Ausgabe 
12.10.1901 Erstes Blatt
 
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Schwurgericht.

m. Gießen, 11. Oktober.

Gestern wurden wieder zwei Strafsachen verhandelt. Mit Zustimmung der Angeklagten und deren Verteidiger bildete man zu Eingang eine Geschworenenbank, die für beide An- gLklagte zuständig war.

Zuerst wurde verhandelt gegen den 47 Jahre alten, unbestraften, verheirateten Landwirt I. K. Reu sch von Lang- Göns wegen Notzuchtoersuchs, den dieser am 28. August auf freiem Felde begangen hat. Die Anklage vertrat Ober­staatsanwalt Dr. Güngerich, Rechtsanwalt Grünewald führte die Verteidigung. Gegen den geständigen Angeklagten waren nur zwei Zeugen zu vernehmen. Auf Antrag des Ver­treters der Staatsbehörde wurde hinter verschlossenen Thüren verhandelt. Das öffentlich verkündete Urteil lautete, da die Geschworenen niildernde Umstände bewilligt hatten, auf acht Monate Gefängnis unter Anrechnung von einem Monat der erlittenen Untersuchungshaft.

Die weitere Verhandlung richtete sich gegen den 33 Jahre allen verheirateten Landwirt Konrad Büttner von Höckers­dorf wegen Sittlichkcitsvcrbrechens. Die Anklage vertrat wieder Oberstaatsanwalt Dr. Güngerich, während als Ver­teidiger Rechtsanwalt Rosenberg fungierte. Auch bei dieser Sache war die Oeffcntlichkeit bis zur Urteilsverkündigung aus­geschlossen. Die Geschworenen bejahten auch hier die Frage nach mildernden Umständen. Das Urteil lautete auf ein Jahr Gefängnis, wovon 1 Monat der Untersuchungshaft Hn Abrechnung kommt.

Aus Stadt und Land.

Nachrichten von allgemeinem Interesse sind uns stets willkommen und werden angemessen honoriert.

Gießen, den 11. Oktober.

** Personalnachrichten. Der Großherzog hat am 9. Oktober den Oberlehrer an der Höheren Bürgerschule zu Dieburg Karl Krauß zum Oberlehrer an dem Gymnasium und der Realschule zu Worms und den Oberlehrer an der Realschule zu Alsfeld Ernst Seeger zum Oberlehrer an der Höheren Bürgerschule zu Dieburg, beide mit Wirkung vom 1. November l. Js. an, ferner den Lehramtsassessor Georg Luley in Wimpfen zum Oberlehrer an der Realschule zu Wimpfen ernannt.

** Theaterverein. Um dem Gaste der ersten Vor­stellung, Frau Teller-Habelmcmn^ die Teilnahme an mehreren Proben zu ermöglichen, ist die Aufführung derHoff­nung" um zwei Tage verschoben worden. Sie findet also Donnerstag, den 31. Oktober, statt.

** Konsum-Verein. Der hier neu begründete Konsum- Verein eröffnet morgen seine erste Verkaufsstelle. Das Be­streben des Vereins ist, wie man uns mitteilt, seinen Mit­gliedern gute Ware zu Tagespreisen zu liefern. Ein etwa jentstehendrr Gewinn soll am Jahresschlüsse unter die Mtt- glieder derteilt werden.

)-( Gründerg, 10. Okt. Unsere schöne, geräumige lStüdtkirche! entbehrt immer noch der so nötigen Heizungsanlage. Es ist allgemeiner Wunsch der Be- twohnerschaft, daß endlich diesem Uebelstande abgeholfen toeibe. Das mit den nötigen Vorarbeiten betraute Komitee !hat beschlossen, zur Aufbringung der ziemlich beträchtlichen -Anlagekosten eine Liste zur Einzeichnung von freiwilligen Beiträgen unter den Bewohnern zirkulieren zu lassen. Es -ist anzunehmen, daß die Stadt ebenfalls einen Zuschuß leisten wird, und so ist zu hoffen, daß schon im bevorstehenden Winter der Gottesdienst in geheiztem Raume stattsinden kann.

l Schotten, 10. Okt - Am Mittworch tagte hier die Dekanatssynode. Nach dem Gottesdienst, in dem Psr. Nebel von Laubach ernst mahnte zur treuen, nicht verzagen­den Arbeit, eröffnete Dekan Münch die Synode. Es wurde zunächst der geschäftliche Teil erledigt. Aus dem kirch­lichen Jahresbericht über die Zustande der Tekanatsge- meinden geht hervor, daß Kirchenbesuch! und Teilnahme am Abendmahl überall eine Heine Zunahme erfahren haben. Ferner ging aus dem Rechenschjaftsbericht hervor, daß Er- Aiehungsverein und die Dekanatskrankenpflege gedeihlich itoeiter wirken; nach Entlassung der einen Dekanatskranken- ipflegerin war feit März nur noch eine thätig, jedoch- wird ivom 1. April nächsten Jahres ab eine neue ausgebildet. Sodann hielt Pfr. Groth von Wingershausen den Vortrag »Über die Frage:Was haben die kirchlichen Organe zu ckhun, um das Lesebedürfnis des Volkes angemessen zu be- sfriedigen und schädlichen Einflüssen entgegenzuwirken ?" Eiu- Imütig war mau der Ansicht, daß Volksbibliotheken u. dergl. inur einen bescheidenen Teil zur Pflege des kirchlichen Lebens Beitrag en können, daß jedoch das vorhandene Lesebedürfnis ftn rechter Weise durchs Darbietung guten Stoffes befriedigt swerden müsse. Gelobt wurde das freundliche Entgegen­kommen mancher Blätter in unserer Gegend, darunter auch DesGieß. Anzeigers".

fc. Lauba ch , 10. Okt. Tie beiden durchgebrann- ien Untersekundaner Zimmer aus Ulfa und Pfalz läus Eudorf sind in Rotterdam auf geg riff en und hierher zurückgebracht worden. Sie waren bis Köln mit der Bahn und von dort als Leichtmatrosen auf einem Warenschiffe bis Rotterdam gefahren. Hier ging ihnen das 'Geld aus. Auch kehlte es ihnen an Papieren. Sie wollten, wie früher gemeldet, zu den Buren nach Südafrika.

x. Nidda, 10. Okt- Daß jetzt in den Dörfern allent­halben Wasserleitungen errichtet werden, ist bekannt. Wer daß! eine solche Leitung nur für eine Straße eingerichtet wird,gehört wohl zu den Seltenheiten. Wie wir hören, ist das in dem benachbarten Geiß-Nidda der Fall. Der untere Teil des Dorfes soll die Wasserleitung erhalten, und der obere erhält sein Wasser aus zwei weit auseinander­liegenden Gemeindebrunnen.

§ Butzbach, 10. Okt. Der seit 38 Jahren bestehende Vorschuhverein hier, jetzt eine Genossenschaft mit un­beschränkter Haftung, hat im verflossenen Jahre wieder gute .Fortschritte gemacht. Der Gesamtumsatz in 1900 betrug über eine Million Mark, und der Reingewinn 11278 Mk. An Dividenden wurden 7 Prozent bewilligt; die Mitglieder­ziffer betrug anfang dieses Jahres 409. Der heutige -Schweinemarkt war gut befahren, und die Viehpreise behaupteten chre bisherige Höhe.

Darmstadt, 10. Okt. Die Ausstellung d er Künstler- lkolonre geht chrem Ende entgegen und die Preis­verteilung steht bevor. Eine Preisplakette von Rudol j Bosselt ist die einzige Auszeichnung. Sie wird einer großen ! Anzahl von Firmen verstehen, darunter auch der Firma

Schaffstaedt in Gießen für Bade-Einrichtungen, L. Aller, PH. Bechtold, Darmstädter Möbelfabrik und I. Gluckert hier für Möbel; Kunst-Webeschule, Scherrebeck, für Teppiche; Iven u. Co., Altona, für die Christiansen'fchen Tapeten; C. F. Winter hier für Drucksachen (Weinkarten), Rudhard'sche Gießerei, Offenbach a. M., für die Behrens'schen Schrifttypen; R. Welkoborsky, Gießen, für Aeetylenanlagen; Hof­gärtner Ludw. Dittmann hier für Gartenanlagen 2c. Die Verteilung der Plaketten erfolgt gelegentlich der am 15. Oktober nachmittags im Spielhause stattfindenden Schlußfeier, an die sich abends um 7 Uhr em großes Bankett im Saale des Hauptrestaurants anschließen wird.

fc. Bensh eima. d. B., 10. Okt. Folgende Inschrift lesen wir an dem neuerrichteten Brunnen am Marien- llatz dahier:Anno 1901. Wer Wasser holt, wird aufge- chrieben. Streng nachgeforscht, wo es geblieben. Denn hört! Der Bergstraß edler Wein, Soll frei von allem Wasser sein."

Mainz, 9. Okt. Ein hiesiger Geschäftsmann kehrte am Samstag von einer Reise zurück und benutzte dazu den hier 7 Uhr 49 Min. eintreffenden O-Zug Ueber die Fahrt be­richtet nun der betreffende Herr, daß vor der Station Worms ein schwerer Stein urch das Fenster in das Wagen­abteil geworfen woeeen sei. Er und sein Mitpassagier seien mit Glassplittern bcoccft worden. In Worms wurde das Abteil geräumt und amtlich verschlossen. Die Gendarmerie leitete sofort Untersuchung ein. Im November findet eine zusammenhängende Folge von Vorträgen handelswissen- chaftlicher Art hier statt, die von dem Ministerium des Innern im Einvernehmen mit der hiesigen Handelskammer veranstaltet werden. Als Vortragende sind Vertreter der Wissenschaft von anerkannter Bedeutung gewonnen worden.

-k- Mainz, 10. Okt. In nicht öffentlicher Sitzung der Stadtverordneten kam infolge einer Interpellation eines sozialdemokratischen Stadtverordneten die Skandal­geschichte zur Sprache. Wie wir bereits meldeten, sollte ein hiesiger Kr im in al s chutzm an n bei der Verhaftung einer wegen Diebstahls in Untersuchung gezogenen Offi­zierswitwe, während diese mit Umkleiden beschäftigt war, versucht haben, an sich zu reißen und zu küssen, weshalb gegen den Schutzmann die höchst zulässige Dis­ziplinarstrafe von 30 Mk. erkannt worden sei. Der Vor- itzende der Stadtverordnetenversammlung bestätigte, daß )ie Tiszchlinaruntersuchung noch nicht abgeschlossen sei. Die Dame sei die einzige Zeugin gegen den leugnenden Schutz­mann, dem der Grundsatzin dubio pvo reo" zu gute 'ornrne. Aus der Stadtverordnetenversammlung wurde be- tritten, daß dieser Grundsatz hier in Betracht kommen könne, zumal gegen den Schutzmann auch! wegen sträflicher Ver­ätzung des Dienstgeheimnisses Beschuldigung erhoben wor­ben sei. Diese Anschuldigungen riefen in der Versammlung die größte Erregung hervor, die der Vorsitzende damit einigermaßen beschwichtigte, daß er die Mitteilung machte, )er Erste Staatsanwalt wie der Oberbürgermeister hätten die Zusage gemacht, die Sache energisch in die Hand zu nehmen. Sowohl hier wie auf einer Reihe umliegender Stationen hat mit Beginn dieses Monats eine nicht un­beträchtliche Anzahl nicht definitiv angestellter Be­diensteter der preußisch-hessischen Eisen­bahngemeinschaft ihre Entlassung erhalten. Unter )en Entlassenen beftndet sich Arbeits- wie auch Bureau- :ersonal. Angeblicher Grund der Entlassung ist Mangel an Arbeit. An der Umwandelung und Uebernahme der hiesigen Straßenbahn ist man eben eifrig beschäftigt, und doch will die Sache als nicht recht vorwärts kommen, was seinen Grund darin hat, daß die gegenwärtige Be- itzerin der Straßenbahn, die Süddeutsche Eisenbahngesell- chaft, der Stadt, um sich bei der Uebernahme der Bahn einen recht großen Vorteil zu sichern, alle möglichen Schwierigkeiten bereitet. Nach den gegenwärtigen Zerrereien zu schließen, dürfte sich! zur Ablösung der Bahn noch ein hartnäckiger Prozeß entwickeln, wenn es nicht gelingt, zu einer friedlichen Vereinbarung zu kommen, wozu wenig Aussichten vorhanden sind.

(:) Ehringshausen, 9. Okt. Die Weihe unseres neuen Schulhaus es fand dieser Tage unter starker Be­teiligung der Gemeindemitglieder sowie auswärtiger Fest- gäste statt . Leider war sie von schlechtem Wetter begleitet, das besonders während des Festzuges sich störend bemerkbar machte. Zu Beginn des Weiheaktes empfing Kreisrat Dr. Melivr aus den Händen des GroßH. Kreisbauinspektors Plitt den Schlüssel zum neuen Schulgebäude. Ersterer widmete dem stolzen Bau und seinem Zweck bedeutungsvolle Worte und zollte gebührenden Dank der Gemeinde für ihr einsichtsvolles Entgegenkommen in der Bauangelegen­heit, ferner der Bauleitung sowie den Bauhandwerkern für ihre von so schönem Erfolg gekrönte Mühewaltung. Bürgermeister Schäfer empfing den Schlüssel und richtete Namens der Gemeinde Worte des Dankes an Kreisrat Dr. Melior für die thätige Wahrnehmung der Interessen der Gemeinde, ferner an Bauinspektor Plitt und Straßenmeister Rudlof für die gewissenhafte Bauleitung. Lehrer Hüner- garth dankte der Verwaltungsbehörde für ihre Anregung und Unterstützung, der Gemeinde Ehringshausen für ihre Opferwilligkett in der Angelegenheit des Schulhaus-Neu­baues. Pfarrer Heinrichs, der Vorsitzende des Schul­vorstandes, gab seiner Freude über den Bau mit dem Wunsche Ausdruck, daß in der neuen Schule allezeit der Geist der Gottesfurcht und des Gehorsams wohnen möge. Die Gemeinde sang hierauf den ChoralAch bleib mit deiner ©nabe", lieber den Wert der Volksschule sprach! Kreis­schulinspektor Mathes. Redner erhofft fortdauernd ein gutes Einvernehmen zwischen Schule und Gemeinde in Ehringshausen. Die Feier endete mit dem Gesang des Liedesdttrn danket alle Gott". Der fröhliche Teil der Feier spielte sich in der Weifenbachschen Wirtschaft ab.

fc. Frankfurt a. M., 10. Okt. Auf dem Bocken­heimer Friedhöfe hatte heute morgen ein Pfarrer zuerst einen jungen Arbeiter und dann einen Invaliden von 1870/71 zu beerdigen. Dabei passierte ihm das Malheur, das Kon­zept zu den Leichenreden zu verwechseln, und er pries in längerer Rede die hervorragenden Verdienste des jungen Arbeiters um die Wiederherstellung des deutschen Reiches.

Wiesbaden, 10. Okt. Staatsminister v. Podbielski ist in Begleitung des Oberpräsidenten Grasen v. Zedlitz- Trützschler und des Ministerialdirektors Thiel hier ein» getroffen. Er wird von hier aus eine Besichtigung der fiskalischen Bäder in Ems, Langenschjwalbach und Schlangen­bad, unternehmen.

Vermischtes.

* Zu dem Mord in Schöneberg wird noch mit- geteill; Bei den wetteren Nachforschungen fand man ohne

Hilfe der Spürhunde eine Blutspur; sie führte von der Leiche nach einem Graben, der an der Laubenkolonie vorbei-- geht und die Grenze von Schoneberg und Wilmersdorf bildet. Die Leiche liegt etwa 35 Schritte von der Laube des Wirtes Jung entfernt, das Ende der Blutspur ist ein Graben in der Nähe des Einganges zu dieser Laube. Die Spur führt durch Gestrüpp von Weiden und Brennnesseln und ist oft unterbrochen. Auch die Stelle im Graben ist mit Brennnesseln besetzt. Unter diesen lag nun außer dem Blut ein zerbrochenes Schnapsglas, das Jung gehört hat. Zehn Schritte von dieser Stelle entfernt, ungefähr am Ein­gang der Jung'schen Bude, fand man die Schlüssel des Er­mordeten. Von dem Schnapsglase behauptet Jung, daß es beim Erntefest vor vier Wochen mit dem ganzen Verein zerschlagen worden sei. Andere glauben jedoch, daß es noch jetzt nach dem Schnaps rieche, den es zuletzt enthielt. Gabriel befand sich übrigens mit Jung zusammen Dienstag abend in dessen Laube. Dort waren außerdem der Wächter Gustav Neitzel, der Gärtner Nikolaus uno ein Bekannter von >iesem, namens Anton Scholten, genannt der lange Anton. Man trank bei Jung viel Schnaps- so daß der Wächter Neitzel gestern vormittag noch unter der Nachwirkung des Alkohols land. Gabriel soll nun um 8 einhalb Uhr nicht um einhalb Uhr die Jung'sche Bude verlassen haben, um. eine Winterjacke zu holen und nach Hause au gehen. Scholten, begleitete ihn ein Stück Weges, kehrte bann zurück und übernachtete mit Nicolaus in dessen Laube, während Neitzel bei Jung in der Bude schlief. Alle diese Männer wollen nun während der Nacht nichts Verdächtiges wahrgenommen haben, obwohl Gabriel nach den Blutspuren in der Mhe. der Jung'schen Bude ermordet worden fein muß. Sie sind jetzt alle nach der Schöneberger Polizeidirektion geladen worden, um nach allen Einzelheiten gefragt zu werden. Die Leiche wollen sie gestern morgen, als sie aufstanden, wohl gesehen, aber nicht erkannt haben; erst durch Frau Gabriel seien sie auf den Mord aufmerksam gemacht to orbem Nach! Feststellung des Kreisarztes hat der Ermordete zwei Schnitte in den Hals bekommen. Der eine ging bis in )en Knorpel des Kehlkopfes, der andere bis auf die Wirbel- äule. Nach einer Bekanntmachung des Polizeipräsidenten von Schöneberg wird für die Ergreifung des unbekannten Thäters eine Belohnung von 300 Mark angewiesen. Um 4 Uhr nachmittags nahm eine Gerichtskomrnission an Ort und Stelle den Thatbeftand auf. Nachdem die Leiche mit ihrer Umgebung photographiert worden war, wurde sie nach der Halle in der Maxstraße gebracht, um dort ent­kleidet und auf etwaige weitere Verletzungen, dunHe Flecke usw. untersucht zu werden. Man fand indessen an dem ganzen Körper nichts, was mit dem Morde in Zusam­menhang gebracht werden könnte, außer den Halsschnitten und der Verletzung am Auge. Die Vernehmungen wurden gestern abend noch fortgesetzt. Zwei Männer namens! Schmidt und Fengler, die erst als verdächtig bezeichnet waren, kommen bei dem Morde nicht in Betracht. Wider­sprüche in den Aussagen verschiedener Personen sind noch nicht aufgeklärt. So behaupten Jung und Neitzel, sie seien erst nach 7 Uhr aus der Bude gekommen. Demgegenüber erklärt ein einwandfreier Zeuge H., er habe die beiden schon fünf Minuten nach 6 Uhr, als er an ihnen vorbei­gekommen sei, in dem Garten arbeiten sehen, den einen vor, den anderen hinter der Laube. Scholten soll schon kurz nach 6 Uhr in einer Schankwirtschaft über den Mord gesprochen haben. Er selbst behauptet freilich, daß das Gespräch erst später stattgesunden habe. Jung, Nioolaus, Neitzel und Scholten werden noch im Gewahrsam gehalten, weil sie über ihren Aufenthalt in der Mordnacht und über die Vorgänge am Abend und am nächsten Morgen die bestehenden Widersprüche noch nicht lösen konnten. Außer­dem ist am Donnerstag eine neue Verhaftung erfolgt. Der Laubenbesitzer Griese fand am Mittwoch in dem ,Miren- zwinger", einer Stallung neben seiner Laube, eine graue Hose, die einem als Wilderer und Vogelsteller bekannten Hutze gehört. Dieser bat früher vielfach in Griese's Laube genächtigt, bis ihm 6er Eigentümer vor vierzehn Tagen den Auenthalt untersagte. Donnerstag vormittag wurde er von der Kriminalpolizei ermittelt und vorläusig fest­genommen. Er sagt, daß er die Hose vor drei Wochen mit Blut besudelt habe, als er im Grünewald einen Hirsch erlegt und ausgeweidet habe. Die schmutzige Hose habe er damals in den Bärenzwinger gelegt und eine andere dafür angezogen. Das zugehörige Jacket mit der Weste sei ihm inzwischen gestohlen worden, ebenso ein schwarzes Jacket mit Weste, das er bis Mittwoch! getragen. Ein anderes Jacket habe er am Mittwoch geschenkt bekommen. Ermittelt ist von diesen Kleidungsstücken bisher nichts weiter als die Hose. Die Aussage Grieses lautet ganz anders. Nach ihr hat Hutze die Hose allerdings vor vierzehn Tagen oder drei Wochen in denBärenzwinger" gelegt. Sie war aber dann verschwunden und wurde erst Mittwoch morgen an der alten Stelle wiedergefunden. Dabei war die Host merkwürdigerweise in dem oberen Teil trocken, von den Knieen an dagegen feucht. Auch die Blutflecke schienen noch frisch zu sein, ebenso Erdschmutz unten an den Beinen. Die Hose wurde einem Chemiker zur Unter­suchung übergeben. Hutze behauptet auch, daß er den Sack, in dem er den Hirsch hierher getragen, hinter einer anderen Laube auf dem Gelände mit dem Fell vergraben habe. Er wurde Donnerstag nachmittag unter Bedeckung von Kriminalbeamten nach dem Gelände geführt, um die Stelle zu bezeichnen. Es soll bann dort sofort nachgegraben werden.

* Dortmund, 10. Okt. Heute gegen Mittag stürzten glühende Schlackenmassen von der Schlackenhalde berUnion" ab und begruben eine Anzahl dort beschäftigter Arbeiter. Zwei der Verschütteten wurden als Leichen, vier schwer verletzt geborgen. Zwei Arbeiter werdm^noch^iermißt^

Mteratur, Wissenschaft und Kunst.

Die Kunst" (München, Bruckmann, Preis viertelj. 6 Mk.) hat ihr soeben erschienenes Oktoberbeft au einem Leckerbissen ge­staltet. Tadellos ausgestattet bietet das, den dritten Jahrgang ein­leitende Heft zunächst eme neue Veröffentlichung aus dem Lebens­weck Arnold B ö ck l i n s, in 25 Abbildungen, darunter auch einer mehrfarbigen, manch Seltenes bereits allgemein bekannteren Schöpf­ungen des Meisters hinzugesellend. Textlich umrahmt diese einmal ein Aufsatz Heinrich Wölfflins, der über Böcklms Schaffensart spricht, alsdann eine Probe aus einem demnächst erscheinenden Böcklin-Buche Gustav Floeckes, das die Auszeichnungeil vereinigen wird, die dieser im Aahre 1898 verstorbene Kunstästhetiker sich in einem nahezu zehnjährigen Verkehr mit Böcklin gemacht hat. Nach Böcklin sind esFranzosen", die in dem He'l das Wort er­halten, und zwar an Hand ber Kollektion, bie einen Haupttreffer berInternationalen" des heurigen Nlünchener Glaspalastes cuis- macyte. Kein unbedeutendes ©tuet unter diesen 22 Wecken, die da aus einem Saale ber genannten Ausstellung veröffentlicht werben können! Das zeugt für den Wert ber Kollektion, bereit textliche Würdigung hier Fritz von Ostini übernommen hat. Ein Aussatz Wolfgang von OettinaensDie Pstege der Kunst lecket hinüber zu der hochbedeutsamen Veröffenllichung, die in einem Umfange von