Ausgabe 
14.7.1901 Zweites Blatt
 
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starb, riet ich Täubin, dessen Wirtschafterin, die ihn 20

hatte, zu sich zu nehmen. Er willigte ein

Injektionen

vorgenommen, nach kurzer Zeit zeigte sich eine merkliche Besserung. Dr. Schnürer sagte:Meine Herren, ich glaube, jetzt kann er sprechen." Ich ersuchte nun den Dr. Schnurer, selbst zu fragen, aber dabei keinen Namen zu nennen, sondern im allgemeinen zu fragen, was mit dem Vermögen zu geschehen habe. Hierauf hörten wir alle deutlich es war mäuschenstille im Zimmer die Worte:Lassen Sie mir fünf Minuten Bedenkzeit." Wir traten vom Bette weg. Dr. Schnürer wiederholte die Injektionen und rief uns nach einigen Minuten wieder herbei. Jetzt wiederholte Dr. Schnürer die Frage:Was soll mit Ihrem Vermögen geschehen?" Täubin hob den Kopf ein wenig, wir alle hielten den Atem an, Täubin sagte vollkommen präzise und deutlich, so daß wir es alle hören konnten:Alles soll dem Vogl gehören!" Ich erkläre nach meiner tiefinnersten Ueberzeugu'ng als redlicher und rechtskundiger Mann, daß ich auch heute unerschüttert auf dem Standpunkt verharre, daß Vogl der einzig rechtmäßige und berechtigte Erbe nach Täubin durch diese Erbeseinsetzung geworden ist. Und

Dr. Samuel Theimer erzählte, daß er von dem ihm feit Langem befreundeten Vogl zu Täubin gerufen wurde, denselben schwer leidend fand, daß ,er aber von Vogl da­von verständigt wurde, daß ein Testament errichtet werden soll. Die Wertpapiere Taubins wurden erst nach langem Suchen von dem gegenwärtigen Inhaber des Vogl'schen Geichastes, Schmidt, gesunden und auf das Bett Taubins gelegt, der sich dadurch sichtlich erleichtert zeigte. Dann erzählte Dr. Theimer weiter: Am Bette standen nun drn Personen, Herr Vogl, Schmidt und ich, ich! glaubte, daß auch Herr Vogl als Zeuge fungieren könne, da es sich, wie mir gesagt wurde, um wohlthätige Institutionen handle. Täubin wurde nun von uns deutlich gefragt, und zwar zuerst Vogl, ob er sein Vermögen nicht den ver­krüppelten Bindern widmen wolle. Täubin sagte deutlich- Nein, nein." Wiederum fragte Vogl:Mer, Täubin, alter Freund, Sie sollten doch den jüdischen Krüppeln etwas geben/ Täubin antwortete:Von den Wiener Philan­thropen will ich nichts wissen." Darauf fragten wir- Ja was soll dann also geschehen? Nun erfolgte die Antwort zu Vogl:Machen Sie, was Sie wollen." Mittlerweile war Dr. Schnürer gekommen, ich erzählte ihm in Kürze

hat erst im Januar stattgesunden.

Nach weiteren Fragen wurde zur Zeugenvernehmung geschritten, die sich vorwiegend mit der Charakterisierung Taubins beschäftigte. Tie große Vorliebe dieses Herrn für die stärksten geistigen Getränke, seine Sonderbarkeiten, sein extravagantes Wesen, das sich mit einer vorsichtigen Wahrung seines Interesses zu vereinen wußte, seine Ur­banität, welche immer hervortrat, wenn er seiner Liebe zur Flasche für eine kurze Zeit entsagte, wurden von der großen Mehrzahl der Zeugen mit verschiedenen Variationen bestätigt. Tagegen wußte er den Inhalt seines ver­faßten oder nur beabsichtigten Testaments in Geheimnis zu hüllen, indem er die widersprechendsten Mitteilungen darüber verbreitete, und insbesondere jedem, den er kannte, durch die Versicherung Freude machte, daß er ihn bedacht habe. Auch drückte er seine Sympathie bald für diese, bald für jene Wohlthätigköitsanstalt, hier freilich zu­weilen auch mit der Bereitwilligkeit zur That, aus. Selbst von seinen Verwandten sprach er bald in grimmigem Haß als von Personen, denen niemals ein Kreuzer seines Vermögens zufallen dürfe, und bald wieder in milder Humanität, die ihn hieße, auch auf sie in seinem letzten Willen Rücksicht zu nehmen, ja, ihnen die Hälfte seines Vermögens zu vermachen. Dieser Herr Täubin war ein Schalk in seinen Aeußerungen, ein geheimer Humorist, der die Menschen, die auf sein Geld hofften, zum Besten hatte. Am liebsten hätte er sein Vermögen doch, wie sein Sekre­tär sagte, mit sich genommen. Nur weiß niemand, was in im vorging, als der Tvd Ernst machte und an seiner Seite stand, und als er zum letztenmale sagte, an wen er seinen Besitz verschenkte. Hätte er schadenfroh aus dem Leben scheiden wollen, so vermochte er es bester nicht anzustellen.

Das Hauptinteresse konzentrierte sich auf die Aus­sagen des Arztes Dr. Joseph Schnürer und des Mvokaten Dr. Samuel Theimer. Dr. Schnürer erzählte, daß er am 24. April von der Danek zu Täubin berufen worden sei, den er von da an, obwohl Täubin nichts von Arzt und Medizin wissen wollte, ärztlich behändeste. Zu diesem Ende erschien der Zeuge auch am 27. April nachmittags in der Wohnung Taubins. Er fand Täubin recht schlecht. Die an­wesenden Herren sagten dem Zeugen, daß man daran jei, ein Testament zu errichten, und Dr. Schnürer der dritte Zeuge sein könne. Die Herren fragten Dr. Schnürer, ob Täubin im stände sei, eine bindende letztwillige Erklär­ung abzugeben.' Dr. Schnürer fand Täubin sehr schwach«; er reflektierte aber auf die Außendinjge, und da Vogl zu dem Zeugen gesagt hatte, Täubin dürste die Hälfte seines Vermögens kranken Kindern, die andere Hälfte ihm vermachen, so hielt der Zeuge es für geboten, die matt scheinenden Lebensgeister des Kranken so weit als erforder­lich aufzufrischen. Dazu applizierte er dem Kranken zwei oder drei Kampher-Jnjektionen, die ihren Zweck erfüllten. Vogl trat auf Täubin zu und sagte:Täubin, Ihr alter Freund Vogl ist da, was soll mit Ihrem Gelde geschehen? Darauf erbat sich Täubin einige Minuten Ruhe. Äese wurden ihm gewährt, und neuerdings Kampher-Jnjektionen gegeben. Er erhob sich dann, sichtlich klarer, und nun forderte Dr. Theimer den Dr. Schnürer auf, die Frage an Täubin zu richten. Dr. Schnürer fragte Täubin, was mit seinem Vermögen geschehen solle, und Täubin sagte mit einer Hcmdbewegung ziemlich vernehmlich:Alles soll dem Vogl gehören." Dr. Theimer sagte zu den Anwesenden, diese Worte seien sehr wichtig, sie mögen dieselben sich merken oder aufschreiben. Pr.: Und welchen Eindruck hatten Sie von dem Zustande desjenigen, der diese Worte ausgesprochen hatte? Zeuge: Ich hatte von ihm den Eindruck, daß er sich der Tragweite dieser Erklärung be­wußt war.

das Vorgefallene, und ersuchte ihn, als Zeuge zu sun- Wir fragten nach der Untersuchung durch Dr.

Aus Stadl und Land.

(Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ist mit unter genauer Quellenangabe:Gieß. Änz." gestattet.)

* * Der Verräter des Diebes. Aus einem Garten der Alicestraße wurde vor einiger Zeit deS Nachts ein zum Trocknen aufgehängtes Kleid gestohlen. Der Dieb ließ an dem Thatort ein Stück Papier liegen, das für ihn zum Ver­räter wurde. TS war ein Lohnzettel, auf dem der Name tand. Das Kleid wurde wieder zur Stelle gebracht und der Thäter steht seiner Bestrafung entgegen.

* * Einbruch. In der vergangenen Nacht wurde zum zweiten Male in einem unbewohnten Baubureau der Grün- lergerstraße eingebrochen. Dem Dieb fiel ein Revolver mit Patronen in die Hände.

* Die Promenadeumufik fällt am morgenden Sonn­tag aus.

* * Ein Konzert findet im Garten des Restaurants Royal am Montag abend 8 Uhr statt.

* Der hessische Waiseuschuh hält am Sonntag seine LandeLversammlung in Steins Garten ab. Die Ver­handlungen beginnen um 11 Uhr vormittags. Am Abend giebt es Konzert und Tanz, lebende Bilder und Theater. Es wird auf regen Besuch gerechnet.

Fleischer-Verbandstag. Für den am 17. und 18, d. M. in Rostock stattfindenden VerbandStag des deutschen Fleischer- verbandes hat der Bezirksverein beider Hesten und Nastau, dem auch die Gießener Innung angehört, folgende Anträge gestellt: Stellungnahme gegen das beantragte BiehverficherungS gesetz; Stellungnahme zpm Antrag der Landwirte, betreffend staatliche Schlachtviehversicherung; Abschaffung der Ver­brauchsabgabe auf Fleisch (Fleischstcuer); Die Bestrebungen zur obligatorischen Einführung des Handels nach Lebend-

ich lasse Mich in dieser Ueberzeugung, die ich auf Grund von Thatsachen geschöpft habe, in keiner Weise irre machen."

Auf eine Frage des Staatsanwalts, woher er, Thei­mer, die Berechtigung geschöpft habe, das Geld noch bei Lebzeiten Taubins zu sich zu nehmen, antwortete Thei­mer erregt: Herr Staatsanwalt, ich bin ein beeideter Ad­vokat, ich bin doch wohl zur Aufbewahrung von Geldern legitimiert Unter diesen Umständen, da keine Kassa da war, hielt ich mich sogar für verpflichtet. Wenn Täubin am Leben geblieben wäre, hätte ich ihm das Geld schon zurückgegeben.

Dieser Prozeß hat ein öffentliches Interesse, weil er lehrreich ist. Die Bekundung des letzten Willens wird nur allzuhänfig, teils aus thörichtem Merglauben, teils aus Nachlässigkeit oder Unentschlossenheit, hinausgeschoben, bis eine schwere Erkrankung ernstlich an die Erfüllung dieser Pflicht mahnt. Der kranke Mensch sieht die Dinge nicht normal an; er ist der Energie beraubt; nicht widerstands­fähig gegen Einflüsse, die etwa von fremden, nicht zur Familie gehörigen Personen auf ihn ausgeübt werden. So kommen denn Erbeinsetzungen zu stände, die juristisch ganz unanfechtbar sind, Verfügungen, diebei vollem Bewußtsein" getroffen sind, die aber aller Wahrscheinlichkeit nach von einem gesunden, bedachtsam erwägenden, selbst­ständigen Menschen nicht getroffen worden wären. Erb­schleicherei kommt nicht eben selten vor. Die Fälle, in denen fremde, in dauernder Umgebung des Kranken be­findliche Personen für sich Sympathien zu erwecken, Un­mut, Groll gegen Familienmitglieder hervorzurufen wissen, mit dem Effekt, daß der Kranke seinem Pfleger oder seiner Pflegerin schließlich einen verfügungsberechtigten Teil seines Vermögens vermacht. Diese Fälle sind ziemlich zahlreich! und doppelt empörend, wenn der Nachlaß ohnehin nicht groß ist, und das kleine Erbteil unbemittelter naher An­gehörigen noch. geschmälert wird. Die Empörung richtet ich natürlich gegen die Erbschleicher, nicht gegen den Testator, der aber ein Opfer seiner Schwäche geworden ist. Also: bei voller Gesundheit testieren! Durch das Bürger­liche Gesetzbuch wird das von Anfang bis zu Ende eigen­händig geschriebene Testament' als rechtsgiltig anerkannt. Diese Form des Testaments mag große Vorzüge haben, u. a., daß sie keine Kost,en verursacht; aber es wird die Erb­schleicherei insofern erleichtert, als in aller Stille und unbemerkt Verfügungen getroffen und aufgehoben werden fönnetK Auch die Gefahr der Anfertigung gefälschter Nach­träge zum Testament, die sich plötzlich vorfinden, ist nicht zu unterschätzen. Wer weiß zudem, welche gerichtliche Ent- cheidungen noch erfolgen, die ein eigenhändiges Testa­ment aus diesem oder jenem formalen Grunde für nichtig erklären? Daß kürzlich ein solches Testament von der Behörde nicht anerkannt wurde, weil der Ort. der Der- ügung in dem Testament gedruckt, statt geschrieben war, ist doch bedenklich. Um solchen Möglichkeiten vorzubeugen, )ie unter UmMnden die Hinterbliebenen in schwere Be­drängnis bringen, empfiehlt sich die weit mehr gesicherte Form der Errichtung des Testaments vor einem Notar oder vor einem Richter, schon deshalb, weil diese Rechtskundi­gen in der Lage sind, den Testiator aufmerksam zu machen, wenn eine Bestimmung zu Zweifeln Anlaß giebt.Was hat der Erblasser gewollt? Wie verstand er diese Anord­nung?" Derartige Fragen entstehen häufig, zumal durch zu weitgehende Heimlichkeit, mit der letztwillige Verfüg­ungen getroffen werden, sodaß für manche Familie das Testament ihres Ernährers einevollständige" Über­raschung bildet, und dem Schmerz die Ratlosigkeit und die Sorge hinzufügt.

^aro, riet icy -^auoin, Denen a;eren

Jahre gepflegt, sich 30 000 s^erspcirt und em ei^n »aus « Taubin>'neuerdings, was mit seinem Vermögen

hatte, zu ,ich zu nehmen. Er willigte em und wir s y geschehen solle erhielten jedoch keine Antwort. Mittler-

mit der Bahn nach Gietziug^ Ich bm amerrkangch r^F 1 f Schnürer Herzmassagen und Injektionen

maurer. Des weiteren wird er über die letzte -g -narfi kurzer Zeit zeigte sich eine

Sterbezimmer Taubins befragt und Tagte auf Die per schiedenen Fragen aus, Täubin hätte Don emem nis au wohlthätige Anstalten nichts wissen wollen, werm er ein Testament gemacht hätte, wurde er da» siche g sagt haben. Auf meine Frage, ob er feine letzten Ver­fügungen schon getroffen, antwortete er nein, erfei aüer bereit. Ich gab deshalb den Auftrag, xr. zu

rufen. Als Dr. Theimer kam, teilte ich lhm mch um was es sich handle. Täubin sagte aus eine Frage.Machen Sie mit meinem Vermögen, was Sie wollem aufmerksam gemacht, daß das nicht ginge, habe sich Täu­bin fünf Minuten Bedenkzeit erbeten Dann habe er aus eine Frage Dr. Theimers gesagt, alles solle ihm (dem Angeklagten) gehören, ^r Angeklagte ermnert sich, ;edoch nur, daß Tr Theimer laut wiederholt hat:Also gut, alles soll Herrn Vogl gehören." Dr. Theimer ist darauf mit den Wertpaketen fortgegangen. Vogl will nach dem Tode Taubins in der Erbschaftssache selbst nichts weiter unternommen haben, er habe nur die Vollmacht für Dr.

Theimer unterschrieben. Dr. Schnürer, der Arzt, erhielt als Testamentszeuge 300 fl. Tr. Theimer erhielt 6000 fl. 106 000 fl. habe er, der Angeklagte, für wohlthätige Zwecke gegeben, nämlich für Verwandte Taubins. Staatsanwalt: Ich muß den Standpunkt vertreten, daß dieser Ausgleich mit den Erben durchaus kein Wohlthätigkeitsakt, sondern geradezu ein Verzweiflungsakt war. Des weiteren wird der Angeklagte über den Zweck befragt, weshalb er die 92 000 ff. in fein Geschäft gesteckt habe, das von seinen Nachfolgern übernommen wurde. Geschworener Schug: Wann haben Sie dem Geschäfte die 92 000 fl. zugeführt? Angekl.: Am 13. Juli. Geschworener Schug: Und wann hat die Firma das Geschäft übernommen? Angekl.: Am 30. Juni; aber die eigentliche Firmen-Uebertragung

gewicht; mißbräuchliche Benutzung der Freibänke; Beratung des Statuts zu einer Sterbekaffe des Verbands; Ersuchen au die deutschen Handwerkskammern, das Bestreben des deutschen Fleischerverbandes für Errichtung eines Reichs- Gewerbeamts, eines preußischen Gewerbeministeriums und ebensolcher «erntet in den einzelnen Bundesstaaten zu unter­stützen; Organisation des Handwerks und die Bedeutung deS GenoffenschaftSwesenS für daS Fleischergewerbe.

** Tas Regierungsblatt veröffentlicht in Nr. 48 1. eine Bekanntmachung, die Veranlagung der direkten Staatssteuern betreffend, 2. eine Bekanntmachung, die Ver­legung der Bergwerksdirektion Grube Ludwigshofsnung von Bad-Nauheim nach Friedberg betreffend, 3. eine Bekannt­machung, den Bau einer schmalspurigen Eisenbahn von Gießen nach Bieber betreffend. Die letztere lautet: .

Mittelst Allerhöchster Ermächtigung Seiner König­lichen Hoheit des Großherzogs vom 23. März 1901 ist, unter Aufhebung der Bestimmung in § 9 Ziffer 2 der veröffentlichten Konzessionsurkunde vom 19. März 1897, der Unternehmerin gestattet worden, der Aufstellung der Betriebsrechnung den Zeitraum vom 1. Januar bis 31. Dezember jeden Jahres als Rechnungsjahr zu Grunde zu legen, mit der Maßgabe, daß das am 1. April 1901 beginnende Rechnungsjahr bereits am 31. Dezember 1901 abläuft und mit dem 1. Januar 1902 eine neues Rech­nungsjahr beginnt.

(?) Watzenborn, 14. Juli. Dieser Tage ereignete sich hier ein seltener Vorfall: Ein auswärtiger Maurergeselle war hier bei einem wohlhabenden Bauer mit Erweiterung eines Schweinestalles beschäftigt. Nachdem beide dem Früh­stück kräftig zugesprochen hatten, und als die Arbeit weiter- geheu sollte, stürzte auf den Maurer die 2 Meter hohe Mauer. Zum Glück kam er unverletzt herausgekrochen und die Arbeit konnte ihren Fortgang nehmen.

e. BadNauheim, 12. Juli. Wie man erfährt, soll daS neue Postgebäude auf einem Terrain hinter dem Karls- brunnen, ganz nahe der Karlstraße, erbaut werden. Zu diesem Zwecke muß ein altes Salinen-Siedehaus niedergelegt werden. ES besteht überhaupt die Absicht, die gesamte Saline abzubrechen und in einem einzigen modern ausgestatteten Fabrikgebäude, das in der Nähe der Bahn zu errichten wäre, die Salzgewinnung weiter zu betreiben. So erfreut man in Bad-Nauheim darüber ist, daß in der Postangelegenheit die Platzsrage nun geregelt ist, so verwundert ist man aber auch über die Nachricht, daß der Neubau des Postgebäudes bereits an einen Hanauer Bauunternehmer vergeben sei. Die hiesigen Banhandwerker sehen mit einiger Besorgnis der Zu­kunft entgegen; früher wurden in jedem Jahre 5080Neu- und Umbauten in Nauheim vorgenommen, jetzt dürfte das aushören, denn eS besteht hier ein Ueberschuß an Häusern. Wie in fast allen Kur- und Badeorten, machten sich auch in Nauheim das Darniederliegen der deutschen Industrie, sowie die verschiedenen Bankkatastrophen durch einen mäßigeren Fremdenzustrom bemerkbar. Neue Bauten für Logirzwecke werden jedenfalls hier sobald nicht ausgeführt, da kein Be- dürsnis dafür vorliegt. Von vielen Seiten wird deshalb angeregt, die hessische Regierung möge im kommenden Winter alle notwendigen Bauten, wie z. B. Inhalatorium, Neubau deS Kurtheaters, Schwimmbad, Niederlegung der Saline,. Errichtung eines Fabrikgebäudes für dieselbe usw. baldigst in Angriff nehmen lassen, damit keine Arbeitslosigkeit ein- treten kann. Die Baumaterialien sind bereits im Preise gesunken, so kosteten früher 1000 Russenfteine 24 Mk., jetzt werden sie mit 15 Mk. angeboten. Unter den neu an­gekommenen Kurgästen befindet sich Mr. Johnstone, der englische Gesandte aus Darmstadt, mit Familie.

-tt- Rüddiugshausen, 12. Juli. Die DiphtheritiS hat in unserem Orte noch nicht ihr Ende erreicht. Gegen­wärtig liegen noch etwa 10 Kinder krank. Der Impftermin mußte daher bis auf weiteres verschoben werden.

fc. Budenheim, 12. Juli. Die Unsitte, Detroleum m glimmendes Herdfeuer zu gießen, hat hier em blühendes Menschenleben vernichtet. Die in Sidney geborene 17jährige Tochter des vor acht Wochen aus Australien zurückgekehrte« von hier gebürtigen Metzgers Schell wollte das Herdfeuer mit Petroleum anfachen. Dabei explodierte die Kanne, und im Nu stand das Mädchen vollständig in Flammen. Es lief brennend in eine nebenan gelegene Wirtschaft, wo man die Flammen erstickte. Die Brandwunden waren jedoch so schwer, daß das Mädchen noch in der Nacht, trotz rasch herbeigeholter ärztlicher Hilfe, starb.

Ruppertsburg, 12. Juli. Al- heute früh das Dienst­mädchen des Bäckers und Landwirts Karl Schlörb den Vieh­stall öffnete, gewahrte es, daß zwei Kühe die Nacht über verendet waren. Die Kühe sind anscheinend erstickt, die eine Kuh lag mit dem Kopfe unter dem Körper der andern, wo­durch ihr die Luft abgeschnitten war, die andere hatke sich, infolge der krampfhaften Bewegung unter ihr, liegend mit dem Kopfe rückwärts gezogen, wobei ihr die Kette den HalS zuzog. So ähnlich wenigstens muß der Unfall geschehen sein, denn die Kette war so fest angezogen, daß sie abgehauen werden mußte. Die Leute, welche sofort herbeieilten, haben alle einen solchen Vorfall noch nicht erlebt. Für den Be­treffenden, der nicht versichert ist, bedeutet dies ein empfind­licher Schaden.

k- Vom Rhein, 12. Juli. Nachdem die Köln-Düffel- dorfer Dampfschiffahrts - Gesellschaft ihren Rückfahrtskarten eine 45tägige Giltigkeitsdauer verliehen hat, macht die Niederländische DampfschiffahrtS-Gesellschaft jetzt bekannt, daß ihre Rückfahrtscheine eine GiltigkeitS- dauer von einem Jahre haben.

Mainz, 12. Juli. Wie dasKöln. Tagebl." bestimmt erfährt, wird um die Mitte des August in Mainz eine Monarchenbegegnung stattfinden, die in ihrer Art fo in­teressant ist, daß man ihr wohl eine höhere politische Be­deutung wünschen möchte, als ihr nach Lage der Dinge bei- gemeffen werden kann. Der König von England, der das Bad Homburg auch in diesem Sommer besuchen wird, Kaiser Nikolaus von Rußland, der im August mehrere Wochen am nahe verwandten hessischen Hof ver- weilen wird, und der Deutsche Kaiser werden in der ehemaligen Bundesfestung Mainz zusammeutreffen. Den äußeren Anlaß bildet die dort stattfindende große Parade; bei den verwandtschaftlichen Beziehungen der drei Monarchen liegt nahe, daß sie eine solche Gelegenheit zum gemein­schaftlichen Wiedersehen nicht ungenützt vorübergehen ließen. Vorgestern ist hier das Radfahrer-Detachement