Ausgabe 
13.12.1901 Drittes Blatt
 
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Nr. 294

scheint täglich mit Ausnahme deS Sonntag-.

DieSiebener Zamilienblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der hesfische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Freitag, 13. Dezember 1901

Giehener Anzeiger

151. Jahrg.

Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unioersilätsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giehen

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Die erste Berathung des Zolltarif-Gesetzes wird fortgesetzt.

Abg. vr. Pachnicke (freis. Vgg.): Herr von Podbielski hat gestern gegen die Motive zum Entwurf gesprochen. Er behauptete, daß die Mehrbelastung zum Theil vom Auslande getragen werden wurde, während in der Begründung sehr zutreffender Weise das Gcgentheil ausgesprochen ist. Herr Heim berief sich gestern auf vr. Ballod; er hätte besser den vr. Lieber zitirt, der die Handels­verträge eine Großthat genannt hat. Die Getreidepreise sind in den letzten Jahren gestiegen. Die deutsche Landwirthschaft erzielt, wie Graf Posadowsky uns mitgetheilt hat, die höchsten Erträge. Das sind Thatsachen, die zu den Ausführungen des Abg. Heim nicht stimmen. Auch ein Theil der katholischen Arbeiter ist anderer Mei­nung. als Herr Heim. Die Sozialdemokraten suchen das für sich auszunuhen, und ich weiß nicht, ob im Stampfe um die Seele des katholischen Arbeiters dpr Kaplan immer über den Sozialdemo­kraten siegen wird.

Nun zu Graf Kanitzl Graf Kanitz gilt als der denkende Kopf der konservativen Partei. Da nimmt es mich Wunder, daß er wieder von der allgemeinen Nothlage der Landwirthschaft sprach, obgleich er doch allmälig eines Besseren hätte belehrt toerden können. Graf Kanitz behauptete ferner, die hohen Zölle würden einen dauern­den Nutzen für die Bauern haben. Aber er müßte doch wissen, daß dieser Nutzen bald wieder durch die Steigerung der Güter­preise illusorisch gemacht wird Wir theilen die hohe Meinung von der Bedeutung der Landwirthschaft. Wenn Sie praftische Po­litik für die Landwirthschaft treiben wollen, so treiben Sie mit uns innere Kolonisation! Zerkleinern Sie die großen Güter, und diese Güter, die für einen Besitzer nicht ertragsfähig sind, werden hun­dert Bauern ernähren. Und richten Sie die Güter so ein, daß sie sich auch bei ungünstigen Verhältnissen rentiren. Seit 1889 hat die innere Kolonisation leider keine Fortschritte gemacht, weil sie den Interessen der Großgrundbesitzer entgegen ist. Graf Kanitz sieht bei seiner ganzen Argumentation nicht über die Gegenwart hinaus. Er bedenkt nicht, daß die Entwickelung dahin führen muß. daß in 20 Jahren vielleicht nur 25 Prozent unserer Bevölkerung von der Landwirthschaft leben werden. Diese Entwickelung muß auf die politische Stellung der Agrarier Einfluß haben. Wenn Sie heute noch die Zölle durchsetzen sollten: in 20 Jahren werden Sie es nicht mehr können. (Lachen rechts.) Viel bedeutungsvoller ttf» die Zölle sind andere Umstände für die Landtmrthe, zum Bei­spiel eine einzige Erfindung, oder ein Schienenweg. Sie pflegen zu behaupten. Über diese Frage könnten nur Landwirthe mitreden. Zwar hat auch Herr Dr. Hahn keinen Ar und Helm, aber sobald von der linken Seite Ihnen etwas Unangenehmes gesagt wird, haben Sie keine andere Antwort, als daß wir keine Bauern sind Be­denken Sie doch, daß es sich hier nicht um technische, sondern um die politischen Fragen handelt. Wenn nur der zu einem Urtheil befähigt sein sollte, der zugleich Landwirth ist, dann ist schließlich nur der Professor und Gutsbesitzer Paasche für ein Urtheil zu­ständig. (Heiterkeit.) Wenn wir Ihren (nach rechts) Erklärungen Glauben schenken sollen, dann ist der Entwurf schon heute ge­fallen. Tenn Sie haben erklärt, den Entwurf ablehnen und zum Freihandel übergehen zu wollen, wenn Sie nicht den 7,50 Mk.- Zoll bekommen. Das sind die Forderungen des Bundes der Land­wirthe. Tb allerdings der Bund der Landwirthe mit dieser For­derung in der konservativen Partei durchdringen wird, muß sich erst zeigen. (Sehr richtig! rechts.) Aber wenn auch nur die Hälfte Ihrer Partei fest bleibt, dann ist kaum eine Mehrheit für örn Ent­wurf vorhanden. Sollten Sie aber Ihre Forderung in bei Kom­mission durchsetzen, dann wird die Entrüstung über den Entwurf fn groß werden, daß sie das ganze Tarifwerk über den Haufen werfen wird ganz abgesehen von der Negierung. (Lachen rechts.) Ich weiß nicht, ob es wahr ist. daß die Negierung erklärt hat. sie könne leinenfalls über die Sätze des Entwurfs hinausgehen. Viel­leicht also lvar die ganze Debatte nutzlos, jedenfalls aber sehr inter­essant, weil wir einen tiefen Einblick in die Seelenstimmung der MOiister thun konnten. Nehmen Sie es uns nicht übel, aber der Eindruck besteht, daß die Regierung von den Agrariern regiert wird. Daran ist auch durch den Eintritt des Herrn Möller ins Ministerium nichts geändert. Die Führung in dieser Bewegung

festzustellen, wie der Zolltarifentwurf entstanden ist. (Reichs­kanzler Graf Bülow betritt den Saal.)

Es war der allgemeine Wunsch der großen wirthschaftlichen Verbände und auch aller Produzenten, daß man bei der "Vorberei­tung dieses Zolltarifs nicht so vorgehen sollte, wie bei dem russischen Handelsvertrag. Man wünschte nicht, daß wenige Wochen vorher Sachverständige zusammenberufen würden, sondern verlangte ein ständiges Organ. Das ist im wirthschaftlichen Ausschuß geschaffen worden, und gerade so wie mein Amtsvorqänger Herr von Bötticher den Vorsitz führte in der Zolltarifkommission für den russischen Han­delsvertrag, habe ich den Vorsitz geführt in diesem wirthschaftlichen Ausschuß. Nachdem der Ausschuß seine Arbeiten beendet hatte, habe ich mit einem Gutachten von mir versehen das Material

abgegeben an das zuständige Ressort, das Neichsschatzamt. Darauf wurden unter Vorsitz des Reichskanzlers und unter Zuziehung der verschiedenen Reichsämter, ferner des preußischen Handelsmini­sters, Landwirthschaftsmimsters und Finanzniinisters bie Grund­sätze für den Zolltarif festgelegt. Darauf ist dann der Zolltarif während eines Zeitraums von sechs Monaten im Neichsschatzamt ausgearbeitet worden. Dieser Zolltarif ist demnächst in wochen­langen Verhandlungen von Kommissaren aller betheiligten Reichs- und preußischen Ressorts berathen worden, darauf haben die be- fannten Konferenzen mit den Ministern der Mittelstaaten statt­gefunden, in welchen eine Einigung über die grundlegenden Fragen des Zolltarifs erfolgte. Demnächst ist mit Genehmigung des Kai­sers der so entstandene Entwurf dem Bundesrathe zugegangen; der Bundesrath hat sich wochenlang damit beschäftigt; er hat ihn dann angenommen und jetzt liegt er Ihnen als ein Werk der ver­bündeten Regierungen zur Beschlußfassung vor. Es ist daher vollkommen überflüssig, Untersuchungen über den Vater des Entwurfs anzuftellen. (Sehr richtig! rechts.) Nun eine Bemerkung gegen einen Redner der Linken. Die Herren können versichert sein, daß ich Achtung habe vor jeder gegenteiligen politischen Auffassung, wenn sie auf ernster Vertiefung in die Materie beruht, ober wenn man die Negierung zu diskreditiren sucht durch unzutreffende Ver­gleiche, so können Sie sich nicht wundern, wenn man hierin ein Mittel zum Zweck sieht, das der sachlichen Motive entbehrt. (Sehr richtig! rechts.) Der Führer der freisinnigen Nolkspartei hat erklärt, er glaube es nicht, daß die von mir zitirte Aeußerung des früheren Chefs des Auswärtigen Amtes Freiherrn von Mar­schall gefallen fei, er glaube es fo lange nicht, bis sie von Herrn von Marschall selbst bestätigt werde. Nun, meine Herren, der Frei­herr von Marschall, der doch, ich kann sagen, die Seele der Han- -delsvertragspolitik des Jahres 1891/92 war, hat diese Aeußerung bereits in der Sitzung vom 26. Februar 1892 getan, der auch die Herren Broemel, Dr. Barth und Rickert beiwohnten, die gegen die damalige Auffassung des Herrn von Marschall nichts einzu- wenden hatten. Freiherr von Marschall hat diese Aeußerung aber in noch viel prägnanterer Form wiederholt am 8. Februar 1897, ich werde sie vorlesen, sie lautet:Ich halte einen neuen Zolltarif für notwendig, und zwar aus dem Grunde, weil ich einen mehr spezialisirten Entwurf für unumgänglich notwendig erachte, ge­rade für den Fall, daß die bisherige Handelspolitik fortgesetzt werden sollte, was rch hoffe. Tie Erfahrungen bei den letzten Verhand­lungen mit anderen Staaten haben gezeigt, daß die heutige An­lage des Zolltarifs die Verhandlungen erschwert." (Hörti hört! rechts.) Welches klassischere Zeugniß können Sie verlangen? Herr von Marschall hat weiter von Veränderungen auf wirthschaftlichen und technischen Gebieten gesprochen, die eine Revision nothwendig

Nun ist behauptet worden, die Industrie wünsche gar keine höheren Zölle, und man hat sich dafür auf den Verein der Eisen- iind Stahl-Industriellen berufen. Aber gerade dieser Verein hat sich, für einzelne Zollerhöhungen ausgesprochen. Auch die Eisen- konsumenten sind mindestens für die Aufrechterhaltung der bis­herigen Zölle. Das folgt' schon daraus, daß sie fast alle Mit­glieder des Vereins der Eisen- und Stahl-Industriellen sind. DaS Eisen kann gewiß überschützt fein in Zeiten befonberer Prosperität, aber es ist ein genügenber Zollschutz für das Eisen notwendig für Zeiten, in denen in unseren Konkurrenzstaaten Handelskrisen auf­treten. Dann sollen die Baumwoll- und Garnspinnereien sich gegen Erhöhungen ausgesprochen haben. Ich bemerke zunächst, daß in dem Tarif überhaupt nur die Zölle auf Feingarn erhöht wor­den sind. Wie stehen nun die Spinnereien zu dieser Frage? Der Verband der Vaumwollspiiinereien hat ausdrücklich erklärt, die ge- sammten Spinnereien hielten die bisherigen Zölle für das Mini­mum des Zollschutzes, das die deutschen Spinnereien nötig hätten, wenn sie existenzfähig bleiben sollen. Nun hat man sich auf Amerika berufen und über dessen Absichten durchaus unrichtige Mittheilungen gemacht. Es ist ein eigentümlicher Zufall, baß das in demselben Augenblick geschah, wo die Botschaft des amerikanischen Präsidenten erging. In dieser Botschaft ist u. A. ausdrücklich darauf hinge- wiesen, daß die Verhältnisie der Handelsmarine ein sofortiges Vor­gehen verlangten. Man hat auf die kolossale Zunahme unserer Ausfuhr nach Amerika hingewiesen. Auf die Gesammtziffern der Ausfuhr kommt es nicht an, sondern es fragt sich: Wie steht es mit unserer Handelsbilanz in Bezug auf Fabrikate? Seit 1893 hat unsere Einfuhr von Fabrikaten aus Amerika um 146 Proz. zuge- nommen, während unsere Ausfuhr dorthin nur sehr wenig zuge- nornmen hat. Ich glaube, die verbündeten Regierungen haben in den ichwierigen Verhältnissen, in denen wir uns handelspolitisch gegenüber Amerika befinden, den Nachweis geliefert, daß wir den Zollkrieg nicht wünschen, und es hat uns gefreut, daß es unserer Diplomatie gelungen ist, mit Amerika einen Ausgleich zu finden, der für uns erträglich ist. Gegenüber den Angriffen, bie auch aus bem Hause gegen Amerika gerichtet sind, und die uns diL Möglich- Jct* £ej Zollkrieges nahe gelegt haben, möchte ich an das Wort De§ Warften Bismarck erinnern, daß man sich zu Kriegen nur im Falle der äußersten Noth entschließen soll. - 9 tm

2>er Kampf gegen die Getreidezölle ist vielfach zu einem Kamdk gegen die Großgrundbesitzer geworden. Nun, wenn Sie immerfort gegen die Großgrundbesitzer in dieser Weise kämpfen, so müssen Sie auch gegen das Großkapital kämpfen. Aber ein Land! das keine reichen Leute hat, befindet sich meines Erachtens im Zu- stand- d°r D-kad-nz (Eetjr richtig! rechts.) Man hat g-L d,e Landwirthscha t hatte Milliancn bei der Ablösung der Ba ern- lastw betrnlltgl Wommen. Wer das behauptet, 6 t hat nie ein ige

machen. Dieser Auffassung haben also die Herren von der Linken nicht widersprochen.

Man hat die Thätigkeit des wirthschaftlichen Ausschusses friti« sirt und besonders bemängelt, daß der Handel dort nicht genügend gehört ist. In Wirklichkeit sind fünf Vertreter des Handels gehört worden, Herren, deren Bedeutung doch unmöglich dadurch geschmä­lert werden kann, daß drei von ihnen zugleich Großindustrielle sind. Auch die Klagen über mangelnde Berücksichtigung der Handels­kammern sind unbegründet. Die Handelskammern haben Sachver­ständige für alle speziellen Industriezweige ernannt, und diese sind sogar ausgewählk worden nach einzelneii lokalen Bezirken und nach einzelnen Branchen. Die von den Handelskammerii vorgeschlagenen Sachverständigen waren meist identisch mit den von den wirthschaft­lichen Verbänden vorgeschlageneii, es maren die besten Kenner ihres Faches Weiter ist cs vollkommen unrichtig, daß ein Gegensatz zwischen den wirthschaftlichen Verbänden und den Handelskammern besteht, daß die Haiidelstammern Gegner, die wirthschaftlichen Ver­bände aber Freunde der höheren Zölle sind. Wir haben zahlreiche Sachverständige Pcrnommcii, natürlich nicht über konsumfähige Ar­tikel, denn darüber braucht man keine Sachverständigen zu hören, wohl aber über die Rohstoffe und Halbfabrikate. Ferner ist be­mängelt worden, daß wir geheim verhandeln. Aber auch im Jahre 1879 wurden bie Verhandlungen zuerst vertraulich geführt und die Betheiligten wurden ausdrücklich ersucht, auch der Presse keine Mit- thcilung zu machen. Nun ist unter Heranziehung eines Vergleichs, den ich nicht wiederholen will, behauptet worden, die Sachver­ständigen seien tm wirthschaftlichen Ausschuß geradezu angeregt worden, höhere Zölle zu fordern. Wie war die Sache? Wir haben den Sachverständigen zwei Fragen vorgelegt; erstens: Welchen Mi­nimalzoll hast du nothwendig. um konkurrenz- und ausfuhrfähig zu bleiben? Und zweitens: Welchen zollpolitischen Zuschlag hältst du für nothwendig für die Verhandlungen? Darüber haben wir die Sachverständigen gehört, und wenn ein Sachverständiger darin einen Anreiz zur Forderung höherer Zölle erblickt hat, so hat er das Wesen der Sache nicht verstanden. (Sehr wahr! rechts und im Centrum.) Man hat auch gesagt, wir hätten nur einzelne Posi­tionen abzuändern brauchen. Ich glaube, wer sich in bie Materie vertieft hat, wird einsehen, baß die Slbänöerung einzelner Positionen nicht möglich ist. Ein solcher Tarif hängt zusammen burch ein enges Netz von Maschen; trennt man eine Masche auf, bann löst sich ba5 ganze Gewebe (Sehr richtig! rechts unb im Centrum.)

Es ist rin Jrrthum, baß bie inbustriellen Zölle bie Preise auf dem heimischen Markt erhöhen. Was wollten wir denn mit den industriellen Zöllen? Man hat mich in der Oeffentlichkeit häufig als Gegner des Handels und der Industrie hingestellt, und jetzt stellt man es plötzlich so dar, als ob ich der Industrie geradezu erhöhte Zölle in den Schooß werfe. Nein, mit den industriellen Zöllen verfolgen wir einen sozialpolitischen Zweck, wir wollen dem deutschen Arbeiter vermehrte Arbeitsgelegenheit geben. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Obwohl auf Baumwolle ein Zollschutz von 2535 Prozent liegt, beträgt doch unsere Ausfuhr 244 Millionen, (Hört! hört! rechts) auch nach Großbritannien führen wir auS. Darin liegt doch her schlagendste Beweis, daß durch unsere Schutz­zölle bie Produktionspreise dieser Industrie nicht erhöht sind, denn sonst könnten wir doch nicht mit einem Freihandelsstaat fonlurriretu Unsere Schafwollwaaren haben trotz des hohen Zolls eine Aus­fuhrziffer von 235 Millionen, und die Preise sind nicht erhöht wor­den. Auch 1879 hat der Abg. Richter den Anschein erwecken wollen, als ob durch die neue Bismarcksche Zollpolitik unsere gesammte Textil- und Eisenindusttie vernichtet Ivürde. Und wie steht die Sache? Seit 1879 hat sich der Verbrauch von Baumwollgarnen mehr als verdoppelt, er ist trotz der Zölle um 144 Prozent gestiegen; der Verbrauch von reiner Baumwolle ist von 2,85 Kilogramm auf 6,32 Kilogramm pro Kopf der Bevölkerung gestiegen. (Hört! hörtk rechts und im Gentrum.) Der Verbrauch von Roheisen ist gestiegen von 2,7 auf 9,3 Millionen Tonnen. Als wir 1879 die Zollaktion begannen, war die Rohcisenproduftion Englands dreimal so groß, wie die Deutschlands, und jetzt hat unsere Roheisenproduktion fast die von England erreicht. (Hört! hört! rechts und im Centrum.)j Daraus folgt, daß im Interesse der Arbeiter nie eine segensreichere Aktion in Szene gesetzt ist, als der Zolltarif von 1879, und daß dadurch nicht nur unsere Produktion enorm gestiegen ist, sondern daß im gleichen Maße sich auch die Arbeitsgelegenheit im Jnlande erhöht hat. (Zustimmung rechts und tm Ctr., Widerspruch Iinks.)I

Aufrechterhaltung guter Beziehungen zu Rußland haben. Wir wünschen, daß an diesem guten Verhättniß nicht gerüttelt wird; wir müssen aber wahrnehmcn, daß durch diesen Zolltarif die guten gegenseitigen Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland be­reits bedroht sind, und wenn sie durch denselben unterbunden wer­den sollten, bann werben Sie (rechts) bie (schuld tragen. Ange­sichts einer solchen Eventualität können Sie nicht verlangen, daß wir ben Kopf in ben Sanb stecken. Zu bieser Gefahr tritt noch bie weitere Gefahr einer wirthschatflichen Krisis und vermehrter Arbeitslosigkeit. Die Unsicherheit in unserem Erwerbsleben wird erst dann verschwinden, wenn der Zolltarif verschwindet. Wir würden daher unsere Pflicht verletzen, wenn wir es nicht zu ver- hindern suchten, daß dieser Zolltarif Eingang in das Reichsgesetz­blatt findet. Wir werden es versuchen, nach dem guten Beispiel, das Sie uns bei der Behandlung der Kanalvorlage gegeben haben, in der Kommission alle Gründe zusammenzutragen, um Sie von der Schädlichkeit dieses Zolltarifs zu überzeugen. Wenn schließlich die Kraft der Mehrheit versagt und die Verhandlungen mit einem Zusammenbruch enden, wir werden es nicht bedauern. Wir stehen vor einer Entscheidung, wie keine in den letzten zehn Jahren be­deutungsvoller war. Daß wir Sie dabei hören, ist selbstverständ­lich, darauf haben Sie einen konstitutionellen Anspruch, aber Sie werden es nicht verhindern können, daß der Kampf gegen diese Zollpolitik zur Wahlparole werden wird. Für einen Staatsmann giebt es wirklich höhere Ziele, als sich zum Gönner einzelner Er­werbsgruppen aufzuwerfen.

Was geschieht nun, wenn die Vorlage abgelehnt wird? Die verbündeten Regierungen werden die Handelsverträge nicht kün­digen. die auswärtigen auch nicht; es wird also etn Provisorium eintreten, das aber immer noch besser ist, als dieser Taris. In­zwischen aber wird bie jetzige Legislaturperiode abgelaufen fein, es werden bie Neuwahlen ftattfinben unb nach allen Symptomen mit einer Niederlage der STariffreunbe enben. (Lachen rechts.) Die Wissenschaft steht auf unserer Seite, selbst Professor Schmoller, ben Sie (rechts) für sich in Anspruch nehmen, macht schwere Be­denken gegen den Taris gelten!). Der Einzige, der Ihnen unbe­dingt anhängt, ist Ruhland. unb ben überlassen wir Ihnen gern. Inbustrie unb Hanbel folgen ber Negierungsfahne heute weit weni­ger, als im Jahre 1879. und auch die Frauen stehen auf unserer Seite, weil durch die Vertheuerung der Nahrungsmittel ba5 Fami­lienleben schwer beeinträchtigt wird.

Einer Vorlage, die so weit abweicht von ben bisherigen be­währten Grunblagen ber Hanbelspolitik. welche bie Lebenshaltung und Leistungsfähigkeit des Volkes herabdrückt. die Erwerbsgelegen­heit weiter Kreise einschränkt, Wirthschaftskrisen zu verschärfen, handelspolitische Feindseligkeiten hervorzurufen im ärgsten Maße geeignet ist, setzen wir entschlossenen Widerstand entgegen, der sich steigern wird, sobald etwa die Kommission noch höhere Sätze ein- setzt und bie Regierung biescn Erhöhungen zustimmt. Wenn je, so sind wir diesmal davon überzeugt, bannt bem Baterlande einen Dienst zu erweisen. (Beifall links.)

Staatssekretär Dr. Graf von PosadowSktz: Ein Redner der sozialdemokratischen Partei hat seinem Bedauern darüber Ausdruck gegeben, daß er nicht mit der Vorlage zugleich deren Väter und Vertreter in ben Orkus hinabschicken könne. Nun, meine Herren, Jeber hat seine Pflicht zu erfüllen, unb fo lange sich der humane Wunsch jenes Redners nicht erfüllt hat, werden wir diese Vorlage hertreten, die eine Vorlage der verbündeten Regierungen ist. (Bei­fall rechts.) Man hat es gestern so dargestellt, als ob diese Vor­lage eigentlich nur das Werk eines einzelnen Ressorts sei, und ich halte mich für verpflichtet, gegenüber dieser tendenziösen Behaup­tung, die hier immer Wiederkehr!, endlich einmal vor dem Lande

hat ber Großgrunbbesitz, bie kleine, aber mächtige Partei Dieser hat auch bie Macht im Bunb ber Lanbwirthe; ich spreche hier nicht von ben Mitgliebern, sondern von dem Vorstand, von den Anfüh­rern, nicht von ben Angeführten. (Heiterkeit.) Aehnlich ist es mit bem deutschen LandwirthschaftSrath, der sich entgegen früheren besse­rer Traditionen immer mehr in bie Bahnen bet Bünbler bcgiebt.

Graf Schwerin wünschte, baß der Kampf mit mehr Anstanb geführt werbe. Der Ausflug ins Sittliche von dieser Seite ist ganz interessant. Woran dachte Graf Schwerin bei diesem Wort? An die Bohkottirung ber Unterzeichner des Hanbelsvertragsvereins sei­tens gewisser Bündler? Oder an bie Flugblätter des Bunbes ber Landwirthe, in benen es heißt, es schreite jetzt bie Noth in härenem Gewände durch das Land? Oder an den Dr. Oertel, ber in einer Volksversammlung erklärte, wenn die Hoffnung ber Lanbwirthe diesmal wieder getäuscht würde, dann würden auch diese Säulen der Treue wanken! Oder an den Freiherrn von Wangenheim, der außerhalb des Hauses von ben Herren Graf Caprivi und Fürst Hohenlohe sagte:Versunken unb vergessen ist ihrer Thaten Fluch." Das ist ber An stand des Bundes ber Lanbwirthe I Graf Schwerin fragte, was denn eigentlich ein Junker sei. Die Antwort soll ihm werben. Junker sind bie Leute, bie noch immer sagen, sie seien die ersten Stützen des Throns, die ihre Jagdinteressen höher stellen, als bie allgemeinen Interessen, bie bei der ergreifenden Erzählung nichts Anderes zu bemerken haben, als die Vermuthung: Der Vater hat vielleicht Alles vertrunken!" Freiherr von Wan- genheim meinte, unsere ganze Politik drehe sich um unsere beiden großen Schiffahrtsgesellschaften. So groß deren Bedeutung ist: das war doch eine phramidale Uebertreibung; diese Behauptung ging nicht an den Reichstag, sie zielte auf eine andere Stelle. Mich wundert, daß das die Vertreter ber Regierung nicht gemerkt zu haben scheinen. Von den National-Liberalen haben hier nur Freunde des Entwurfs gesprochen. ES giebt aber doch auch eine ganze Reihe von Gegnern unter ihnen, doch wohl auch in ber Fraktion. Warum kommt biefe Richtung unter ben National- Liberalen nicht zur Geltung? Mein Freunb Dr. Barth ist wegen feines Vortrags in Wien zu ben Agenten bes Auslanbes gerechnet worden. Ich möchte hier darauf Hinweisen, baß zu bem Vorgehen des Dr. Barth em großer moralischer Muth gehört.

Rußland hat ein lebhaftes Interesse an der Aufrechterhaltung guter Beziehungen zu Deutschland, das erwidere ich dem russischen FinanMuiister, genau so wie wir ein großes Interesse an der

Parlamentarische Verhandlungen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet,

Deutscher Reichstag.

111. Sitzung vom 12. Dezember^

v 11 Uhr. Das Haus ist nur mäßig besetzt.

Am Bunbesrathstisch: Graf Posabowsky, Möller