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Nr. 59 Drittes Blatt.
151. Jahrgang.
Sonntag lv. März 1901
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ks£? Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gehen sass
Volttische Tagesschau.
Wie wenig sich die wohlgemeinten Vorschläge zur Bekämpfung der Kohlenteuerung in der Praxis durchführen lassen, geht daraus hervor, daß nach Mitteilungen des „Bundes der Industriellen" mehrfach Industrielle Kohleneinkaufsgenossenschaften sich gebildet hatten, daß sich aber das Rheinisch--Westsälischle Sohlensyndikat weigere, mit ihnen in Verkehr zu treten und sie an die Händler verweise. So erklärte sich zwar das Syndikat in einem Falle gegenüber einer Kohlen-Ein- laussgenossenschast mit einem Jahresbcdarf von 30 000 Tonnen, also einem sehr bedeutenden Quantum, zunächst bereit zu direkter Lieferung, „um dann plötzlich Die Genossenschaft an die Händler zu verweisen." Vermutlich will eZ das Kohlensyridikat nicht mit den Händlern verderben, um auch diesen den Nutzen zu verschaffen. Aber wenn dies der Fall ist, dann hat eben das bei den Kohlennot-Debatten von der Regierung gepriesene Mittel der Bildung von Kohleneinkaufsgenosfenschaften gar keinen Wert, und eS ist nützlich, darauf hinzuweifen, um zwecklose Bemühungen zu ersparen. Allenfalls, daß der Versuch gemacht werden könnte, auf direktem Wege englische Kohle zu beziehen. In dieser Richtung wollen industrielle Einkaufsgenossenschaften vorgehen.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 9. März 1901.
** In der Pafsionszeit! Wir stehen in der Rüstzeit auf Ostern. Kanzel, Altar und Lesepult unserer evangelischen Kirchen tragen die violette Bekleidung; es soll auch durch diese ernste, liturgische Farbe angeoeutet werden, daß es an der Zeit ist, sich auf das Leiden und Sterben des Herrn vorzubereiten. Christi Kreuz! mehr denn je steht es augenblicklich im Mittelpunkte der kirchlichen Verkündigung; ein Zeichen des Heils und des' Lebens, so recht ein Kenn- und Ehrenzeichen des Christentums soll es uns sein. Christi Kreuz! Aus dem verworrenen Treiben der Jahrhunderte hebt es sich heraus, einfach und schlicht, aber licht- und lebenspendend den Millionen Mühseligen und Beladenen, erweckend, erhaltend, tröstend und befreiend fürs zitternde, schuldbeladene Herz! Den Juden ein Aergernis, den Heiden eine Thorheit, hat eS die evangelische Kirche als ihre höchste Weisheit ge-, predigt. Moderne Kunst und Litteratur sucht eifrigst nach neuen Entwürfen und Stimmungen, in alten verstaubten Urkunden und vergilbten Pergamenten wird mit einem Fleiße geforscht, wie nie zuvor; alte, liebgewordene Anschauungen zerstört die Wissenschaft durch ruhige, kühle Betrachtung . . ., aber Einer bleibt, und keine Macht der Erde kann ihn fällen, weder menschlicher Scharfsinn, nodji menschliche Oberflächlichkeit: Christus, der Gekreuzigte! Ja, noch mehr — ein großer Geschichtsforscher hat sich zu dem Satze bekannt — der Mann mit der Dornenkrone, die,er gekreuzigte Christus, ist der Schlüssel der Weltgeschichte. Ein wundersamer Trost! Nun schmähen wir nicht mehr da« Fragen und Zagen, das Hangen und Bangen dieser Hrde- wir halten es für keine besondere Heiligkeit, wennl
Kerliner Kries.
(Plaudereien aus der Saiserftadt.)
(Nachdruck verboten.)
Stoßseufzer eines Berliner Ballvaters. Toilettenfreuden und leiden. — Ein neuer Kriegslauf gegen die Schleppe.
„Gott sei Dank? Der Winter geht zu Ende!" sagte ich ein wenig boshaft, aber doch aus innerstem Herzen heraus, am letzten Sonntag beim Mittagskonzert im KönigS-Lust Garten zu einem mir bekannten Kohlenhändler, der gleich mir für Freikonzerte zu schwärmen schien. Aber ich war ganz erstarrt, als sich aus seiner breiten Männerbrust ein waschecht aufrichtiges Echo entrang: „Gott sei Dank! Ich habe ihn auch satt!" „Haben Sie ausverkauft?" fragte ich ungläubig. „Ach, Unsinn! • Alle drei sind sie noch auf Lager !" entgegnete er unwirsch. Ich hatte seine Kohlen gemeint; er aber redete von seinen flügge gewordenen Töchtern, die er auf Verfügung der Frau Mama, die wohl das häusliche Szepter schwingen mochte, auf die verschiedenen Baue der Saison geschleppt hatte, um dem tiefgefühlten Bedürfnis nach Schwiegersöhnen abzuhelfen. Wer will dergleichen Maßnahmen einer bang in die Zukunft lugenden Mama verdenken, zumal wenn sie aus dem Resultat der letzten Volkszählung das grausame Mißverhältnis zwischen Mann teilt und Weiblein in Deutschland kennt? Selbst wenn sie alle, alle heiraten, die sogenannten Herren der Schöpfung, muß immer noch über eine Million des schwachen, in Der Anzahl leider viel zu starken Geschlechts übrig bleiben. Und alle heiraten ja nicht, zumal diese mäkligen, blasierten Berliner, die erst bei Schimmelpfeng Erkundigungen eii^iehen, „ob auch was da ift"! Ohne Asche kein Feuer! Das ist die Devise der männlichen Jugend von heute! „Diese ver s......Bälle!" stöhnte der Aermste. „Die freffen einen
ganzen Winterverdienst auf! Ach, als wir noch m ^nurt wohnten!" Ich tröstete ihn mit dem Hinweis, daß in Grsurt wie tu Treuenbrietzen oder Kyritz erwachsene, noch unver-
Einer sich zurückzieht vom berufsfreudigen Treiben, um ein traulich beschauliches Dasein zu verträumen; wir glauben, lehren und bekennen: Alles ist Euer, Ihr aber eib Christi! Und wie hat sich dieser, unser Meister, tapfer bewährt! . Seiner Leidenszeit gedenken wir in diesen Wochen, aber so, wie es der Apostel Paulus uns rät, — als die Traurigen, aber allezeit fröhlich, — als die Sterbenden, und siehe, wir leben! Christi Kreuz! Eine wunderbare Zufluchtsstätte für jedes Menschenkind, das mitten im Sturme des Lebens nach heiliger Stille verlangt, — und sollten wir's leugnen, daß in der innersten Menschenbrust ein heißes Sehnen vorhanden ist, nach fröhlichem Gottesfrieden? Der verlorene Sohn, der arme, gebrochene Sünder, — wie drängt's ihn heimwärts zu einem allliebenden Vater! Da will die Pafsionszeit ihre, alte und doch ewig neue Hoffnung ausstrahlen lassen: Das Vaterhaus ist immer nah, wie wechselnd auch die. Lose, — es ist das Kreuz auf Golgatha, Heimat für Hei matlose....
fc. Frankfurt a. M., 7. März. Der hiesige Schauspielhaus-Neubau am Gallusthor ist im' Rohbau fast vollendet.
Frankfurt, 7. März. Im Freien deutschen Hochstifthielt Prof. Dr. Baldenfperger aus Gi e ß en seinen vierten Vortrag über die Encyelopädiften. Er beschäftigte sich im wesentlichen mit dem Werk derselben, der Eneyelopädie. Es ift allemal ein Ereignis, wenn ein neues Buch mit neuen Ideen erscheint, die Eneyelopädie aber verdient diesen Titel, denn sie ist nicht bloß ein Buch, sondern das Organ einer Partei, ja der zivilisierten Welt. Es gab schon vorher Eneyelopädieen, z. B. die englische Cyelopedia von Chambers, ferner in Frankreich das Dietionnaire historique et critique von Bayle. Aber alle diese und andere überragte weit das von Diderot und d'Alembert herausgegebene Werk: Eneyelopädie, ou Dietionnaire raisonne des seienees, des arts et des metiers. Mitarbeiter an diesem Werk waren u. a.: Voltaire für Litteratur, Rousseau für Musik und Politik, Buffon für Naturwissenschaft, Marmontel für Litterärgefchichte, Mallet für Theologie usw. Auch Deutsche, wie Grimm, Holbach, Engel, Sulzer waren daran beteiligt. Die Religion dieses Werkes bezeichnete Redner als eine irreligion religieüse, deren Hohepriester Diderot ist. Die berühmte Vorrede stammt von d'Alembert, sie giebt eine Uebersicht über die Gliederung und die verschiedenen Beziehungen der Gebiete des menschlichen Wissens. Das Werk enthält gute und minderwertige Artikel, interessant ist derjenige über die Musik zurzeit Berlioz, die Geschichte ist Fixion und Voraussetzung, konstruiert durch die Vernunft. Wir schütteln heute mit dem Kopfe, wenn wir jene Männer solche Luftschlösser bauen sehen. Trotzdem müssen wir sie hoch schätzen, denn es zeigt sich in ihnen ein starker Optimismus, eine gähnende Kraft, die sie ewig jung bleiben läßt.
Vermischter.
• Landsberg a. b. W., 6. Märr. Im hiesigen „General-Anzeiger- findet sich folgende köstliche Anzeige: „Ich erkläre hiermit, daß meine Aeußerungen über meine
lobte Mädel auch auf die Winterbälle geschuppt würden und das dort ebenso gut Kosten mache. Er lächelte ironisch und begann dann zu rechnen. „Nehmen Sie mal z. B. Ihren Presseball", sagte er, „den Haden wir natürlich nicht versäumen dürfen! Fünf Einlaßkarten: 50 Mark; zwei Droschken hin und zwei Nachtdroschken zurück 10 Mark; Garderobegeld, die Person 0.50 Mark, macht 2.50 Mark; Wein nicht unter 4 Mark die Flasche; denn Bier gab's erst in den Morgenstunden oben in den Zechwinveln; ein paar Brötchen, für die man bei Aschinger eine Mark bietzahlt: 5 Mark und so weiter, von den Vorbereitungen gar nicht zu reden! Denn zweimal dasselbe Kleid in einer'Saison? Wo denken Sie hin? Meine Mädel müßten sich ja tot schämen und die Alte mit! Lieber mittags daheim kein Kompott und abends keinen Aufschnitt! Das ist draußen in den kleinen Städten doch anders! Wenn man an einem solchen Abend die Toiletten sieht, wenn man mit seinem Unverstand, der immer zu niedrig taxiert ausrechnet, was die holde Weiblichkeit von Männern mit — aber auch solch/m ganz ohne „Arnheim" für Aufwand in Seide und Spitzen treibt — und das alles für höchstens zwei, drei solcher 9tächte, natürlich mit Aenderungen und in möglichst anderen Streifen! —, so wird einem das Herz schwer, so sehr man sich auch darüber gefreut hat, die Kinder in leidlich netten stoftümen mit dazwischen zu haben! Denn daß kann auf die Dauer kein vernünftiger Mensch aushalten, für Ballfahnen mehr auszugeben als für Wohnungsmiet/!"
Der gute Mann hat nur zu recht. Der Toiletten-Luxus nimmt trotz des guten Beispiels in der Einfachheit, das unsere Offiziersfrauen noch immer geben, in erschreckender Weise überhand. Die Damen der Hochfinanz und vor allem jene, die gern dazu gerechnet würden, entwickeln fabelhaste Fähigkeiten, die Mode zu variieren, und jene, die von ihr leben, nicht darben zu lassep. Wie viel heimliches Elend wird durch diese gleißenden Beispiele, diese ivanbehibeta Moden-Journale, in die Familien des Mittelstandes getragen, in jene Familien, die von dem Erttage der Arbeit des Gatten leben müssen, die sogar für die Heranwachsenden
mir mit einem anderen 'davongelaufene Fran hundsgemein, erstunken und erlogen waren. Ich bitte sie, z. mir zurück- mkommen, damit ich em braver Ehemann werden kann. Heinrich Meyer, Borschnitter. Auch k. n. 1 Pusch bei mir eintr., pro Mann 1 Ltr. Milch pro Tag extra; sowie 1 Paar Stiefel zu verkaufen, v. denen der linke fchlt, aber wie neu.- — Frau Meyer wird hoffentlich nicht grausam ein; denn wenn ihr Herr Gemahl schon die Stiefel verliert, ist es die höchste Zeit, daß er wieder unter bessere Auf- sicht kommt. Freilich, etwas unter den Pantoffel wird sie ihn wch nehmen müffen.
* Die gefälschte „Rieke". Eine merkwürdige, aber wahre Geschichte hat sich in Berlin zugetragen. Die Witwe R. suchte eine Aufwärterin. Noch am selben Tage stellte sich eine jugendliche Maid vor, die, obwohl sie sogenannte Titusftisur trug, wegen ihres angehcljmen Austretens angenommen wurde. Sie ließ sich „Rieke" rufen, machte alles, selbst die Wäsche, zur vollsten Zufriedenheit, und hatte nur den einen Fehler, daß fic mit Zimmerherren der Frau R. anbändelte. So ging das wahrere Wochen weiter, bis der eine Mieter vertraulich erklärte, daß er bestimmt glaube, überhaupt kein Mädchen vor sich zu haben. Ein Zufall kam der Erfüllung des Geheimnisses zu Hilfe. „Rieke", die nicht bei Frau R. schlief, erzählte nämlich, daß sie zum MaskenbaN gehen wolle, und war auf ausgesprochenen Wunsch bereit, sickr in ihrem Kostiim zu präsentieren. Als das in ziemlich Reicht geschürztem Kleide geichah, sagte man ihr auf den Kopf zu, daß sm gar kein Mädchen fei. So war es ui der That Der verkappte junge Mann that gar nicht beleidigt, gab lachend fein Geheimnis preis und meinte, daß er das-Experiment nur unternommen habe, weil er in feinem Berufe al® Maler absolut keine Arbeit finden konnte. Nattirlich wurde der talentvolle Jüngling in WeiberNeiderii sofort an die frische Luft gesetzt. Ob nicht in Wirklichkeit Diebstahl oder Unsittlichkeit beabsichtigt war, bleibe dahingestellt.
♦ Der schnellste Zug in Deutschland. Ins Verkehr zwischen Berlin und Hamburg soll der D-Zug 5, der jetzt Hamburg mittags 12,48 Uhr verläßt, zum 1. Mai beschleunigt werden. Nach dem jetzt vorliegenden Entwurf zum Sommerfahrplan soll die Fahrzeit de® Zuges um zehn Minuten verkürzt werden. (£$ dürfte der schnellste deutsche Zug überhaupt werden, frö tegt äic 285,9 Kilometer betragende Strecke Hamburg—Berlin in 3 Stunden 28 Minuten zurück. Er macht also ift der Stunde fast 8§ einhalb Kilometer.
* Duell. In Komeuburg bei Wien sand ein Pistolenduell zweier Mitglieder schlagender Wiener Studenten-Verbindungen und Reserve-Offiziere, Karl Oellacher und ftart Milde, wegen eines Streits auf einem Wiener Eislaufplatz statt. Die Forderung ging von dem 21 Jahre alten Studenten Oellacher aus, der Wien Schuß in den Unterleib erhielt und im Korneuburger, MilitärsPitaL starb. —
* Napoleon als Pantoffelheld^ Aen Stoff za einer ganzen Auswahl Komödienfzenen, die noch viel amüsanter wären als die in „Madame Sans-Gene" ode»
Kinder etwas zurücklegen wollen. Äch, ehe es unter ben Hausfrauen nicht Mode wird; die Mode nicht mehr mitzu- machen, wird's wohl nicht viel anders werden!
Herr Beumer, ber • natioiutlltberale Landtags-Ab- georbnete, ber unlängst bei der Beratung bes Kultus-Etat im preußischen Abgeordnetenhause gegen Korsett und Schulmappe in Den Mädchenschulen wetterte und dabei ber alten Erbfeindin unserer Lungen, der Schleppe, auc| wieder einmal Den Krieg erklärte, er wird es erfahren, daß er wie alle, die vor ihm in diesen Kampf eintraten, gegen Windmühlen rennt. Dabei war er so entgegenfoinmcn> und bescheiden wie nur möglich Für das Boudoir, den Salon, Den Ballsaal, will er sich die Zwei-Meter-Ungetüme gern gefallen lassen; nur von der Straße sollen sie verschwinden. Tenn die Großstadtluft ist ohne die auf- wKbelnde Thätigkeit der Kleidersäume schon voll genug von Bakterien, Miasmen, Streptokokken und wie das Teufelszeug all heißt! Unsere Krankenhäuser und Heilstätten wimmeln von Patienten, die sich ihre Tuberkulose zum Teil in dieser schändlichen Luft geholt haben. Die großen hygienischen Bestrebungen unserer Zett predigen seit Jahr- zehnten durch den Mund Vortragender und beratender Aerzte, durch die Artikel unserer Tageszeitungen und Wochenschriften von den schrecklichen Wirmngen des immer wieder aufgewirbelten Straßenstaubes, und hilsseifrige Leute gründen Gesellschaften zur Errichtung von Siraukenheime« in gesunder Walblust. Unsere Damen hören alle biefe Vorträge, sie lesen die belehrenden Arttkel und diskutiere« sie mich in ihren five o clock Thees, schon um zu zeigen, daß sie auch wissenschaftliches Interesse haben; sie werde« Mitglieder der Hilfsgesellschaften, fic verkaufen auf den betreffenden Wohlthätigkeits-Bazaren sogar Broschüren gege» das schreckliche Uebel: aber die Schleppe legen sie darum doch nicht eher ab, ehe des Teufels Großmutter meine die Mode — es einmal wieder dekretiert. i übrigens wo anders nicht anders nicht anders ßin. .$. •


