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10.2.1901 Drittes Blatt
 
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Nr 35 Drittes Blatt.

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151. Jahrgang^^lSOl

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Eingemeindungen.

Die Eingemeindung von Vororten hat bisher zumeist in Großstädten höhere praktische Bedeutung gewonnen. Die großen Zentren moderner Verkehrsthätigkeit haben das Be­streben, die eigenen Grenzen mehr und mehr zu erweitern. Schon die einheitliche Gestaltung der inneren Verwaltung rrno das Einbeziehen der entfernter liegenden Stadtteile in den Verkehr, die Durchführung gesundheitlicher und anderer gemeinnütziger Ideen auf breitere Grundlage unter Leitung einer Zentralstelle find hier in der Regel eine ausreichende Begründung für die Eingemeindung. Die Stadt und die ihr zunächst liegenden Dörfer wachsen allmählich an der Peripherie zusammen, so daß der Ortsunkundige höchstens an der schlechteren Straßenpflege, der anderen Bauart der Häuser re. merken kann, wo die Stadt aufhört und der Vorort beginnt. Man vergegenwärtige sich nun die Wirkung der autonomen Vorortsverwaltung auf das Schul- »vefen, die Armenpflege re. Ohne Rücksicht auf die Lage der Arbeitsstelle der Arbeiter müssen die Schulen für deren Binder am Wohnort hergestellt werden, die Sch ul lasten können den vorzugsweise von kinderreichen Arbeitern be­wohnten Vorort fast erdrücken, während der an der ent­gegengesetzten Seite der Stadt gelegene Villenvorort der linderarmen Wohlhabenden sie fast nicht empfindet. In Bezug auf die Armen pflege können die Folgen für die Bewohnerschaft der ärmeren autonomen Vororte nicht minder hart, aber geradezu verhängnisvoll können sie für den Einzelnen werden. Ein Arbeiter, der innerhalb des großen Wirtschaftsgebietes der Stadt mit ihrer Umgebung seine Arbeitsstelle wechselt und infolgedessen feine Wohnung vielleicht aus der Stadt in einen Vorort verlegen (muß, dann nach vielleicht anderthalb Jahren wieder veranlaßt wird, in einen anderen Vorort zu ziehen, kann jeden Unter- stützun gsw ohn s itz verlieren und ohne auch nur einen Schatten von Vagabondagelandarm" werden; etwas recht Schlimmes für ihn und seine Familie.

Trotz alledem wird der Widerstand gegen eine Ein­gemeindung häufig mehr auf Seiten der Vororte liegen. Die letzteren kennen eine ganze Reihe von Ausgabeposten, die in einem Großstadtbudget unentbehrlich sind, nicht. So kommt es, daß die Vororte öfters geringere Kommunal- abgaben haben, als die großen Gemeinden. Auch! ist nicht Ku verkennen, daß die Eingemeindungen für die Bewohner der Vororte vielfach eine Steigerung der Mietpreise im Gefolge haben, was ja allerdings den Hausbesitzern unter ihnen recht willkommen ist.

Seit dem großen Aufblühen der Industrie und der Verbreitung derselben über kleinere Städte hat die Ein­gemeindungsfrage auch für diese und ihre Vororte Be­deutung erlangt, allerdings in anderer Weise, als wir eben bei den Großstädten gesehen hatten. Man wird überall wahrnehmen können, daß mit der geringeren Bevölkeruugs- zahl die Aufgaben der Gemeinden immer realer, nüchterner aufgefaßt werden. Der Magistrat einer Großstadt kann gar nicht umhin, den Bestrebungen rein ideeller Art ebenso

seine- Aufmerksamkeit zu schenken wie den Anforderungen des Tages. Er muß heutzutage der öffentlichen Denkmal pflege, dem lauten Rufen nach Volksbildung und Gemeinde­hygiene ebenso genügen wie dem Verlangen nad) guter Ver waltung oder Heller Straßenbeleuchtung. Der Gemeinderat eines Dorfes hingegen glaubt seine Aufgabe trefflich zu erfüllen, wenn er dafür sorgt, daß in den Nächten, für die der Kalender feinen Mondschein vorschreibt, hie und da eine Oellampe brennt. Das geringe Interesse und die ge ringen Mittel drücken eben hier das Aufgabenniveau. Es ist jomit leicht erklärlich, daß für die Frage der Eingemein­dung in kleineren Städten auch nicht die großen, allge­meinen sozialen Aufgaben maßgebend sind, sondern realere, nüchterne Thatsachen, hinter denen freilich zum großen Teile auch höhere Vorteile für die Zukunft verborgen liegen.

Wir wollen einen praktischen Fall annehmen. In einer Stadt von etwa 25 000 Einwohnern, in bet auch) reges gewerbliches Leben sich entfaltet, befindet sich ein großes Industrieunternehmen. Die Fabrik hat Weltruf und be schäftigt mehrere hundert Arbeiter. Die letzteren haben es aber infolge der hohen Mietpreise in der Stadt weist vorgezogen, ihre Wohnungen in einen kleineren Vorort, der etwa 4000 Einwohner zählt, zu verlegen. Demzufolge ist derselbe in feiner Bevölkerungsziffer noch! mehr ge­wachsen, als die größere Stadt, bie in den letzten fünf Jahren eine Zunahme von 33 pCt. zu verzeichnen hat. Mit dem Wachstum der Gemeinde sind aber auch die Gemeinde lasten des Vorortes wesentlich gestiegen, so daß die letz­teren, die nur zum Notwendigsten benutzt werden, höher sind als in der naheliegenden Stadt. Diese letztere hat aber vor dem kleinen Vorort den gewaltigen Vorteil, daß sie die alleinige Empfängerin der Steuern ist, die das Industrieunternehmen abführt; der große Vorteil dessen, was die Arbeiter also schaffen, fließt allein der Stadt zu. i Außerdem sind nicht nur die Arbeiter, sondern ein großer Teil der bessergestellten Einwohnerschaft des Vororts gute Kunden der städtischen Geschäfte. Die Stadt jedoch sträubt sich, für das Dorf irgend etwas zu thun. Nun hat der kleine Vorort beantragt, in die Stadt eingemeinbet zu werden. Diefe Forderung der kleinen Gemeinde ist aber von der größeren Nachbarin abgelehnt worden, offenbar, weil man sich des gegenwärtigen Vorteils wohlbewußt ist. Um nun der städtischen Gemeindeverwaltung die That- sache der wirtschaftlichen Verschmelzung beider Gemeinden zu Gemüte zu führen, denken die Vorortbewohner an eine Boykottierung der städtischen -Geschäfte. Nun beginnt ein Wimmern der großen und kleinen Ladenbesitzer und sonstigen Geschäftsleute, die sich hoffentlich nicht der Einsicht länger verschließen werden, daß Verwaltungsgrenzen unter Um­ständen ebenso thöricht werden können, wie innere Zoll­grenzen. * , ..

Dieser Fall lehrt, daß die Eingemerndung auch in kleineren Städten eine wichtige Rolle spielen kann. Nicht nur die rein steuerpolitische Gerechtigkeit würde übrigens einer Eingemeindung das Wort reden. Außer dieser realen Begründung lassen sich auch Gründe höherer Natur finden.

Jede Stadt, zumal die, in der in Zeiten wirtschastlick)en Aufsteiaens sich eine Industrie bildet, hat doch wohl ein bleibendes Interesse daran, daß die von ihr beschäftigte Bevölkerung möglichst gut untergebracht ist. Das verlangt schon die erwünschte Leistungsfähigkeit derselben. Sie müßte es daher mit Freuden begrüßen, wenn sie Gelegenheit findet, ihre wohnungspolitische und sonstige Thätigkeit auch auf die Vororte mit auszudehnen. Weiterhin würde die Ein gemeindung bis zu einem gewissen Grade die Entwickelung beeinflussen können, die darauf hinausläuft, um eine Stadt herum Arbeiterdörfer zu etablieren, die infolge der geringen Steuerleistungsfähigkeit der Bewohner gewöhnlich in mehr als einer Beziehung verkrüppelte Gemeinwesen sind. Außer­dem wird die Stadt doch einmal gezwungen fein, den Vor­ort, der int Laufe der Zeit in sie hineinwachsen m u ß, schließlich doch einzugemeinden, und dann ist ihre Auf­gabe, vergangene Unterlassungssünden wieder gut zu machen, doppelt schwer. Ebenso liegt es ja auf der Hand, daß eine Verwaltung auf dem gleichen Terrain billiger ist, als zwei Ortsverwaltungen, ein Gesichtspunkt, der gerade bei kleinen Kommunalverbänden mehr ins Gewicht fällt, als bei Hun derttausendstädten. ,

Die Eingemeindungsfrage verdient also auch in kleineren Städten vollste Aufmerksamkeit Man schiebe, wo die Ein verleibung der Vororte Berechtigung hat, diese nicht hinaus, denn zu umgehen ist sie nach menschlichem Ermessen nichl.

Vermischtes.

* Stettin, 4. Febr. Eine Reihe geradezu entsetz licherMordthaten, von einer M u 11 e r an den eigenen Kindern ausgeführt, ist auf dem Gute Schwankshageu bei Wollin entdeckt worden. Dort ist eine geschiedene Frau S. seit Jahren als Wirtschafterin besänftigt und erfreute sich bei der Herrschaft wie bei dem Gesinde allgemeiner Achtung. Vor kurzem glaubten einige Bewohner annehmen zu müssen, daß die S. einem Kinde das Leben geschenkt habe. Gerüchte hatten die Einleitung einer Untersuchung zur Folge. Zur weiteren Ermittelung wurde Landgerichtsral Pauli von hier nach dem Gut gesandt. Er kam bei feiner Untersuchung in eine Kammer, die, wie ihm die Haus­genossen sagten, von der S. stets verschlossen gehalten wurde. Nach Deffnung der Kammer fand er in einem alten Tuche sechs Kinderleicheu, die vollständig ausgetrocknet und je einzeln in ein Hemd gewickelt waren. Tie weitere Unter­suchung der Leichen ergab, daß die Kinder sofort nach der Geburt gewaltsam getötet und zunächst in der Räucherkammer ausgedörrt waren, um der Ver­wesung vorzubeugen. Anfangs leugnete die S., gestand aber bann dem Untersuchungsrichter ein, daß sie selbst die Kinder, die sie im Laufe der letzten zehn Jahre geboren, getötet und die Leichen gedörrt habe. Die unnatürliche Mutter wurde in das hiesige Gefängnis eingeliefert.

*Zur Reform der Fr a u e n f le ib u n g. Im Hör saal des Museums für Völkerkunde in Berlin hielt Paul Schultze-Naumburg einen Vortrag über die Reform der

Kerliner Kries.

(Plaudereien aus der Kaiserfiadt.)

(Nachdruck verboten.)

Neue Stadtteile. Die ersten Geschäfte darin. Das Ende vom Liede. Tyrol an der Spree.

An der Peripherie Großberlins ist ein ewiges Bauen. Endlose Wagenzüae bringen die zum Teil sehr mangelhaften märkischen Ziegelsteine heran; das Gehämmer der Bauleute mischt sich mit den Zurufen der Steinträger und Fuhrl^ite, und eine zusammengeworfene Batterie leerer Bierflalchen, die jetzt glücklich bis auf drei Zehntel Liter Inhalt herunter- aekommen sind, giebt Kunde davon, daß die Arbeit xurft macht. Wie die bekanntenPilze" im Herbstregen schießen die großen Mietkasernen aus der Erde, und der Spazier­gänger, der noch vor ein paar Monaten seinen Weg zu einem einsamen Wirtshaus über mageres Feld nehmen mußte, steht heute an derselben Stelle in einem halbserngen Straßengewirr, in dem ein scharfer Kalkdunst harmonisch mit dem aufgeweichten Untergrund zusammenwirtt, um den in Berlin nicht gerade glänzend gestellten Jüngern Aeskulaps die Praxis etwas lebhafter zu gestalten. So nähern sich Schöneberg, das bekanntlich mit Berlin vollständig verwachsen ist, und in einzelnen Straßen sich dabei auch mit Charlottenburg berührt, und Frie­denau immer mehr; so erweitert sich Wilmersdorf zu einem richtigen Riesendorf, so wachsen Rix darf T e m v e 1 h o f und wie die Vororte alle heißen. Zwilchen fßeftenb und Grünewald entsteht eine neue Vulen- Tolonic. Von Treptow plant man etwas ähnliches: wie ein ungeheurer Polyp streckt das einstige Fischerdorf seine mächtigen Arme aus und verschlingt, was vor wenigen Jahrzehnten noch in ländlicher Abgei Unebenheit sich glück­lich schätzte, nichts von dem Hasten und Lärmen der fieber­

haften Großstadt zu sehen und zu hören. Natürlich finden sich überall Trocken-Wohner; die Lust an der Veränderung, die den Mieter beseelt, die innige Freude der Hauswirte am Steigern, besorgen das schon. Erstaunlicher berührt das Auftauchen von allen möglichen neuen Geschäften in diesen kaum halbbevölkerten Stadtteilen.

Tausende von unerfahrenen Menschen setzen hierbei ihre mühsam ersparten ober ererbten Groschen zu, in allzu großer Vertrauensseligkeit den Werbungen geschäftsge­wandter Reisender mit weitem Gewissen Gehör schenkend, denen es immer nur darum zu thun ist, bei einer neuen Geschäftseinrichtung umfangreiche Aufträge für ihrHaus" einzuheimsen. Eine wahre Gimpelfalle bilden vor allem die kleinen Cigarrengeschäfte, die in diesen neuen Stadtteilen überall aufgemacht werden. Leute, die vom Tabak und seinen Qualitäten rc. keine blasse Idee, aber ein paar hundert Thaler auf der Sparkasse haben, fühlen plötz­lich den Drang in sich, Geschäftsinhaber zu werden; die bescheidene, aber sichere Stellung in einer Fabrik ober einem Großbetriebe wirb womöglich aufgegeben, ein Laden ist im Handumdrehen gemietet, Cigarren, Tabak, Pfeifenspitzen, alles, alles kommt wie von selbst in die noch vom Mörtel feuchten Wände und die Freude kann beginnen. Ge­wöhnlich freilich ist es das Elend, das nun seinen Anfang nimmt. Die Thürklingel ertönt verzweifelt selten; ein paar Bauarbeiter, ein paar Straßenbahner kommen und decken ihren billigen Bedarf, sonst kaum noch jemand. Die Kisten mit den -besseren" Sorten bleiben uneröffnet und ver­derben in der schlechten Luft, wenn etwas daran zu ver­derben ist, die Cigaretten werden unansehnlich, der Tabak feucht. Aber der Tag der Mietezahlung rückt immer näher, die Gasrechnung ftellt sich mit verzweifelter Pünktlichkeit ein, und die Post verlangt ihre Telephon-Gebühren; auch Waaren-Rechnungen sind noch zu begleichen: wer hätte das gedacht? Der Mann hat längst wieder eine Stellung gesucht, die meist natürlich schlechter ist als die leichtsinnig aufge­

gebene, und die Hausfrau besorgtdas Geschäft", bis eines Tages der unerbittliche Gerichtsvollzieher auf dem Plan erscheint und die kurze Scheinherrlichkeit samt der früher schuldenfrei gewesenen Wohnungseinrichtung versiegelt. Das ist das Ende vom Liede, wie man's tagtäglich beobachten kann, und doch wiederholt sich das trifte Trauerspiel immer wieder von neuem. Die Provinz liefert dazu nicht wenige Opfer. Tie Annoneen zur Aufforderung, sein Geld in einem solchen,mit reichlichem Nutzen" arbeitenden Geschäft anzu­legen, klingen gar zu verlockend:Großes Lager und Kapital unnötig",Nicht branchekundigen wird in jeder Weise bei- gestanden" und wie die süßen Versprechungen sonst noch lauten Man kann nur warnen und wehren! Wer nichts von einer Branche versteht, kann selbst im kleinsten, be­scheidensten Orte darin nicht mit Erfolg arbeiten, chieviel weniger in dem großen Berlin, dessen Cigarrenhandel von etlichen Riesensirmen, wieLoser und Wolf", Mar- tienzen rc. beinahe monopolisiert ist. Also Hand davon!

Es ist die Zeit des Berliner Karnevals, der sich diesmal in einer Hochflut von Tyroler Festen äußert. Alles marschiert abends in Kniehosen und mit der Feder am Hut, bald bei den Schlaraffen, bald bei frroll, bis herunter zu den kleinsten Kränzchen. Da sind sie alle vertreten, die säubern Tiandl's: Tolzer und Dachauer, Miesbacher und Berchtesgadener, Bozener und Terlaner bis ins Welsche hinein. Gewälscht wird denn auch haarsträubend. Es ist eine entzückende Sprache, dieses Berliner Oberbayrisch und Tyrol'sch. Köstlich ist das Erlebnis eines wirklichen und waschechten Zillerthalers, der in einem solchen Verein für Vorträge engagiert war. Mit Gönnermiene erklärte ihm in einer Pause ein vielgereisterSolontyroler": Sehr nett haben Sie gesungen, junger Mann! Aber in Tyrol hcnte Sie feen Mensch verstanden! Glooben Sie mir das! Jky bin dreimal dort gewesen und jedesmal vier