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Nr. 86 Zweites Blatt.
151. Jahrgang.
Sanrstag 13. April 1901
täglich mit fafieeN« M MontagS.
®k Familien- Mtttl werben dem Sm Mir w Sechsel mit „Hess. »ii iw wirt* und „Blätter flvr Wf BelUtunbe" vier« m wGchentlich beigelegt.
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GietzenerAnzeiger
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Amtlicher Feil.
Bekanntmachung.
Das Verzeichnis der seit der vorjährigen Steuerregu lierung ganz neu erbauten sowie der durch Bauoeränderungen im Wert erhöhten oder verminderten und der ganz abgegangenen Wohnhäuser und Gewerbsanlageu der Gemarkung Gießen, sowie der Kulturveräudernngen, welche seit der vor jährigen Steuerregnlierung konstatiert worden find und deren Wahrung bei dem Steuerkommiffariat zu beantragen ist, lieg! von heute ab auf die Dauer von 4 Wochen zur Einficht der Beteiligten auf dem Bureau Großh. OrtSgerichtS Gießen offen.
Gießen, den 12. April 1901.
Großh. OrtSgericht Gießen.
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Hauptmann Bartsch
Wir haben gestern bereits unfern Lesern die tief betrübende Mitteilung gemacht von dem jähen Tode des Hauptmanns Bartsch. Fern von seiner deutschen Heimat, auf den blutgetränkten Gefilden Chinas ist er auf greuliche Weise in die Ewigkeit abberufen worden, einige Tage nach Nein Auferstehungsfeste der christlichen Kirche. Erst vor kurzent, in unserer Nr. 74 vom 28. März, hatten wir Gelegenheit, unseren Lesern von einem kühnen Handstreich ausführlich zu erzählen, den Hauptmann Bartsch als 8. Kompagnie des 2. ostasiat. Jnf.-Regts. im Dezember v. I. bei Makukiau ausgeführt hat, ein Heldenstücklein, das in der Geschichte des ostasiatischen Feldzuges, von dem man sagt, daß er keiner sei, einen besonders ehrenvollen Platz einnehmen wird.
Hauptmann Bartsch, dessen stattlicher schöner Erscheinung sich die Gießener Bürgerschaft wehmutsvoll er-, innert, war ein hervorragend tüchtiger, schneidiger Offizier, ein Mann von ausgezeichneten Eigenschaften des Herzens, der sich allenthalben Freunde erwarb. Groß war sein Thatendrang, sein persönlicher Mut und sein Ehrgeiz. Im Jahre 1895 hatte ihn die Lust zur Bethätigung auf dem Felde jum Uebertritt in die Schutztruppe für Kamerun veranlaßt. Er hat damals, in den Tagen vom 16.—22. Dezember 1895, an den Gefechten gegen Voye Bettschie, und Vom 23. Dezember 1895 bis 7. Januclr 1896 an den Gefechten gegen die Jaun des hervorragend teilgenommen. Er ist damals zweimal verwundet worden, durch einen Streifschuß am Fuß und einen Schuß in den Rücken.
Jetzt hat ein neuer Schuß in den Rücken ihm das Leben geraubt, das er so gern gelebt hat, und das ihm eine ehrenvolle Laufbahn im Dienste des deutschen Heeres Verhieß. Ein Privattelegramm aus Peking vom 10. April meldet: Bartsch, dessen Kompagnie bereits Sommerquartiere in der Nähe des Svmmerpalastes bezogen hatte, kam zu Pferde nach Peking. Gestern abend verließ er Peking wieder während eines heftigen Sandsturmes, um zu seiner Kompagnie zurückzukehren. Eine berittene Ordonanz hatte er schon vorher zurückgeschickt. Heute morgen um 8 ein halb Uhr wurde seine Leiche von zum Oberkommando gehörenden Mannschaften außerhalb der Stadt abseits von der breiten gepflasterten Straße liegend aufgefunden. Bartsch hatte einen Schuß im Rücken, sonst war der Körper in keiner Weise zerstümmelt. Auch lagen keinerlei Anzeichen für einen Raubmord vor. Sei der Untersuchung der Leiche stellte sich heraus, daß eine Kugel seitlich in den Rücken gedrungen war, die die Leber durchbohrt und edle Teile verletzt hatte, sodaß der Tod sehr s chpn ell eingetreten ist. Das Geschoß war durch den Körper gedrungen und vorn in der Brust stecken geblieben, wo Man es auch fand. Man nimmt an, daß Bartsch im Sandsturm vom Wege abge- k v m m e n und von chinesischen Mördern vom Pferde he runter geschossen worden ist. Das Pferd war verschwunden. Ter Rock und das Hemd ivaren vorn an der Brust aufgerissen, wahrscheinlich durch Bartsch selbst, der nach seiner Verwundung nach Luft rang. Die Börse mit 200 Mark Und 8 Dollars hing zur Tasche heraus und war anscheinend unberührt. Energische Untersuchung ist im Gange. — Nach anderweitiger Meldung ist auch die Uhr in der Tasche vvrgefunden worden.
Also offenbar keinem Unglückssalle, sondern von Bubenhand ist, wie der deutsche Gesandte Freiherr v. Kette- ler, Hauptmann Bartsch zum Opfer gefallen. Der Tod erscheint vorläufig noch insofern rätselhaft, als er durch eine Kugel erfolgt sein soll, die einem 8 Millimeter-Re- rolver entstammt. Hätte chinesisches Gesindel den Offizier vom Pferde geschossen, dann wäre der Leichnam sicherlich auch beraubt worden. Tas ist aber nicht der Fall, ebenso ist Selbstmord ausgeschlossen. Es bleibt die Möglichkeit eines Racheaktes. Aus mancherlei Begebenheiten der letzten Zeit weiß man, daß nicbt alle fremdländischen Soldaten den Deutschen gewogen sind. Vielleicht hat die strenge Beobachtung der Disziplinarvorschriften, etwa beim Wacht- dienst, dem Hauptmann Bartsch den Haß eines nichtdeutschen Militärs zugezogen. Es ist zu hoffen, daß das Resultat der Untersuchung amtlich rückhaltlos mitgeteilt ivird, und daß die Aufklärung nicht auf sich warten läßt. Einen Verdacht gegen Angehörige einer anderen europäischen Station möchten wir gern vvn der Hand weisen.
Wir wollen vorläufig annehmen, daß der Mord durch Boxerband erfolgt ist. Dann wäre dabei auch ins Auge zu fassen, daß durch die Fortsetzung niederträchtiger Blut» thaten das „Konzert der Mächte" wesentlich gestört, die Friedensverhandlungen erheblich erschwert werken und die Zurückziehung der Trupven in immer fernere Zukunft tritt. Man muß dann die Wiederkehr jener entsetzlichen Greuel- szenen befürchten, die vor dem Anrücken der Mächte auf chinesischem Boden sich abgespielt haben.
Hauptmann Georg Maximilian Bartsch, früher im Infanterie-Regiment Kaiser Wilhelm (2. Großh Hess.) 9?!. ,116, wurde 1864 am 24., Januar zu Striegau in Schlesien geboren. Am 1. Mai 1884 trat er in das Jnf.-Regt. Nr. 99 ein und wurde am 11. Dezember desselben Jahres Fähnrich am 16. September 1885 Leutnant, am 14. September 1893 Oberleutnant. Am 6. Januar 1895 schied er behufs Ueber- tritts ziL Schutztruppe für Kamerun aus dem Heere, wurde am Tage daraus der Schutztruppe für Kamerun zugeteilt. Am 23. Tezember 1896 erfolgte sein Rücktritt in die Armee. Am 27. Januar wurde er beim Jnf.-Regt. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116 eingestellt und am 16. Juni 1900 überzähliger Hauptmann. Am 9. Juli 1900 trat er als Kompagnie-Führer zum 2. Ostasiatischen Infanterie-Regiment über. Am 21. August 1899 hatte er den preußischen KronemOrden 4. Klasse erhalten.
Hauptmann Bartsch hinterläßt eine z. Z. in Berlin lebende tieftrauernde Witwe, die ihren Gatten bekümmerten Herzens von sich ins Feld ziehen sah, und ihn am liebsten begleitet hätte. Sie beabsichtigte Pflegerin der Kranken und Verwundeten zu werden. Doch an dem Widerspruch ihres Galten scheiterte ihr ernst gefaßter Plan. Die stille Teilnahme der Allgemeinheit ist ihr sicher.
An einem Tage, da bei uns der Boden sich lenzlich schmückte, hat die Hand des Todes diesen tapferen deutschen Offizier, diesen treuen Diener unseres kaiserlichen Herrn und liebenden Gatten, von hinnen gerissen. Ihm ist es nicht beschieden gewesen, seine Lebenskräfte auszunutzen. Trauernd blicken ihm seine Angehörigen,. das Gießener Offizierkorps, seine ihm treu ergebenen früheren Mannschaften, blickt die Bürgerschaft Gießens ihm nach. In inniger Liebe schlug sein Herz fürs Vaterland. Von niemandem, der ihm im Leben näher getreten ist, und dessen hohe Achtung ihm sicher war, wird er vergessen werden, uno das deutsche Heer wird sein Andenken in Ehren halten.
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Wie uns eben telephoniert wird, weiß die „Köln. Zeitung" mitzuteilen, daß die Annahme, daß ein Chinese das Verbrechen verübt hat, fallen gelassen ist. Die Kugel drang von unten in den Unterleib. 6 Augenzeugen sind verhaftet. Am Freitag findet die Beerdigung statt.
Tie französischen Festlichkeiten.
IV.
Toulon, 11. April.
Präsident Loubet stattete gestern nachmittag dem Herzog von Genua an Bord des „Lepanto" einen Besuch ab. Beide schüttelten sich herzlich die Hände. Hierauf schritt Loubet die Front der italienischen Offiziere ab, drückte ihnen die Hand und sprach einige herzliche Worte. Alsdann führte *bcr Herzog Loubet in den Salon, wo sie 12 Minuten verblieben. Danach verließ Loubet unter dem gleichen Zeremoniell wie bei der Ankunft das Schiff. Hierauf statteten Delcasse und Lanessan dem Herzog einen Besuch ab, bei welchem ersterer dem Herzog den Groß? eordon der Ehrenlegion überreichte. Nach der Rückkehr vom „Lepanto" empfing Loubet in der Präfektur die Spitzen der Behörden und begab sich später nach dem Arsenal, wp ein Bankett zu Ehren des Herzogs stattfand.
Bei dem Bankett drückte Loubet iu seinem Trinkspruche zunächst den Dank für die Gesinnungen aus, die der König von Italien für Frankreich an den Tag legte, indem er die italienischen Schiffe nach Toulon sandte. Es sei ein prächtiges Geschwader, welches man Gelegenheit zu bewundern hatte. Dann fuhr er fort:
„Frankreich weiß die freundschaftliche Handlungsweise Ihres Souveräns vollauf zu schätzen und ich kann darauf in seinem Namen nicht besser antworten, als wenn ich die Hoffnung ausdrücke, daß die bereits zwischen unseren Nationen glücklicherweise bestehenden herzlichen Beziehungen zu ihrem gemeinsamen Wohl noch enger werden. Der König verlieh seinem Beschlüsse die Größe der Bedeutung dadurch daß er für diese Gelegenheit den Oberbefehl über sein Geschwader dem erlauchten Prinzen ließ, der unter den hervorragenden Befehlshabern der italienischen Marine einen so hohen Platz einnimmt. Deswegen, Hoheit, sind Sie uns doppelt willkommen und wir bitten Sie, dem Könige den tiefgefühlten Dank und die aufrichtigsten Wünsche Frankreichs und der Regierung der Republik zu übermitteln. Ich trinke auf das Wohl des Königspaares von Italien, des Herzogs von Genua, der königlichen Familie, der italienischen Marine und Natton."
Der Herzog von Genua antwortete:
„Ich freue mich sehr, daß der König mich ausgesucht hat. Ihnen seine Grüße zu überbringen. Es gereicht mir zu großer Befriedigung, mit dem italienischen Geschwader nach Toulon und mit Ihren schönen, mächtigen Schiffen in Berührung gekommen zu fein, deren Sicherheit und Präzision beim Manöverieren ich bewunderte. Ich danke
Ihnen für die schmeichelhaften Worte, die Sie an mich gerichtet haben, und welche durchaus dem herzlichen Empfange entsprechen, der mir niteü geworden ist, dessen wir uns stets erinnern werden. Bei meiner Rückkehr werde ich das Vergnügen haben, Seiner Majestät Mitteilung zu machen von den Beweisen der Herzlichkeit, die uns von Ihnen, unseren französischen Kameraden und der Bevölkerung dieser edlen, sympathischen Stadt gegeben wurde. Ich trinke auf Ihre Gesundheit, auf die französische Flotte, das französische Heer und Volk."
Tie Trinksprüche wurden stehend angehört. Die Musik spielte die italienische und französische Volkshymne, darauf die spanische. Tann ergriff Loubet nochmals daS Wort und sagte:
„Die Königin von S p a n i e n hat ein schönes Panzerschiff entsandt, um dem befreundeten Frankreich herzlichen Gruß zu überbringen. Wtt find hierfür herzlich dankbar und bitten den Kommandanten, Ihrer Majestät ausrichttgen Dank und die Huldigungen des Präsidenten, sowie der Regierung der Republik zu überbringen. Ich ttinke auf das Wohl Alfons' XIII., der Königin-Regentin, auf die spanische Marine und das spanische Volk!"
Schließlich brachte Loubet noch einen dritten Trinkspruch auf die russischen und fremden Offiziere aus, gleichzeitig auf die französischen Offiziere und Mannschaften und sagte, dieselbe (Hrliebe und dieselbe Vor^ liebe für die Gefahr bildeten unter den Seeleuten allen Völker eine edle Brüderlichkeit. Es fei deshalb recht und billig, sie in einer und derselben Huldigung zusammeü- zufassen wegen der Beispiele von Solidarität und Selbstverleugnung, die sie der Mehrheit gebe. Er trinke daher mit ganzem Herzen auf ihre Gesundheit.
Bei beiden Unterhaltungen, die Loubet mit dem Herzoge von Genua hatte, gab er der Versicherung seiner Sympathie für den König, die Königin wie die königliche Familie Ausdruck und sagte, dieBez'iehuntzenbeiderVölker seien sehr freundschaftlich, und er werde sich bemühen, sie zu erhalten. Der Herzog von Genua sprach seine Befriedigung über den Empfang aus und sagte, der König habe sein Kommando verlängert, um dem Besuche eine größere Feierlichkeit zu verleihen.
Im Laufe des Abends ging dem Präsidenten folgendes! Telegramm des Königs von Italien als Erwiderung auf oas feinige zu:
„Ich danke Eurer Excellenz bestens für die liebenswürdigen Worte und den meinem Onkel dem Herzog von Genua und dem italienischen Geschwader bereiteten Empfang. Die Königin schließt sich mit in dem Ausdrücke unseres Dankes für die Wünsche für unser Glück an. Ich bitte Eure Excellenz, meine aufrichtigsten Wünsche für Ihre Person und die Wohlfahrt des Italien befreundeten Frankreich zu genehmigen. Viktor Emanuel."
Ter Herzog von Genua ließ heute im Namen des Königs von Italien eine Anzahl von Ordensauszeichnungen, oen Ministern, den höheren Offizieren der Marine sowie den hohen Würdenträgern überreichen. Loubet begab sich an Bord des „Lepanto", wo ihm zu Ehren der Herzog von Genua ein Frühstück veranstaltete. Bei der Frühstückstafel an Bord des „Lepanto" brachte Herzog von Genua folgenden Trinkspruch auf den Präsidenten Loubet aus:
„Gestatten Sie mir, Ihnen meinen vollen Dank für die sehr herzliche und sehr sympathische Aufnahme aus- zusprechen, die mir und dem unter meinen Befehl gestellten Geschwader bereitet worden ist. Die Erinnerung an diesen herrlichen Empfang wird mir unvergeßlich fein. Ich schätze mich glücklich, auf Frankreich und seine Waffen zu Lande und zu Wasser zu toasten, und freue mich, der vollen Sympathie Ausdruck zu geben, die mir Ihre Person einflößt".
Ter Herzog stieß mit dem Präsidenten Loubet an und drückte ihm dann warm die Hand.
Präsident Loubet erwiderte:
„Ich bin tief gerührt über die Gefühle für die französische Republik und ihren Präsidenten, denen Sie soeben erneuten Ausdruck gegeben haben; sowie über die Sympathie, die Sie für unsere Waffen zu Lande und zu Wasser bekundet haben. Ich brauche Ihnen nichts zu sagen über die Gefühle des französischen Volkes füe das italienische; Sie kennen dieselben. Ich habe sie Ihnen bereits gestern ausgedrückt, aber ich will Ihnen noch die Versicherung geben: Wir sind tief gerührt durch den Beweis der Freundschaft, welchen Italien Frankreich giebt durch die Entsendung feines herrlichen Geschwaders. Ich trinke auf das Wohl des Königs und der königlichen Familie und auf die Wohlfahrt der schönen italienischen Marine; ich trinke schließlich aus Ihr persönliches Wohl und das Ihrer Familie"".
Mit den Festen in Toulon können wir Deutschen sehr zufrieden sein. Besonders angenehm berührt die Reserve Italiens, die nach den Pariser Berichten eine gewisse Enttäuschung in Frankreich hervorgerufen zu haben scheint. Man hat auf französischer Seite wohl erwartet, daß Italien stolz und glücklich fein werde, sich der „großen Nation" anzuschließen. Es liegt ein wenig verletzte Eitelkeit barm, wenn die Pariser Presse Wärme und Schwung in dem Trinkspruch des Herzogs vvn Genua vermißt und den Toast als geschäftsmäßig, nüchtern, banal bezeichnet. Der Herzog von Genua hat sich bei dem Toast Aiws Manuskripts bedient; das Konzept rotd> ihm wohl von den italienischen Staatsmännern geliefert worden fein. Auch


