und seine Spießgesellen eine llingende Anerkennung hatten, die Bemerkung schrieb: „Dienstthuender Zollbeamter". Tie Untersuchung wird sehr eifrig geführt, und bereits sollen auch einige Offiziere in vorläufigem Arre st sitzen. Kommandeur des in Neapel stationierten Armeekorps ist der bekannte tüchtige General Mirri, ehemaliger Kriegsminister unter Pelloux.
Aus Stadt und Sand.
Nachrichten von allgemeinem Interesse sind uns stets roiHIommen uixb werden angemessen honoriert.
Gießen, 12. Dezember 1901.
** Ernennungen. Der Großher-og hat den Gerichtsschreiber bei dem Amtsgericht Nieder-Olm Schlörb zum Gerichtsschreiber bei dem Amtsgericht Groß-Umstadt, und den tzilfsgerichtsschreiber bei dem Amtsgericht Mainz Wilhelm Hetterich zum Gerichtsschreiber bei dem Amtsgericht Nieder-Olm, beide mit Wirkung vom 2. Januar 1902 ernannt.
** Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde. Gestern Abend hielt in der großen Aula der Universität Hofrat E. v- H e s s e - W a r t e g g (Luzern) einen überaus interessanten und mit mancher launigen, die europäischen und speziell die deutschen Verhältnisse zum Vergleich heranziehenden Bemerkung geschmückten Vortrag über „Samoa". Im Eingang betonte der Redner, >der im vorigen Jahre seine dritte Reise um die Welt unternahm, die großen Schwierigkeiten einer Reise nach Samoa, die ihren Grund hauptsächlich in dem Mangel an Dampferlinien haben. Ihm selbst glückte es im vorigen Jahre, mit dem deutschen Kriegsschiff „Seeadler" nach Samoa zu gelangen. An dessen Bord hatte er Gelegenheit, einigen Strafexpeditionen mit beizmvohnen, die das Kriegsschiff gegen unsere eingeborenen Landsleute auf dem Bismarckarchipel, die noch durchweg Menschenfresser sind, unternahm. Nach einer Besprechung des Stillen Ozeans und einer Schilderung der Beschaffenheit der Inseln, die vulkanischen Ursprungs sind und von denen besonders Savaii, das größte und höchste Eiland, von wunderbarer Schönheit sodaß man es einen Kanton der Schweiz, gebaut in die Wellen des Ozeans, vergleiche!: möchte, ging der Redner auf eine Beschreibung von Apia über, das durch englische Menschenräuber uno durch die Angestellten des Hamburger Hauses Godefroy gegründet worden ist und jetzt etwa 250 Weiße sowie Eingeborene in größerer Anzahl beherbergt. Unter den Weißen sind jedoch fast gar keine Frauen. Unter den Missionen, die sehr zahlreich in Apia vorhanden sind, ist die wesleyanische Mission am bekanntesten. Der Vortragende hob weiter die Schönheit der samoanische:: Rasse, insbesondere der Samoanerinnen, mit warmen Worten hervor und ging sodann auf die Tätowierung des näheren ein, die man bei Männern wie Weibern findet. Die die Tätowierung Vornehmenden sind fast die einzigen Handwerker. Außer ihnen giebt es nur noch Zimmerleute. Ueberhaupt sind die samoanischen Bedürfnisse äußerst gering. Der Haushalt ist fast gleich null. Möbel fehlen ■ vollständig. Selbst Häuptlinge haben kaum .irgendwelche Geräte. Matten aus Pandanus-Fasern vertreten die Stelle unserer Sitze, werden aber gleichzeitig auch als Teller, als Vorhänge und einziger Schutz der rings offenen Häuser, als Lagerstätte und selbst als Geld benutzt. Es folgte eine kurze Abschweifung über die Geld- Verhältnisse im Bismarckarchipel und auf den Karolinen. .Dörfer, so fuhr der Redner dann fort, sind fast nur an der Küste vorhanden. Im Innern von Sawaii giebt es 3. Nun schilderte der Vortragende kurz die Speisen der Samoaner. Auch die Kokospalme spielt dabei eine Rolle. Doch ist deren größte Bedeutung in der Erzeugung der Kopra, der getrockneten und in Scheiben geschnittenen Stücke der Kokosnuß, zu setzen. Eine Pflanzung von Kokospalmen liefert auf den Hektar 250 M. Jahreserträgnis- Leider aber sind die Samoaner nicht zur Arbeit in den Pflanzungen zu bewegen, sodaß der Gouverneur Solf ihnen die Verpflichtung zur Pflanzung von Kokospalmen gesetzlich auferlegt hat. Kopra ist auch das einzige Produkt der Insel, das zur Ausfuhr kommt. Alle übrigen Anpflanzungen sind ohne Bedeutung. Nach einer längeren Schilderung der Bedeutung des Getränkes der Samoaner, der Kawa, aus den Wurzeln des Pipermetysticum und der dabei eine Rolle spielenden Dorfschönheit Taupu, beschloß der Redner seine ethnographischen Ausführungen mit einer Besprechung der Tänze, die sitzend ausgeführt, und insbesondere bei festlichen Gelegenheiten abgehalten werden und die für Fremde einen großen Anziehungspunkt darbieten. Leider ist die Verbindung nach Samoa zur Zeit außerordentlich schlecht, da die amerikanische Dampferlinie San Francisko—Sidney seit 1900 nicht mehr die Insel Upolu und den Hafen von Apia anläuft, sondern die amerikanische Insel Tutuila und ihren Hafen Pango-Pango. Zur Zeit verkehren 6 wöchentlich, nur schlechte Dampfer nach Sidney, und selbst die Post muß nach Tutuila mit einem seelenverkaufenden Dampfer geschafft werden, wobei es zuweilen geschieht, daß die amerikanischen Dampfer ihren Fahrplan nicht einhallen und zu früh abfahren. Wenn der auf Upolu befindliche Hafen Saluafata durch Wellenbrecher geschützt würde, so könnte er einen südlichen Hafen abgeben. Ter Handel Samoas beträgt etwa 3—4 Millionen Mark jährlich, doch .hat die Kolonie keine Aus sich tauf kommerzielle Bedeutung, selbst wenn sich der Handel steigern sollte. Wohl aber kann sie nach Eröffnung des mittelameriranischen Kanals eine politische Bedeutung erlangen.
E. Eh. Konzert-Verein. (Weihnachts- Mysterium am 15. und 16. Dezember.) Die Besucher des Konzertes und der Hauptprobe machen wir, auf Wunsch des Vorstandes, darauf besonders aufmerksam, daß die Garderoben in der Turnhalle räumlich nicht so gelegen sind, um einen großen Andrang rasch zu bewältigen. Daher ist jeder im eigenen Interesse gebeten, nicht erst in letzter Minute zu kommen, sondern sich möglich eine halbe Stunde vor dem Anfang nach der Turnhalle zu bemühen, er ist dann sicher, prompt abgefertigt zu werden. Am Sonntag wird präzise um 5 Uhr begonnen, an: Montag um 5 einhalb Uhr. Die Zeit muß in Rücksicht aus die Auswärtigen genau innegehallen werden. An dieser Stelle weisen wir noch darauf hin, daß eine Omnibusverbindung vor dem Konzert und nach dem Konzert zwischen Bahnhof und Turnhalle eingerichtet ist.
§ Ermenrod, 12. Dez. Wie pffig die Zigeuner sind, das zeigte sich kürzlich bei der Festnahme einer Bande in dem benachbarten Schellnhausen, die in Groß-Felda jüngst den Tiebstahlt ausgeführt hat, von dem wir berichteten. Noch ehe der Stationsführer, Gendarm Dörr, von Ruppertenrod dort auf einem Seitenweg angekommen war, merkte die Bande, daß sie verfolgt werde. Wie der Blitz schirrten sie von ihren Augen die zwei besten
Pferde ab, zwei der braunen Reiter warfen sich auf sie und fort ging's im Galopp. Die Zigeuner müssen mithin von dem Mittel, das man in Nicder-Ohmen gegen eine andere Horde in einem ähnlichen Falle anwandte, Kenntnis gehabt haben. Das verpsändete Pferd haben die Zigeuner nicht wieder ausgelöst. Es ist gestern dem Bestohlenen als Eigentum zuertannt worden. Im Kreise werden jetzt sck)arfe Maßregeln gegen die Zigeuner amtlich bekannt gegeben, so daß es den braunen Gästen bald ungemütlich werden Dürfte.
e. Bad-Nau heim, 11. Dez. Hier herrscht heute großer Jubel: die Verbesserungsarbeiten an Nauheims berühmtester Quelle, dem „großenSprude l", sind mit größtem Erfolge zu Ende geführt. Die Quelle, die vor über 50 Jahren Nauheims Ruhm begründet hat, sprudelt seit heute mittag 1 ein halb Uhr 1,10 Meter höher wie früher! Auch die Wassermengen sind reicher, ebenso der Kohlensäuregehalt. Schon bisher war der „große Sprudel" die an Kohlensäure reichste Tl)ern:alquelle der Welt. In dem Bassin, das 3,30 Meter über der Erde steht, hat die Quelle nur etwa 30 bis 40 Zentimeter üb er sprudelt, jetzt springt sie, in einem Steigerohr von derselben Höhe, 1,45 Meter hoch. Diese prächtige Wiedergeburt ihres „großen Sprudels" haben die Nauheimer dem Geh. Ober- Bergrat Prof. Dr. Richard L ep siu s - Tarmstadt zu verdanken. Dieser Geologe hat auch den „Ernst Ludwig- Sprudel", die Quelle XIV. erbohrt, die am 7. März 1900 zu tage trat. Die dankbare Stadt hat Professor Lepsius damals zum Ehrenbürger ernannt. Die Arbeiten am „großen Sprudel" hat die Firma H. Thumann-Halle nach den Plänen des Professors Lepsius ausgeführt. Dieselbe Firma erbohrte auch den „Ernst Ludwig-Sprudel". Beaufsichtigt wurden die Arbeiten von dem Vorstand des hiesigen Großh. Hess. Tiefbauamts, Baumeister Dr. Es er, dem Bademeister Kissel hilfreich zur Seite stand. Da am 16. Oktober der Bohrturm errichtet wurde, haben die äußerst schwierigen Arbeiten nicht einmal zwei Monate gedauert. Es handelte sich bei den Arbeiten um eine bessere Ausbohrung des alten Bohrlochs, um eine tiefere Bohrung der 159,5 Meter liefen Quelle, um wichtige Untersuchungen betr. der Zuflüsse, des Zusammenhangs mit den übrigen Sprudelquellen und um Einführung einer neuen Verrohrung. Die Nauheimer t)äugen mit großer Liebe an ihrem „großen Sprichel", obwohl dieser nicht der höchst springende Sprudel ist, das ist der „Friedrich Wilhelm- Sprudel", die Quelle XIV.; aber der große Sprudel ist )ie älteste Quelle und hat schon viele Schicksale mitgemacht. Erbohrt wurde die Quelle von 1839 bis 1841 von Salineninspektor Wilhelms), noch zu kurhessischen Zeiten. Wilhelmy kam von Nauheim fort, und man deckte die halbvollendete Quelle mtt Balken und Erde zu, bis sie sich am 22. Dezember 1846 bei einem Erdbeben von selbst den Weg zur Oberfläche bahnte. Vom 2. März bis 16. April 1855 blieb die Quelle wiederum infolge eines Erdbebens aus. Am 22. Dezember 1896 feierte man in Nauheim das 50 jährige Jubiläum des „großen Sprudels". Vom 2. bis 4. April trat die Quelle zurück, was nicht allein Nauheim, sondern die Leidenden der ganzen Well erschreckte. Durch die jetzt ausgeführten Verbesserungsarbeiten dürfte die Quelle vor weiteren Unfällen bewahrt bleiben, nicht allein zum Segen für die Stadt Bad-Nauheim, sondern auch für die Herzleidenden der ganzen Welt, die gerade den „großen Sprudel" am meisten verehren.
() U l r i ch st e i n, 12. Dez. Ganz in der Nähe unseres Städtchens hat die Frhr. Riedesel'sche Burgbrauerei zu Lauterbach einen gewaltigen Felsenteller erbauen lassen. Zu seiner luftdichten Abschließung kamen dieser Tage ganze Wagen voll Torfmull hier an, den man aus Norddeutschland bezogen Halle. Daß die Anlage dieses Felsenkellers auch volkswirtschaftlich von Nutzen ist, ist gewiß klar, wenn man den Wert des Eises im Hochsommer sowohl für gewisse Krankheitsfälle als auch zur Konservierung von Nahrungsmitteln, insonderheit der Fleischwaren, in Betracht zieht. Die Erbauung des Felsenkellers zeigt aber auch, daß sich das Riedeselsche Burgbier immer weitere Freunde erwirbt, die den guten Stofs zu schätzen wissen.
Jugenheim, 11. Dez. Ein prächtiges Geschenk erhielt die hiesige Kirche von dem Prinzen Lud w i g von Battenberg, nämlich eine kunstvoll gestickte Altardecke und eine Kanzel- und Lesepultbekleidung.
Mainz, 11. Dez. In der heutigen Sitzung der Stadtverordneten kam u. a. die Abänderung des Statuts über das Gewerbegericht zur Beratung. Es handelte sich darum, das bestehende Ortsftatut der vom ReichDtage beschlossenen Novelle zur Gewerbeordnung anzupassen. Die Abänderungsvorschläge der sozialpolitischen Kommission wurden einstimmig gutgeheißen. — Auf einen Antrag des Stadtverordneten M. M. Mayer wurde beschlossen, eine Abänderung in der Erhebung von O ktroig ebiüh ren derart vorzunehmen, daß für die Folge bei der Einfuhr von Wein, Obstwein und Branntwein, in Quantitäten bis zu 6 Litern diejenigen Oktroigebühren erhoben werden, welche bei der Einführung dieser Getränke in Fässern in Anrechnung kommen. — Bei der gestrigen Wahl zur H a n d e l s f a m m e r wurden Weinhändler Joseph Harth und Kolonialwarenhändler Aug. Feine neu und Kommei^ienrat Peter Melchers und Dr. O. Gastall wieder gewählt.
Bingen, 11. Dez. lieber ein freches Plagiat, das zugleich einen burlesken Anstrich hat, wird berichtet: In der „Rhcin-Nahe-Ztg., Generalanzeiger für Bingen und Umgebung," wird gegenwärtig im Feuilleton ein Roman gedruckt: „Die Liebe eines Künstlers", Originalroman von Allhur Eugen Simson. Dieser Roman ist ein wörtlicher Abdruck des vor längerer Zeit im Buchverlag erschienenen Romans „Zu spät" von Clarissa Lohde. Als die Autorin, davon in Kenntnis gesetzt, sich beschwerdeführend an den Verlag der Zeitung und an den als Verfasser unterzeichneten Simson wandte, erhielt sie von ersterem gar keine Antwort, von Simson dagegen ein längeres Schreiben, in dem er zur Entschuldigung anführte, daß er erblich belastet und nervenkrank sei und deshalb geglaubt habe, der Roman sei von ihm geschrieben. Der merkwürdige Brief schließt mit folgenden Worten: „Bitte recht sehr, Rücksicht auf mich zu nehmen und mich nicht unglücklich zu machen, da ja ein jeder Mensch aus Versehen einen Fehler begehen kann. Es liegt das an meiner Gedächtnisschwäche, da ich sehr an solcher leide." — Eine sonderbare, aber doch einträgliche Gedächtnisschwäche.
Frankfurt a. M., 10. Dez. Ilm das bekannte Iügelsche Vermächtnis von etwa 2 Millionen Mark scheint ein Streit entbrennen zu sollen. Die 5 Testaments- vollsllecker hatten sich in 2 Parteien gespalten. Die eine Partei wollte Dav Gelo zur c.v.Dkii.ig oder Anbahnung einer Universität in Franifurt benutzen, b:c andere Partei damit die Zwecke Der Armen - und Siechen- versiorgung fördern. Der ersten Partei ^eljör^en von
den 5 Testamentsvollslleckern 3 an. Nun ist einer der drei gestorben und zu seinem Nachfolger wird nach Lage der Dinge ein Gleichgesinnter ernannt werden. Tie Gegner der „Universität Frankfurt" suchen nunmehr durch Beschäftigung der Oeffentlichkeit mit der Sache für ihre Ideen Stimmung zu machen. Der Gedanke einer Universität in Frankfurt ist ja schon früher an dieser Stelle als eine Lieb- ingsidee hiesiger maßgebender Kreise gekennzeichnet worden. Dieselben machen geltend, daß die Fürsorge für die Armen und Siechen seit Der Zeit Der Errichtung jener Stiftung durch den Erblasser sich so sehr gebessert hätte, daß der Stifter heute wohl selber eine solche Stiftung nicht mehr errichten würde.
N. Garbenteich, 11. Dez. Bei der Gemeinderats- wähl am Montag wurden gewählt: Heinrich Wallbott X., Schmied, mit 47 Stimmen, Johannes Kissel IV. mit 47 und Heinrich Ruhl I., Agent, mit 45 Stimmen. Die Wahlbeteiligung war ziemlich rege. Damit sind die diesjährigen Wahlen, Deren wir drei hatten, zu Ende. Wohl haben sie die Gemüter manchmal erregt, aber sie haben nicht vermocht, den Frieden unserer Gemeinde zu stören. Wüste Schlägereien, wie sie von anderen Ollen gemeldet wurden, ja selbst nicht einmal kleinere Zwistigkeiten kamen vor; bei uns ist man friedliebend. — Dieser Tage fand hier die Versteigerung eines Teiles des durch die Feldbereinigung gewonnenen Massengeländes statt, und man erzielte dabei Preise, die man setther in Garbenteich nicht gekannt hat. Wurde doch der Quadratmeter bereinigten Landes fast nie unter 70 Pfg. bezahlt, ja vielfach stiegen die Preise bis zu 1 Mk. und darüber. An einem Stück kostete gar der Quadratmeter 1.50 Mk. Die Preise schwanken also, auf den Normalmorgen (2500 Mir.) ausgeschlagen, zwischen 17.00 und 37.00 Mk.
Gerichtssaal.
li. Fulda, 6. Tez. Strafkammer. Heute kam die vom Staatsanwalt als öffentlichem Ankläger und von dem katholischen Pfarrer Nau als Nebenkläger erhobene Aicklage wegen öffentlicher Beleidigung des Pfarrers Nau zu Salzschlirf zur Verhandlung. Angeklagt sind Dr. med. I u n g m a n n, Salzschlirf- Berlin (Israelit), Tirektor der Aktiengesellschaft Bad Salzschlirf, B e r l i t (evang.), Gartner Lange (cuaiig.), Backer Möller (evcmg.), Bazarkausmann Beck (koch.) wegen Verbreitung des Gerüchts: Es sei s. Z. in Hofgeismar das Gerücht gegangen: Pfarrer Nau habe in unerlaubten Beziehungen zur Frau eines Gerichtsvollziehers gestanden, der sich deswegen das Leben genommen habe. In der heutigen Ver- Handlung behauptet Dr. Jungmann, s. Z. dem Tirektor Berlil gegenüber nur die ganz harmlose Bemerkung gemacht zu haben, daß Pfarrer Nau früher freigeistiger gewesen sei; es sei in Hofgeismar das Gerücht gegangen, Pfarrer Nau habe die Frau eines Selbstmörders als Haushälterin zn sich genommen. Dieser heutigen Darstellung des Dr. Jungmann wideripricht Direktor Berlit; er habe nach den damaligen Worten des Dr. I. nicht anders annehmen können, als daß in Hofgeismar das Gerücht von einem unerlaubten Verhältnis des Pfarrers Nau zu einer Gerichtvollziehersfrau bestanden habe. Die Verhandlungen und Zeugenaussagen ergaben folgendes: Die Gerückte über ein unerlaubtes Verhältnis zwischen Pfarrer Nau und der fraglichen Gerichtsvollziehersfrau entbehren jeder chatsächlichen Unterlage. Auch die Angeklagten haben nicht behaupten wollen, daß etwas daran wahr sei. Es ist auch festgestellt, daß in Hofgeismar ein derartiges Gerücht nicht bestanden hat. Pfarrer Nau geht in dieser Beziehung makellos aus der Verhandlung hervor. — Dagegen hat Pfarrer Nau auf gründ ihm zugetragener entstellter Gerüchte üoer den Turnverein und auf gründ feines eigenen einseitigen Urteils über eine (wie er annimmt) verderbliche Wirkung des Turnvereins eine Kampfesweise gegen den Turnverein eilige)d)lagen, die insbesondere bei den protestantischen Mitgliedern des Turnvereins Erbitterung Hervorrufen mußte und die von feiten der Verteidigung und des Gerichtspräsidenten als nicht besonders verständig und als den konfessionellen Frieden störend bezeichnet wurde. Auch der Anwalt des Pfarrers Nau erklärte, daß es vielleicht von Pfarrer Nau besser ^gewesen wäre, wenn er gewisse Worte nicht gebraucht hätte; aber an der Rechtlichkeit seines Vorgehens könne man nicht zweifeln; er sei bei seinem seeliorgerlichen Wirken von dem besten Bestreben geleitet gewesen. — Mehrere unangenehme Situationen brachte die Zeugenvernehmung dem Nebenkläger Pfarrer Nau wegen seiner vorherigen eidlichen Aussagen; z. B.: er war am Vormittag gefragt worden, ob er vor dem Verkehr mit „Protestanten" und vor dem Turnverein gewarnt habe, weil „Protestanten" Darin seien, und hatte darauf mit Nein geantwortet. Am 9lad)mittag bekundete ein Zeuge: Pfarrer Nau habe in der Christenlehre gesagt: „Die Eltern sollten ihre Söhne aus dem Turnverein herausnehmen, weil Leute andern Glaubens darin seien." Pfarrer Nau erhärt: „er könne höchstens gesagt haben: weil Leute anderer Ueberzeugung darin seien." Später bekundet ein anderer Zeuge: „Am 19. Mar hat mir Pfarrer Nau seine Bedenken gegen den Turnverein ausgesprochen und darauf verwiesen, daß Protestanten darin seien." Präsident: „Herr Pfarrer Nau, was haben Sie dazu zu sagen?" Pfarrer Nau: „Ja, das habe ich gesagt!" Präsident: „Aber Herr Pfarrer Nau, warum haben Sie das vorher geleugnet?" Pfarrer Nau: „Nur in der Kirche habe ich es nicht gejagt!" Präsident: Herr Pfarrer Nau, Sie können sich hier nicht hinter einen Gedankenvorbehalt verstecken. Sie haben es allgemein gesagt, daß Sie nicht von Protestanten gesprochen hätten." Pfarrer Nau: „Ich habe aber dabei nur an die Kirche gedacht." Ehe in der Vernehmung fortgefahren wird, richtet der Gerichtspräsident an Pfarrer Nau etwa folgende Ermahnung: Ich mache Sie daraus aufmerksam, daß Sie alles wahrheitsgemäß auszusprechen haben, was Sie wissen. Sie haben geschworen, nichts zu verschweigen, Sie haben sich also ernstlich zu prüfen. Es wird Ihnen jetzt eine bestimmte Frage vorgelegt, darauf haben Sie bestimmt zu antworten. Haben Sie zu Lehrer Ney gesagt: er solle nicht mit Protestanten verkehren?" Pfarrer Nau: „Ich kann mich nicht erinnern." Lehrer Ney sagt unter Eid aus: „Pfarrer Nau hat eines Tages zu mir gesagt: Der Verkehr eines katholischen Lehrers mit einem evangelischen sei nicht gut; es bleibe immer etwas hängen." Pfarrer Nau bleibt dabei: Ich kann mich nicht erinnern." Das Zeugenverhör schließt darnach mit der Vernehmung der Frau Ge- richtsvollzieherswittwe Hilden, welche unter Eid aussagt, daß zwischen ihr und Pfarrer Nau nichts Intimes und Unerlaubtes oor- gefallen sei. Das Urteil lautete gegen Dr. Jimgmann auf 200 Mk. Geldstrafe, gegen Direktor Berlit auf 300 Mk., gegen Lange und Möller auf "je 75 Mk., das Verfahren gegen Beck wurde eingestellt. Der Schutz des § 193, in Wahrung berechtigter Interessen gehandelt zu haben, wurde den Angeklagten nicht zugevilligt. Tagegen wurden mildernde Umstände angenommen, weil die Angeklagten durch den Pfarrer Nau gereizt sein konnten.
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