Nr. 293
Mittwoch, 11. Dezember 1901
151. Jahrg.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gießener LamUienblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchenilich beigelegt. Der .»hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Gießener Anzeiger
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Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitätsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Arm Sietzen.
Parlamentarische Verhandlungen.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht g'estattet.
Deutscher Reichstag.
109. Sitzung vom 10. Dezember.
1 Uhr. Haus und Tribünen sind g u t besetzt.
Am Bundesrathstisch: Graf von Bülow, Graf Posa- d o w s k y , Frhr. von N i ch t h o f e n u. A.
Auf der Tagesordnung steht zunächst die Interpellation Fürst Radziwill:
1) Ist dem Reichskanzler bekannt, daß die Vorgänge in Wreschcn nicht nur bei uns, sondern auch im Auslande em Aufsehen erregt haben, welches geeignet ist, dem Ansehen des deutschen Reichs Abbruch zu thun?
2) Welche Stellung nimmt der Reichskanzler dieser Angelegenheit gegenüber ein?
Auf die Frage des Präsidenten, ob der Reichskanzler die Interpellation beantworten werde, erklärt
Reichskanzler Graf von Bülow: Ich bin bereit, die Interpellation sofort zu beantworten.
Zur Begründung der Interpellation erhält das Wort
Abg. Fürst Radziwill: Der Anlatz zu dieser Interpellation log für uns vor allem in der Verpflichtung, die nationale Würde der Bevölkerungstreise, die meine Fraktion vertritt, zu wahren. Diese Würde ist unseres Erachtens durch die hier in Frage kommenden Vorgänge bedroht. Die Vorgänge in Dreschen gehören zunächst zur Kompetenz Preußens: aber da das Echo dieser Vorgänge in der ganzen Welt wiederhallt, so wird es angebracht sein, die Vorfälle auch hier zu besprechen. Wir können das thun, ohne der diesem Hause schuldigen Rücksicht und der Würde des deutschen Volkes zu nahe zu treten. Es leitet uns hierbei keinerlei agitatorische Absicht, sondern nur der Ernst der Sachlage. Selbstverständlich haben wir hier nicht die bedauerlichen turbulenten Szenen rm Auge, die sich in einigen außerdeutschen Städten zugetragen haben und die nur geeignet sind, einer guten Sache Abbruch zu thun. Wir wollen die Auffassung der Vertreter des deutschen Volkes und der Reichsregierung darüber kennen lernen, ob sie es für nothwendig halten, eine nationale Minderheit innerhalb des Reichs in der Absicht zu bedrängen, ihre nationale Eigenheit auszurotten. Oder liegt es nicht vielmehr im Interesse des Reichs, diese nationalen Eigenheiten einer Minderheit zu schützenI Wir sind vom Reichskanzler gewöhnt, daß er seinem nationalen Gefühl beredten Ausdruck giebt. Aber wir erwarten nichtsdestoweniger von dem humanen Mitgefühl des Reichskanzlers, in das wir volles Vertrauen setzen, datz er sich bewußt ist, daß der ihm vorschwebende Kranz deutschen Ruhmes und deutscher Kultur um nichts weniger prangen wird, wenn er nicht von dem Thränenthau polnischer Mütter und Kinder benetzt wird. So lange die Kirche das Recht hat. im Gottesdienst die polnische Sprache zu verwenden, ist es die heilige Pflicht der Regierung, dafür zu sorgen, daß die heilige Wahrheit, die den Kindern von der Kanzel in ihrer Muttersprache verkündet werde, ihnen auch in der Schule in der Muttersprache eingeprägt werde. Die Schule muß die Muttersprache dieser Kinder rcfpeftiren, darf sie nicht für minderwerthig erklären, damit keine Voreingenommenheit gegen die Schule entsteht. In Wreschen ist es zu einem Krawall gekommen, weil das Gerücht sich verbreitete, datz in der Schule eine Art Massenzüchtigung borgenommen würde. (Redner schildert die bekannten Vorgänge.) Früher hatte man den Polen gegenüber eine andere Politik. Früher wurde uns versprochen, es solle unsere Nationalität geachtet, unsere Sprache neben der deutschen gebraucht werden. Es wurde uns von den preußischen Königen Gleichberechtigung versprochen, weil wir gleiche Pflichten hätten. Der preußische Kultusminister schrieb 1822 in einem Erlaß, wer einem Volke seine nationalen Eigenthümlichkeiten rauben wolle, der erniedrige es. (Hört, hörtl im (Zentrum und bei den Polen.) Gegenüber den Germanisationsbestrebungen wurde in diesem Erlaß daran erinnert, daß die Muttersprache die Grundlage jeder Bildung sei. (Hört, hört! im Eentrum und bei den Polen.) Heute nehmen diese Germanisationsbestrebungen überall überhand. Die Regierung kann kaum den Augenblick abwarten, den polnischen Unterricht in allen Schulen aufzuheben. Selbst der Friede des Hauses wird verletzt, man verbietet den Polen, in ihrer Familie ihre Muttersprache zu sprechen. (Hört, hört! bei den Polen und im Centrum.) Ich möchte den Reichskanzler fragen, ob er Maßregeln ergreifen zu können glaubt, die befriedigende Zustände an der Ostgrenze herzustellen geeignet sind. Der Vorwurf, das; wir den Frieden gestört hätten, ist absurd zu nennen. Wenn die Regierung aufhört, mit brutalen Machtmitteln gegen die Polen Kampf zu führen, wenn sie sich entschließt, die Rechte der' Kirche und der Familie zu schützen, so dürfen Sie sicher sein, daß daS Verhältniß zwischen Polen und Preußen besser werden wird. (Beifall bei den Polen und im Centrum.)
Hierauf wird die Interpellation beantwortet vom
Reichskanzler Grafen von Bülow: Der Herr Vorredner hat selbst, wenn auch nur incidenter, anerkannt, daß ich verfassungsrechtlich nicht in der Lage bin, hier auf die Vorgänge in Wreschen einzugehen. Es handelt sich dabei um eine innere Angelegenheit eines Bundesstaates. Das Verhältniß der preußischen Untertijanen polnischer Zunge zur preußischen Staatsregiernng ist eine rein preu- S Angelegenheit. Wenn diese Angelegenheit im preußischen _____tage zur Sprache gebracht werden sollte, so werde ich dort an zuständiger Stelle Rede und Antwort stehen. An einer Erörterung jener Vorgänge in diesem hohen Hause vermag ich mich jedoch nicht zu betheiligen (Beifall rechts und bei den Nat.-Lib.); ich muß es ablehnen, über die von dem Herrn Interpellanten zur Sprache gebrachten Einzelheiten zu diskutiren, und Darauf verzichten, dieselben hier richtig zu stellen. (Beifall bei Den National-Liberalen unD rechts.)
Als Reichskanzler habe ich einerseits Die Pflicht, alle verfassungsmäßigen Rechte Des Reichs unD seiner Organe nach außen wie innen in ihrem vollen Umfang zu wahren; ich habe aber ebenso sehr Die Aufgabe, Das Eingreifen von Institutionen Des Reichs in Die Durch Die Verfassung Den Einzelstaaten vorbchaltene Zuständigkeit zu verhinDern. Ich würDe genau Denselben StanD- punkt vertreten, wenn es sich statt um eine preußische etwa um eine bairische, würtembergische oDcr cmhaltische LanDesangelegenheit handelte. (Beifall bei Den National-Liberalen unD rechts.) Wie Das Reich das Recht hat, von Den Bundesgliedern Die loyale Erfüllung Der Den BunDesstaaten gegenüber Dem Reich oblicgenDcn Pflichten zu fordern — und Dies auch bisher niemals vergebens gcforDert hat —, so haben umgekehrt Die BunDesstaaten Anspruch auf Die unbedingte Achrung Der ihnen zustehenDen Befugnisse. (Sehr richtig! bei Den National-Liberalen und rechts.) Diese Befugnisse Darf ich nicht beeinträchtigen lassen, unD ich muß gegen jeDen Versuch, an Dem bunDesstaatlichen Charakter Des Reichs unD Den Rechten Der Bundesstaaten zu rütteln, entschieden Verwahrung cinlcgen. (Lebhafter Beifall rechts und bei den National-Liberalen.)
Da aber der Herr Antragsteller, dem ich für seine ruhige Begründung der Interpellation um so dankbarer bin, je größer der Abstand 'ist zwischen seiner Mäßigung und Der neuerdings von Der
polmichen Presse geführten Sprache, — Da Der Herr Antragsteller Bezug genommen hat auf unsere Beziehungen zum Auslände, so erkläre ich noch Das NachstehenDe:
Davon, Daß durch die Vorgänge in Wreschen dem Ansehen Des Deutschen Reichs irgcnDtoie Abbruch geschehen wäre, ist mir nicht DaS m i n D e st e bekannt. (Beifall.) Den Anstiftern jener Exzesse in Galizien und Warschau, jener Ausschreitungen, Die, wie ich glaube, Der Herr Antragsteller Doch etwas zu milDe beurteilt hat (sehr richtig!), mag ja Die Absicht vorgeschwebt haben, durch Derartige Krawalle ein Moment Der Beunruhigung hineinzutragen zu unfern beiDen Nachbarmächten Oesterreich- Ungarii unD Rußland. Wenn aber irgend welche Bejürchiung bestehen sollte. Daß unsere Beziehungen zu Oesterreich-Ungarn wie zu NußlanD sich in Folge jener Vorgänge neuerDings irgendwie ungünstiger gestaltet hätten, so kann ich solche Besorgnisse vollkommen zerstreuen. (Beifall rechts.) Die Haltung sowohl Der russischen wie Der österreichisch-ungarischen Regierung hat unfern berechtigten Erwartungen entsprochen unD wir haben keinen GrunD zu Be- schwerDen gehabt.
Ich freue mich, Darauf Hinweisen zu können, Daß Die k a i s e r - lich russische Regierung anläßlich Der am 4. D. Mts. gegen Das kaiserliche Generalkonsulat in Warschau verübten Ausschreitungen sofortige unD nach jeDer Richtung befrieDigende Remedur hat eintreten lassen. Der russische Minister Des Auswärtigen, Graf LamsDorff, hat Den kaiserlichen Botschafter in Petersburg sogleich gebeten. Der kaiserlichen Regierung fein tiefstes BeDauern über Das höchst beklagenswerthe Vorkommmß zum Ausdruck zu bringen. Gleichzeitig ließ Graf LamsDorff Dem Botschafter keinen Zweifel Darüber, Daß Die Deutsche Regierung zu Der russischen Das volle Vertrauen haben könne. Daß Diese aus freien Stücken alle nothwcnDigen Maßnahmen sofort unD in vollem Umfange ergreifen werDe. Dies ist Denn auch bereits geschehen, und hat uns jedes weiteren Diplomatischen Schrittes gegenüber Der kaiserlich-russischen Regierung in dankenswerther Weise enthoben. Der General- goubcrncur von Warschau unD Die Spitzen Der Civil- unD Mili- tärbehörDen — unter Diesen insbesondre wegen Der Betheiligung von StuDenten Der Kurator Des Warschauer Lehrbezirkes und der Direktor Des Warschauer Polytechnikums — haben Dem kaiserlichen Generalkonsul offizielle Besuche gemacht, um ihm ihr Bedauern über Den Vorfall auszusprechen. Ferner hat Die russische Regierung strenge Untersuchung unD sofortige unD nachDrückliche Bestrafung Der SchulDigen angeordnet. Das zerstörte Konsulatsschild wird auf Veranlassung der russischen Regierung durch ein neues ersetzt und in feierlicher Weise — vermuthlich heute — wieder- angebracht werden. Die Solidarität, welche seit länger als einem Jahrhundert Preußen und Rußland auf Grund Der Basis Der bestehenden Verträge und des gegenwärtigen Status quo verbindet, gegenüber Bestrebungen und Tendenzen, die im letzten Grunde darauf abzielen, den Gang der Geschichte rückläufig zu machen, und den Status quo anto 1772 wieder herzustellen, ist nicht so leicht zu erschüttern, wie manche Leute glauben. (Beifall.)
Ebenso hat die österreichisch-ungarische Regie- r u n g in selbstverständlicher Bethärigrmg bundesfreundlicher Gesinnung sofort nach dem Lemberger Vorfall am 29. November Maßnahmen zum Schutz des dortigen kaiserlichen Konsulats ergriffen. Diese Maßnahmen haben sich indessen leider nicht als ausreichend erwiesen, um Die nach Der Enthüllung Des Denkmals eines polnischen Schriftstellers vorgestern vor Dem Konsulat erneut und umfangreicher stattgehabte Demonstration zu verhindern. Wie nach Dem November-Vorfall'' Der Statthalter von Galizien gegenüber Dem kaiserlichen Konsul in Lemberg, so hat nach Den vorgestrigen groben Ausschreitungen Der österreichisch-ungarische Minister Des Auswärtigen unserem Botschafter in Wien fein lebhaftestes Bedauern ausgesprochen. Graf Goluchowski hat zugesichert. Daß Die ExzeDenten energisch bestraft und Die Behörden zur Verantwortung gezogen werden würden, sowie sich wegen Der weiter zu treffenden Anordnungen sofort mit Dem österreichischen Ministerpräsidenten in Verbindung gesetzt.
Ich kann aber nicht schließen, meine Herren, ohne meinem Erstaunen Darüber Ausdruck zu geben, daß Der Herr Antragsteller auch nur einen Augenblick hat annehmen können, wir würden uns Durch ausländische Veurtheilung inländischer Vorgänge und Verhältnisse irgendwie impreffioniren lassen. (Lebhafter Beifall rechts und bei den Nat.-Lib.) Ausländische Stimmungen. Strömungen und Demonstrationen können weder Den Gang unserer inneren Politik noch Die Haltung De5 leitenDen Ministers im Reiche beeinflussen. (Beifall rechts unD bei Den Nat.-Lib.) Für mich kann nichts Anderes maßgebend sein als die Staatsraison Dieses Landes und meine Pflicht gegenüber dem Deutschlhum. Dieser meiner Pflicht werde ich eingedenk bleiben, und werde gegenüber Der Gefahr, Der ernsten Gefahr, Die nach meiner Ueberzeugung unserem Volksthum von polnischer Seite Droht, thun, was meines Amtes ist. Damit Der Deutsche im Osten nicht unter Die Näder kommt. (Lebhafter Beifall rechts unD bei Den Nat.-Lib., Zischen bei Den Polen unD im Centrum.)
Auf Antrag des Abg. Graf Hompesch (Centrum) tritt das Hous in die Besprechung der Interpellation. (Der Reichskanzler verläßt mit den Mitgliedern des Bundesraths den Saal.)
Abg. Nocrcn (Centrum): Ich bedaure, daß der Reichskanzler nicht näher eingegangen ist auf Den Vorfall selbst. Der Die Interpellation veranlaßt hat. Es ist richtig, daß die Vorkommnisse sich auf preußischem Gebiet abgespielt haben und daß deshalb zunächst Der Landtag zuständig wäre, aber andererseits ist weit über die Grenzen Preußens hinaus, auch im Auslande, eine tiefe Erregung entstanden, und diese macht es nothwendig, daß auch der Reichstag sein Urtheil abgiebt. (Sehr richtigl im Centrum und bei den Polen.) Es würde im Auslande ein eigenthümliches Licht auf den Reichstag werfen, wenn er sich nicht auch mit dieser Sache beschäftigte. (Sehr wahr! im Centrum und bei den Polen.) Ich sehe ab von den alldeutschen Kundgebungen sowie von den aus galizischen Kreisen stammenden. Mehr Bedeutung lege ich darauf, daß die sonst so strenge Zeitungszensur in Rußland gegenüber den Angriffen auf Deutsche aus Anlaß des Wreschener Falles suspendirt war, ferner darauf, daß sich selbst hohe Beamte an Geldsammlungen für die Opfer von Wreschen betheiligt haben und schließlich darauf, daß die gefammte Presse des Auslandes ohne Unterschied der Parteirichtung uns aufs schärfste verurtheilte. (Sehr richtig! im Centrum und bei den Polen.) Gewiß ist das Ausland nicht berechtigt, sich in unsere innerpolitischen Angelegenheiten einziimischen, aber thatsächlich sind die Stimmen des Auslandes nicht so, daß wir darüber hinweggehen dürfen. Es handelt sich nicht um einen einzelnen Akt von Brutalität seitens eines Lehrers, sondern um eine zwischen dem Lehrer und Schulinspektor verabredete formale Massenprügelei von Kindern. 14 polnische Kinder mußten in Reih und Glied vor- trcten, jedes von ihnen wurde einzeln abgeprügelt, die andern hörten das Wehklagen und Jammern und sahen die blutgeschwolle- nen Finger und die Spuren der Mißhandlung. Und was haben die Kinder verbrochen? Sie sind nicht bestraft wegen Ungezogenheit oder Frechheit, sondern weil sie, dem Gebot ihrer Eltern folgend, sich Dem deutschen Religionsunterrichte gegenüber passiv verhalten haben. Selbst die „Kreuzzeitung" hat das Vorgehen des Lehrers
gemißbilligt und auch die „Narional-Zeitung" kann nicht umhin, von Massenprügelei und Mißbraucb zu sprechen. Das Verbot der Eltern, sich Den deutschen Katechismus anzuschaffen und am deutschen Religionsunterrichte lheilzunehmen, bat man auf Unbotmäßigkeit zurückfuhren wollen: thatsächlich liegt dem Gebot eine Innigkeit des religiösen Gefühls und der Elternliebe zu Grunde, wie man fie selten findet. (Sehr wahr! im Centrum und bei den Polen ). Das geht aus dem Ausspruch einer Mutter vor Gericht hervor. Die Kinder folgten dem Willen ihrer Eltern und sind deshalb in Der geschilderten Weise geprügelt worden. Die Eltern hörten davon, Jeder glaubte, daß sein Kind unter den Gezüchtigten sei, und Alle eilten in die Schule: sie sahen die Kinder. lammernd und weinend, mit blutigen Händen aus der schule herauskommen und Drangen in die Schule ein. Und diese Eltern wurden, ohne daß eine Gewaltthätigkeit verübt wurde, vom Landgericht in Gnesen ou Gefängnißstrasen bis zu 2Vi Jahren verurtheilt. Tie Handlungsweise der Eltern ist namentlich in den allgemeinen deutschen hakatistischen Kreisen als ungeheures Verbrechen dargestellt. Ich richte an die Hauptakteure der Hakatisten die Frage, was sie wohl in solchem Falle gethan hätten? Nehmen Sie an. 1870 wäre das Kriegsglück anders ausgefallen, em Theil Deutschlands wäre unter französische Herrschaft gekommen und man hätte den deutschen Kindern den fraiizösischen Religionsunterricht eingeprügelt 1 Das hätte sich Niemand von uns gefallen lassen. (Sehr gut! un Gtr.) Was soll nun werden? Von halatistischer Seite ist der barbarische und unvernünftige Vorschlag gemacht, man solle Die Kinder von Der Schule jagen und sie geistig verkümmern lassen, oder auf Grund des Fürsorgegesetzes die Zwangserziehung gegen sie cin- leiten. Das wäre ein Mißbrauch des Gesetzes und eine Mißachtung der elterlichen Gewalt. Die die Entrüstung nur vergrößern würde. Die hakatistische Schulpolitik steht rathlos da, sie ist am Ende ihres Lateins, das Gnesener Urtheil bedeutet Den Bankerott dieser Politik. (Sehr wahr! im Centrum und bei den Polen.) Geordnete Zustände werden erst dann eintreten, wenn man den stkt beschrittenen Weg verläßt und den Kindern in polnischer Sprache Den Religionsunterricht ertheilt In Dieser Beziehung könnten wir uns ein Beispiel an NußlanD nehmen.
In Der energischen Abwehr aller hoch- und lcmdesverrätherischeii Bestrebungen und Unternehmungen der Polen, sowie in dem Bestreben. unsere polnischen Mitbürger zu zufriedenen und ordentlichen Reichsangehörigen zu machen, werden wir die Regierung entschieden unterstützen, aber ich muß doch konstatiren, datz zu diesem neuesten Kurs der Polenpolitik jedenfalls hochverrätherische und landesverrätherische Unternehmungen der Polen nicht die Veranlassung gegeben haben können, weil solche seit geraumer Zeit überhaupt nicht vorgekommen sind, auch nicht in den Prozessen in Thom unD Posen fonjtatirt sind. Diese Prozesse sind in maßloser Weise von Der hakatistischen Presse als Zeichen einer grotzpolnischen Gefahr ausgebeutet worden, allerdings nur bis zu dem die Hakatisten ernüchternden Endurtheil. (Zuruf des Abg. Bebel.) Gewiß, Herr Kollege Bebel, auch ich halte das Urtheil im Thorner Prozeß als gesetzwidrig; das Gesetz verlangt, daß keine Verbindung vor den Staalsb.höiden geheim gehalten wirb, während es sich in Thorn nur um eine Geheimhaltung vor dem Lehrer handelte. Der gegenwärtigen Art Der Germanisirungsbestrebungen können wir nicht zu- itimmcn. und zwar aus prinzipiellen Gründen. Die polnische Nation wird dadurch verbittert und uns immer mehr entfremdet Der Hauptfehler ist der, daß man nicht unterscheidet zwischen Nelchsangehorigkeit und Nationalität. Wir können die Polen wohl zu zufriedenen Neichsangehörigen machen, aber ihre Nationalität tonnen wir ihnen nickt nehmen. (Sehr wahr! im Centrum und bei Den Polen.) Wurden unsere Polen hier einmal so offen auftreten wie die Alldeutschen in Oesterreich, Dann wäre es Zeit, gegen fic als Landes- und Hochverräther aufzutreten. (Lebhafte Zustimmung im Centrum und bei den Polen.) Man will die Nationalität gewaltsam unterdrücken, nicht nur auf wirthschaftlichem Gebiete, sondern auch auf dem der Schule und auf politischem, cdi erinnere nur an das unselige preußische Ansiedelungsgesetz, das seiner ganzen Tendenz nach zur Entfremdung zwischen Deutschen und Polen luhren muß und sich zudem als unwirksam erwiesen hat Noch verwerflicher ist der Kampf gegen die Polen auf dem Chebtete Der Schule und Religion; man unterdrückt das natür- Iichste Neckt, man übt einen Gewissenszwang aus, der den Widerstand reizen muß, und diesen Widerstand kann die stärkste Staats- rcgierung nicht überwinden. Bei den Polen wird der Widerstand um so stärker, als sie davon überzeugt sind, daß es sich bei der Polenpolitik nicht sowohl um eine Germanisirung, als um eine Protestcmtisirung handelt. (Sehr richtig! im Centrum und bei den Polen.) Im Abgeordnetenhause hat ja der Kollege Sattler darauf hmgewiesen, daß zu Ansiedlern keine Katholiken genommen werden (Widerspruch des Abg. Dr. Sattler.) Nehmen Sie ferner den UnterfcfHcb in Der Behandlung zwischen protestantischen und katholischen Polen! Den Masuren läßt man ihre Muttersprache aus furcht, daß sie sonst unzufrieden und der großpolnischen Agitation zugefuhrt werden! Bedenken Sie weiter, daß es in ganz Posen nur protestantische Landräthe giebt, daß die höheren Beamten fast alle protestantisch sind, daß die Zahl Der katholischen Lehrer viel geringer ist, als die der protestantischen, so werden Sie es verstehen. datz die Polen der Meinung sind, man wolle ihnen ihre Religion nehmen. Nach unserer Ueberzeugung kann erfolgreich nur Dann eine Polenpolitik geführt werden, wenn man nicht gewaltsam ihre Nationalität zu unterdrücken bestrebt ist, sondern wenn mon sich bemüht, sie zu zufriedenen Staatsbürgern zu machen. (Beifall im Centrum und bei den Polen.)
Abg Graf Limburg-Slirum (kons.): Die Interpellation hatte lauten sollen, wenn man sie überhaupt hier cinbradjte• Weiß der Herr, Neichskanzler, daß Die Vorgänge in Wreschen zu Aus- Ickreltungen gegen Deutsche Vertreter im Auslände geführt haben? (Sehr richtig! rechts.) Heber Die Antwort Des Reichskanzlers habe ich mich sehr gefreut. Denn sie zeigt mir. Daß Die Deutsche und preußnche Regierung wieder in Die Bahnen richtiger Politik in Bezug auf Die Polen eingelenkt ist. (Sehr richtig!) Keiner Denkt Daran, Den polnischen KiiiDern Die Muttersprache zu nehmen, auch wir wollen. Daß ihnen ihre Religion unD Die Autorität ihrer Kirche erhalten bl?ibt, aber Darum hanDelt es sich gar nicht. Die Kinder froren Direkt ungehorsam. Tie Kinder mußten bestraft werden Ungebrannte Asche, mäßig angewandt, ist em vorzügliches Er- Aehungsrnittel. In Den polnischen LanDestheilen wird leider Katholizismus immer mit Dem Polenthum identisizirt. Wurde dock sogar m dem Wreschener Prozeß von Polen Die Anschauung qj äußert, datz Der Papst Pole sei unD Daß selbst Die Mutter Goues polnisch gebrochen habe. 9
«„«“"r”1 Borgmigc hab-n uns selbstverständlich feinen Abbruch thun können, sie haben es höchstens bewirkt. Daß diejenigen die schon unsere Fe,nde waren, die Gelegenheit bcnul-ren m uns etwas am Zeuge zu flicken. Tiefe Thatsache aber b we st ?'■ !'^beucr gefährlich Die großpolnische Bewegung ist Die polniichen Abgeordneten un Hause erklären zwar immer, Daß sie
?-ondenzen nicht billigen, wer bürgt uns aber Dafür Dal uie Bewegung nicht früher oDcr später unD vielleicht geraDc in fcfjiDeren Zeiten ihren Händen entgleitet? Vor Allem werden


