Ausgabe 
14.3.1901 Erstes Blatt
 
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Nr. 62 Erstes Blatt.

151. Jahrgang.

Donnerstag 14. März 1901

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag».

Die Gießener Zamilien- Glitter werden dem An» Zeiger im Wechsel mitHess. Landwirt" undBlätter Mr heff. Volkskunde" vier­mal wöchentlich beigelegt.

eeelmt von Anzeigen m der nachmittags für den wlgenbtit Tag erlchrinrnden Nummer bi« vor« 10 Uhr »»beßellungen Ipältflcn« abend« vorher.

Amtlicher Heil.

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Auf­schlags von Fünf vom Hundert pro Monat Februar 1901 f»r den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg. betragen: Hafer Mk. 15,90, Heu Mk. 8,40, Stroh Mk. 7,30.

Gießen, den 12. März 1901.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

tx Bechtold.

Bekanntmachung.

Betretend: Grunderwerb zum Bau der Nebenbahn Lollar- Londors.

Die für den Bau der Nebenbahn Lollar-Londorf be­stellte Geländeerwerbskommission hat gemäß Art. 22 des Emteignungsgesetzes vom 26. Juli 1884 in der Fassung lom 30. September 1899 Antrag auf Einleitung des Ent- eignungsversahrens hinsichtlich der folgenden in der Ge­markung Lollar belegenen Grundstücke gestellt:

Flur XII, Nr. 256, 257, 251, 250, 240, 238, 237, 236, 235,

234, 233, 232, 213, 213a, 216, 216a, 2166, 294, 295, 296, 302, 290, 289, 344, 345, 346, 347, 366, 329, 330, 368, 369, 328 und 339; Mui II, Nr. 127, 95, 93, 88,5, 78, 77, 71, 70, 69,6, 69,3, 68,5, 165, 175, 181, 183, 184, 185, 186, 187 und 255 87/100.

Os wird dies mit dem Anfügen zur öffentlichen Kennt­nis gebracht, daß der Antrag mit den erforderlichen An­lagen in der Zeit vom 19. März bis einschließlich zum 1. April 1901 auf dein Amtszimmer der Großh. Bürgermeisterei Lollar zu jedermanns Einsicht offen liegt.

Zugleich wird zur Verhandlung über den Plan und die Entschädigung Tagfahrt vor der Lokalkom- mission auf

Donnerstag, den 11. April 1901, vormittags 8 einhalb Uhr, im Gemeindehause zu Lollar anberaumt.

Die Eigentümer, Pächter, Mieter und sonstige an den «bzutretenden Grundstücken persönlich Berechtigte, sowie alle Adrigen an der beantragten Enteignung Beteiligten werden »mfgesordert:

1, Einwendungen gegen den Plan bei Meidung des Ausschlusses und Annahme der Einwilligung in die beanspruchte Abtretung oder Beschränkung,

2. Erklärung auf die angebotene Entschädigungssumme bei Meidung der Unterstellung der Annahme des Angebotes,

3. Anträge auf Ausdehnung der Enteignung bet Mel­dung des Ausschlusses mit solchen,

4. Anträge auf Aufrechterhaltung bestehender Lasten bei Meidung des Ausschlusses mit solchen,

1. Anträge auf Einrichtung und Unterhaltung von An­lagen, welche für die benachbarten Grundstücke zur Sicherung gegen Gefahren und Nachteile notwendig sind oder notwendig werden, bei Meidung des Ausschlusses mit solchen,

6. etwaige noch unbekannte Rechte oder Ansprüche an die zu enteignenden Grundstücke bei Meidung des Ausschlusses mit solchen,

in dem obenerwähnten Termine vorzubringen.

Wenn dritte Personen als dinglich berechtigte oder wegen sonstiger Rechtsverhältnisse bei der Enteignung be­teiligt sind, so muß der Eigentümer solche sofort nach Zu­teilung der Bekanntmachung uns bezeichnen, andernfalls bleibt er für diese Ansprüche verantwortlich.

Die Eigentümer der abzutretenden Grundstücke müssen von der Zustellung dieser Bekanntmachung an zu neuen Anlagen oder zu einer von der bisherigen bezw. der gewöhn­lichen abweichenden Art der Bewirtschaftung die Genehmig­ung des Unternehmers einholen, widrigenfalls eine Ent­schädigung demnächst nur insoweit verlangt werden kann, als durch die Veränderung auch für den öfsenttichen Zweck, für welchen die Enteignung geschieht, der Wert des Geländes erhöht worden ist.

Räumt der Eigentümer einem anderen von dem Zett- punkt der Zustellung an ein dingliches Recht an dem zu enteignenden Grundstücke oder ein persönliches Recht auf dessen Benutzung ohne Genehmigung des Unternehmers ein, so steht jenem anderen eine besondere Entschädigung nicht zu,

Gießen, 7. März 1901.

Grvßherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V.: Dr. Heinrichs.

: Gießen, 1. März 1901.

Betr.: Frühjahrskonkrollversammlungen.

Das Grösstmögliche Kreisamt Gießen an die Gr. Bürgermeistereien deS Kreises.

Nachstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntnis bringen.

v. Bechtold.

Bekanntmachung.

Bei den diesjährigen Frühjahrs-Kontrollverfammlunge» im Kreise Gießen haben zu erscheinen alle zum Hauptmeldeamt Gießen gehörigen:

1. Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve und Landwehr 1. Aufgebots (Kleiner Dienstanzug: Mütze, Waffenrock, Achselstücke, lange Hosen oder hohe Stiefel beliebig, bei schlechter Witterung Paletot).

2. Reservisten, sowie zur Dispofition der Truppenteile und der Ersatz-Behörden Enilassenen aller Waffen.

3. Wehrleute 1. Aufgebots, die vom L Oktober 1888 ab eingestellt worden sind.

4. Ersatz-Reservisten, geübte und nicht geübte.

Nachstehend ist angegeben, wo und zu welcher Zeit die Kontrollpflichtigen anzutreten haben.

A. Zu Gießen

im Oswalds Garten für die Bewohner von Annerod, Allendorf a d. Lahn, Burkhardsfelden, Gießen mit Schiffenberg und Herrnwald, Großen-Linden, Heuchelheim, Klein-Linden, Lang­göns, Leihgestern, Oppenrod, Watzenborn und Steinberg, Hausen, und zwar:

Am 12. April 1901.

1. Appell vormittags 8 Uhr:

Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve und Landwehr 1. Aufgebots;

Reservisten der Infanterie, welche in den Jahren 1893 und 1894 emgetreten sind.

2. Appell vormittags 10 Uhr:

Reservisten der Infanterie, welche in den Jahren 1895 und 1896 emgetreten sind.

8. Appell nachmittags 2 Uhr:

Reservisten der Infanterie, welche tn den Jahre» 1897, 1898, 1899 und 1900 eingetreten sind, sowie sämtliche zur Disposition der Truppenteile und der Ersatz-Behörden ent* laffenen Mannschaften der Infanterie.

Am 13. April 1901.

1. Appell vormittags 8 Uhr:

Wehrleute 1. Aufgebots der Infanterie

2. Appell nachmittags 2 Uhr:

Reservisten, sowie zur Dispofition der Truppenteile und der E> satz.Behörden entlassenen Mannschaften aller übrige» Waffen, und zwar der Garde, Jäger, Kavallerie, Feld« und Fuß-Artillerie, Pioniere, BerkehrStruvPen (Eisenbahn-, Tele­graphen- und Luftschiffertruppen), des Trains (einschl. Kranken­träger), Sanitäts- und Veterinärpersonals, Büchsenmacher- Gehilfen, Oekonomie-Handwerker und Marine-Mannschafte«.

Am 15. April 1901.

1. Appell vormittags 8 Uhr:

Wehrleute 1. Aufgebots aller übrigen Waffen.

2. Appell vormittags 10 Uhr:

Ersatz-Reservisten oer Jahrgänge 1894, 1895,1896,1897, 1898, 1899 und 1900.

3. Appell nachmittags 2 Uhr:

Ersatz-Reservisten der Jahrgänge 1888, 1889,1890, 1891, 1892 und 1893.

B. Zu Lollar

an dem Bahnhof für die Bewohner von Allendorf a. d. Lda., Alten-Buseck, Bersrod, Beuern, Climbach, Daubringen mit Heibertshausen, Großen-Buseck, Lollar, Mainzlar, Rödgen, Ruttershausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Friedelhausen, Treis a. d. Lda., Trohe, Wieseck, und zwar:

Am 16. April 1901.

1. Appell vormittags 8 Uhr 45 Minuten:

Offiziere, Sanitäts Offiziere und Beamten der Reserve und Landwehr 1. Aufgebots.

Reservisten, sowie zur Disposition der Truppenteile und der Ersatz-Behörden entlaßenen Mannschaften aller Waffe».

2. Appell vormittags 11 Uhr:

Wehrleute 1. Aufgebots aller Waffen.

3. Appell nachmittags 1 Uhr: Sämtliche Ersatz-Reservisten.

C. Zu Grünberg

am westlichen Ausgange auf der Straße nach Gießen für die Bewohner von: Allertshausen, Beltershain, Geilshausen, Göbelnrod, Grünberg mit der Dickelsmühle, Neumühle, Stadtmühle, Steinmühle, Obere und Untere Ziegelhütte, Latzmühle, Hattenrod, Harbach mit der Kolbenmühle und Sommermühle, Kesselbach mit der Rabenauischen Papier­mühle, Lauter mit der Artztmühle, Bingmühle, Georgenhammer, Strellesmühle und Walkmühle, Lindenstruth, Londorf mit der

xy. Goethebund - Festabend.

Man schreibt uns aus Berlin: Am 4. März 1900 strnd im Saal des Handwerkervereins in Berlin die erste Protestversammlung der deutschen Künstter gegen die Lex Heinze statt. Sie ist die Hebamwe des bald danach ge­gründeten Goethebundcs geworden. Inzwischen ist die böse Lex wohl verduftet, aber die Theaterzensur, ein nicht un­wesentliches Schwänzchen von ihr, Blieb zurück und richtete nach wie vor Unheil an. Ter Goethebund konnte zwar den Tag, da die Lex fiel, als rauschende Siegesfeier begehen, aber er hat dann seinen Sommerschlaf angetreten und behäbig auf seinen Lorbeeren ausgeruht. Die Gegner kicherten offen und insgeheim; die Freunde wurden ein wenig besorgt, als die zunehmenden Uebergriffe der Zensur vom Goethebund ohne geharnischten Widerspruch hinge­nommen wurden. Von allen Seiten scholl ihm die Frage entgegen, mit der Alberich den- speerstarken Nibelungen- »ecfen aufrüttelt:Schläfst du, Hagen, mein Sohn?" Am Dienstag der verflossenen Woche, just ein Jahr und einen Tag nach seiner Konstituierung, hat der Goethebund wieder ein Lebenszeichen von sich gegeben und seinen Geburtstag durch einen Festabend in der Philharmonie gefeiert. Lr- chestervorträge, Ansprachen, Gesang und Deklamation liehen der Veranstaltung ein würdiges Gepräge. Franz v. Liszt, ein Vetter des Komponisten, der bekannteKriminaliszt" und erste Vorsitzende des Bundes, Theodor Mommsen inib Hermann Sudermann stiegen auf die Rednerbühne hinauf, um dem Publikum die Ziele des Goethebundes oder ihre eigene Weltanschauung auseinanderzusetzen, und Ludwig Fulda, der versgewandte, geißelte in einem frisch verfaßten Gedich: die Aufgeblasenheit des Zensors, der sogar an der Schöpfung des Herrgotts so viel zu bekritteln findet', daß er nur den Ruhetag gut heißt. Im Brennpunkt

des Interesses stand natürlich die Ansprache des dreiund­achtzigjährigen Mommsen. An ihm besitzt der Goethebund eine dekorative Erscheinung, die die Hörer von vornherein zu begeistertem Jubel hinreißt. Hinterher war der Eindruck vielleicht weniger stark, weil der greisen Gelehrten Stimme nicht mehr durchzudringen vermag. Er nannte den zur Verteidigung der ernstlich bedrohten Kunst gegründeten Goethebund eine Notschanze, die man im gefährlichen Augen­blick aufgeschlagen habe, um den ersten Ansturm abzu­wehren, und ermahnte zur Fortsetzung des Kampfes gegen die Lex, die gewesen ist, und die, welche vielleicht noch kommen wird. Der Historiker glaubt also nicht, wie hieraus erhellt, an die völlige Vernichtung des Feindes; er kennt deutsches Geistesleben zu gut, als daß er sich dem Wahn hingäbe, den Dunkelmännern und Heinzemännern sei nun für alle Zeiten der Garaus gemacht. In eine teilweise per­sönliche Polemik gegen den Abgeordneten und Konsistorial- rat Stockmann,die große oder auch kleine Kirchenleuchte", der die Kühnheit besessen, Goethe auch für sich in Anspruch zu nehmen, artete die Rede des streitbaren Hermann Sudermann aus. Sie endete mit dem aufrichtigen religiösen Bekenntnis eines modernen Menschen. Professor v. Liszt hatte schon die Unabhängigkeit von jeder politischen Partei und religiösen Sekte betont und die Gleichberechtigung jeder selbsterworbenen Weltanschauung verlangt. Sudermann führte das im Einzelnen näher aus:Wir haben nicht nach dem religiösen Bekenntnis gefragt. Bei uns kann jeder nach seiner Facon selig werden. Ein Ungläubiger holt sich das Gute, wo er es findet, heute aus Häckel, morgen aus den Evangelien. Wir sind nicht religionsfeindlich, obwohl wir uns vom Dogma losgerissen haben." In diesen Sätzen gipfelte seine Rede. Damit hat er dem Goethebund sein Programm für die Zukunft aewiesen. Die bedrohte Kunst ist im Grunde nur ein Teil des Kampfes, der hier ausge­

fochten wird. Es handelt sich einfach um folgendes: auf der einen Seite moderner Erkenntnisdrang und modern» Wahrheitsliebe, auf der anderen Seite reaktionäres Mucker­tum, das freie Bewegungen nicht aufkommen lassen will. Auf der einen Seite der Geist des Fortschritts und der Auf­klärung, der nicht auf jeden Andersgläubigen xn selbst­gefälligem Dünkel verächtlich herabblickt, sondern jede Rxch- hing, sofern sie nur ehrlichem Ringen entspringt, will­kommen heißt; auf der anderen Seite die Unduldsamkeit hoch zu Roß, die den modernen Menschen, der andere Götter hat als den staatlich anerkannten, als Ketzer, alst Staatsbürger zweiter Klasse betrachtet. Diese abgrundtiefe Verschiedenheit der Weltanschauungen, zwischen denen eS einstweilen noch keine Versöhnung geben kann, wird au*, dem Leben in die Kunst hinübergetragen. Hier pralle» die feindlichen Lager aufeinander. Wenn es dem Goethe­bund gelingen sollte, ein großer Verband aller Gebildete» wider Heuchelei und Bosheit zu werden, dann hat er seine Aufgabe für die Zukunft erfüllt und ist berechtigt, bew Namen des größten Deutschen im Wappen zu führen.

m. Darmstädter Spiele 1901. Man schreibt nur aus Darm­stadt: Die Bauten auf der Mathtldenhöhe erfahren noch eine Bereicher­ung tn einem kleinen Schauspitthaus, besten künstlerischcr Letter sei» Erbauer Professor Olbrich ist, und zu dessen ltUerorischem Letter »er Großherzog, rote rotr bereits mitteilten, den Dichter Wilhelm Holz- amer aus H ppenhetm a. d. B. berufen hat. Durch diefe Berufung hat die Künstlerkolooie eine wichtige Erweiterung erhoben, insofern als nun nicht mehr allein die bildenden rote bauenden Künste in ihr repräsentiert werden, sondern der erste Schritt gemacht ist, die übriges Künste jenen praktisch gleichzustellen. Hol;amer ist auf Anordnung des G-oßberzogs aus seinem bisherigen Wt.kungskreis fielet jur längere Zeit beurlaubt und d-t feine Thäi,°k-tt rurJ

Spiele bereits begonnen. Ein Blick tn da- SBaSenrepertofce um in das Programm eines Spielabend» mag lehren, wie die beiden Leiter