilier-Regiment Graf Roon ein Bild der Schlacht bei Swensksund (1790) als Erinnerung an die Teilnahme des alten schwedischen Regiments von Engekbrechten, des jetzigen Füsilier-Regiments Graf Ro>on, geschenkt.

Breslau, 13. Okt. (Hauptversammlung des Evangelischen Bundes.) Die Schluß-Versammlung war wiederum überfüllt. Der Vorsitzende, Graf Wintzinge­rode verlas das Telegramm des Kaisers, das einen kurzen Tank für die Begrüßung enthält und brachte ein Hoch auf Seine Majestät aus. Pastor Lic. Hofsmann (Breslau) warf einen Rückblick auf die Verhandlungen. Den Gästen rief er ein Abschiedswort zu. Konsistorialrat D. Leutschner (Wanzleben) sprach über den protestantischen Charakter des neuen Testaments. Pfarrvikar Schiefermann zeichnete ein sehr lebendiges Stimmungsbild von der evangelischen Be­wegung in Oesterreich und dankte dem Evangelischen Bunde, der dabei gleichsam die Rolle des Proviantmeisters spiele. Ein sehr kräftiges Schlußwort hielt noch Superintendent Meyer (Zwickau). 1813 ging von Breslau aus der Ruf des Königs an sein Volk zur Erhebung aus politischer Knecht­schaft. Möge der Ruf des Bundes zum Kampfe gegen den Romanismus gleichen Erfolg haben. Der Redner warnte vor Geschäften mit dem Zentrum. Denn bas Zentrum sei zwar nicht der Kaufmann von Venedig, wohl aber der Kaufmann von Rom, der auch ein Pfund Fleisch herausschneiden möchte, das zunächst dem Herzen des deutschen Volkes. Die Versammlung sang zum Schluß Nun danket alle Gott!"

Ausland.

Brüssel, 12. Oktbr. Einem demSoir" zugegangenen Privatbriefe zufolge ist die Abteilung des Majors Malfeyt mit den aufständischen Bateteles im Bezirk Katanga nahe dem Kisatesee, zusammengestoßen, hat dieselbe in die Flucht gejagt und verfolgt sie in der Richtung des Lomamiflusses.

Lüttich, 13. Oktober. Der sozialistische Abgeordnete Smets, der gestern während der Gemeinderatssitzung von dem liberalen Mitgliede Lamblotte beschimpft wurde, stürzt« sich auf diesen und ohrfeigte ihn. Es kam zwischen den Freunden der beiden zu einem förmlichen Handgemenge und es mußte die Sitzung aufgehoben werden.

Paris, 3. Okt. DasJournal offiziell" meldet, daß die Generale Darras, Mourlan, Mensier und Admiral Puech zu Mitgliedern des Rats der Ehrenlegion ernannt worden find an Stelle der Mitglieder, die ihre Entlastung eingereicht haben.

Nachdem der Budget-Ausschuß verschiedene Erspar­nisse durch Streichung von Krediten gemacht hat, ist das Defizit des diesjährigen Budgets auf 50 Millionen herabgedrückt.

Wien, 12. Oktober. Höchste Ueberraschung ruft heute Abend hier die offizielle Ankündigung der Verlobung der Erz­herzogin Elisabeth Marie mit dem Prinzen Otto Windischgrätz hervor. Die Erzherzogin ist 18, der Prinz 28 Jahre alt. Es ist ein Liebesbund, der hier geschlossen wird. Schon während der verflossenen Faschings wurde bei Hofbällen bemerkt, daß die Erzherzogin dem Prinzen ihre Neigung zuwendet. Es ist das erste Mal, daß eine geborene österreichische Erzherzogin das Mitglied einer nichtsouveränen Familie und einen österreichischen Unterthan in vollgiltiger Ehe heirathet. Prinz Otto stammt nicht aus der Hauptlinie des Hauses Windischgrätz, die in Böhmen reich begütert ist, sondern aus der zweiten Linie, welche die Herrschaft Hansberg in Krain besitzt. Sein Vater ist Prinz Ernst Windischgrätz, Oberst a. D., bekannt als eifriger Numismatiker und durch prähistorische Forschungen. Die verstorbene Mutter des Prinzen Otto war eine geborene Prinzefin Oettingen. Prinz Otto ist Ulanen-Oberleutnant. Aus gut unterrichteter Quelle verlautet hier, daß, als die Erzherzogin vor zwei Jahren in die Ge­sellschaft eingeführt wurde, sie schon damals dem Prinzen ihre Neigung schenkte. Seit jener Zeit verfiel die Erzherzogin in Schwermuth. Das war der Grund, warum die Mutter, jetzige Gräfin Lonyay, vor einigen Monaten plötzlich zu der Tochter reifte. Auf Anrathen der Mutter suchte vorgestern die Erzherzogin den kaiserlichen Großvater auf und gestand ihm ihre Neigung. Der Kaiser willfahrte dem Wunsche der geliebten Enkelin und gab heute seine Einwilligung.

In einer scharfen Rede tadelte Bürgermeister Dr. Lueger gestern die Bischöfe, die die Religion, um derentwillen sie doch da seien, zu wenig verteidigten. Pflicht des Staates sei, gegen dieLos von Rom"-Bewegung

und ihre Förderer, die an dem Bestände des Staates rüttelte* und offenen Hochverrat übten, mtt aller Entschiedenheit aufzutreten. Durch die Abfallbewegung solle darauf hin- gearbeitet werden, daß Oesterreich vom deutscher Reiche lichter verspeist werden könne, da doch das deutsche Parlament es nicht vertragen würde, wenn aus Oesterreich Schwarze und Rote, gemischt mit Slaven, ein< zögen.

Belgrad, 13. Okt. Don Paris aus wurden in de» letzten Woche an viele Angehörige der vornehmen Welt in Biarritz und Madrid anonyme Briefe versandt, worir mitgeteilt wurde, die Königin-Witwe Natalie habt sich schon vor Monaten heimlich miteinemspanischer Edelmanne verheiratet und wolle diese Verbindung jetzt öffentlich vollziehen lassen. Der in den Briefen ge­nannte Spanier shammt aus einer altberühmten Familie, genießt jedoch infolge einiger dunkler Spieleraffairen einer recht zweifelhaften Ruf. Mau nimmt deshalb an, daß du Ausstreuungen von den Feinden der Königin-Witwe an* hiesigen Hofe ausgehen und daß sie kaum irgend einer thatsächlichen Untergrund haben.

Sofia, 12. Okt. Hier eingelaufenen Berichten zufolgr wird, wie es heißt, die amerikanische Missionarin <5tont in Gyultepe in der Nähe von Jakoruda an der türkisch- bulgarischen Grenze verborgen gehalten. Die Räuberbande wird von türkischen Truppen eingeschlossen, die jedoch aus Rücksicht auf die Sicherheit des Ledens der Missionarin nicht vorrücken. Die Bande verlangte, daß das Lösegeld in Samakof (Bulgarien) erlegt werde. Ein nach Sofie gekommener bulgarischer Pferdetreiber, welcher Augenzeug« des Ueberfalles war, wurde auf Verlangen des amerika- Nischen Konsuls als der Mitschuld verdächtig verhaftet.

Saloniki, 13. Okt. Der franzö sische Vize- konsul in Monaftir wurde gestern von türkischen Sol­daten angegriffen. Die Schuldigen wurden sofort ver­haftet und ms Gefängnis gebracht. Der Militärkomman­dant begab sich zum Vizekonsul, um demselben seine Ent­schuldigung auszusprechien.

Baltimore, 12. Okt. Ter hiesige Bezirksgerichtsho) hat entschieden, daß der dem aus Rußland importierten Zucker auferlegte Zollzuschlag auf gesetzlicher Grundlage beruhe, da nach seiner Ansicht die Angebote, welche die russische Regierung den Raffinerien mache, gleichbedeutend mit Prämien seien.

New-York, 12. Okt. Eine Depesche aus Willemstad meldet, daß die Venezolaner sich an verschiedenen Punkten der Halbinsel Goajira verschanzt hätten. Es herrsche große Unordnung. Die Venezolaner seien ohne Intendantur und lebten von Requisitionen im Lande, sodaß dasselbe verödet sei. Die Indianer, die gegen die Venezolaner wegen ihrer Grausamkeit erbittert seien, hätten die von ihnen gefangenen Venezolaner entsetzlich verstümmelt. Nach einer anderen Depesche blockieren kolumbische Rebellen Funweo an der parisischen Küste.

Schwurgericht.

m. Gießen, 14. Oktober.

Schluß der Verhandlung gegen Witwe Lisette Sch nei- der und August Schneider wegen Mordes.

Nach der Vernehmung der Schneiderschen Kinder erklär» der Staatsanwalt, es sei ihm mitgeteilt, daß auf die Kinder der angeklagten Schneider vorher, ehe sie zu ihrer Verneh­mung in den Saal getreten seien, eingewirkt worden sei und daß nach der Vernehmung Franz Schneider dem kleinen Wil­helm gedroht habe, ihn zu schlagen. Wilhelm Schneider giebt an, seine Tante habe ihm draußen gesagt, er hätte zu viel gesagt, und die Schwester Anna habe sich ge­äußert, er hätte gelogen.

Auf Antrag des Staatsanwalts wird Pfarrer Bern deck von Staden aus dem Zuhörerraum als Zeuge vorgerufen und vernommen. Dieser deponiert, nach seiner besten Ueber- zcuglmg könne er sagen, das, was Anna heute ausgesagt habe, sei gelogen. Des Weiteren macht der Zeuge von seinem Rechte Gebrauch, über das, was er als Seelsorger in der Angelegenheit erfahren, die Aussage zu verweigern.

Die Faust Eheleute haben oft gehört, wie die Schnei- der die alte Frau mit rohen Worten geschimpft und geäußert hat, die Alte sei nichts mehr wert. Die Verstorbene habe häufig gesagt,sie bringen mich noch um", an Selbstmord habe diese nie gedacht.

Oberamtsrichter Pullmann von Altenstadt schildert die erste von ihm vorgenommene Leichenschau. Er habe an­nehmen müssen, es liege Selbstmord vor. Gerichtsassessor Delp hat in Gegenwart des Arztes die zweite Leichenschau vorgenommen, bei der sich ebenfalls kein Verdacht schöpfen ließ, daß möglicherweise ein Verbrechen verübt sei. Erst als er im Orte selbst Vernehmungen vornahm, ergaben sich Ver­dachtsmomente. August Schneider wurde als verdächtig, von der That zu wissen, festgenommen. Es sei richtig, daß August Schneider darauf gedrängt habe, aus der Haft entlassen zu werden, und seine Mutter belastet habe, die dann ebenfalls verhaftet wurde, mit auffälliger Ruhe habe diese jede Schuld von der Hand gewiesen.

Witwe Reichhold bestätigt die lieblose, rohe Behand­lung der alten FraL. Sie hat gehört, wie die Angeklagte Reden gegen die Verstorbene geführt hat wieMach' dich fort, du altes Tier, ich bringe dich noch um", oderein Messer her, ich schneide dir den Hals ab". Die Zeugin ist der Ansicht, die alte Frau sei viel zu schwach gewesen, um einen solchen Selbstmord ausfübren zu können.