Nr. 265 Zweites Blatt.
151. Jahrgang.
Sonntag 10. November 1601
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Ter französisch-türkische Konflikt scheint nun doch schneller seinem Ende nahe zu sein, als man in den letzten Tagen befürchten mußte. Selbstverständlich geht er mit einem vollen diplomatischen Siege Frankreichs aus. Gestern nachmittag erhielten wir folgendes Telegramm, das wir sofort durch Anschlag bekannt gaben:
Paris, 9. Nov., &30 nachm. Eine Note der.AgenceHcwas" besagt, die Pforte teilte mit, sie habe beschlossen, die verschiedenen Forderungen Frankreichs zu erfüllen. Delcafsä erwiderte, sobald der französischen Regierung ein Befehl des Sultans zugegangen sei, der diesen Entschluß der Pforte ratifiziert, werde das französische Geschwader Mytilene verlassen.
Daß diese Ratifikation nun nicht mehr lange auf sich warten lassen wird, ist wohl anzunehmen. Das chinesische Beispiel wird der Srcktan doch wohl nicht uachahmen, denn der Weg nach Konstantinopel von Mytilene aus ist nicht weit, und Frankreich hätte ihn schließlich, allem bisherigen Anscheine nach, nicht gescheut, und auf der Balkanhalbinsel läßt sich leichter operieren als im Inneren Chinas. That- sächlich befindet sich durch die Besitzergreifung von Mytilene die französische Flotte schon jetzt fast unmittelbar vor dem Eingang zu den Dardanellen, jener stark befestigten türkischen Meeressttaße vor Konstantinopel.
Nunmehr hat die Pforte, wie derlfranzösische Botschaftsrat Babst aus Konstantinopel dem Pariser Ministerium meldet, sämtlichen Ansprüchen Frankreichs Genüge ge- than, nämlich: 1. Offizielle Anerkennung aller unter fran- züsisches Protektorat gestellten Schulen und religiösen Gemeinschaften; 2. Anerkennung der Spttäler und ähnlicher Anstatten; 3. Anerkennung des Rechts, die bei den armenischen Unruhen 1895 und 1896 zerstörten Schulen und Spitäler wieder zu errichten; 4. Anerkennung des chaldäischen Patriarchen. Die Pforte erließ bereits die Anweisung zur Durchführung der Punkte 3. und 4. Die Forderung Lonardo ist vollständig gedeckt durch sichere garantierte Anweisungen auf die türkischen Zölle, die sich bereits in den Händen Bapsfs befinden; die Bezahlung erfolgt in Raten vom 1. Februar \902 ab.
Die „N. Fr. Pr." veröffentlicht den Jnhatt der Cirkular- note, die der türkische Minister des Aeußern, Tewfik Pascha, an die Vertreter der Pforte im Auslande richtete. Die Note führt nach einem geschichtlichen Rückblick über den Verlauf der schwebenden Frage aus, die Pforte erledigte nicht nur die Angelegenheiten Lorando und Tubini, sondern gab Frankreich auch bezüglich seiner Forderungen bett. die Schulen, Wohl- thätigkeüsanstalten und religiösen Zwecken dienenden Gebäude volle Genugthuung. Die Pforte hoffe, daß Frankreich den versöhnlicheu Geist, der die Pforte bei der Ausgleichung dieser Fragen leitete, anerkennen und die unglücklicherweffe unterbrochenen Beziehungen wieder aufnehmen werde.
In Pariser polittschen Kreisen verlautet zuverlässig, das französische Geschwader werde zwar sofort nach dem Eintreffen der bezüglichen Jrade die türkischen Gewässer verlaffen, jedoch solange in der Nähe der türkischen Gewässer verbleiben, bis die Pforte den Anfang mit der Ausführung ihrer Versprechungen gemacht hat.
Die am Mittwoch im Hafen von Syra vor Anker gegangenen ftanzösischen Schiffe der Division Caillard sind beretts abgedampft.
Die Londoner Presse ist ob des'energischen Vorgehens Frankreichs hochgradig nervös geworden. Um die politische Ohnmacht Englands zu verschleiern, werden die unsinnigsten Gerüchte in die Wett gesetzt. So fabelt beispielsweise der „Daily Telegraph", die Bagdadbahn-Konzession werde n i ch t den D e u t s ch e n, sondern einem russisch-ftanzösisch- englisch-belgischen Syndikat erteilt werden, da letzteres sich erbieten würde, der Pforte Gelder vorzusttecken. Es bedurfte in der That kaum der Versicherung unterrichteter Berliner Kreise, daß dieser Meldung auch nicht ein Schein von Begründung innewohne. England will eben mit aller Gewalt glauben machen, daß die französischen und russischen Staatsmänner entfernt davon seien, im Orient über die groß- brttannische Negierung zur Tagesordnung überzugehen. Ein einziges Londoner Blatt ist nicht völlig von dem Nebel ge- flissentticher Selbsttäuschung befangen: die „Daily News" geben der Meldung Raum, daß die russische Schwarze Meer-Flotte bereit ist, sich mit dem französischen Geschwader am südlichen Ausgang der Dardanellen zu vereinigen. Mit Beklemmung wird man an der Themse diese Botschaft vernehmen, die unseres Erachtens den eigentlichen und letzten Zweck der mit russischem Einverständnis in Szene gesetzten französischen Flottenexpedition kennzeichnet. An die Aufrollung der armenischen Frage denkt weder Rußland noch Frankreich, noch eine andere am Berliner Vertrage in- teressiette Macht. Tas „Spiel" steht vielmehr so, daß Rußland den Augenblick für gekommen hält, oder richtiger herbeigeführt hat, vom Sultan die Konzession zur Durchfahrt russischer Schiffe durch die Dardanellen zu erlangen. Formell übt Frankreich den Druck auf die Pforte aus, doch das im Hintergrund stehende Rußland läßt sich von Abdul Hamid nicht hinauskomplimentieren, zumal es mit ihm über die noch immer nicht beglichene Kriegskostenentschädigung zu reden hat. Dieser russisch-französischen Politik steht England rat- und machtlos gegenüber — handelt doch der Zar seinem Versprechen, dem Jnselreich während des Burenkriegs
in Asien nicht in den Rücken zu fallen, dadurch nicht zuwider. Die Staatsmänner an der Newa stehen doch noch früher auf als die an der Themse.
Vom Burenkriege.
Ueber die englischen Barbareien wird der „Vollsztg.", „von einer Seite, die aus den zuverlässigsten transvaalischen Queller: zu schöpfen in der Lage war", geschrieben: Seit Monaten verfolgen die Buren den Zweck, die einfack)en Söldner und kolonialen Soldaten zu schonen, dagegen die Offiziere und Unteroffiziere wegzuschießen, und gefangen zu nehmen. Das geschah z. B. bei Bethel so gründlich, daß den Engländern von drei Regim en tern auch nicht ein einziger Chargierter übrig blieb; vom Sergeanten aufwärts waren alle Kommandierenden tot oder schwer verwundet am Boden oder gefangen. Da Tommy Atkins, der gemeine Soldat, weiß, daß er nach drei Tagen freigelassen und als Gefangener gut behandelt wird, so wirft er seine Patronen massenhaft weg.und hält im Aiv- ment der Gefahr die Hände hoch. Die Kolonialtruppen insbesondere waren derart des Krieges müde geworden und zeigten sich in solchem Maße widerspenstig, daß sie in 'äller Stille aus den Angriffslinien zurückgezogen, zum Etappendienst verwendet oder heimwärts geschickt werden mußten. Zuerst verschwanden die Kanadier, dann die Australier. Im englischen Hauptquartier wurde man über die rapid wachsende Entmutigung und Unzuverlässigkeit des Heeres dergestalt wütend, daß man den Zorn an den armen Frauen und Kindern der Buren ausließ, denen man wissent- ttch und geflissentlich die dürftigsten Nahrungsmittel entzog. So erzählte der Burenbeamte Jongheer van Leven, daß unter den Augen von Kit ch en er ein aus 15 Wagen bestehender Train von Lebensmitteln, bestehend aus englischem Zwieback, kondensierter Milch, präpariertem Fleischmehl und getrockneten und geräucherten Fleisch und Wurstwaren, verbrannt worden ist. Dieser Train sollte 600 Frauen, Mädchen und Greise, welche 2000 Kinder unter 12 Jahren zu verpflegen hatten, mit Lebensmitteln für eine Woche versorgen. In jener Woche starben darum Hunderte von Kindern und Frauen den Hungertod.
Nach Meldungen aus Pretoria beträgt die Kindersterblichkeit in den Konzentrationslagern 43 Prozent, und aus Nkhanda (Zululand) wird telegraphiert, es würden keine freiwilligen Uebergaben von Buren mehr angenommen, sondern alle, die sich ergeben, sollten als Gefangene behandelt und deportiert werden.
Das Blatt „Natal Witneß" veröffentlicht ein Inserat zur Anwerbung von Freiwilligen für Südafrika. In demselben heißt es u. a.: 70 Prozent der Beute wird unter die Offiziere und Soldaten verteilt werden, eine sichere gute Einkunft. (!!)
Nach Informationen aus sicherer Quelle erhielt die Familie des niederländischen Generalkonsuls in Pretoria ein nicht unterzeichnetes Telegramm aus Pretoria, welches besagt, daß der Generalkonsul Pretoria verließ, um sich nach den Niederlanden zu begeben. Indessen erhielt das holländische Ministerium des Aus- wärttgen keine Benachrichtigung bezüglich der Abreise des Generalkonsuls oder der Uebertragung der Geschäfte desselben auf den französischen Konsul. Man nrmmt an, daß der Vertreter die oben bezeichneten Handlungen nicht vorgenommen hätte, ghne seine Regierung davon zu be- nachrichttgen, wofern nicht die Abreise ganz plötzlich erfolgt und die Telegraphen-Verbindung unterbrochen sei.
Deutsches Wich.
Ber lin, 8. Nov. Zur gestrigen Abendtafel bei dem Kaiser und der Kaiserin waren nach dem Neuen Palais geladen: Fürst und Fürstin Eulenburg und deren Töchter, Freifrau v. Lyncker und Professor Harnack. „
— Der Kaiser begiebt sich am 25. d. M. nach Kiel zur Rekxutenvereidigung.
— Der Kaiser richtete folgenden Erlaß an den Reichskanzler:
Aus dem mir vorgelegten Berichte über die Ergebnisse der Reichspost- und Telegraphenver- waltuug während der Etatsjahre 1896 bis 1900 habe ich mit Befriedigung erfahren, daß auch in diesem Zeitabschnitt an der Ausgestaltung des Posd-und Telegraphenwesens rüstig weitergearbeitet worden ist. Mit Interesse habe ich namentlich von den Zahlen Kenntnis genommen, in denen die außerordentliche Entwickelung des Fernsprechwesens zum Ausdruck kommt, und daraus gern ersehen, daß die Verwalttmg mit Erfolg bemüht gewesen ist, die Vorteile dieses Verkehrsmittels auch dem platten Lande zu erschließen. Auch auf dem Gebiete unserer Verkehrsbeziehungen zum Auslande und zu den Schutzgebieten sind wertvolle Fortschritte zu verzeichnen. Ich rechne dazu namentlich die bessere Ausgestaltung der regelmäßigen kurzfristigen^Poft-Dampfschifsverbinduugen mit Oftasien, Australien, Lstafrika und in den chinesischen Gewässern, sowie der Begründung und Beförderung deutscher unterseeischer Telegraphenverbindungen nach fernen Ländern, mit denen in den letzten Jahren ein vielversprechender Anfang gemacht werden tonnte. Daß die Reichspostverwaltung Den im Auslande befindlichen Angehörigen des Heeres und der Marine wertvolle Dienste hat leisten können, gereicht mir zur besonderen Befriedigung. Die nach Ostasien entsandte Feldpostexpedition hat den im fernen Osten känrpfenden Truppen den regelmäßigen Verkehr mit dem Vaterlande ermöglicht. Die Zahlen der von
den Marineschiffposten vermittelten Postsendungen zeigen, in wie hohem Maße durch ihre Einrichtung dem Bedürfnisse der im Auslande befindlichen Mannschaften der Kriegsflotte entsprochen worden ist. Daß auch das finanzielle Ergebnis der Reichspost- und Telegraphenverwaltung ttotz der erheblichen Steigerung der Aufwendungen für den Ausbau des Fernsprech- und Telegraphennetzes ein befriedigendes gewesen ist, habe ich gern ersehen. Ich ermächtige Sie, allen Beteiligten für ihre treue, erfolgreiche Arbeit meinen Dank auszusprechen.
— Die Kaiserin wird sich Anfang nächsten Jahres, sobald dies von den Aerzten als geeignet erachtet wird, zur völligen Herstellung ihrer Gesundheit in einen südlich gelegenen Bad eort begeben und dabei voraussichtlich von der Prinzessin Viktoria Luise und den jüngeren Prinzen beglettet sein.
— Tie „Polit. Nachr." wenden sich gegen die Behauptung, der nächstjährige Etat werde mit einem Fehlbeträge von 140 Millionen abschließen. Verschiedene! Posten des Extraordinariums feien so reichlich dotiert, daß, ohne Kulturaufgaben zu schädigen, Abstriche vorgenommen werden könnten, welche die Bilanzierung des Etats, ermöglichten.
— Tie sächsische Staatsregierung hat, nach dem Vorgehen Badens, mit Rücksicht aus die Betriebseinschränkungen amtliche Exhebungen über die industrielle Lage Sachsens und die Arbeitslosigkeit angeordnet.
— Die süddeutschen Regierungen werden demnächst durch eigene Vertreter mündliche Verhandlungen pflegen, um eine Verständigung über die Personentarrfei herbeizuführen.
Erefeld, 8. Nov. Heute vormittag erfolgte hier in Anwesenheit des Handelsministers M ö l l e r bie Einweihung des neuen Handelskammer-Gebäudes und der Kaufmanns- Schule. Minister Möller besuchte dann u. a. auch, die Produttenbörse. Bei dem Festbankett hielt der Landelsminister eine bedeutsame programmatische Rede, in Der er zum Beschreiten des Mittelweges des Ausgleichs rät, da die Landwirtschaft nicht fallen gelassen werden darf.
Eisenach, 8. dttv. Tie Zlonferenz der Vertteter der thüringischen Pfarrvereine beschloß, die gesamte evan- aelische Geistlichkeit Deutschlands zu einem gemeinsamen Protest gegen Chamberlains Beschimpfungen und die englische Kriegsführung aufzufordern.
Ausland.
London, 8. Nov- Der Herzog v. Cornwall und Dork, der älteste Sohn des Königs Eduard, ist zum Prinzen von Wales und Grafen von Ehester ernannt worden.
Peking, 8. Nov- Juanschikai wurde zum Gouverneur von Petschili und Wangwenschao zum Nachfolger Li-Hung- Tschangs als Bevollmächtigter, Li-Hung-Tschang zum Marquis ernannt und ihm der neue Name Liwen- tschang gegeben.______________________________________________
Aus Stadt und Land.
(Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten rst.nrrr unter genauer Quellenangabe: „Gieß. Anz." gestattet.)
Gießen, den 9. November 1901.
LU. Von der Landesuniverfilät. Bis heute rourben an der Landesuniversität 160 Studierende immatrikuliert.
* * Das Großh. Negierungsblatt Nr. 67 enthält eine Be- kanntmachüng des Ministeriums der Finanzen, die Neugestaltung des Kassewesens betreffend.
* * Raubmörder Ermer. Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, ist das hier verbreitete Gerücht, der Raubmörder Ermer sei vor einiger Zeit zur Untersuchung seines geistigen Zustandes in die Universitätsirrenklinik gebracht worden, unbegründet. Ein Zweifel an der normalen Geistesverfassung des E. hat nie bestanden, und er hat seit seiner Aburteilung sich niemals außerhalb der Gefängnismauern befunden.
• * Das Konzert in der Südanlage fällt am morgigen Sonntag, den 10. November, aus.
* * Die Gesellschaft „Germania" feiert am morgigen Sonntag ihr 3. Stiftungsfest auf „Lony's Bierkeller". Zur Unterhaltung der Gäste sind Konzett, Tanz und komische Votträge vorgesehen, sodaß die Besucher gewiß einen recht gemütlichen Abend verleben werden. (Näheres im Inserat dieser Nummer.)
* * Ein Motortransportwagen. Aufsehen erregte ein von der Firma Andrs in Frankfurt a. M. heute vormittag angekommener Motor-Transpottwagen, die einen für das morgige Konzert im Gesellschaftsverein bestimmten Flügel zu liefern hatte. Der Wagen ist von der Firma Benz u. Co. in Mannheim hergestellt. Die Strecke Frankfurt-Gießen legte er in 5 Stunden zurück. Wie wir hören, beabsichtigt die Firma Wilhelm Rudolph hier, einen eben solchen Wagen anzuschaffcn.
Hungen, 8. Nov. In Hungen, Villingen und Ober- Bessingen plant man gegenwärtig den Bau einer Wasserleitung, wobei jedoch sür die beiden ersteren Gemeinden die Frage der Wasserbeschaffung noch hindernd im Wege steht. Die aufgedeckten Quellen zur Herstellung einer Leitung nach Villingen haben nicht genügend Wasser. Ein Ausweg für die drei Gemeinden würde sich aber, wie die „Hung. Landp." schreibt, leicht finden, wenn, sie die ungeheuer starken Quellen im Mühlgrund der Gemeinde Wetterfeld erwerben würden. Die Quellen stehen bezüglich ihres Wasserreichtums denjenigen des Gießener Wasserwetts bei Queckborn in keiner Weise naH, würden somit zur Wasserversorgung dieser drei Ge-


