Deutscher Reichstag.
Berlin, 8. Februar.
Die erste Beratung der Sch aumwein steuervor-- la g e wird mit einer kurzen Empfehlung durch den
Frhrn. v. Thielmann begonnen, der sie als die AussÄhrung der früheren Reichstagsresolution bezeichnet und die Befürchtung in Bez'ug auf Schädigung der deutschen Schaumweinfabrikation wegen der Verteuerung des Produktes für unberechtigt hält. Es wird wegen der Steuer nichtt eine Flasche Schaumwein weniger getrunken werden. In Deutschland ist es einmal so: wenn das Bedürfnis besteht, etwas drauf gehen zu lassen, dann wird Sekt getrunken. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Auch die Weinbauern brauchen sich keine grauen Haare wachsen zu lassen, und der Deklarationszwang wird nicht schädlich wirken. (Bravo rechts.) f
Abg. ;Sp e ck (Ztr.) -erklärt die Zustimmung seiner Partei zuin Gesetz. Die Interessen des kleinen Weinbauern werden nicht geschädigt, und die Schaumweinindustriellen seien durch den erhöhten Einfuhrzoll genügend geschützt worden. Der Redner wünscht die Verwendung anderer Stoffe als Wein, Kognac und Zucker bei der Fabrikation verboten zu haben, und empfiehlt das System der Steuermarken.
Abg. Wintermeyer (freis. Volksp.) erklärt sich für seine Person gegen die Schaumweinsteuer, die gerade die mittleren und kleineren Fabrikanten schädige und die von ihr verwandten kleinen deutschen Weine, sodaß auch die Winzer Schaden erleiden.
Abg. Dr. Paasche (nl.) erklärt sich für das Gesetz. Daß die Schaumweinproduzenten sich gegen die Steuer wehren, verdenke ich ihnen nicht, aber sie sollten nicht so unsinnige Broschüren verbreiten, wie die vorliegende: „Die Schaumweinsteuer eine Thorheit". Darin wird behauptet, daß der Schaumwein das Getränk des arbeitenden Mannes sei (Heiterkeit) und ein notwendiges Arzneimittel wäre. (
„ Abg. Sch leget (Soz.): Wir sind nach eingehender Prüfung aller Gründe dazu gelangt, die Vorlage abzulehnen. Derartige Steuern bringen immer einen Rückgang des Konsums mit sich. In Frankreich wurde z. B. 1873 die Tabaksteuer von 9 auf 11 Mark erhöht; der Konsum hat sich infolge dessen von 30 auf 27 Mill, ermäßigt. Als in Deutschland die Tabaksteuer eingeführt wurde, ging die Zahl der Personen, die in der Tabakbranche beschäftigt waren, um 9000 zurück. • Ein solcher ^Rückgang wird sich auch bemerkbar machen, wenn die Schaumweinsteuer zu stände kommt. Statt der 6 Millionen Liter, die die deutschen Schaumweinfabrikanten bisher in Deutschland kauften, werden sie in Zukunft nur 4 Millionen kaufen; ein solcher Ausfall muß auf dem Weinmarkt einen besonderen Preis- druck ausüben, und wenn es schon jetzt sehr viele Winzer aiebt, die ihren Wein nicht an den Mann bringen können, so wird diese Zahl durch die Steuer noch erhöht werden. Wo bleibt denn da das gute Herz der herrschenden Par- teien für die notleidende Landwirtschaft? (Sehr richtig! unks.) Wir haben in Württemberg Schaumwein aus geringen Sorten, der mit 50 Pfg. pro Flasche verkauft wird. Wenn auf diese Weine eine Steuer von 20 Pfg. gelegt wird, so ist der Rückgang des Konsums gegeben; diese billigen Champagner, namentlich auch den aus Früchten und Obst, trinkt man nicht auf Hoffesten und Hofbällen, der wird nicht in den Offizierkasinos verschänkt, der ist im wahren Sinne des Wortes ein Volksgetränk. (Heiterkeit rechts.) Es ist einfach Skandal, ihn mit einer so hohen Steuer zir belegen. (Lachen rechts.) Der Schaumwein wird auch vielfach bei schweren Krankheiten als Medizin zur Stärkung verordnet; soll der auch mit einer solchen Steuer belegt
werden? Ist das christlich von Ihnen? Wenn Sie christlich sein wollen, dann stimmet! Sie unserem Vorschläge einer allgemeinen Reichseinkommensteuer zu. (Sehr gut! bei den Soz.) Sie führen wohl das Christentum im Munde, aber Sie haben keine christlichen Gefühle im Herzen. (Sehr gut! links.)
Abg. Dr. P ach nicke (freis. Vg.) sieht im Schaumwein nur ein Luxusgetränk und glaubt nicht an eine Schädigung der Interessenten, wünscht aber weniger lästige Kontrollbestimmungen.
Abg. Schrempf (kons.): Wir stehen ebenfalls der Vorlage sympathisch gegenüber. Es sind uns die armen .Kranken, selbst die Wöchnerinnen vorgeführt worden, um die Schaumweinsteuer abzuwenden. Die Wöchnerin bekommt ihn, wenn er zur Stärkung unentbehrlich ist, sowieso auf Kosten der Krankenkasse.
Abg. Fitz (natl.) stimmt für die Vorlage, obwohl ihre Gefahren für die Produzenten nicht verkannt werden könnten. Tie Bestimmungen über den Deklarationszwang genügten nicht.
Abg. Baron v. Schmid (wild) bittet, die Vorlage abzulehnen, die in Lothringen viele Mißstimmung hervorgerufen habe.
Abg. Lucke (Bund d. Landw.) meint, die Steuer werde leicht zu ertragen sein. Die angebliche Belastung der kleinen Weinbauern sei nicht erwiesen.
Abg. Eickhoff (fr. Vp.): Da es uns nicht möglich war, die von uns beantragte progressive Reichs-Emkommen- steuer durchzusetzen, können wir uns jetzt nicht gegen eine Luxussteuer wenden, die Belästigungen Hervorrufen und nicht viel einbringen wird, aber doch nur leistungsfähige Schultern trifft. Die große Mehrheit meiner Freunde wird deshalb für die Vorlage stimmen, wenn die Kommissionsberatung ihre Härten beseitigt hat. Eine Kommission von 21 Mitgliedern scheint uns ausreichend. (Bravo! links.)
Abg. Ehrhardt (Soz.) hält das Gesetz für ein Verlegenheitsgesetz; man solle nicht nur Schaumweine, sondern auch Edelweine besteuern, aber man möge die Salzsteuer aufheben; dann wäre die sozialdemokratische Partei vielleicht für eine Schaumweinsteuer zu haben.
Hierauf wird die Vorlage an eine 28gliedrige Kommission überwiesen. Das Haus geht zur Beratung des Gesetzentwurfes, betreffend den Verkehr in Wein, weinhaltigen und weinähnlichen Getränken.
Abg. Schmidt-Elberfeld (fr. Vp.): Das Verbot des Kunstweins entspricht im allgemeinen den Wünschen der Interessenten, die Kellerkontrolle aber stößt auf Widerspruch. Die Kontrolle soll von der Polizei vorgenommen werden, wenn Verdachtsgründe vorliegen; sie wird also nicht durchs gängig, sondern nur in besonderem Fall nach dem Gutdünken der Polizei ausgeübt und diese hat es demnach in der Hand, eine Verfehmung der einzelnen Person herbei- ^uführen. (Sehr richtig! links.) Die Interessenten lehnen die Kellerkontrolle durch die Polizei ab als eine Beleidigung ihres Standes, als eine Hemmung des Verkehrs und als ersten Schritt zur Einführung einer Reichsweinsteuer. Immerhin hoffe ich, daß eine Kommissionsberatung die Grundlage schaffen wird zu einem brauchbaren Gesetz. (Bravo! links.)
Staatssekretär Graf Posadowskv erklärt diese Befürchtung für unbegründet und ebenso die Besorgnisse der Kellerkontrolle für übertrieben. Es sei nicht eine fortgesetzte buchmäßige Kontrolle mit Bestandaufnahme beabsichtigt, sondern nur eine Kontrolle im einzelnen Fall, die eintrete>n oll, wo dringende Anzeichen vorliegen, daß Kunstweine als Naturweine verkauft und in großem Umfange Weinsälsch- ungen getrieben werden.
Abg. Dr. Blanken Horn (natl.): Gegen die aus
ländischen Kunstweine können uns die Zölle schützen, nicht aber gegen Kunstweine, die in Luxemburg hergestellt werden. Sehr richtig!) Darum muß man jid) dieserhalb mit Luxemburg direkt in Verbindung setzen, um eine Verstän- drgung herbeizuführen. Beseitigt werden muß auch der Verschnitt von Rot- und Weiß-Weinen, wie mir ihn durch den italienischen Handelsvertrag bekommen haben. (Sehr gut.) Hoffentlich ist die Zeit dazu bald gekommen. An dem Gesetz ist also durchaus zu ändern und zu bessern. Ich beantrage, das Gesetz der vorher eingesetzten Kommission gleichfalls zu überweisen.
Abg. Baumann (Ztr.) spricht sich ähnlich aus und fordert den Deklarationszwang für Verschnittweine.
Die Weiterberatung wird auf morgen 1 Uhr vertagt.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 9. Februar 1901.
Gedenket der hungernden Vögel!
L.U. Von der Universität. Der Oberarzt an der psychia- Irischen Klinik der Landesuniversität, Dr. Dannemann, hielt heute vormittag zur Habilitation für das Fach der Psychiatrie eine öffentliche Borlesung über das Thema.: „Welche Gesichtspunkte hat der psychiatrische Gutachter bei Ehescheidungsklagen auf Grund des § 1569 des B. G.-B. zu berücksichtigen.
*• Die Einführung einer allgemeinen Milchverkaufsordnung, die für das ganze Großherzogtum gütig sein soll, wrrd, tote wir hören, behördlich geplant.
•• Theater-Verein. DaS Gastspiel von Frl. Hammer muß wegen Repenoir-Aenderung in Gera auf Donnerstag, den 14. d. M. verschoben werden.
-D- Von einem merkwürdigen Winter von 1833/34 berichtet eine alte Chronik folgendes: „In gedachtem Winter gab es fast gar keinen Schnee und bis zum Februar keinen Frost, viel Regen und um Neujahr furdjt* bare Stürme, sodaß in manchen Gegenden großes Unglück durch Ueberschwemmungen an Gebäuden entstand. Die Temperatur war so mild, daß imJanuar das Gras wuchs, die Stachelbeersträuche Laub trieben, Veilchen, Schneeglöckchen und andere Blumen hervorsproßten. AuH Hammelbach im Odenwalde meldet die Zeitung, daß daselbst im Januar Gras gemäht worden; in Büdingen wurde ein Sperlingsnest mit sechs Eiern, im Nassauischen ein Amselnest mit fünf Jungen und an einem anderen Orte das Nest eines Rotschwänzchens mit Jungen gefunden. — Die Tage des Februar waren hell und sonnig, die Nächte brachten etwas Frost. Gegen Ende Februar siel etwas Schnee, der aber schnell wieder abging. Anfangs März, wurde schon in H e r ch e n h a i n und H a r t m a n n s h a i n Hafer gesät. In der Mitte des März starke Nachtfröste.^ ' -h- Burkhards, 8. Febr. Bor einigen Tagen wurde hier ein Volksbildungsverein gegründet, der bi$ jetzt 20 Mitglieder zählt. Nach den Vereinssatzungen sollen in einem geeigneten Lokale des „Gemeindewirtshauses" Zeitschriften aufgelegt, und Bücher erzählenden und belehrenden Inhalts ausgeliehen werden. Jedes Mitglied hat 50 Pfennig Jahresbeitrag zu zahlen. Wöchentlich sind zwei Versammlungsabende anberaumt. Die Präsidentschaft hat Lehrer Mohr hier übernommen. In dem Plan unseres Schulhausneubaues ist nunmehr eine Aenderung eingetreten. Infolge Bevölkerungsabnahme wird vorerst nur ein geräumiger Schulsaal eingerichtet. — Durch Anlage
Hießener Stadttheater.
Die KarlSschüler.
Schauspiel in 5 Akten von Heinrich Laube.
An deS alten Frankfurter Achtundvierzigers Wilhelm Jordan 82. Geburtstage brachte unser Stadttheater das Werk eines anderen Achtundvierzigers, Heinrich Laube, zur Aufführung. Anno 1848 dichtete Jordan feine tiefsinnige Faustiade „DemiurgoS", Laube hatte damals gerade seine „KarlSschüler" vollendet. Obwohl er sich darin eine erkleckliche Anzahl zündender Schlagworte gestattete, mit denen die liberale Litteratur der vormärzlichen Zeit ein Schnippchen schlug, wurde er, ein liberales Mitglied des Frankfurter Parlaments, aufgefordert, eine Aufführung der „KarlSschüler" im Wiener k. k. Hofburg-Theater selbst zu inszenieren. Er folgte dem ehrenvollen Rufe, und seine feste und kundige Leitung sagte den Schauspielern zu. Den leitenden Kreisen in Wien aber imponierte es, daß der wegen seines politischen Standpunktes als höchst zweifelhaft geltende Autor dem tumultuarischen Verlangen des Wiener Publikums, wider die Burgtheatersitte den Darsteller des Schiller vor dem Borhange zu sehen, energisch und erfolgreich widerstanden hatte. Alles fühlte, das war ein Mann, den man brauchen konnte, und „kurz, Sie sollen Direktor des Hofburgtheaters werden", teilte ihm alsbald Graf Dietrichstein mit. Laube mag damals darüber so überrascht gewesen fein, wie der als hochmodern verschrieene Paul Schlenther, der Feuilleton- Redakteur der freisinnigen „Boss. Ztg." in Berlin, als diesem vor emtgen Jahren das gleiche Amt angeboten wurde. Und rote jüngft ber freisinnige Ostpreuße Schlenther, wurde da- mals bet liberale Schlesier Laube Direktor der Wiener Hof- vurg. Wie Saul war et ausgezogen, seines Vaters Esel zu suchen und sand eint Stone. Sein ParlameniSkollege aber, ber liberale Ostpreuße Wilhelm Jorban, bemühte sich wenige Wffttn Cr verblich um den Frankfurter Intendanten
Laube'S „KarlSschüler" schildern dramatisch packend Schillers junge Leiden. «S ist leicht, über diesem populärsten Werke des thatkräftigen Bühnenleiters Laube den Stab zu brechen. Gewiß, es gehört zu den Litteraturdramen, die, wie Gutzkows „Königsleutnant", baß Urteil ber Litteraturgeschichte vorwegnehmen und mit dazu beitragen, falsche Vorstellungen über Persönlichkeiten von Weltruhm hervorzurufen. Bei Laube ist Schiller nicht viel andere« als ein an sich selbst zweifelnder und verzweifelnder unkluger junger Phrasenheld,
den die Einbildung, ein vorlauter Backfisch liebe ihn nicht, um den Glauben an seinen Dichterberuf bringt, und ber, ein Dreiundzwanzigjähtiger, einem Fürsten ein Privatissimum über Freiheit und Menschenrechte giebt. Das Stück hat zweifellos Schwächen, die groß genug sind, um es in die Tiefe der Theaterbibliotheken zu versenken. Aber es hat auch seine unverkennbaren Vorzüge. Laube zeigt sich hier als Techniker von seiner allerbesten Seite. „Die KarlS- schüler" sind bühnenwirksam wie wenige Stücke ähnlichen Genre« und erheben sich stellenweise fast zu dem Schwünge Schiller'schen Feuergeistes, zumal im 4. Akt, der stet« von ernster und kräftiger Wirkung sein wird. Dabei zeichnet sich das Stück durch große Lebendigkeit und geschickte Gruppierung aus und die übergrellen Kontraste schaffen ununterbrochene dramatische Spannung.
Als Laube die Direktion der Hofburg übernahm, waren dort wohl glänzende Kräfte vorhanden, aber siewaren so bejahrt, daß ber jüngste der „KarlSschüler" ein halbe« Jahrhundert hinter sich hatte. Da« war vor ein paar Jahren in Wien nicht anders, und ebenso beim königl. Schauspielhause in Berlin. Da« hat vieles gegen sich, aber auch manches für sich, ebenso wie das strikte Gegenteil bei uns.
Den edlen Dichterjüngling stellte bei uns Herr di Bal- thyni bar. Es gehört nicht nur ein besonders guter, sondern auch ein starker Wille und ein besonderes Können dazu, au« dieser Figur Laubes einen lebendigen Menschen zu machen, die völlig heterogenen Züge, die der Autor dem Helden ge liehen hat, zu einem einheitlichen Bilde zu gestalten. In jeder Situation ist dieser junge Poet anders: der Laura gegenüber Liebhaber, vor dem Herzog ein Marquis Posa und bei den Genoffen geht er in seinem Anarchisten Karl Moor auf. Herr B. suchte diese Wesensverschiedenheit durch ein sich gleichbleibendes feuriges Jugendtemperament und durch gleichmäßige Pathetik zu verdecken, und das gelang ihm auch zur vollen Zufriedenheit des Publikums. Es ist zuzugeben, daß er seine Einheitlichkeit nicht vermissen ließ und daß er in jeder Situation wirksam war, wenn er uns auch nicht Seelenregungen der verschiedensten Art individuell enthüllte. Wo die Flammen der Dichterseele in Begeisterung oder Zorn aufloderten, riß er die dankbaren Zuschauer mit sich fort. Der Ausbruch des Konflikts zwischen Fürst und Dichter brachte ihm außergewöhnlich starken Beifall. Jedenfalls hat Herr B. ungewöhnlichen Fleiß auf diese Rolle verwendet. Er meinte es ernst mit der Lösung seiner Aufgabe, das war für mich das Erfreuliche. Ich will daher davon abstehen, um Einzelheiten mit ihm zu rechten, und nur die Ansicht
äußern, daß es für Herrn B. von besonderem Vorteil wäre, . wenn er bei ähnlichen Aufgaben seinen wild dahinbrausenden, oft da« wesentliche Wort zu Gunsten des unwesentlichen fort- spülenden Redestrom um ein Geringes eindämmen wollte. Der lebhafte Beifall aber, der ihm zu teil ward, war ehrlich verdient.
Herr Ramsey er bot in dem Herzog eine Figur, die viel Aehnlichkeit hatte mit seinem alten Dessauer in Niemanns „Wie die Alten fungen". Es war durchaus richtig, daß er von vornherein einen barschen, despotischen Ton an« schlug, und er entsprach in der allgemeinen Charakterisierung vollkommen der Absicht des Autors. Es ist das Gute bei Herrn R., daß er niemals dem bösen Geist De- clamatorius verfällt. In ber großen Szene mit Franziska aber vermißte man mimisch seine innere Anteilnahme. Frl. Schölermann zeigte im 4. Akte Gefühl, Aufrichtig, feit und Natürlichkeit, ließ es aber, wohl zum ersten male, an der bei ihr sonst so selbstverständlichen und immer dankbar anerkannten Sicherheit fehlen. Frau Ernst war eine resolute Generalin Rieger. Als Hauptmann von Silberkalb zeigte Herr Liebscher genügende hofmännische Diskretion, und wenn er noch eine kleine und feine Dosis Komik hätte beimischen wollen, so wäre feine Leistung unantastbar gewesen. Die Rolle des bibelfesten Schergen Rieger hatte Herr Helm übernommen. Einen Menschen von Fleisch und Blut au« einer Holzpuppe, wie sie der Autor geschnitzt hat, zu machen, ist ein schweres Stück Arbeit. Aber Herr H. brachte doch feine Bibelsprüche ganz wirksam hervor. Aus dem Sergeanten Bleistift wird sonst wohl zumeist eine schwäbische Dialektrolle gemacht. Herr Kirchner hätte ihr wohl etwas Humor geben können. Frl. von ßinbenau sprach die Laura nicht schlecht, aber ein Tröpflein Innerlichkeit hätte not gethan. Herr Marlitz gewinnt mit der Zeit mehr Ruhe und Sicherheit.
Die Regie hatte dem Stück eine kostümell dem Zeitalter entsprechende geschmackvolle Ausstattung gegeben. Vielleicht hätte das vom Herzog gestörte Gelage im zweiten Akt mit noch kräftigerer dramatischer Steigerung herausgearbeitet werden können. Und für etwaige Wiederholungen möchte ich zugunsten de« Andenkens Laube« einen Strich empfehlen, nämlich durch da« wenig geschmackvolle ironische Wort über den Kammerherrn v. Silberkalb: „Er hat sich die Mühe genommen, geboren zu werden". Laube nahm „gute" Einfälle oft auch von andern und gab ihnen kaum eine neue Prägung. Beaumarchais' „Figaro" spottet über den Grafen: „Er hat sich die Mühe genommen, auf die Welt zu kommen". P. W.


