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4564
Kr. ISO Zweites Blatt.
LSI. Jahrgang.
Donnerstag 11. Juli 1901
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gmüicher Teil.
Bekanntmachung.
Wegen Vornahme von Erdarbeiten wird der SelterSweg vom Kreuzplatz bis zur Plockftraße am 11. Juli l. I. für den Fuhrwerksverkehr gesperrt.
Gießen, den 10. Juli 1901.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Hechler.
Die Verbesserung der Durchgaugswagen.
Nach dem furchtbaren Offenbacher Eisenbahnunglück find in den Parlamenten und in der Presse die in den D-Zügen verkehrenden Personenwagen scharf kritisiert worben, weil die Einrichtung dieser Wagen (im Fall einer [Gefahr oder einer Katastrophe unzweckmäßig sei, vielmehr die Enge der Gänge und Thüren die Folgen eines Unfalls, durch Erdrücktwerden der 5)inausdrän.genden noch wesentlich! verschlimmere. Heute empfangen wir aus Berlin die Mitteilung, daß nunmehr die ersten der vorhandenen Wagen nach vielfachen mühevollen Probeausführungen umgeändert sind, und daß nach diesen Mustern sämtliche Wagen in den Wagenbauanstalten nach und nach, umgebaut werden sollen. Die Befriedigung über diese Meldung wird durch die weiter folgende amtliche Erläuterung der Reform abgeschchächt. Man erfährt da nämlich, dast die Verbesserungen zum Zweck größerer Sicherheit, gerade diejenigen Verbesserungen, auf die es hauptsächlich ankommt, erst bei neuen Magen zur Anwendung gelangen werden. Bei neuen Wagen sollen die Seitengänge, die Fenster und Thüröff- nungen thunlichst verbreitert und gewisse Einrichtungen getroffen werden, um den Reisenden den Notausgang durch die Fenster zu erleichtern. Tas ist recht löblich, aber es handelt sich zunächst um die vorhandenen Wagen, eine Bemerkung, die in dem offiziellen Bericht selbst enthalten ist. Bei den vorhandenen Wagen hat eine Verbreiterung der Seitengänge und Thüren nicht vorgenommen werden können, da dadurch eine fast vollständige Erneuerung des Wagenkastens notwendig geworden wäre. Tagegen habe sich die Verbreiterung der Fenster in den Wagen dritter Klasse ermöglichen lassen; ferner sind verschiedene Verbesserungen für die Bequemlichkeit der Reisenden ausge- führt.
Tie Sicherheit geht über die Bequemlichkeit. Nachdem einmal die Gefahr der jetzigen Einrichtung der D-Züge in bollem Umfange erkannt worden war, wäre es am richtigsten gewesen, mit möglichster Beschleunigung diese Wagen radikal umändern zu lassen, auch wenn dadurch „eine fast vollständige Erneuerung des Wagenkastens notwendig wurde." Was alles für die außerordentliche Widerstandsfähigkeit der jetzigen Konstruktion der Turchgangswagen geltend gemacht wird, hilft nicht darüber hinweg, daß die Enge der Seitengänge und Thüren ein schwerer Nach(- teil, eine Kalamität ist, die gar nicht rasch genug beseitigt werden kann. Gesetzt, ein Theater oder ein Versammlungslokal wird von den Sachverständigen der Behörde als, nicht den Sicherheits-Anforderungen entsprechend befunden. In solchem Falb würde die Einwendung nichts ausrichten, daß bei späterer Gelegenheit die nötigen Aenderungen getroffen würden und daß man bis dahin der Hoffnung sei, es werde nichts passieren. Tie Kostenfrage darf bei der Umänderung der vorhandenen Turchgangswagen selbstverständlich nicht ins Gewicht fallen, und was die Zeit der Ausführung betrifft, so läßt sich der Umbau aus eine Reihe deutscher Wagenbauanstalten verteilen, die in der gegenwärtigen industriellen Konjunktur gewiß nicht mit Aufträgen überladen sind. Nach der amtlichen Mitteilung werden die sämtlichen vierachsigen Personenwagen, die in den T>-Zügen verkehren, nach und nach] umgebaut. Das heißt: der „Umbau" wird sich bei allen diesen Wagen beschränken auf die Verbreiterung der Fenster in der dritten Klasse, auf größeren Komfort. Ta hätte man doch ganze
Arbeit machen, alle notwendigen Verbesserungen ausführen ollen.
Engländer und Bnreu.
Lord Kitchener meldet aus Pretoria vom 8. ds.: Seit dem letzten Berichte' vom 1. Juli sind nach Meldungen der verschiedenen englischen Truppenteile 40 Buren ge- allen, 27 wurden verwundet, 182 gefangen genommen, und 21 haben sich! ergeben. Ferner wurden 149 Gewehre, 7000 Patronen, 312 Wagen und eine große Anzahl Pferde und Rinder erbeutet.
Tie Zuschüsse zum englischen Heeres- und Flottenhaushalt für den Krieg in Südafrika haben sich belaufen: für 1899/1900 auf 23000 000 und für 1900/1901 auf 63 737 000 Pfd. Sterl. Dazu sind für 1901/1902 noch, 56 070 000 veranschlagt, zusammen also 146 807 000 Pfd. Sterl.
Tr. Leyds hat im Auftrage Krügers an die europäischen Mächte und die Vereinigten Staaten eine P r o t e st - note gegen die barbarische Behandlung der Burenweiber und Kinder seitens der Engländer gerichtet. Tie neue holländische Regierung wird diesen Protest unterstützen.
Tie „Daily News" hat von Frau Christian De W e t folgenden Brief erhalten: „ Johannesburg, 24. Apr. 1901. An den Herausgeber der Zeitung in England, in welcher Ende März ein Porträt von mir und meinen Kindern erschien. Mein Herr! To man mir mitgeteilt hat, daß Sie außer meinem Porträt auch noch veröffentlichst haben, daß ich jetzt in Johannesburg „unter dem Schutze" I. Maj. Regierung lebe, so wünsch]e ich hiermit ganz energisch gegen die Anwendung eines solchen Ausdruckes zu protestieren. Nachdem unsere Farm von I. Maj. Truppen verwüstet und alle unsere anderen Besitzungen zerstört und weggenommen waren, irrte ich mit unsern Kindern einige Monate lang umher, um nicht in die Hände der Feinde unseres Volkes zu fallen, bis zum 20. November 1900, als ich, gefangen genommen und nacfy Johannesburg gebracht wurde, und zwar in einem Viehwagen, obgleich sie wohl wußten, daß ich die Frau des Generals De Wet war. Nachdem ich gefangen und gegen meinen Wunsch und Willen hierher gebracht, und aller Sachen beraubt worden war, verlangte ich von den Militärbehörden hier genügende Nahrung und von guter Beschaffenheit. Zuerst wurde mir dies versprochen, aber später wurde mir schriftlich mitgeteilt, daß ich Nahrung nur erhalten würde, falls ich ein Schriftstück unterzeichine und darin erkläre, -„daß ich ohne Subsistenzmittel sei und gänzlich von I. Maj. Regierung abhänge. (Die Königin von England lebte damals noch) Die Behörden behielten sich ferner das Recht vor, ein solches Schriftstück zu veröffentlichen. Dies zu thun, wäre für mich sehr demütigend gewesen, und ich konnte mich dem nicht aussetzen, insbesondere nicht gegenüber dem Feinde unseres Volkes. Ich habe von dem Feinde keine Gunst verlangt, und ich: habe nicht die Absicht, dies je zu thun. Es ist wahr, ich lebe in Johannesburg, aber gegen meinen Willen. Von den Engländern erhalte ich] Nichts und wünsche nichts vvn ihnen. Was ich, wünsche, hoffe ich] durch Menschenfreunde zu erhalten, nicht von den Engländern. Ich bin usw. gez. C. M. de Wet.
Vor dem Kriege hatte die Regierung von Transvaal beschlossen, auf einem der Plätze von Prätoria die Statue des Präsidenten Krüger aufzustellen. Tas Werk wurde dem holländischen Bildhauer Van Won, der in Rom wohnt, in Auftrag gegeben; jetzt hat dieser sein Denkmal vollendet. Auf einem Sockel mit Basreliefs, auf denen die Hauptereignisse seines politischen Lebens dargestellt sind, erhebt sich die Gestalt des Präsidenten Krüger in dem bekannten Kostüm, mit Zylinderhut und langem Rock, mit Schärpe und Orden. Tas Monument ist ungefähr fün Meter hoch
lieber eine amüsante Episode berichtet der Brie eines englischen Artilleristen, der 'an den verschiedenen Beuteexpeditionen alias Fouragierungen der Engländer im Freistaate teilnahm. Schauplatz des Vorkommnisses eine Farm, vor der Thür des Hauses sitzt der Besitzer, im
Hintergründe sieht man einen mächtigen Haferschuppen. Eintritt eines Offiziers vom Stabe des Obersten Shovealong.
Ter Offizier: „Ich habe den Befehl, alles, was an Futter und Fourage vorhanden, entweder aufzukaufen, oder zu zerstören. Ich! gebe Ihnen deshalb bekannt, daß ich] an jenem Haferschuppen werde Feuer anlegen lassen." Ter Bur: „Ja, aber wissen Sie —" Ter Offizier: „Jeder Widerstand ist nutzlos!" Ter Bur: „Aber wollen Sie, bitte —"
Ter Offizier: „Ich darf auf keinerlei Entschuldigungen hören!" Sprach's, ließ den Hafer in Flammen aufgehen, und ritt fröhlich] von dannen. Ter Bur aber wendet sich an seine Frau und sagt: „Tiese Khakis sind mal komische Leute. Ich wollte ihm doch] erzählen, daß dies gerade der Hafer sei, den ich vor einer halben Stunde seinem Obersten verkauft hatte!" Und bedächtig ließ er die britischen Goldfüchse in seiner Tasche klimpern.
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Telegramm des Gießeuer Anzeiger-.
Loudon, 9. Juli. Das Amtsblatt veröffentlicht einen langen Bericht KttchenerS vom 8. Mai über die seit März in Südafrika ausgeführten Operationen. In dem Bericht heißt es: Außer anderem erhielten die in die Kapkolonte einmarschierten Buren ohne Zweifel einen Rekrutenersatz au- den Reihen der Kolouialburen. Ein betracht' licher Teil der ländlichen Bevölkerung sicherte ihnen jederzeit nicht nur reichlichen Ersatz an Lebensmitteln, sondern gab ihnen auch zurzeit Nachrichten über die Bewegungen unserer Versolgungsabteilungen, zwei Punkte, die ihnen sehr zu gute kommen. Einige Unruhe zeigte sich kürzlich im äußersten Nordwesten der Kapkolonie, wo Abteilungen des Feindes zeit» weilig versuchten, unsere Posten zu beunruhigen. Bisher waren jedoch die dort stationierten Truppen vollständig in der Lage, ihre Stellungen zu behaupten und Borstöße des Feindes nach dem Innern der Kapkolonie zu vereiteln.
Politische Tagesschau.
Am Sonntag hat bekanntlich Kaiser Wilhelm im Städt- schlosse zu Potsdam die marokkanische Gesand - schäft in Gegenwart des Staatssekretärs Frhrn. v. Richthofen empfangen. In der Ansprache, die der außerordentliche Botschafter des Sultans von Marokko an den Kaiser gehalten hat, heißt es, daß die Gesandtschaft erschienen sei, um „der Versicherung der Gefühle reiner Freundschaft und aufrichtiger Zuneigung Ausdruck zu geben. Es werde das stete Bemühen des Herrschers von Marokko sein, jene Zuneigung noch inniger zu gestalten, und die Bande der festgegründeten Freundschaft zwischen den Regierungen des Teutschen Reiches und Marokkos noch fester zu schließen. Ter Kaiser erwiderte hierauf:
„Es gereicht mir zur Freude, Sie als außerordentlichen Botschafter Seiner Scherifischen Majestät zu begrüßen. Gern erblicke ich in Ihrer Entsendung einen neuen und dankenswerten Beweis der freundschaftlichen Gesinnungen, die Ihr erlauchter Herrscher, dem ich meinen kaiserlichen Gruß durch! Sie entbiete, mir und dem Deutschen Reich entgegenbringt. Diese Gesinnungen werden von mir aufrichtig erwidert, und ich hoffe, daß die Wahl einer so hervorragenden Persönlichkeit wie Sie als Abegesandter besonders dazu beitragen wird, die guten Beziehungen, die feit lange zwischen Deutschland und Marokko bestehen, zu beseitigen und zu entwickeln."
Zu Ehren der außerordentlichen marokkanischen Gesandtschaft fand ein Tiner beim Stattssekretär des Aeußeren Frhrn. v. Richthofen statt, woran außer dem marokkanischen Botschafter und feiner Begleitung teilnahmen Staatssekretär v. Posadowsky, Handelsminister Möller, der Staatssekretär Kräthe; die Generale von der Planitz, v. Bock und Plach; der Oberpräsident von Ostpreußen v. Richthofen, der frühere und jetzige Gesandte in Tanger, Oberbürgerbürgermeister Kirschner u. a. Nach dem Diner sand ein Gartenkonzert statt, wozu auch die Mnister Studt und Frhr. v. Hammerstein und zahlreiche andere Herren erschienen.
Hreöer-Trocknung.
Von Tr. Erich Auer.
(Nachdruck verboten.)
Seit dem Zusammenbruch der Leipziger Bank ist das Wort „Trebertrocknung", das an sich, mit Bankwesen wahrlich nichts zu thun hat, in aller Munde, ohne daß viele eine rechte Vorstellung haben, um was es sich denn da eigentlich] handle. Und manchier, der da hörte, die Leipziger Bank habe eben wegen der umfassenden Beteiligung an der Aktien-Gesellschaft für Trebertrocknung Schiffbruch gelitten, wird meinen, da haben sich Bankiers für eine von Haus aus aussichtslose Idee eines Fachmannes begeistert, und wird das Fiasko der Bank auf sachliche, technische, nicht auf finanzielle Mißgriffe zurückführen. Tas wäre «ber grundfalsche Tie drei Fabrikationszweige, welche die Aktiengesellschaft für Trebertrocknung auf Grund von Patenten betreibt, sind so aussichtsvoll und erfolgverheißend, nne nur eine der erfolgreichen chemischen Großindustrien, püe sie in den letzten Jahrzehnten in reicher Fülle erstanden sind. Ter Leser möge selbst urteilen.
Wie der Reinlichkeit liebenden Hausfrau der zudring- Me Staub, der Hauskehricht lästig ist, wie im Großstadtleben der bei der täglichen Straßenreiingung sich au- iäufenbe Kehricht und Unrat wegen feiner Abfuhr viel Aorge macht, hatten auch die verschiedenen technischen Betriebe mit der Beseitigung lästiger Abfallstoffe viel zu thun.
Man erinnere sich nur der anfänglichen Leiden der Leuchtgasfabriken aus Steinkohlen, die mit dem stinkenden, alles verunreinigenden, die Nachbarschaft belästigenden Theer nichts anzufangen wußte und bei großem Zeit- und Geldverlust für dessen Fortschaffung bedacht sein mußte. Wie hat sich: das aber geändert! Tie Zaubermeisterin Chemie, die uns aus unscheinbarsten Stoffen wertvollste Präparate herzustellen, Stinkstoffe in Tuftstoffe, mißfarbige Stoffe in prächtige Farbstoffe, harmlose Substanzen in wirksamste Explosivstoffe umzuwandeln gelehrt hat, hat uns auch] auf den hohen Wert bisher mißachteter, lästiger Abfallstoffe aufmerksam gemacht und den Weg gezeigt, wie aus all dem, was bis heute als Kehricht, Lumpen, Schlacken mit großen Auslagen beiseite geschafft wurde, wertvolle Nährwerte zu gewinnen seien.
Ta ist einmal die Trebertrocknung, die Verwertung der Abfälle der Brauereien, Brennereien, Keltereien. Wer die im Klein- oder Großbetriebe erfolgende Gewinnung von Bier, Branntwein, Wein, Spiritus verfolgt, muß sich, ohne Fachmann zu sein, sagen, daß bei diesen Verfahren unmöglich! der ganze Nährwert der Maische, alle ihre Extraktionsstoffe in die Flüssigkeit übergegangen sein fönnen.. Diese Ueberzeugung von dem hohen Gehalte des Maischrückstandes an Nährwerten hat ja auch dazu geführt, daß Brauereien, Spiritusfabriken, Zuckerfabriken zugleich Mastanstalten wurden, um diese Nährwerte sofort bei der Viehfütterung auszunützen. Wo sich] aber trotz solcher Ausnützung die Treber- vorräte anhäufen oder solche Verwendung als Viehfutter
an Ort und Stelle nicht möglich ist, bleibt wegen der raschen Zersetzung der Treber nur die Verwendung als Dünger übrig. Dieser ungenügenden Ausnützung des Trebernährwertes hat Ottos Trockenapparat, der heute wert verbreitet ist und auch! zum Trocknen von Tünger, Torffasern, nasser Feldfrucht Verwendung finbet, ein Ende bereuet. Wurde man die Maischerückstände mechanisch durch Pressen _ des Wassers entäußern wollen, so kämen da ja auch 9cäl)r|toffe in Wegfall. So aber werden bie nassen Treber in der Trockenmaschine fortwährend in eine eiferne, mit Dampf qeheizte Mulde geschaufelt, hier durch einen Ruhrapparat mechanisch durcheinander geworfen, so daß immer neue Partien an die Oberfläche kommen und der heiße, trockene Luftstrom immer neue Partien der Feuchtigkeit fortfuhrt. Im Verlaufe dieser Vortrocknung gleitet die Trockentreber in der Rührschnecke in einen tieferen, zweiten Trocken- zylinder. Hier sind die hohlen Zylinderwände ebenfalls, aber noch stärker erhitzt: außerdem strömen heiße Tämpfe durch ein System von Röhren, die den Zylinder durchziehen. So verlassen die ohnehin schon fast trockenen Treber, die eine Ähaufelvorrichtung über diese Trockenröhren ausstreut, in vollkommen trockenem Zustande und können nun nicht nur bis zu ihrer Verwendung beliebig lange eingelagert werden, sondern auch versendet werden, was sich, da sie einerseits leichter, andererseits relativ nährhaltiger- qeworden sind, um so besser rentiert.
Schluß, folgt.


