Jtx. 35 Zweites Blatt. Sonntag den 10. Feviuuc
151
. Jahrgang
1901
MeßmerAnzeiger
Heneral-Anzeiger
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Politische Tagesschau.
wurden
1901
Armband,
Aus-
Die Empfangsberechtigten der gefundenen Gegenstände belieben ihre Ansprüche alsbald bei uns geltend zu machen.
Gießens, den 9. Februar 1901.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Hechler.
den vom Abg. Rickert (Freis. Verein.) wegen der letzteren Wahrnehmung erhobenen Vorwurf der Verfasiungsverletzung. Er sei kein Antisemit. Selbst von dem verstorbenen Ober- andesgerichtSpi äsidenten Dr. Falk lägen Berichte vor, die in einzelnen Fällen die Anstellung jüdischer Beamten für nn« möglich erklären. Zum Komtzer Mord vei mochte der Minister z. Z. keine Aufklärung in sichere Aussicht zu stellen. Die Staatsanwaltschaft sei Unablässig bemüht, alle Spuren zu verfolgen. Die Bildung von privaten UntersuchungSkomitees inde er bedauerlich; es werde dadurch Mißtrauen gegen die Justizb-bördon Nwckwerufen.
Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
In der Zeit vom 2. bis 9. Februar in hiesiger Stadt
gefunden: 1 Spazierstock und 1 silbernes verloren: 1 silberne Kravattennadel.
zeichnung des Lord Roberts, der thatsächlrch Ritter desSchwarzen Adlerordens geworden ist, hingewiesen, sowie auf diejenigen an die Offiziere des britischen Regiments, das sich vor fünf Ighren aus Anlaß bea kaiserlichen Telegramms an Krüger grobe Taktlosigkeiten hat zu Schulden kommen lassen — verbieten der „Kreuzztg.", wie sie sagt, über Zuschriften mit Schweigen hinwegzugehen, in denen „schwere Sorgen" zum Ausdruck koniwen. Das deutsche Volk habe gerade in der Beurteilung kriegerischer Ereignisse Mitgefühl für diejenigen, die sich ihrer Freiheit wehren, namentlich, wenn sre einer erdrückenden Uebermacht gegenüberstehen; es könne sich nicht entschließen, auf die Seite der Unterdrücker dieser Freiheit zu treten, auch wenn sie im übrigen alle militärischen Tugenden zeigten. Aus diesen Gründen hält sich das Hauptorgan der konservativen Partei „für verpflichtet, zu reden, wenn zu befürchten ist, daß Monarch und Volk einander nicht verstehen". Soweit die „Kreuzztg.". Es läßt sich nicht leugnen, daß die kaiserlichen Aufmerksamkeiten England gegenüber sehr bemerkt worden sind, und nicht nur in Deutschland. Aber man muß den Anlaß der Anwesenheit des Kaisers bedenken. Was zu einem anderen Zeitpunkte als Handlungen von großer politischer Tragweite aufgefaßt werden könnte, erklärt sich hier vielleicht am einfachsten und ungezwungensten als impulsiver Ausdruck hochherzigen Empfindens mit der Trauer eines Volkes, das einen herben und tiefbeklagten Verlust erlitten hat. In dieser weichen und versöhnlichen Stimmung drängt es den Enkel der Königin Viktoria, Beweise seiner Sympathie zu geben und großmütig vergangene Kränkungen zu verzeihen und zu vergessen. Und ist es denn ganz unwahrscheinlich, daß, wenn jdiese Handlungen auch einen politischen Hintergrund haben sollten, der Kaiser seine einflußreiche Stimme zu Gunsten einer Beendigung des Südafrikanischen Krieges erhoben hat, und daß diese Vorschläge auf günstigen Boden gefallen sind? Eben jetzt trifft ein Telegramm aus London ein, wonach mit Zustimmung Chamberlains gewisse Friedensanträge gemacht werden sollen. Diesen Friedensanträgen würde die Abberufung Milners vorangehen. Wenn es dem Kaiser gelungen sein sollte, den Südafrikanischen Krieg aus der Welt schaffen zu helfen, so würde sicherlich die Öffentlichkeit dem Herrscher Dank dafür wissen und den Aufenthalt in England hoch bewerten. _______
Aus dem preußischen Abgeorduetenhause wird uns vom 8. ds. MtS. geschrieben:
Die Justizverwaltungen sahen sich hart bedrängt. Mußte gestern im Reichstag der Staatssekretär des Reichsjustizamts, Dr. Nieberding, einer überaus heftigen Kritik der äußersten Linken an der Rechtspflege standhalten, so wurde heute im preußischen Abgeordnetenhause beim Justizetat Justizminister S ch ö n st e b t in ein Kreuzfeuer von rechts und links genommen Die Rechte erhob den Dorwurf, daß die Untersuchung in Könitz nicht mit der nötigen Energie geführt worden sei. Die Linke tadelte die ungleiche Behandlung von jüdischen und christlichen Assessoren und Rechtsanwälten in Bezug auf die Beförderung. Mit Enerke verwahrte sich Schönstedt gegen
Aus Berlin, 8. Februar, wird uns geschrieben:
Zur Rückkehr Sr. Majestät des Kaisers": unter dieser Ueberschrift veröffentlicht heute abend die konservative „Kreuzztg." an leitender Stelle einen Artikel, der nick)t verfehlen wird, Aufsehen zu erregen, eben weil er von einer Seite kommt, die nur äußerst selten an die Handlungen des Herrschers den Maßstab der Kritik legt. Die „weitgehenden Aufmerksamkeiten, die unser Kaiserlicher Herr einzelnen Personen und Einrichtungen erwiesen hat", wählend seines Aufenthaltes in England, — es wird insbesondere auf die 77 "
Deutsches Reich.
Berlin, 8. Febr. Der Ka iser hörte heute vormit ^ in Homburg den Vortrag des Reichskanzl
Engländer und Buren.
Eine Depesche des Generals Kitch euer aus Pretoria vom 7. Februar besagt, De Wet befindet sich, wie gemeldet wird, noch nördlich von Smithfield und rüat in östlicher Richtung vor. Eine detachierte Truppenabteckung überschritt die Bahnlinie bei Pompey Siding und rutft gegen Philippolis vor. General Methuen meldet aus Lillifontein östlich von Vryburg, er habe den Feind Art auseinander getrieben upd 12 Wagen sowie 200 Stuck -mEh erbeutet. Tie Kolonne des Generals F r e n ch befindet sich in der Nähe von Ermelo. — Das englische Kriegsamt, das diese Depesche Kitcheners veröffentlicht, fugt Hinzu, daßi dw vor kurzem gebrachte Meldung, De Wet befinde sich nördlich von Thabanchu, einem Telegraphiefehler zuzuschreiben sei.
Eine Meldung des „Reuterschen Büreaus" aus Kapstadt bestätigt, daß dort zwei Fälle von Beulenpest vorgekommen sind, doch glaube man nicht, daß es sich um ein ernstes Auftreten der Seuche handelt.
Heber die englische Kriegsführung erzählte der jetzt erkrankte junge De Wet in Frankfurt folgendes:
Als Augenzeuge kann ich bestätigen, daß die Engländer die Besitzungen unserer Kommandanten noch gräßlicher verwüstet haben, als die der anderen Buren. Em englischer Offizier entriß einer Buren fr au das Bild ihres einzigen bei Ladysmith gefallenen vierzehnjährigen Sohnes unb wärfs in die Flammen, die das Haus der Mutter zerstörten. Vor Ladysmith wurde einem Buren, der sich schon ergeben hatte, von einem englischen Offizier die .*9 an fr abgehackt. Der Bruder des Buren schoß den England«^ nieder. Daraufhin ward er wegen „Hochverrats" füsiliert. Ein Brief des Pfarrers Broothuyzen aus Pretoria hegt hier vor mir: der dritte Teil aller Burenfrauen, so schreibt er, ist entehrt! (Heftige Pfuirufe, auch von weiblichen Stimmen.) Auf die bloße Beschuldigung von Kafsern hin haben die Engländer manchen unschuldigen Buren stanv- rechtlich erschossen. Aus den Farmen des Generals xe Wet hat man die Schutzdämme zerstört, unb die Frau des Generals wollte man durch Hunger zwingen, eine Ehrenerklärung für das Verhalten der englischen Soldaten zu geben. Das lehnte sie aber standhaft ab Wollen die Völker Europas diese Greuel länger dulden? ^ie Haager Friedenskonferenz verstehen wir Buren nicht ganz. War denn das Ganze nur ein Scherz, ein Zeitvertreib? Darf England jede einzelne Bestimmung dieser Konferenz übertreten. Giebt es da nicht eine Gelegenheit, uns zu Hfll« zu kommen? Die N o t der Buren ist trotz der augenblicklichen beffemr Nachrichten auf dem Höhepunkt. Sw haben aber beschlossen, auszuhalten und trotz ihrer Not zu kämpfen, so lange noch ein Mann im Felde steht.
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Telegramm deS Gieß-ner A«zeigerS.
L o n d o n , 9. Febr. Das Amtsblatt enthalt eine Kriegs- depcschc t>on Lord 9io6ertS Born 6. 5ebtuar 1 vembcr 1900. Eine derselben ^aSt. Sei [einer antun^r fanb er feinen organisierten Transportdienst vor. ^eme unb Kitcheners erste Sorge war, den Transpo^zug zu orga- niüprpti Buller telegraphierte am 6. Februar, bei ^or- inaricfi zum Entsätze Ladysmith's werde 3000 Mann erfordern. 5 Der Erfolg sei zweifelhaft. Roberts antwortete, ^adysmith müsse entsetzt werden, und koste es den angenommenen Preis. Buller telegraphierte am 9. Februar, die Operation [ei undurchführbar ohne Verstärkungen Be- züglich der Gefangennahme Delegierter englischer Truppenabteilungen sagt Buller: Die Möglichkeit solcher Unglucks- fälle war vorauszusehen, da vor der Einnahme Pretorias es unmöglich gewesen sei, die Bahnlinie nut ausreichende Streitkräften zu besetzen, ohne den Vormarsch des Haupttruppenkörpers zu schwächen. Eine andere Depesche besagt: So groß die verwendeten Streitkräfte gewesen waren, so waren sie doch zu schwach, für die von ihnen verlangte Aufgaben. Sie teilt Zahlen mit, wodurch die große Au^ bebnung des Operationsgebietes nachgewiesen wird, uno schreibt die Einbrüche der Buren, welche sich bereits geben hatten, hauptsächlich dem Mangel an Schutz durch englische Truppen und dem Drucke der Buren- kommandanten zu. __— —
Die große Kolonialbahn.
„Die wichtigste koloniale Verkehrsfrage, nämlich die der Verbindung Dar-es-Salaams mit den großen innerafrikanischen Seen, harrt noch der Lösung. Es ist deshalb mit besonderer Genugtuung zu begrüßen, daß die Regierung sich durch den vom Reichstag in seiner vorigen Session gefaßten ablehnenden Beschluß nicht hat abschrecken lassen, sondern die erste Rate zum Bau der ost afrikanisch en Zentralbahn in den Etat sür 1901 einstellt." So äußerte sich Herzo§Johann Albrecht von Mecklenburg in der Ansprache, mit der er bie Tagung des Vorstandes der Deutschen Kolonialgesellschaft am 1. Dezember v. I. eröffnete. Und ein führendes Preßorgan des Zentrums, der ausschlaggebenden Partei, schrieb dieser Tage: „Hoffentlich bereitet der Reichstag dem unglücklichen Projekt ein jähes Ende. Deutsches Geld Tann viel besser angewendet werden". Da nun der Reichstag, und nicht die Kolonialgesellschaft, über den Etat zu befinden hat, wird diese Verkehrsfrage wohl noch weiterhin der Lösung harren müssen.
Es läßt sich in herThat nicht leugnen, daß die Stimmung parlamentarischer Kreise dem Zentralbahnprojekt gegenüber heute jo wenig günstig ist, wie nur je. Und das selbst bei Abgeordneten, die keineswegs den Daumen auf den Beutel zu halten pflegen, wenn finanzielle Aufwendungen für die Kolonien zu leisten sind. Selten haben sich die Ansichten von Fachmännern so schroff gegenübergestanden, wie in dieser Frage. Leitende Kolonialbeamte, z. B. Gouverneur v. L i e b e r t, halten dafür, daß mit der Scen-Bahn die Zukunft Deutsch-Ostafrikas steht und fällt. Forschungsreisende von Ruf hingegen, denen man doch auch ein Urteil zutrauen darf, wie Professor Schweinfurth, Prof. Hans Meyer, Eugen Wolf, warnen dringend vor diesem nach ihrer Ueberzeugung unrentablen Unternehmen. Der Reichstag würde einen Sprung ins Dunkle thun.
Nun hat sich ja die Negierung bemüht, dieses Dunkel aufzuhellen. Sie sandte den Oberstleutnant Gerding vom Eisenbahnregiment nach Ostafrika zu eingehendem Studium über die allgemeinen Verkehrsverhältnisse. Der Bericht dieses Offiziers nebst einer vom Reichseisenbahnamt geprüften Berechnung des voraussichtlichen Ertrages der Bahn liegt dem Reichstag vor. Mer mit solchen Ertragsberechnungen ist es schon bei heimischen Verkehrsplanen ein eigen Sing. Das hat auch jüngst die Diskussion über die Rentabilität der Kanäle gezeigt. Um wieviel strittiger muß die Sache sein, wenn afrikanische Verhältnisse zu Grunde liegen. Nicht, daß es hier vollständig an E r fahr- ungen fehlte. Die Usambara-Eisenbahn bietet solche, aber Leider nur ungünstige. Denn bekanntlich mußte das Reich die Bahn ankaufen, um ihrem gänzlichen Versah vorzubeugen. Daß die „Reichs-Kaffeebahn" sich angemessen rentiert, dafür ist der Beweis noch immer zu erbringen. Das oben erwähnte führende Preßorgan des Zentrums verweist denn auch bereits die von Oberstleutnant Gerding angestellten E r t r a g s b e r e ch n u n g e n m das Gebiet der Phantasie. Das kennzeichnet zur Genüge die Stimmung des Zentrums. Es handelt sich am Ende auch nicht lediglich um die erste Baurate von zwei Millionen Mark, fondern der Reichstag legt sich eventuell auf das ProM überhaupt fest, dessen Kosten — für die Linie bis Mrogoro aus 15 Millionen veranschlagt sind. Er wurde durch Bewilligung der ersten Rate A sagen und bann auch B usw. sagen müssen. Wenn das „Reichsfaß" einmal angezapft, ist, der goldene Strom dahin — auf Nimmerwiedersehen, vi die kritische Zentrumsstimme meint. Und der Reichszuschuß für die Kolonien hält sich ohnedies hartnäckig auf der Hohe von 26 Millionen. . . . . , ..
Daß das Reich in die Lage versetzt wird, die bahn auf eigene Rechnung zu bauen, erscheint .ssU" vor ®er Hand ausgeschlossen. Es bleibt noch die Möglichkeit des Baues der Bahn durch Private unter Ernährung der Zinsgarantie seitens des Reichs. Aber selbst diefe Möglichkeit steht auf schwachen Füßen, da eben das Privatkapital, «uch in kolonialfreundlichen Kreisen, sich einstweilen sehr zurückhält.
N/W.


