Ausgabe 
12.12.1901 Zweites Blatt
 
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Vom Burerrkriege

Eine Depesche Kitcheners aus Pretoria vom 9. d. M. meldet :Seit dem 2. ds- sind 31 Buren getötet, 17 verwundet, 352 gefangen worden, 35 ergaben sich. Durch die vorgeschobene Linie von Blockhäusern von Brugspruir nach Greylingstad ist das Ostgebiet gangbarer geworden. Ich bin jetzt zum ersten Mal im stände, systematische, fortlaufende Operationen in der Umgegend von Ermelo, Bethel und Carolina unter Leitung der Generale Bruce- Harnilton, Spens und Plumer ausführen zu lassen. Im Westtransvaal geriet Methuen mit dem Kommando Lieben­bergs in ein Gefecht, er erbeutete alle Wagen der Buren und nahm 29 gefangen, die in den obenerwähnten einbe­griffen sind. Im Nordosten der Kavkolonie gehen Srobell und Monro noch gegen Fouche und Myburg vor, deren Kommandos, wie sie es immer zu thun pflegen, wenn sie ernstlich bedrängt werden, sich in den Bergen zerstreuten. Im äußersten Westen sammelte sich eine bedeutende Buren- äbteilung unter Maritz und anderen, um Tontellbosch-Kop anzugreisen, wo es der Garnison gelang, die Buren zurück­zuschlagen. Maritz soll schwer verwundet sein. Die Kolonne Dorans verfolgt diese Kommandos, während Crabbe und Cavanaah das Lund südlich von Rynsdorp säuberten.

In der belgischen Repräsentantenkammen gelangte am 10. d- M. die Interpellation des Sozialisten Vander- velde über die Konzentrationslager zur Be­sprechung. Die Tribünen sind überfüllt- Unter den Zu­hörern befinden sich die Gemahlinnen des Präsidenten Steijn und Louis und Moritz Bothas. Der Interpellant befragt die Regierung, welche Haltung sie einnähme, wenn die anderen Regierungen einen gemeinsamen Schritt unter­nähmen, und von England eine bessere Behandlung der in den Konzentrationslagern Befindlichen zu erlangen. Bandervelde ruft das Mitgefühl der Kammer für die Nicht- tombatanten, Greise, Frauen und Kinder, und sagt, er han­dele ohne feindseliges Gefühl England gegenüber, denn seine Frau sei eine Engländerin, sein Schwager kämpfe in Süd­afrika unter Kitchener. Der Minister des Auswärtigen erwidert, die Regierung könne nicht interve­nieren und die Initiative nicht ergreifen, da England eine Intervention nicht annehme.

Inzwischen verlautet aus London, daß die Regierung Lord Kitchener den Befehl erteilte, ehestens mit der Heim­sendung oer Burenfrauen und Kinder aus den Konzen­trationslagern zu beginnen. Man scheint also doch mit dem bisherigen Äonzentrativnslagersyftem brechen zu wollen.

.Seit zehn Jahren fnrdet einmal jährlich in London und in Aldershot ein militärischer Gottesdienst! in den jüdischen Gerneinden statt. In der Zentral- synagoge hatte sich am 8. d- M. zu diesem Gottesdienst eine beträchtliche Menschenmenge angesammett. Oberst Cohen hielt eine Ansprache. Er machte auf den großen Anteil aufmerksam, den jüdis che Soldatenan dem Kriege gehabt hätten. Im englischen Reich gäbe es vielleicht weniger als eine viertel Million Juden, und von diesen seien 2000 Mann, einschließlich 80 Offizieren, in Südafrika gewesen.

Aus Stadt und Zand.

(Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ist nur unter genauer Quellenangabe:Gieß. Auz." gestattet.)

Gießen, den 11. Dezember 1901.

* Auszeichnung. Das Ehrenzeichen für Mitglieder frei­williger Feuerwehren wurde verliehen dem Mitgliede der frei­willigen Feuerwehr zu Kostheim Kaspar Keßler.

* * Hochwasser. Aus den verschiedensten Gegenden kommen Meldungen über Hochwasier. In Mainz wurde wiederum wegen starken Anschwellens des Oberrheins und des Neckars der telegraphische Wasser st andsnach richtendien st eröffnet. Kehl meldet, daß der Rhein von 138 auf 190 ge­stiegen sei und daß der Rhein noch stark wachse. In Wimpfen ist der Neckar seit gestern um 2.48 gestiegen, der heutige Stand ist 3.88; das Steigen hält an. Nach Meldungen aus Witten ist das Hochwasser das stärkste seit zehn Jahren. Viele Häuser sind vollständig vom Verkehr abgeschnitten. Der Verkehr zwischen den einzelnen Ottschaften ist nur durch Kähne möglich. Die Haustiere mußten aus den Ställen in Sicherheit gebracht werden. Die Ruhr fühtt viel Holz, Futter und andere Gegenstände; auch verschiedene Badeanstalten wurden rnitgerisien. Aus Trier wird geschrieben, daß infolge anhaltenden Sturmes, Schneetreibens und Regen­wetters die Nebenflüsse der Mosel Hochwasier führen. Auch bei der Lahn macht sich ein Steigen des Wassers bemerkbar. Die Wieseck hat ebenfalls chren gewöhnlichen Wasierstand bereits bedeutend überschritten.

Weihnachtsbescherung. Am Donnerstag den 19. De­zember, abends 7 Uhr, findet im Hotel Schütz die Weih­nachtsbescherung des GesangvereinsEnthusiasmus" statt. Der Verein hat sich bei seiner Gründung das schöne Ziel gesteckt, armen Kindern zur Wechnachtszeit eine Freude zu bereiten. Beretts im Vorjahr hat er diesen Plan verwirklicht. Eine fröhliche Schar von 38 Kindern umstand mit ihren Eltern, Erziehern usw. den reichlich geschmückten Weihnachts- baum. Die Knaben wurden mit Anzügen, Stiefeln u. beugt, die Mädchen mit Kleidern usw. beschenkt. Fröhlich kehrten die Kinder, sorgsam all' diese Kostbarkeiten, unter denen auch das Weihnachtskonfekt aller Att nicht fehlte, ttagend in ihr Heim zurück. Dank den zahlreichen Spenden der Mitglieder ist der Verein in diesem Jahre in der glücklichen Lage, eine noch größere Anzahl Kinder beschenken zu können. (Näheres siehe im Inseratenteil.)

* Buchhaltungskurs für Handwerksmeister. Der am 7. De­zember zum Abschluß gekommene Buchhaltungskurs für Hand­werksmeister in Darmstadt nahmen einen für die Teilnehmer sehr befriedigenden Verlauf. Insbesondere wurde Herrn Heckelmann über seine ruhige, sachliche und dabei doch humorvolle Vottragsweise seitens seiner Schüler am letzten Abend besonderer Dank gezollt. Ein zweiter Kursus in Buchhaltung wird bei entsprechender Teilnehmerzahl im Monat Januar stattsinden. Anmeldungen hierfür sind baldigst an die Großh. Zentralstelle für die Gewerbe zu richten. Das Unterrichtsgeld einschließlich der erforderlichen Lehrhefte ist auf 5 Mk. festgesetzt.

* * Hessische Handelskammer. In Mainz trat dieser Tage der Vosrand der Kanimer in Anwesenheit des Großh. Regierungskommissars Ober Regierungsrat Dr. U s i n g e r zu einer Sitzung zusammen. Die Tagesordnung umfaßte nachstehende Punkte: 1) Errichtung von Prüfungs­kommissionen zur Abnahme der Meisterprüfungen. 2) Be­ratung des Entwurfs der Prüfungsordnung zur Vornahme der Meisterprüfungen. 3) Beratung des Entwurfs der In­struktion für die Beauftragten. 4) Besprechung über Er-

nemnmg Der Beauftragten sowie einstweilige Dersahung dieses Amtes. Zu Punkt 1 beschloß der Vorstand, dem Mi­nisterium die Errichtung von drei Prüfungskommissionen und zwar je eine in Darmstadt für die Provinz Starken­burg, in Gießen für Oberhcssen und in Mainz für Rheinhessen vorzuschlagen. Die vorliegende Meifterprüf- ungsordnung wurde nach eingehender Durchberatung mit kleinen Abänderungen und Zusätzen angenommen. Die Be­ratung der Instruktion für die Beauftragten wurde bis nach erfolgter Veröffentlichung der Instruktion für die Geiverbeinspektionen, welche demnächst vom Ministerium er­lassen wird, zurückgestellt. Nach Schluß der Tagesordnung and eine allgemeine Aussprache über das Submissions- vesen, den Schutz gegen § 616 B. G. B. und anderes mehr tatt. Der in der letzten Sitzung bewilligte Bettag von 300 Mk., der zur Prämiierung der eingelaufenen besten Ent­würfe für Gesellenbriefe besttmmt war, wurde auf 500 Mark erhöht, da gleichzeitig auch Entwürfe für Meisterbriefe mit eingefordert werden sollen. Das Ausschreiben hierzu wttd dieser Tage erlassen werden.

x. Annerod, 10. Dez. An der Straße nach Steinbach and man heute die Leiche des seit einigen Tagen ver­mißten Kaspar Balzer von Alb ach. Der Tote, ein Mann im Alter von 81 Jahren, lag neben einem Baurn, unter dem er sich vielleicht, um seinen Rausch zu verschlafen, niederge- lasien hat. Außer seinen Papieren fand man noch ein Branntweinfläschchen bei der Leiche vor.

Butzbach, 10. Dez. Wie man derButzb. Ztg." mitteilt, wurde am Sonntag im nahen Zuchthaus Marienschloß der Aufseher Kissel von einem Sträfling überfallen und er­hielt von diesem einen starken Hieb mit einem Eisenstab über den Kopf, sodaß die Schädeldecke gespalten ist und an dem Aufkommen Kissels gezweifelt wird.

Darmstadt, 10. Dez. Eine gestern im Saalbau abge­haltene Versammlung des Alldeutschen Verbandes war von etwa 2000 Damen und Herren aller Stände besucht. Kommandant Jo oste sprach in zweistündiger, des öfteren von Beifall unterbrochener Rede über den südafrikanischen Krieg. Für Postkarten wurden (ohne das Eintrittsgeld) 495 Mk. gelöst. Zum Schluß wurde eine Protestresolution gegen die bekannten Chamberlain'schen Aeußerungen einstimmig angenommen.

v. Darmstadt, 10. Dez. D. Mattäi hielt heute im historischen Verein für das Großh. Hessen einen interessanten Vortrag über Reisen und Reiseverkehr im Zeitalter Karls des Großen und Ludwigs des Frommen. Er stützte sich in seinen Ausführungen auf eine bis jetzt wenig bekannte Quelle, die sog. translatio des Eginhard.

Mainz, 10. Dez. Eine Anzahl Schutzleute, die sich in der letzten Zeit grobe Ungehörigkeiten, sogar gegen ihre Vorgesetzten, haben zu schulden kommen lassen, wurden von der Bürgermeisterei zu empfindlichen Geldstrafen ver­urteilt. Außerdem wurde ihnen die Lehre mit auf den Weg gegeben, daß im Wiederholungsfälle die strengsten Strafen über sie verhängt werden würden.

Bingen, 10. Dez. Am Sonntag nachmittag unter­nahmen vier junge Leute, Techniker Jakob Birgel aus der Nähe von Trier, Gerhardt Quandt aus Reyd, Otto Horst aus Stuttgart und Kaufmann Jakob Ritter, welcher bei Horst zu Besuch war, eine Segelfahrt aus dem RH ein nach Geisenheim. In Geisenheim kehrten die jungen Leute in einem Wirtshause ein, und begaben sich wieder in ihr Boot zurück. Sie werden seit dieser Zeit vermißt. Die Leiche des Kaufmanns Jakob Ritter ist heute früh am Kempter Eck geländet worden, wodurch die Hoffnung, die vier jungen Leute könnten vielleicht irgend wohin ver- chlagen worden sein, leider vernichtet wird. Gestern hätte der Rhein beinahe ein neues Opfer gefordert, indem ein von einem Techniker geführtes Boot zwischen einem Schleppzug geriet, und von einem der Verbindungsdraht­seile umgeworfen wurde. Indessen glückte es einigen Fischern, den Techniker noch rech^tzeitig dem kühlen Element zu entteißen.

Hanau, 10. Dez. Mit dem heutigen Tage ist hier ein tädtisches Arbeitsamt in Thätigkeit getreten, das ils unentgeltliche Arbeitsvermittelungsstelle und als Aus- unftsstelle für alle das gewerbliche Leben berührenden Fragen gedacht ist.

Vermischtes.

Leipzig, 10. Dez. In ihrem Laden wurde gestern die Händlerin Bertha Lory dem Tode nahe aufgefunden. Es waren ihr mit einem Beil furchtbare Verletzungen am Kopf beigebracht worden; sie starb irn Krankenhause, wo­hin man sie gebracht halt. Aus dem Laden hatte der Mörder Gold- und Silbergegenstände sowie baares Geld entwendet. Die Polizei hat bereits die Verhaftung mehrerer verdächtiger Personen veranlaßt.

Nnivrrsttäts Nachrichten.

lieber die Frequenz der Technischen Hochschule in Darm­stadt sei nachdem uns vorliegenden Personal-Verzeichnis folgendes berichtet: In diesem Wintersemester sind 1442 Studierende und 258 Hospitanten eingeschrieben. Hierzu kommen 83 Teilnehmer an einzelnen Vorlesungen, darunter 33 Damen. Tie Zahl der deutschen Staatsangehörigen beträgt 1330, die Zahl der Ausländer 453, unter letzteren befinden sich 206 aus Rußland. Aus Karls­ruhe wird geschrieben: Regierungsbaumeister Richard K. Graß- mann in Berlin, Oberingenieur der Allgemeinen Elektrizitäts- geseUschast wurde zum o. Professor für Maschinenbau an der Tech­nischen Hochschule dahier ernannt. Man berichtet aus Heidel­berg: An der hiesigen Universität haben in dem Zeitraum vom 23. November vorigen bis 22. November dieses Jahres 249 Pro­motionen stattgefunden. Die Hälfte entfällt auf die j u r i st i s ch e Fakultät.

Gerichtssaab

D. Gießen, 10. Dez. Strafkammer. Carl Arnold von Marbach ist angeklagt, aus der Bahnstrecke Bad-NauheimButzbach auf Eisenbahnen im August und September durch drei selb­ständige Handlungen eine Anzahl von Wertsachen, die zum Gepäck von Reisenden gehörten, sich rechtswidrig angeeignet zu haben. Der Angeklagte war zur Zeit, als er die Diebstähle beging, Bahn­arbeiter. Diese selbst find nach der Anklageschrift qualifiziert. Die heutige Verhandlung ergiebt das Vorliegen eines schweren und zweier einfachen Diebstähle. Tas Urteil lautet auf eine Zusatzstrafe von 7 Monaten zu einer durch Entscheidung der Strafkammer vom 18. Oktober wegen gleich beschaffener Tiebstähle erkannten Gefängnis­strafe von 2 Jahren. Ter Bahnarbetter Eberhard Möbus und die Karl Deibel Ehefrau, beide von Garbenteich, waren durch Ur­teil des Schöffengerichts Gießen vom 1. November, der erstere wegen Körververlei-ung und Hausfriedensbruch in eine Gefängnisstrafe von 5 Wochen, Sie letztere wegen des letzteren Deliktes in eine solche von 1 Woche verurteilt worden. Gegen das verurteilende Erkennt- nis haben beide Angeklagte und die Staatsanwaltschaft Berufung versolat, die jedoch von dem Anqeklaaten Alöbus und, soweit sie

feine Strafen betrifft, auch von der Ltaatsvehorde zurucraenommen wird. Die Staatsanwaltschaft selbst hält heute eine Geldstrafe als angemessene Sühne für das Delikt der Angeklagten Deibel. Das Gericht erkennt demgemäß auf eine solche von 20 Mk. Die Kosten der Berufungsinstanz trägt die Staatskasse. Die Marie Häusler von Gießen war wegen Diebstahls durch Entscheidung des Schöffen­gerichts vom 22. Oktober in eine Gefängnisstrafe von 3 Tagen und die Kosten des Verfahrens verurtellt worden. Gegen das ver­urteilende Erkenntnis verfolgt die Anaeklagte, um chre Freisprechung zu erzielen, das Rechtsmittel der Berufung. Die Verhandlung vor der Strafkammer war vor kurzem zwecks neuer Zeugen» ladnnq vertagt worden. Es findet eine ziemlich ausgedehnte Beweisaufnahme statt, nach deren Schluß die Staatsanwaltschaft kostenfällige Verwerfung der eingelegten Berufung beantragt. Das Gericht ertennt demgemäß unter Verurteilung der Angeklagten in die Kosten auch der zweiten Instanz. Der vorbestrafte Bäcker­geselle Josef Prlte von Landshut steht unter der Anklage vor den Schranken der Strafkammer, zu Bad-Nauheim anfangs Oktober ein dem Bäckermeister Philipp König gehöriges gebrauchtes Fahrrad im Werte von etwa 150 Mk. sich rechtswidrig angeeignet zu haben. Der Angeklagte ist geständig. Die Staatanwaltfchaft beantragt gegen den Angeklagten, insbesondere auch in der Er- roägung, daß die ihm zur Last gelegte Strasthat fast an den schweren Tiebstahl grenze, eine Gefängnisstrafe von 6 Monaten. Tas Ur­teil lautet auf eine Gefängnisstrafe von 6 Monaten, unter Anrech­nung eines Monats der erlittenen Untersuchungshaft. Der 15jährige, aber schon mehreremale wegen Diebstahls corbeftraffe: Wilhelm Seipp von Hattenrod ist beschuldigt, in der Nacht vom 28. auf den 29. September auf der Kegelbahn des Gastwirts Dörr von Hattenrod dem Konrad Albach von da 10 Mk. rechtswidrig entwendet zu haben. Der Angeklagte leugnet nicht. Die Kammer erkennt gegen ihn auf eine Gefängnisstrafe von 2 Monaten dem Anträge der Staatsanwaltschaft gemäß unter Zuriastsetzung der Kosten des Verfahrens. Mildernde Umstände werden demselben bewilligt. In der Privatklagesache des Mathias Fanith von Holzheim gegen den Georg Heinrich Reitz von da war der Angeklagte der ihm zur Last gelegten Seleibigung durch Urteil des Schöffengerichts Butz­bach vom 1. November freigesprochen worden. Gegen das frei» prechende Urteil hat der Privatkläger das Rechtsmittel der Be­rufung eingelegt. Nach längeren Ausführungen der beiderseitigen Anwälte entscheidet die Kammer dahin, daß die Verhandlung zur weiteren Zeugenladung auf nächsten Freitag auszusetzen sei. Der Kaufmann Nathan Reiß von Gießen war durch Erkenntnis des hiesigen Schöffengerichts vom 8. November wegen Beleidigung des Kaufmannes Nathan Stamm von hier in eine Geldstrafe von 40 Mk. verurteilt worden. Gegen das verurteilende Erkenntnis verfolgte der Angeklagte das Rechtsmittel der Berufung. Eine ausgedehnte Beweisaufnahme spielt sich vor der Kammer ab. In längeren Ausführungen verbreiten sich die Vertreter der Parteien über den der Privattlage zu Grunde liegenden Thatbestand. Das Urteil lautet auf kostenfällige Verwerfung der Berufung des An­geklagten.

Berlin, 8. Dez. Ein Pistolenbuell hat Mitte Oktober zwischen bem Oberleutnant v. Schilgen und dem Leutnant: v. Raumer vom 26. Infanterieregiment in Verden a. Aller statt» gefunden. Es verlief bei dreimaligem Kugelwechsel unblutig. Beide Offiziere wurden vorn Kriegsgericht zu je drei Monaten Festung verurteilt.

Leipzig, 10. Dez. Der Prozeß gegen die Direktoren und Aufsichtsräte der Leipziger Wollkämmerei Aktiengesellschaft wurde heute fortgesetzt. Der Angeklagte Fuhrmann-Antwerpen bestreitet, daß eine Verschleierung des Vermögensstandes der Gesellschaft statt­fand. Der Angeklagte Hergersberg-Berlin erklärt, er hätte das Pachtkredit-Konto mit 540 000 Alk. für verloren gehalten, aber nach und nach für abschreibungsfähig; bte Eigendectung sei nur zum Wohle der Wollkämmerei erfolgt, damit sie nicht untergehe. (£r sei entschlossen gewesen, auf Verlangen der Generalversammlung, die volle Wahrheit zu sagen. Ter Angeklagte Offermann beftätigtr einmal 140 000, dann 300 000 Mk. zur Sanierung geopfert zu haben. Es folgen die Zeugenvernehmungen..

Kunst und Wstenschajr.

Stockholm, 10. Dez. In der heutigen feierlichen Vormittagssitzung des Storthings teilte das Nobel-komite des Storthings mit, daß der NobelsriedenspreiÄ für 1901 dem Schweizer Arzt Henry Dun ant und dem.' Professor Frederic Passy aus Paris, jedem zur Hälfte, mit je 104 000 Francs zuerkannt sei. Am Abend fand in Gegenwart des Kronprinzen und der königlichen Family die Verteilung der vier großen Nobel-Preise für« Wissenschaft und Litteratur von je 208000 Fr. statt. Sie wurden zuerkannt: für Medizin Professor Beh- ring-Halle, für Chemie Professor Bant ho ff-Berlin, für Physik Professor Röntgen-München, für Litteratur Sully P r u d h o m m e - Paris. Mit Ausnahme des Letzteren waren alle anwesend. Der Preis für Sully Prudhomme wurde dem französischen Gesandten übergeben. Dann sand in der Musikakademie die Nobel-Feier statt, welcher der Kronprinz, die preisgekrönten Professoren und eine zahl­reiche Versammlung beiwohnten. Der Präsident des Nobel- Komitees, ehemaliger Ministerpräsident Bosttoem, hielt die Festrede, in welcher er das Leben und Wirken Nobels schil­derte. Der Präsident der Akademie der Wissenschaften, Pro­fessor Odhner, richtete sodann ehrende Worte an die Pro­fessoren Roentgen und Vanthoff, während der Rektor des karolinischen Jnstttuts, Graf Moerney, die Verdienste Pvo- fessor Behrings feierte, und der ständige Settetär der Aka­demie, Tr. Wissen, Sully Prudhommes gedachte. Hierauf überreichte der Kronprinz den Preisgekrönten prächtig aus­gestattete Diplome. An die Feier schloß sich ein Festbankett.

Handel und Verkehr. Volkswirtschaft.

Gießen, 10. Tez. Ter gestrige V i e b m a r f t hatte einen Auftrieb von 600 Stück Rindvieh und etwa 150 Kälbern. Für einen Tezembermarkt war der Handel ganz annehmbar, was wohl feinen Grund in den weichenden Preisen des diesmaligen Marktes hat. Käufer vom Main und von der Sieg belebten das Geschäft. Diese konnten ihren Bedarf in schwarz bunten Milchkühen, die beim Vormarkt bereits verkauft wurden, nicht decken. Ebenso langte der Auftrieb im schwerem Milchvieh nicht hin, um der Nachfrage zu genügen, weshalb für diese Ware die hohen Preise der letzten Mäckte bestehen blieben. Fettvieh war nur vereinzelt aufgetrieben und ging auch nur bei schwachem Begehr fort Es wurden verkamt Kühe, frisch melkend und tragend, schwere Ware zu 440480 Mk., 2 Qualität 330380 Mk., abmelkende Kühe zu 150180 Mk. Tragende Färsen zu 170200 Mk. Junge fette Rinder erzielten pr. Ztr. Schlachtgewicht 5759 Mk. Kälber pr. Ztr. Schlacht­gewicht 1. Sorte 5759 Mk., 2. Sorte 5355 Mk., leichte Ware 4850 Mk. Der Markt wurde beinahe geräumt und war frühzeitig beendet.

Kirchliche Nachrichten.

Evangelische Gemeinde.

Donnerstag den 12. Dezember, abends 8 Uhr, im unteren Konfirmandensaal (Kirchstraße 9): B i b e l ft u u d e. Jac. 3, 13 u. ff. Pfarrer Dr. Grern.

Neueste Meldungen.

Originaldrahtmcldungen des Gießener Anzeigers.

Bingen, 11. Dez. Heute wurden auch die Leichen der drei übrigen bei der Nachenfahrt verunglückten jungen Leute geländet.

Frankfurt a. M., 11. Dez. Der ledige Privatier