Ausgabe 
15.1.1901 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 12 AMes Blatt. Dienstag den 15 Januar 131. Jahrgang 1901

KichmerAnzeiger

Henerat-An^eiger

grfdieint täftNch mit Ausnahme des

Montags.

Die Gießener Aamilieu ö tatter werden dem Anzeiger im Wechsel mitHeff. Landwirt" u.Blätter für hefs. Bolkskunde- wvchtl. 4 mal beigelegt.

Bezugspreis viertcljährl. Mk. 2.90 monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn; durch die Abholestelle» vierteljährl. Mk. 1.90 monatlich 65 Pfg.

Bei Postbezug Mk. 2. vierteljährl. ohne Bestellgeld.

Annahme von Anzeigen zu der nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dornt A) Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorhsr.

Alle Anzeigen-Dermittlungsstellen des In- und Aus­landes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pf., auswärts 20 Pf.

Aints- und Anzeigeblcrtt für den Kreis Gieren.

Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schulstrahe Nr. 7.

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hestische Landwirt, Glätter für hestische UollrsKunde.

mumm uwati I ! ,1 1,»,,i.-.Jr-TnT

Adresse für Depeschen: Anzeiger Siehe».

Fernsprecher Nr. 5L

Amtlicher Teil.

Bekanntmachung,

Betr.: Die Veranstaltung vonVerlosungen innerhalb des Großherzogtums.

Der Verein für Geflügel- und Vogelzucht in Mainz be abfichtigt, mit der am 2.-5. März 1901 daselbst statt findenden allgemeinen Geflügel« und Vogel Ausstellung eine Verlosung von Hühnern, Tauben, Wassergeflügel, Vögeln vud Gerätschaften zu verbinden.

Die nachqesuchte Erlaubnis zur Veranstaltung dieser Verlosung ist demselben unter der Bedingung erteilt worden, daß nicht mehr als 15,000 Lose, zu 50 Pfg. das Stück, ausgegeben werden dürfen, und mindestens 50 Prozent der BruttoerlöseS aus dem Verkaufe der Lose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.

Der Vertrieb der Lose ist im Großherzogtum gestattet. Gießen, den 10. Januar 1901.

Großherzogliches Kreisamt Gießen. ___________v. Becht old.

An die Großherzogl. Bürgermeistereien der Bezirkskasse Lich.

Diejenigen von Ihnen, welche noch mit Einsendung der Hundesteuer-Hebliften steuerpflichtige und steuerfreie im Rückstände sind, werden um baldige Uebersendung der­selben et sucht.

Lich, den 9. Januar 1901.

Großherzogliche Bezirkskasse Lich. Nahrgang.

Bekanntmachung.

Das Proviant-Amt in Hanau kaust Roggen, Hafer, Pferdeheu, Roggen-Flegelstroh, Roggen-Maschinenstroh, Weizenstroh und Haferstroh gegen Barzahlung.

Tie Körner müssen gesund, trocken und gut gereinigt sein, auch im Viertelliter nicht unter 179 Gramm bezw. 112 Gramm wiegen. Tas Heu muß gut gewonnen, auch grün in der Farbe sein und aus süßen Gräsern bestehen. Alle Strohsorten müssen gesund, trocken, ohne die kurzen Teile (Abfall), nicht von den Mäusen zerschnitten, lang gelegt und fest gebunden sein. Preßstroh wird nur dann gekauft, wenn solches aus gesunden langen Halmen besteht und der Abfall nicht mit eingepreßt ist. Bei Bahnsendungen ist die Adresse für den Frachtbrief: Hanau Bahnhof Nord. Ten Anstellungen von Körnern sind ungeschmeichelte Proben von reichlich ein Viertel Liter beizufügen und die Forderung frei Magazinhof Hanau zu stellen, wobei zu berücksichtigen bleibt, daß die Abfuhr von der Bahn 6 Pfg. pro Zentner Körner und 15 Pfg. pro Zentner Heu oder Stroh beträgt. Jede weitere Auskunft wird bereitwilligst von dem ge­nannten Amte mündlich wie schriftlich erteilt.

Gießen, den 11. Januar 1901.

Großherzvgliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.

Auch ein Vermächtnis.

Dieser Tage starb, wie bekannt, in plötzlicher und un­erwarteter Weise der zweite Bürgermeister von Berlin, Brinkmann. Der so rasch Dahingeschiedene hat sich in Iden wenigen Monaten seiner Thätigkeit in der Reichshaupt­stadt weitgehende Sympathien in Berlin selbst und draußen im Reiche erworben, weil er durch sein Streben nach Ge­rechtigkeit, Objektivität und zeitgemäßen Reformen sich als ein moderner Mann im guten Sinne des Wortes erwies.

Brinkmann hat zum erstenmale im Roten Hause hen Gedanken der Kommunalisierung, der V e r st a d t - lichung gewisser Betriebe, vertreten. Wir gehören nicht zu denjenigen, die das soziale und wirtschaftliche Heil in ver Verstadtlichung und Verstaatlichung der Betriebe er­blicken. Ganz im Gegenteil sind wir der Meinung, daß die B u r e a u k r a t i s i e r u n g des Geschäftsbetriebs, wie er sich I als eine unabweisbare Folge städtischer und staatlicher Ge- schäftsmonopolisierung sicher einstellt, ein Hindernis ge­sunder wirtschaftlicher Entwickelung ist und der frischen, schneidigen Geschästsluft der Konkurrenz den belebenden Eau^rstofs entzieht. Es ist deshalb die Verstaatlichung und Kommunalisierung großer Betriebe sicherlich eine der diffi- -ielsten Aufgaben der Wirtschafts- und Sozialpolitik, und man wird im allgemeinen gut daran thun, in der Dosierung von Staats- und Kommunalsozialismus so zurückhaltend wie mir möglich ru sein. Aber man darf selbstverständlich auch herbei nicht dem Zopf, nicht dem Doktrinarismus verfallen. Venn die Mehrzahl politischer, wirtschaftlicher und sozialer Kründe in einem gegebenen Falle für Ueberführung ter Produktionsmittel an Staat oder Stadt spricht, so

braucht man nicht demPrinzip" zu Liebe sich natürlichen Verpflichtungen zu entziehen. In Berlin aber, wo neben glänzenden Zeichen des Fortschritts Versteinerungen poli­tischer Ideen anzutreffen sind, wollte man von jeher nie etwas auch von einem mäßig moduliertenKommunal- Sozialismus" wissen. In diesem Karpfenteich wirkte nun der von fortschrittlichen Ideen erfüllte Brinkmann wie ein bissiger und gefürchteter Hecht. Alt-Berlin stand gegen ihn auf und er hätte jedenfalls noch schwere Kämpfe zu be­stehen gehabt, wenn der unerbittliche Tod seinem Wirken nicht vorzeitig ein Ziel gesetzt hätte. Der Verstorbene hat nun Aufzeichnungen hinterlassen, die imBerl. Tageblatt" veröffentlicht werden. Es finden sich da interessante Stellen, die Beweis genug sind, wie der Verstorbene in methodischer Selbsterziehung, unbeeinflußt von den Vorschriften der Scha­blone, an sich gearbeitet hat; sie thun aber auch desweiteren dar, wie praktische Thätigkeit im Dienste öffentlicher In­teressen milde und versöhnlich stimmt und den Geist und die Gesinnung von den Sklavenfesseln des Partei-Schlag­wortes befreit.

So schreibt Brinkmann u. a.:

Daß und in welchem Maße ich während meiner Wirk­samkeit in Tilsit als Stadtverordneter, Politiker und über­haupt im öffentlichen Leben thätig gewesen bin, dürfte zur Genüge bekannt sein. Ebenso brauche ich wohl dar­über, welcher politischen Partei ich aus Neigung und Ueberzeugung angehört, nichts zu sagen. Dagegen möchte ich bezüglich des damaligen politischen Lebens in Tilsit von meinem heutigen reiferen Standpunkt aus zweierlei bemerken: Erstens habe ich inzwischen eingesehen, daß politische Parteiunterschiede nicht notwendig zu einer solchen Entfremdung der Gemüter zu führen brauchen, wie dies dort zuweilen, hauptsächlich zur Zeit der Vorbereitung der Reichstags- und Landtagswahlen, der Fall war. Zweitens besteht für mich nicht der ge­ringste Zweifel, daß die Opposition wesentlich von ihrer Stärke verlieren würde, wenn die Wählerschaft, anstatt mit Schlagworten bearbeitet zu werden, häufiger von solchem Männern, die nicht bloß durch Schlußfolger­ungen, sondern durch die tägliche Erfahrung über die Bedeutung der Regierungsvorlagen oder der Gesetz gewordenen Einrichtungen unterrichtet sind, in möglichst objektiver Weise aufgeklärt werden würde. Eine solche verdienstliche Thätigkeit müßte allerdings von der Re­gierung nicht behindert, sondern eher noch gefördert werden!

Wir brauchen nicht besonders zu betonen, daß wir es hier mit den Grundsätzen aller maßvollen und ehrlichen Politiker zu thun haben. Wie recht hat Brinkmann darin, daß er die Belehrung der Wähler durch Männer von Bild­ung und Erfahrung verlangt, um sie nicht dem ten­denziösen Geschreibe eines jonglierenden Agitators auszu­setzen, das vielleicht gar nicht böswillig ist, dem es aber tatsächlich an wirklichen Kenntnissen und an Praxis, die aus der Erfahrung geschöpft ist, fehlt. Die Kenntnis der Thatsachen mäßigt jede Opposition. Wie oft sind schon die größten demokratischen Schreier zu Kom­munal-Konservativen geworden, wenn sie erst im Kollegium saßen! Nicht als ob sie ihre Gesinnungen geändert hätten, sie haben sich lediglich von der Macht der Thatsachen be­lehren lassen und sahen sich vor einen ungeheuren Konflikt zwischen ihrer papiernen Ueberzeugung und der brutalen Wirklichkeit gestellt. Darum ist es geradezu ein goldenes Wort, wenn Brinkmann verlangt, man solle die Wähler aus der Erfahrung und Praxis heraus belehren. Sein Wunsch wird nicht so leicht in Erfüllung gehen. . . .

Brinkmann schreibt weiter:

Die Theorie der freien Selbstbestimmung jedes Menschen, also auch des Arbeiters, war immer wieder so laut und eindringlich gepredigt, daß die entgegenstehen­den, guten Absichten trotz der schon errungenen Erfolge kein Gehör fanden. Dem gegenüber stehe ich keinen Augenblick an, einerseits einzugestehen, daß ich selbst erst durch gründliches Studium und durch die mir gebotene Gelegenheit zu positiver Mitarbeit von der Notwendigkeit eines gewissen zwangsweisen Eingreifens über­zeugt worden bin, andererseits aber auch das Verdienst für mich in Anspruch zu nehmen, daß ich, sofort nach Erkennung meines Irrtums, zur Beseitigung desselben durch Wort und Bild beizutragen versucht, habe.

Gewiß halten wir alle an der Selbstbestimmung fest, und nichts Schlimmeres wüßten wir, als wenn das köstliche Gut moderner Kulturentwickelung, das Recht der Individualität, in der Staatsauffassung deswissen­schaftlichen" Sozialismus erstickt werden sollte. Aber so sehr wir die persönliche Freiheit über alles stellen, so nachdrücklich muß man dwch auf der anderen Seite aner­kennen, daß die fortschreitende Kompliziertheit aller wirtschaftlichen Verhältnisse die ordnende, eingreifende, regulierende Hand des Staats und der Gesetzgebung bedarf. Der Zwang auch in wirtschaft­lichen und sozialen Dingen ist unvermeidlich. Nur darf er nicht schablonenmäßig und nicht in Uebertreibung angewanot werden. Die Wohlthat der Freiheit darf sich nicht zur Plage der Zügellosigkeit umwandeln.

Die Anwendung desgewissen Zwanges" muß nach Maß­gabe des praktischen Bedürfnisses erfolgen und unter Aufrechterhaltung des Grundprinzips der persönlichen Freiheit und persönlichen Verantwortung ausgeübt werden und zwar von Sachkennern und Männern der Erfahrung. Möchten gerade diese Worte Brinkmanns über­all Beachtung erfahren und Beherzigung finden.

Und zum Schlüsse sagt Brinkmann:

Was dagegen bei mir auf dem gleichen Wege sich immer mehr befestigt hat, ist die Ueberzeugung, daß die Verteilung der Gewalten im Reich, Staat und Gemeinde überall und unbedingt anzuerkennen ist. Mag es puch noch so wünschenswert sein, das staatliche und gemeind­liche Leben volkstümlicher auszugestalten; die be­stehende Ordnung der Dinge ist unter allen Umständen von jedermann zu respektieren.

Alle diejenigen, die wissen, daß der gesunde Fort­schritt nur aus dem Wesen kontinuierlicherEntwick- lung erstehen kann, sehen in diesen Sätzen des freisinnigen Mannes das Anerkenntnis jener praktischen Staats­weisheit, die immer das vositive hat leisten müssen. Möchte dasVermächtnis" oes Heimgegangenen Berliner Bürgermeisters überall dort Beachtung finden, wo der Geist der Schablone und des politischen Parteihasses seine rück­sichtslose Herrschaft errichtet hat. Dann wird dieses Ver­mächtnis eine T h a t bedeuten.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 12. Januar.

Die, Aweite Beratung des Etats des Reichsamts des Innern wird fortgesetzt.

Abg. Fischer (Soz.) kommt auf die 12000 Mark- Affair e zurück, die er skandalös nennt. (Der Präsident rügt diesen Ausdruck.) Ter neuliche Entschuldigungs-Ver­such des Staatssekretärs Grafen Posadowsky habe die Sache nur noch verschlimmert. Ter Redner kritisiert namentlich, daß Ministerialdirektor v. Woedtke als Opferlamm vor­geschoben worden ist, und beleuchtet das Verhältnis des Staatssekretärs zum Zentralverband deutscher Industrieller, von dem gewissermaßen eine Abteilung im Reichsamt des Innern installiert sei. Es sällt mir nicht ein, dem Staats­sekretär daraus einen Vorwurf zu machen, daß er Sach­verständige über die Wünsche der Industrie gehört hat, aber darin ist alle Welt einig, daß es der Würde der Regierung im höchsten Maße widerspricht, wenn die Kosten für solche Unternehmungen von denen getragen werden, die den Profit davon haben. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Nur aus dieser unwürdigen Stell­ungnahme der Regierung heraus ist es auch zu erklären, daß ein bezahlter Agitator wie Bueck es sich herausnehmen kann, in dieser Weise von einem Vertreter der Regierung zu sprechen und ihm Undankbarkeit und Treulosigkeit vor­zuwerfen. Wie lehrreich ist auch das Geständnis, daß die Kosten für die großartigen Flottenkund­gebungen vom Zentralverband bezahlt wurden, d. h. von den Leuten, die an der Annahme der Flotten­vorlage kolossal interessiert waren, weil durch diese den Stumm und Krupp Millionen in die Tasche fließen. Da­mals wurde es so hingestellt, als sei die Flotten­begeisterung die Folge einer plötzlichen Erhebung der Volksseele aus einem langen Schlase, und nun hören wir, daß sie nichts weiter war, als ein ganz gewöhnlicher Barnumschwindel. (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) In welchem Lichte erscheint aber nach Feststellung dieser Thatsachen auch die bekannte Rundreise des Staatssekretärs Tirpitz, in welchem Lichte erscheint der Patriotismus der Flottenprofessor e(n! Sind auch diese etwa je nach der Höhe ihres Patriotismus bezahlt worden? Wenn man weiter an die angeblich kolossalen Bestechungs­versuche der De Beers Compagnie denkt, so muß jeden, dem die Ehre des deutschen Namens heilig ist, ein Angstgefühl überkommen. (Unruhe rechts.) Wir hoffen, daß, wenn bei der Abänderung des Hypothekenbank­gesetzes der Staatssekretär Fragebogen ausarbeiten wird, dort auch die Frage figuriert, ob einzelne Bankiers sich besonders durch Verbindung mit Oberhofmeistern und dem Hofe Vorteile zu erringen suchen. (Heiterkeit.) Durch alle diese Vorgänge ist festgestellt, daß es die Interessenten sind, die im Deutschen Reich die Gesetze machen. Vielleicht kommt die Regierung selber auf den Gedanken, daß sich bei jedem Gesetz die Frage erheben muß: Wer zahlt denn bei diesem Entwurf die Kosten? Heute ist der Staats­sekretär etwas abgerückt vom Zentralverband; er muß sich da den Vorwurf der Treulosigkeit machen lassen. Wer schützt aber das Reichsamt vor dem Verdacht, daß heute blos die Agrarier an die Stelle der Industriellen getreten seien? Wie kann sich das Reichsamt gegen die Frage verteidigen, ob alle von ihm eingebrachten Gesetzentwürfe nicht nur gemacht sind, um die Arbeiter in dem bevor­stehenden Kampf um die Lebensmittelzölle widerstand^- unfähig zu machen? Bueck hat seinen scharfen Angrtss gegen den Grafen Posadowsky wieder zurückgenommen, uno zwar soll dies geschehen sein nach einer Unterhaltung