Ausgabe 
13.1.1901 Erstes Blatt
 
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Nr. II ErRes Blatt. Sonntag den 13 Januar 151. Jahrgang 19V1

SiebenerAnzeiger

Kenemt-Anzeiger

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Fervsprech« Nr. 5L

Amtlicher Heil.

Gießen, 11. Januar 1901.

Betr.: Die Regelung deS Lehrlingswesens; hier: Ermittelung der Personen des £)anbroetfeEftanbc6, welchen dir bürgerlichen Ehrenrechte entzogen sind.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Gr. Bürgermeistereien der Landgemeinden deS Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche mit der Erledigung unserer Verfügung vom 18. Dezember 1900 (G. A. Nr. 299) noch im Rückstände find, werden hiermit erinnert.

v. Bechtold.

Bekanntmachung.

ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß unsere Gerichtsschreibereien täglich, mit Ausnahme der Sonn und Feiertage, von vormittags 10 bis 12 Uhr für die Rechtsuchenden geöffnet sind.

W Als AmtStage für die Einwohner deS Stadtbezirks Gießen werden außerdem Dienstag, für die Einwohner des Landbezirks Mittwoch vorbestimmt.

M^Gießen, den 9. Januar 1901.

Großherzogliches Amtsgericht.

Bekanntmachung.

ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Auf schlags von Fünf vom Hundert pro Monat Dezember 1900 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg. betragen: Hafer Mk. 15,65, Heu Mk. 8,40, Stroh Mk. 6,30.

Gießen, den 9. Januar 1901.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.

Bekanntmachung.

Das Proviant-Amt in Hanau kauft Roggen, Hafer, vferdeheu, Roggen - Flegelstroh, Roggen - Maschinenstroh, Weizenstroh und Haferstroh gegen Barzahlung.

Tie Körner müssen gesund, trocken und gut gereinigt fein, auch im Viertelliter nicht unter 179 Gramm bezw. 112 Gramm wiegen. Das Heu muß gut gewonnen, auch grün in der Farbe sein und aus süßen Gräsern bestehen. Alle Strohsorten müssen gesund, trocken, ohne die kurzen Teile (Abfall), nicht von den Mäusen zerschnitten, lang gelegt

und fest gebunden sein. Preßstroh wird nur bann gekauft, wenn solches aus gesunden langen Halmen besteht und der Abfall nicht mit eingepreßt ist. Bei Bahnsendungen ',ist die Adresse für den Frachtbrief: Hanau Bahnhof Nord. Ten Anstellungen von Körnern sind ungeschmeichelte Proben von reichlich ein Viertel Liter beizufügen und die Forderung frei Magazinhof Hanau zu stellen, wobei zu berücksichtigen bleibt, daß die Abfuhr von der Bahn 6 Pfg. pro Zentner Körner und 15 Pfg. pro Zentner Heu oder Stroh beträgt. Jede weitere Auskunft wird bereitwilligst von dem ge­nannten Amte mündlich wie schriftlich erteilt.

Gießen, den 11. Januar 1901.

Äroßherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.

Steckbrief.

Der Ersatz-Reservist Metzger Hermann Wagner, geboren am 10. November 1876 zu Staufenberg, Kreis Gießen, zuletzt wohnhaft in Warburg i. W., Kreis Warburg i. W., entzieht sich seit längerer Zeit der militärischen Kon­trolle.

Er wird hierdurch aufgefordert, sofort, spätestens aber bis 1. April 1901, seinen jetzigen. Aufenthaltsort dem zu­ständigen Bezirksfeldwebel anzuzeigen.

Geht bis 1. April 1901 eme Anzeige nicht ein, so wird angenommen, daß er sich ohne Erlaubnis im Auslande be­findet. Es wird dann gegen ihn die gerichtliche Bestrafung wegen unerlaubter Auswanderung beantragt werden.

Tie Polizei- und Ortsbehörden, in deren Bezirke er sich aufhalten sollte, werden ergebenst ersucht, Mitteilung sogleich hierher gelangen lassen zu wollen.

Paderborn, den 3. Januar 1901.

Königliches Bezirks-Kommando.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 11. Januar.

Das Präsidium wird ermächtigt, dem Kaiser zur preußischen Zweihundertjahrfeier und zum Geburtstag die Glückwünsche des Reichstags zu überbringen.

Abg. N i ß l e r begründet seinen Antrag auf Gewährung von Beihilfen an bedürftige Kriegsveteranen, deren Erwerbsfähigkeit durch Alter oder Krankheit auf weniger als ein Drittel herabgesetzt werde.

Abg. Speck (Ztr.): Der Reichstag hat wiederholt seinen ernsten Willen dahin kund gegeben, daß den Kriegsteil­nehmern ihr trauriges Los nach Kräften erleichtert werden soll. Der Inhalt des vorgelegten Antrags will, daß in Zukunft nicht dauernde völlige Erwerbsunfähigkeit, sondern die unter die Hälfte herabgegangene Erwerbsfähigkeit zur Vorbedingung für die Gewährung der Beihilfe gemacht werde. Es ist nicht zu verkennen, daß diese Aenderung eine erhebliche finanzielle Belastung für das Reich zur Folge

haben wird, die Prüfung in der Budgetkommission ist ötfa unumgänglich. (Beifall.)

Abg. Dr. Arendt (Reichsp.): Mit der Verweisung ber Anträge an die Budgetkommission bin ich einverstanden: es wird sich Gelegenheit finden, auch die Frage des Nach­weises der Berechtigung zur Nachsuchung der Unterstützung zu erörtern. Es wird weiter zu untersuchen fein, ob der Ausdruckhilfsbedürftig" oderunterstützungsbedürftig" ausreicht, und es wird endlich Abhilfe dagegen zu suchen sein, daß auch die bereits als berechtigt anerkannten Veteranen mit ihrem Anspruch lediglich deshalb zurückgewiesen worden ind, weil der zur Verfügung stehende Fonds erschöpft ist. Der Schatzsekretär ist heute nicht anwesend, aber ich finde das begreiflich, denn bei der Besprechung der Interpellation des Grafen Oriola haben die Herren vor dem Reichstag auf der Anklagebank gesessen. Heute kommt es sehr häufig vor, daß Leute zurückgewiesen werden, weil sie nicht absolut hilfsbedürftig wären. Wären sie aber das, dann würden sie der Armenpflege anheimfallen. Wir wollen aber mit diesem Ehrensold kein Almosen geben, sondern eine Ehren­schuld einlösen. (Sehr richtig! rechts^)

Gras Oriola (natl.): Der Reichstag hat einstimmig den Reichskanzler ersucht, die Mittel, die zur Gewährung der Beihilfe von 120 Mk. an alle anerkannten Veteranen etwa erforderlich sein sollten, durch einen Nachtragsetat für 1898 zu fordern. Der Nachtragsetat isst nicht gekommen, aber 1899 kam das heute noch geltende Gesetz, das den Kreis der zu berücksichtigenden Kriegsteilnehmer etwas er­weiterte. Inzwischen ist die Zahl der Berechtigten wiederum gewachsen, aber der Fonds ist erschöpft und die Leute wer­den immer wieder vertröstet. Das kann nicht so weiter gehen. Darum begrüße ich den Antrag Nißler; leider steht darin nicht das durchaus nötige Wortsofort". In diesem Punkte wird ihm ebenfalls in der Kommission nachzuhelfen fein. Es braucht riicht der Jnvalidenfonds unter allen Um­ständen herangezogen zu werden; man kann auch einen be­sonderen Fonds schaffen, der den Kriegsteilnehmern, den Nichtinvaliden, zu gute kommt.

Bundeskommissar Wirkl. Geh. Oberregierungsrat Plath (Reichsschahamt): Es ist gefragt worden, ob bie Zahl derjenigen, die zwar als nach dem Gesetze Unter­stützungsberechtigte anerkannt sind, aber wegen Mangels an Mitteln noch nicht haben zum Genüsse ber Beihilfe ge­langen können, seit der Normierung des Bedarfes auf 4 080 000 Mark gewachsen ist, und da kann ich mitteilen, daß am 1. April 1900, also am'Schluffe des Rechnungs­jahres 1899, über die 34 000 zur Perzeption gekommenen Empfänger von Beihilfen noch 2788 unbefriedigt gebliebene, aber anerkannte Anwärter vorhanden waren (hört! hörb! rechts). Wir haben zwar noch keine, näheren Nachrichten darüber, aber wenn ein Beispiel signifikant ist, so kann ich mitteilen, daß in einem Bundesstaate, in dem zu dem ge­dachten Termin noch 14 unbefriedigte Anwärter vorhanden rvaren, inzwischen die Zahl auf 41 gestiegen ist. (Hört, hört!)

Hießener Hheaterverem.

Kollege ßrampton.

Kombdie von Gerhart Hauptmann.

Heute wurde mir bad dritte und letzte Heft von Karl BuffeS deutscher Litteratur im 19. Jahrhundert*) auf den RedaktionStisch gelegt. Karl Buffe ist der bekannte junge Lyriker, der sich in diesem Buche als feinfühliger und durch auS selbständiger und eigenartiger Litteraturkritiker zeigt. Bon Gerhart Hauptmann sagt er u. a.:

Er hat manchen Zug gemeinsam mit Liliencron: fte sind beide mit Maleraugen begabt, eine unerhörte Gegenständlichkeit der Schilderung zeichnet sie aus, im realistischen Detail sind sie unübertrefflich, die Situa­tion packen sie mit einer Kraft und Stätte, die zur Bewunderung hinrttßt. Aber beide scheitern mehr oder minder an der Entwickelung . .

Das ist eine treffende Bemerkung. Als vor 8 oder 9 Jahren Hauptmann'SCollege Crampton- im deutschen Theater zu Berlin zum ersten Male das Lampenlicht erbl'ckte, da war man sich in litterarifchen Kreisen klar: der junge Dichter hatte sich von der Sumpf- und Fuselpoesie steige macht, die aus seinen dramatischen Erstlingenduftete-. ,Dor Sonnenaufgang- undDas Friedensfest- waren die Auswüchse eines von dem Veitstanz konvulsivischer Leiden­schaft durchzuckten, noch recht sehr in den Kinderschuhen der Poesie einherhüpfenden, aber doch kraftgenialischen Dichter gemüteS. Allerdings spielt auch noch imCollegen Crampton- der Alkoholismu« eine große Rolle, größer als inHannele- sud inFuhrmann Henschel-, aber das widerlich Obscöne, das in seinen ersten Dichtungen im Vordergründe stand, fehlt hier vollkommen. Hauptmann hat in dieser Komödie, wie er sein Stück betitelt, ein litterarisches Kunstwerk geschaffen, das

) Das deutsch« Jahrhundert in Einzelschrift««. Lfg- 5. Hrta. Hott Georg Stockhausen. BollstLndig in 80 Lfgn- Subskriptionspreis 60 Pfg., TinzelpräS 1 »k. (»erlag eon F Schneider u. 6». tn v«l«>

in hohem Grade interessiert und packt; allerdings ein mehr litterarisches als dramatisches. Denn von dramatischem Talent zeigen sich hier nur wenig Spuren; von deu Vor- stellungen, die wir von der dramatischen Kunst haben, sehen wir kaum etwas erfüllt. Es ist, wie jetzt sein «Michael Kramer-, das Werk eines echten Dichters, aber keines Dra matikerS. Denn der Organismus des Dramas ist das lebendige Werden und Wachsen, das Drama erfordert Werdendes, Ent- Wickelung. Den meisten Dichtungen Hauptmanns aber fehlt diese Entwickelung. Mit Trotz und starrer Ausdauer bringt Hauptmann dennoch unentwegt alle seine Dichtungen auf die Bühne, weil er weiß, daß nur auf diese Weise ein dichterisches Kunstwerk dem großen Publikum bekannt gemacht werden kann.

Die auf schärfster Beobachtung beruhende, meisterhafte Charakter-Schilderung eines verlumpten und gänzlich ver­bummelten Malers bildet den Inhalt deS Stückes. Die Handlung ist ganz unbedeutend und dabei auch höchst un wahifcheinlich; ein dramatischer Konflikt ist überhaupt nicht vo« Händen fünf Aufzüge hindurch nur Schilderung. Aber trotzdem wird bie Komödie nie langweilig, denns unzählige, lebenswahre Charakterzüge feffeht bis zum Schluß.

Wie zn seinem neuesten Werke,Michael Kramer-, so holte auch zumKollegen Crampton- Hauptmann seine Modelle aus Breslau. Als Schüler ber Btldhauerklaffe ber Breslauer Kunstakademie fand Hauptmann einst Gelegenheit, sich in den dortigen Künstlerkreifen umzusehen, und au« diesen Kreisen heraus ist Crampton geschaffen. Er ist Profeffor an der Kunstakademie, dem stillen©uff" ergeben, zur Arbeit« scheu herabgesunken, hat im Aktsaal allen Respekt eingebüßt und wird nicht nur von den Kunstgenoffen, sondern selbst von ber niedern Dienerschaft der Akademie mit Nichtachtung behandelt. Wa« er war, ob ein wirkliche«, starkes Talent, eine echte geistige Potenz, ober tzon jeher nur der Prahlhans ohne

Schöpferkraft und sittlichen Halt, als den wir ihn kennen lernen, das bleibt zum großen Schaden ber tieferen Wirkung im Dunkeln. Wir erfahren nur, daß er seil Jahren nichts geschaffen hat. Er ist mit seiner Familie gänzlich zerfallen, und nur seine jüngste Tochter hält zu chrn. Der einzige Anker, der ihn noch sozial hält, ist seine Lehrer- ftellung. Aber auch hier vernachlässigt er seine Pflicht auf das gröblichste und seine Entlassung erfolgt. Er ve knecht sich in eine Spelunke, deren Wirt ihn, den Professor Crampton, zur Unterhaltung für seine Gäste benutzt.

Im höchsten Stadium der Berlumptheit sehen wir chn in dem ganz vortrefflichen 4. Akt, der in dieser Kneipe spielt. Mit einigen seiner stüheren Schüler spielt er Karten, fraterni­siert mit Stubenmalern und läßt sich von der Kellnerin frei­halten. Da kommt die Rettung: ein ehemaliger Schüler, der Cramptons Tochter liebt, findet ihn auf und bringt rhu fort. Dieser Retter, ein 19jähr. Kunstakademcker, verlobt fich mit Gertrud Crampton unb nimmt den Vater seiner Braut in seine eigene Wohnung, in der er ihm ein schönes Atelier ein« gerichtet hat. Crampton verspricht, fich zu beffern, und die Personen des Stücks gLuben e« ihm. Allerdings wohl nur diese, denn daß ein Bern Geiste im Spiritus so ergebener, ein an Leib und Seele zerrütteter, wenn auch geistig hoch- stehender und talentvoller Mensch die moralische Kraft zurück­gewinnen kann, fich aufzuraffen, ist für andere kaum glaubhaft.

ImKollegen Crampton- stellte Hauptmann zum ersten- male seine Kunst in den. Dienst des Humors, eines Humors, den ihn kein Zola, kein Ibsen, kein Tolstoi lehren konnte, ber deS Dichters ursprüngliches Eigentum ist, ber au« bem Schutt eine« zusammengestürzten Sittlichkeitstempels erblüht tn herber Spröde.

Da« Stück erregte am Freitag bei unserem Publikum, wie e« schien, aufrichtiges Wohlgefallen, da« fich nach jebem Aktschluß in lebhaften Beifallspeudeu kuudgab. Dre «us-