Kr. 83 Zweites Blatt
Mittwoch 10. Slpril 1901
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Eine Leibwache des Kaisers.
Wir haben in der letzten Zeit wiederholt Mitteilungen gebracht über Sicherheitsmaßregeln zum Schutze der Person des Kaisers. Da wurde einmal gemeldet, daß rad. fahrende Gendarmen den Kaiser auf allen Ausfahrten und Spaziergängen begleiten sollen; dann hieß es, daß beabsichtigt sei, die berittenen Gendarmen im Lanzen- dienst anszubildev, damit den Kaiser auf jedem Ausritt
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eine Schaar von Lanzenreitern vorn und hinten und rechts und links umgeben; die nächste Nachricht meldet vielleicht, daß man auch die radfahrende« Gendarmen mit Lanze« aus- zurüsten gedentt.
Mau kann sich in der That nur schwer dazu entschließen, irgend etwas von diesen Gerüchten für baare Münze hin zunehmen. Ist es denn noch nicht genug, daß mau den i Kaiser über die Stimmungen und Wünsche und Besorgnisse des Boltes im Unklaren läßt? Muß denn das Mißtrauen : gegen das Volk immer weiter in ihm genährt und vermehrt werden? Wäre es denn nicht eine viel schönere, eine «v endlich höhere Befriedigung gewährende Aufgabe, de« Kaiser davon zu überzeugen, daß trotz der Unthat des geisteskranken Burschen in Bremen die Sicherheit seiner Person im Volke heute noch gerade so groß ist, wie ze zuvor? Man vergegenwärtige sich nur einmal daS Bild, den Kaiser bei jeder Ausfahrt und jedem Spaziergange von Polizei und Militär umringt zu sehen, damit kaum das Auge des Volkes die Person des Herrschers noch erblicken kann, deffen Herz man 1 ihm in grundverkehrter Fürsorge zu entfremden trachtet. Und in welchem Licht würde daS Verhältnis zwischen Kaiser und ; Volk bei solchen Vorsichtsmaßregeln nun gar erst dem AuS- ■ lande gegenüber erscheinen! Mau würde mit Recht spotten : über daS Dahinschwtndeu deutscher Treue, deren wir so gern , und stolz «nS rühmen; aber auch noch eine andere Richtung > würde der Hohn unserer lieben Nachbarn einschlagen, eine Richtung, die nicht minder beschämend für uns wäre.
Kaiser Wilhelm I. war in hohem Alter von wirklichen Attentaten betroffen wordev. Aber weder nach Hödels fluchwürdiger That, noch nach NobilingS entsetzlichem Verbrechen hat der greise Herrscher irgendwie verschärfte Sicherheit-, maßnahmen für seine Person geduldet. DaS Vertrauen, daS er dem Volk eutgegenbrachte, war der sicherste Schutz für ihn. Was aber damals galt, das trifft auch noch heute zu: Mißtrauen kann nun einmal kein Vertrauen erwecken, keine Liebe erzeugen. Wohl aber kann es gerade das Gegen- teil deffen zur Folge haben, was beabsichtigt wird. Wie harte Worte härtere herausfordern, die sonst ungesprochen geblieben sein würden, so können übertriebene Borsichts- maßregeln Gefahren heraufbeschwöreu, an die sonst nicht zu denken gewesen wäre; sie können direkt zu Gewaltthätigkeiten reizen, zu denen im anderen Fall kein Anlaß vorlag. Auf der anderen Seite aber: was sollen denn die bewaffneten Begleiter dem Kaiser nützen? Wer sich mit Mordgedanken trägt, der findet trotz radfahreuder und lanzentrageuder Leibwächter für sein Geschoß den Weg zu seinem Opfer. Und selbst wenn einer der Begleiter Verdacht hegt, so kann die unheilvolle That verbracht sein, ehe jener vom Sehen zum Handeln fortschreitet. Der ganze Nutzen würde also darin bestehen, daß sofort die Verfolgung ausgenommen und die Verhaftung vorgenommen werden kann. Darum aber so viel Verdruß im eigenen Volk erregen und darum den Spott des Auslandes herausfordern? Der Erfolg steht zu den Folgen doch in zu argem Mißverhältnis.
Dringend erscheint es daher geboten, daß auch in der Hinsicht des persönlichen Schutzes des Kaisers die Männer seiner nächsten Umgebung ihre Taktik ändern! „Nicht Roff' und Reisige sichern die steile Höh', wo Fürsten steh'n." Wohl aber „Liebe des Vaterlands, Treue des freien Manns sichern deu Herrscherthron wie Fels im Meer."
In der „Zukunft" wird energisch verlangt, Graf Bülow solle im Reichstag gefragt werden, ob und wann die verbündeten Regierungen sich von der Notwendigkeit überzeugt hätten, dem Kaiser eine Leibwache zu schaffen; warum diese Absicht beim Militäretat, als das Geld für die Alexander« kaserne gefordert wurde, verschwiegen blieb; ob der Kanzler, als Der allein verantwortliche Retchsbeamte, dem Kaiser gesagt habe, in Berlin sei ein Aufstand zu erwarten, und auf welche bisher unbekannte Thatsachen sich die Entscheidung stütze. Es müffe endlich zu einer Kraftprobe kommen. Spreche die Mehrheit des Reichstags sich für den Kaiser aus, billige sie seine Weltanschauung, seine impulsiven Versuche, mit dem Einsatz der monarchischen Person auf die Volks- simmung zu wirken — gut; dann wohne Wilhelm II. im iecht des Stärkeren, und keine Nadelstich könne ihn, solle hn verwunden. Laute das Votum der zur Mitwirkung am wlitischen Geschäft berufenen Volksvertretung anders, daun würde es nötig sein, zu den Sitten znrückzukehren, die in der ersten Zeit unserer Reichsgeschäfte Üblich gewesen seien.
So die „Zukunft". Die aber, wenn die hier befür- wortete „Kraftprobe" gegen den Kaiser zum Konflikt führte? Was sollte nach der Meinung der „Zukunft" dann geschehen?
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Politische Wochenschau.
Tie „stille" Woche und das Osterfest, das diesmal ein echtes, rechtes Frühlingsfest gewesen ist, ein Sonnensiegesfest mit lauen Lüsten, das die deutsche Welt gefühlvoll lesen ließ in dem Buche der jugendfrischen Natur, das uns zu den köstlichsten Osterwundem führte, sind nicht ganz so still verlaufen, als man es anfangs, im Gegensatz zu den letzten Jahren, voraussetzen durfte. . Während in den Wäldern und
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Anlaß hierzu durchaus vermissen. Denn es ist nicht das Geringste geschehen, das etwa in den Beziehungen zwischen den Höfen von Rom und Petersburg eine Aenderung Hervorrufen konnte. Soll die Maßregel eine an die Adresse Frankreichs gerichtete Warnung fein? Will matt den Politikern an der Seine wieder einmal klar machen, daß sie überhaupt nicht das Recht besitzen, eine eigene Politik zu treiben, sondern verpflichtet sind, geduldig Der russischen Führung zu folgen. Oder hatte man an der Newa die Absicht, dem Teutschen Reiche eine. besondere Liebenswürdigkeit zu erweisen? Hier durste bie Antwort
zösiscye und italienische Offiziere und Matrosen Arm in Arm die Straßen durchwandert und das Sinnbild eines ganz Dreibundes geboten hätten. Das Wi deutschen Kaisers: „Wir werden nötigenfalls auch gegen eine europäische Mehrheit fechten", erhält durch diese Vorgänge eine und eigentümliche Beleuchtung, die noch durch den Zusatz verstärkt wird: „Die deutsch-russischen Beziehungen sind jetzt wieder besser; man hat sie eine Zeit lang zu stören gesucht und zwar mit Erfolg". Der Zar hat die russischen Schiffe von Toulon abberufen, ehe noch die italienische Flotte eintraf. Die einfachste Erklärung für diesen auffallenden Schritt liegt vielleicht darin, daß eben „Väterchen" Nikolaus mehr Takt besitzt, als die Herren an der Seine. Aber welche realpolitischen Gründe mögen den Ausschlag gegeben haben? Soll die Maßregel eine, Unfreundlichkeit gegen Italien bedeuten? Man würde den
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Betreffend: Die Jungviehweiden zu Tiergarten bei Hungen und Wernings bei Gedern.
5>er Direktor des Kreiszuchtvereins für Iogeksöerger Wndvieß
att die Herren Direktoren der OrtSzuchtvereiue.
Unter Bezugnahme auf die obige Bekanntmachung möchte ich Sie ersuchen, bei den Mitgliedern Ihrer Vereine auf eine zahlreiche und rechtzeitige Beschickung der Weide im Tiergarten bei Hungen hinzuwirken. Die Bedingungen sind außerordentlich billig und günstig, und die Kosten fallen gar nicht ins Gewicht gegenüber den Vor-> teilen, die der Viehzüchter durch eine mehrmonatliche Unterbringung seines Jungviehs auf der Weide erlangt. An den zahlreich,en Vorteilen, die bei der staatlich unterstützten Reinzucht des Rindviehs geboten werden, kann nur derjenige hauptsächlich teilnehmen, der auf die Aufzücht des Jungviehs feine Aufmerksamkeit richtet. Seuchefesbigkeit, Leistung in Milch Fleisch, Zug, Zucht, Futterverwertung kann nur dadurch gesteigert werden. Bei Rindvieh, das nur im Stalle groß geworden, hilft die beste Fütterung und Pflege nichts. Die Wiegung beim Abtrieb von der Weide hat denn auch seither die besten Ergebnisse gezeigt. Tie Weide ist nach dem Urteil Sachverständiger von ausgezeichneter Güte und unter guter Leitung, sodaß jeder Züchter getrost fein Vieh hin schicken kann.
Gießen, 4. April 1901.
Boeckmann.
aus den Feldern an Büschen und Hecken, Bäumen und Sträuchern es sich dehnte und reckte, sproßte und grünte, während der Vögel Flöten uns hinauslockte zum lieblichen Lenz, während die Volksvertreter sttll und sitlig im schmucken Heim ihren Kindern buntgefärbte Eier versteckten, trat Graf Bülow eine Reise an nach dem Lande, da Drangen und Citronen blühen, nach seiner Eheliebsten Heimat. Nachdem er den Flug der Störche gekreuzt hatte, reichte er in Verona, jener Stadt, in der einst Romeo zu Juliens Balkon emporklomm, während die Nachtigall ihr Lied auf dem Grauatbaum fang, feine Hand dem! italienischen Ministerpräsidenten Zanardelli zum Schütteln und pflog mit ihm trauliche Zwiesprache, deren Erfolg beiderseits befriedigt haben soll. Wir wollen hoffen, daß die beiden Staatsmänner sich ernsthaft verständigt haben. Mit schönen Phrasen allein, die zu erfinden Graf Bülow ein Meister ist, wird sich der radikale italienische Minister, der einst im Jahre 1848 zu denen gehört hatte, die „mit Frechheit und Nnbotmäßigkeit sich erhoben hatten", nicht haben abspeisen lassen. Er ist ein nüchterner Realpolitiker, ein Mann des Handelns und ein Freund des Handels. Kleine Liebenswürdigkeiten, wie sie Graf Bülow erst jüngst den Mitgliedern des preußischen Herrenhauses servierte, werden bei ihm nicht gezogen haben. Die freundlichen Worte, mit denen der neue deutsche Reichskanzler über alle Differenzen hinwegzutäuschen versteht, haben nachgerade den Reiz der Neuheit verloren und wollen nirgends mehr recht verfangen. Man will endlich Thaten sehen. Schon tauchen Gerüchte von allerhand Friktionen und Krisen auf. Graf Bülow hat im Herrenhause ein sehr schön klingendes Programm von der gleichmäßigen Wahrnehmung und billigen Ausgleichung aller Interessen aufgestellt — freilich unter ausdrücklicher Verwahrung dagegen, daß das ein Programm sein solle. Was er sagte, konnte jeder ohne Zaudern unterschreiben, weil sich eben jeder etwas anderes habet denken konnte und sehr wahrscheinlich auch gedacht hat. Eben deshalb muß aber diese idyllische Einigkeit alsbald in die Brüche gehen, wenn es sich darum handelt, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Und diesem Zeitpunkte nähern wir uns immer mehr. Die Entscheidung über die Kanalvorlage wird kaum mehr lange hinausgezögert werden können und sie kann diesmal leicht ausschlaggebend für die weitere Entwicklung werden. Es ist zwar mißlich, mit Kaiserreden zu operieren, deren authentischer Wortlaut nicht feststeht. Mer soviel scheint sicher zu sein, daß die Ansprache des Kaisers an das Herrenhaus-Präsidium die Agrarier nicht mit eitel Freude und Hoffnung erfüllt hat. Es wird also aller Wahrscheinlichkeit nach harte Kämpfe geben.
Vielleicht in einem gewissen Zusammenhänge mit der Entrevue zu Verona steht ein niedlicher politischer Scherz, den die Pariser Diplomatie arrangiert hatte. In Toulon, dort, wo schon einmal unter gewaltigem Jubel die Verbrüderung des zarischen Absoluttsmus und der mit der Jakobinermütze geschmückten Marianne gefeiert worden war, sollte abermals eine große Demonstration erfolgen. Vor einem Jahre hatten französische Schiffe den Italienern in Sardinien einen Besuch abgestattet, der natürlich eine höfliche Erwiderung verlangte. Aber an der Seine gedachte man aus diesem schlichten und selbstverständlichen Akte eine große politische Aktion zu gestalten, prächtige Festlichkeiten sollten gefeiert, pathetische Reden gehalten werden und damit die höchste Weihe nicht fehle, sollte eine russische Flotte unter dem Admiral Birilew vor Toulon ankern und an dem Treiben sich beteiligen. „Wir empfinden es freudig, daß Toulon in kurzer Zeit zweimal den Ausgangspunkt bedeutender Ereignisse hübet", so hatte der Maire der Stadt, vor deren Mauern sich einst der Artilleriehauvtmann Bonaparte die ersten Lorbeem holte, ttiumphierend verkündet. Der Brei war nach französischem Rezepte recht schmackhaft gekocht, aber der Zar hat sich geweigert, ihn auszulöffeln. Es wäre der Welt ein recht anmutiges Schauspiel gewesen, wenn russische, fr an»
Amtlicher Heil.
Gießen, den 1. April 1901. ®etr.: Die Anstellung der Kreisstraßenwarte.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen n« die Gr. Bürgermeistereien der Landgemeinde« deS Kreise-.
Sie wollen, soweit and Ihren Gemeindekaffen Gehalte an Straßenwarte bezahlt worden find, die Gemeiude-Ein- «ehmer veranlassen, sofort mit der Kreiskaffe abzurechnen, damit diese in den Besitz sämllicher Hauptquittungeu gelangt.
Bnmen drei Wochen sehen wir Ihrem Bericht entgegen, daß diese Abrechnung stattgefnnden hat.
________v. Bechtold._________________
Bekanntmachung.
Die Provinzial Juugviehweideu zu Tiergarten bei Hungen «ud Wernings im Kreise Büdingen.
Ich bringe hiermit zur Kenntnis der Viehzüchter, daß der Weidebetrieb auf den fragt beiden Weiden den 1. Juni ix Js. feinen Anfang nimmt. Zugelassen werden junge Rinder, Simmenthaler und Vogelsberger Rasse, im Aller twn einhalb bis zwei Jahren, und Bullen von ein halb E ein ^zahr im Besitze von Zuchtvereinen, Gemeinden und Einzellandwirten der Provinz, welche von in das Herdbuch eingetragenen Ellern abstammen. Sodann kann auf der Weide Tiergarten auch eine beschränkte Anzahl Fohlen Ich Mler bis zu zwei Jahren gegen ein Weidegeld von 00 Mk. pro Stück und Periode ausgenommen werden.
Die Weide zu Tiergarten wird mit 60 Stück, zu Wernings mit 70 Stück besetzt Das Weidegeld beträgt für Rinder per Weidezeit vom 1. Juni bis Anfang Oktober pro Stück 55 Mk., wozu der Provinzialverein einen Zuschuß von 20 Mk. leistet. Außerdem versickert der Verein sämtliche aufgetriebenen Tiere gegen Unfall und Tod und trägt die Unkosten für tierärztliche Aufficht
Die Tiere müssen beim Austrieb mit einem Gesundheits- sthein der Bürgermeisterei der betr. Gemeinde oder eines approbierten Tierarztes versehen sein. Die Einlieferung der Tiere findet auf beiden Weiden den 1. Juni b. Js. von morgens 8 Uhr bis mittags 1 Uhr statt. Die sämtlichen Tiere werden beim Auftrieb auf die Weide gewogen.
Anmeldungen _ sind schriftlich bis zum 20. Mai d. Js. an die Geschäftsstelle des landw. Provinzialvereins in Alsfeld, oder für die Weide zu Tiergarten an den Geschäftsführer der Verwaltungskommission der betr. Weide, Hemm I. Dolf in Villingen, für die Weide zu Wernings an den Geschäftsführer dieser Kommission, Herrn Gutspächter Hahn zu Wernings, welchem Herrn die Leitung und Beauffichtig- Lung der betr. Weiden übertragen ist, zu richten, mb können von ben genannten Stellen auch Anmeldeformulare bezogen werben.
Hardt-Hof, ben 4. April 1901.
Der Präsident des landw. Vereins für die Provinz Oberhessen. S ch 1 e n k e.


