Ausgabe 
13.3.1901 Zweites Blatt
 
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Nr. 61 Zweites Blatt.

151. Jahrgang.

Mittwoch 13. März 1901

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Politische TagesschM.

Wie dieSaarbr. Ztg." meldet, richtete der Kaiser an die Freifrau von Stumm Halberg folgendes Telegramm:

Tchmer»lich bewegt durch bte Nachdicht vom Hinscheiden Ihres von tit so hochgeschätzten Gemahles sprechen die Kaiserin und ich Ihnen und Men Ihrigen unsere wärmste und aufrichtigste Teilnahme aus. Möge der gütige Gott Ihnen allen Trost verleihen, diesen so schweren Berlust zu tragen.

Die unleugbare Entfremdung, die zwischen dem Kaiser und Frhrn. v. Stumm seit Jahren eingetreten war, hat also da- Grab geschlichtet. Der Kaiser wird sich zudem durch den Erbgroßherzog von Baden bei der Beerdigung vertreten laffen. Ueber den Grund jener Entfremdung be­stehen verschiedene Annahmen. Am meisten innere Wahr scheinlichkeit dürfte vielleicht diejenige haben, daß die angeb­liche vielcitiecte Aeußerung des Verstorbenen, er werde dem nächst nach Berlin reisen, um den Kaiser scharf zu machen, zuerst Verstimmung erregt habe. Freiherr v. Stumm hat freilich oft und mit großer Lebhaftigkeit be» stritten, daß die Aeußerung gefallen sei. Trotzdem behauptete fie sich. Es scheint später zwar nochmals eine Annäherung erfolgt zu sein, ohne indessen den Einfluß des Freiherrn v. Stumm ganz wiederherzustellen. Man konnte das auch daraus entnehmen, daß Frhr. v. Stumm im Reichstag scharf mit Mitgliedern der Regierung aneinander geriet, so mit dem vorigen preußischen Handelsminister Frhrn. v. Berlepsch. Auch auf der Bundesratsestrade wurde Frhr. v. Stumm immer seltener gesehen. Vordem konnte man ihn dort häufig in eifrigem Gespräch mit leitenden Personen beobachten.

Der 80. Geburtstag des Prinzregenteu von Bayern.

TL

DerReichsanzeiger" schreibt: Se. Kgl. Hoheit Prinz Luitpold, des Königreichs Bayern Verweser, vollendet am 12. d. Mts. sein 80. Lebensjahr. Wird dieses seltene Geburtstagsfest in bayerischen Landen mit Kundgebungen treuer Anhänglichkeit für oen geliebten Regenten begangen, fo richten sich auch, in allen anderen Bundesstaaten des Reiches die Blicke der Patrioten dankbar und verehrungs­voll auf den greisen hohen Herrn, der als Zeuge und Mitstreiter aus der großen Zeit des Einigungskrieges mit nur noch wenigen anderen Fürsten der Nation erhalten geblieben ist. Dem erlauchten Verbündeten des Kaisers, dem getreuen Verwalter des bayerischen Königtums, dem edelsinnigen Förderer der Kunst, Wissenschaften und Hu­manität widmen wir ehrerbietige, herzliche Wünsche für woch viele Jahre gesegneten Alters.

|_J München, 11. März.

Um fünf Uhr nachmittags fand in der Residenz große Prunktafel statt, an der das diplomatische Korps, die Standesherren, die Staatsminister, die Erzbischöfe so­wie sämtliche Deputationen teilnahmen, die in diesen Tagen vom Regenten empfangen worden. Namens der Gäste brachte Prinz Ludwig in einem längeren Trinkspruch die Empfindungen und Glückwünsche zum Ausdruck, die heute das ganze bayerische Volk beseelen. Der Prinzregent erwiderte mit Worten herzlichsten Dankes. Am Abend wurde dem Jubilar eine militärische Serenade mit Zapfenstreich dargebracht.

DieAugsburger Abendzeitung" berichtet: Bei dem heutigen diplomatischen Empfang sprach der Prinzregent den sämtlichen Staatsministern sein unbegrenztes und unwandelbares Verttauen aus, und beschenkte zeden ein­zelnen Minister mit seinem Bildnis in silbernem Rahmen und mit der eigenhändigen Unterschrift: .Salus publica summa lex est«. (Das öffentliche Wohl ist das höchste Gesetz.)

Engländer und Buren.

Man schreibt aus London: Ueber Verhandlungen mit Botha laufen verschiedene Gerüchte um, die sich zum Teil widersprechen. Die Uebergabe soll nach Kücheners Forderung bedingungslos sein; dagegen sollen, wie eS heißt, den Buren gewisse Zusicherungen über die künftige Verwaltung des Landes, insbesondere über den verhält­nismäßig raschen, wenn irgend möglich zonenweise durch zuführendeu Heber gang von der Militär- zur Civ ilv er- waltung gemacht werden. An Autonomie aber sei nicht zu denken, es handle sich nur um eine milde Handhabung der Herrschaft, und um materielle Erleichterungen beim Wieder­aufbau der Wohnstätten und bei Ergänzung des Biehstandes. Die Schwierigkeit in den Verhandlungen liegt hauptsächlich darin, daß Bothas Unterführer Bedingungen machen möchten, ehe fie die Waffen strecken.

Man wird abzuwarten haben, was hiervon ernsthaft zu nehmen ist.

Nach den letzten Berichten marschiert Dewet fortgesetzt nordwärts, um die Eisenbahn in östlicher Richtung zu überschreiten; wahrscheinlich ist er jetzt irgendwo westlich von Sroonstad. Viele früheren Feinde Englands in Bloemfontein, Brandfort und Kroonstad haben sich jetzt, dem Reuter'schen Bureau zufolge, den Engländern angeschloffen.

Die vorbereitenden Kommissionen des augenblicklich in Paris tagenden Kongresses für die Unabhängig­

keit der Buren haben einen in Form einer Kundgebung gehaltenen Einspruch gegen die von den Engländern in Afrika begangenen Verletzungen des Völkerrechts, sowie einen Aufruf an die Regierungen zu gunsten einer FriedenSoermittlung ausgearbeitet.

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Telegramme des Gietzcrrer Anzeigers.

Lourenzo Marques, 12. März. Reuter Meldung. Botha ist vollständig bereit, sich zn ergeben, und verlangt einen Waffenstillstand, um mit De Wet in Verbindung zu treten. ES wird geglaubt, Botha werde sich auch ergeben, wenn De Wet dies nicht thue. Die Eisenbahn zwischen Lourenzo MarqueS und Pretoria ist frei von Buren. Da sie keine Munition für ihre Artillerie haben, vergraben fie nicht nur schwere Geschütze, sondern auch Pompom- und Maxim-Geschütze.

Kapstadt, 12. März. Reuter Meldung. Die Pest dehnt sich gefährlich aus. Heute wurden 15 Neuerkrankungen ge­meldet. 97 Personen stehen unter Beobachtung. Die Krank heit ergreift auch die wohlhabenden Bevölkerungsschichten Ein Europäer und seine Familie wurden nach dem Hospital geschafft. Unter den Europäern find noch mehr Erkrankungen Dorgctommen.

China.

Es ist eine ArtGalaenhumo r", der neuerdings in der diplomatischen Behandlung der Chinafrage zum Aus­druck kommt. Heute liegen zwei hübsche Proben davon vor. Da hat erstens Rußlano die amerikanische Note, daff der Zeitpunkt für Abtretungen seitens Chinas und Verhand­lungen über solche nicht geeignet sei, alseine der ersten Mächte" gebilligt. Ein nicht übler Witz in Anbetracht des russisch-chinesischen Mandschurei-Abkommens, dessen Unterzeichnung von China nötigenfalls mit Zwangsmaß­regeln herbeigeführt werden soll. Eine zweite Meldung, derTimes" aus Newyork, setzt die China-Politik der Ver­einigten Staaten in Beleuchtung. Die Ver. Staaten-Re- gierung ist nämlich besorgt, es möchten etliche Handels­konzessionen von chinesischer Seite durch Rußlands Wettbewerb verloren gehen. Die amerikanische Regierung erwartet diese Zugeständnisse als Entschädigung für ihr selbstloses Eintreten für China gegenüber der gesamten Christenheit".Selbstlos" ist sehr gut, bei derErwartung" einer Belohnung, deren Wert die Amerikaner als kluge Ge­schäftsleute gewiß am besten abzuschätzen wissen.

DieTimes" meldet aus Shanghai: Aus glaubwürdiger Quelle wird gemeldet, Rußland habe der chinesischen Re­gierung bekannt gegeben, wenn das Mandschurei-Ab­kommen nicht zu einem nahen, von Rußland bezeichneten Datum unterzeichnet würde, dieses die Konvention zurück­ziehen und härtere Bedingungen aufstellen werde. Li-Hung-Tschang erkläre, er sei machtlos. Wider­stand zu leisten.

Der deutsche Kaiser hat den Kronenorden 1. Kl. an Sir Robert Hart verliehen. Hart steht seit langen Jahren an der Spitze des chinesischen Zollwesens.

Wie ungerecht die chinesischen Christen beim Beginn der ostasiattschen Wirren vielfach beurteilt worden sino, ersieht man aus den Einzelheiten, die sich bei ihrem Märtyrertod zugetragen haben, und erst jetzt nach und nach bekannt werden. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man das in Peking, Paottngfu und anderwärts Geschehene als ein würdiges Gegenstück zu der Standhaftig­keit der Christen in der Neronischen Christen Verfolgung bezeichnet. In Peking waren 100 Schülerinnen der dortigen höheren Mädchenschule in einer Kirchse eingeschlossen. Als sie sahen, daß ihr Lehrer sich um sie ängstigte und auf ihre Befreiung bedacht war, kamen sie zu ihm und sagten, er möge sich keine Sorge um ihretwegen machen: wenn sie sterben müßten, so möchten sie am liebsten alle miteinander in den Himmel kommen. In derselben Stadt lebte ein gewisser Hsieh, der im Angesicht des ihm drohenden Todes seine besten Kleider anlegte, da er ja im Begriff war, wie er sagte, in den Palast seines Königs zu gehen. Seine Peiniger waren über seine Standhaftigkeit so erstaunt, daß sie dem zu Tode Gemarterten das Herzaus demLeiberissen, um hinter das Geheimnis seines Mutes zu kommen. Solche Beispiele christlichen Heldenmutes bei vielen eingeborenen Christen erklären es, daß aus manchem ihrer Tadler jetzt ein Lobredner geworden ist. Ein Europäer in Tschifu erklärte, früher habe er nie an die Aufrichtigkeit dieser orientalischen Christen geglaubt, jetzt bezweifle er sie aber nicht mehr, nachdem er gesehen, wie standhaft sie in der schrecklichen Verfolgung geblieben sind. Und ein deutscher Zollbeamter schreibt in seinem im Ostasiatischen Lloyd veröffentlichten Tagebuche:Es ist geradezu erhebend zu sehen, wie manche schon dem Tode geweihte, alte, verwundete Männer den jüngeren Christen Trost zusprechen und sie in ihrem Glauben zu bestärken suchen.Hsianz tten tschu" b. h.denk an Gott!" hört man fast überall, und hier erst lernt man das WortMärtyrer" in seiner ganzen edlen Bedeutung kennen."

Deutsches Reich.

Berlin, 11. März. Der Kaiser ist infolge der erlittenen Verletzung genötigt, noch auf längere Zeit

sich besondere Schonung aufzuerlegen. Aus diesem Grunde ist auch die für den 23. März in Aussicht ge­nommene Enthüllung der drei Gruppen in der Siegesalles und des Denkmals Wilhelms I. in Potsdam bis aus weiteres verschoben worden.

Aus Wiesbaden wird gemeldet, daß PrinL Albrecht zu Solms-Braunfels, über dessen To« wir berichtet haben, durch Selbstmord seinem Leben ein Ende gemacht hat. Der Prinz weilte schon seit längerer Zeit in Wiesbaden, um Heilung von einem schweren Gickst- und inneren Leiden zu suchen, welche ihn zwangen, sich stet» in einem Rollstuhl fahren zu lassen. Von der Erkenntnis durchdrungen, daß er niemals mehr ganz gesund werden könne, faßte er den Entschluß, sich selbst von seinen Leiden zu befreien.

Der dem Bundesrat zugegangene Entwurf de» Süßstoffgesetzes besagt, es seien anzusehen alle auf künstlichem Wege gewonnene Stoffe, welche als Süßmittel dienen können und höhere Süßkraft als raffinierter Rohr­oder Rübenzucker, aber nicht entsprechenden Nährwert be­sitzen. Der Süßstoff darf, soweit nickst Ausnahmen zuge­lassen werden, Nahrungs- und Genußmitteln bei gewerbs­mäßiger Herstellung nicht zugesetzt werden. Der Bundesrat wird ermächtigt, bestimmte Stoffe von der Vermischung mit Süßstoff auszuschließen. Gewerbsmäßige Herstellung von süßstosfhaltigen Nahrungs- und Genußmitteln ist ge­stattet in Kranken-, Kur- und Pflege-Anstalten und ähn­lichen Anstalten. Die gewerbsmäßige Abgabe ist nur den Inhabern von Süßstofffabriken an solche Personen gestattet, die die Erlaubnis der Steuerbehörde erhielten. Auf die Abgabe in Apotheken gegen schriftliche ärztliche Anweisung findet diese Vorschrift keine Anwendung. Zuwiderhand­lungen werden mit Gefängnis bis zu sechs Monaten oder Geldstrafe bis zu 1500 Mark bestraft. Zum Verbrauch im Jnlande bestimmter Süßstoffe unterliegt einer Verbrauchs, abgabe von 80 Mark pro Kilogramm chemisch reine» Süßstoff. Tas Gesetz soll am 1. April 1902 in Kraft treten. Dem Gesetzentwurf ist eine ausführliche Begründung bei­gegeben.

Um eine Herabminderung der Schullaste» herbeizuführen, hatte die Schuldeputation in Spandau beschlossen, eine Einschränkung des Unterrichts eintteten zu lassen. Es sollten danach an sämtlichen neuen Gemeindeschulen im ganzen 250 Lehrstunden wöchent­lich gespart werden, wodurch etwa acht bis zehn Lehr­kräfte überflüssig geworden wären. Die damit erzielte Geldersparnis hätte sich auf etwa 15000 Mark jährlich be­laufen. Gegen diese Beeinträchtigung des Volksschulunter­richts erhob indes der amtliche Kreisschulinspektor Ander- sogleich Einspruch bei der Regierung in Potsdam, worauf diese den Beschlich der Schuldeputation aufhob und entschied, daß eine Kürzung des Lehrplans unter keinen Umständen Platz greifen dürfe. Der Beschluß der Spandauer Schul­deputation ließ freilich an Einfachheit nichts zu wünschen übrig. , . 1

Nach jüdischen Blättern soll eine Ges amt-Or- ganisation der Juden Deutschlands vorbereitet, werden.

Bremen, 11. März. TieWeserzeitung" erfahrt: Die Untersuchung wegen des Attentats ergab bisher nichts weiter, außer daß sich eine einwandfreie Zeugin gemeldet und erklärt hat, sie habe das bewußte Eisenstück am Ort des Attentats kurz vor dem Attentat liegen gesehen,

Posen, 11. März. Bei der heutigen Reichstag- ersahwahl erhielten in der Stadt Posen, Oberbürger­meister Witting, (Deutsche Partei) 7276 St., Rechtsanwalt Chrzanowski (Pole) 8171 St., Kaßprsak (Sozialdemokrat:) 675 St. Der deutsche Kandidat erhielt somit in Posen ca. 2000 Stimmen mehr als beide deutsche Kandidaten bei der letzten Reichstagswahl. Soweit das Resultat im ganzen Wahlkreise bisher bekannt, wurden für Wttttng 8677, für Chrzanowski 11022, für Kaßprak 681 Stimmen abge­geben, sodaß die Wahl des polnischen Kandidaten als gesichert erscheint.

Weimar, 11. März. Der Chef des Kultusdeparte- mints v. Pawel hat seine Entlassung eingerercht, die der Großherzog genehmigte. __

Ausland.

London, 11. März. (Oberhaus.) Braye bringt einen Gesetzentwurf ein, wonach der von den Herrschern Eng­lands bei der Thronbesteigung mit Bezug auf die katholische Religion zu leistende Eid abgeschasfr wird.

Madrid, 11. März. Nach Meldungen aus Barcelona kam es in Manlleu zwischen ausständigenArbeitern und Arbeitgebern zu einem Zusammenstoß. Tie Arbeiter griffen das Klubhaus der Fabrikanten an und gaben Schüsse ab, durch die zahlreiche Personen, darunter der Alcalde und sein Sohn verwundet und zwei Personen ge­tötet sein sollen. Die Ausständigen hätten zwei Fabrik­gebäude in Brand gesteckt.

Rom, 11. März. Das Kapitol war heute der Schau­platz stürmischer Szenen. Im Gemeinderat erklärte der Principe Colonna, er nehme die Entlassung des klerikalen Beigeordneten zu den Akten, worauf das Publikum inner­halb und außerhalb des Kapitolpalaftes lärmt e, schJ- und pfiff und Spottlieder gegen den Kterrra- 11 s^Der^Agenzia Stesani" wird auS Aden den 10..