151> Jahrgang
1901
Donnerstag den 10 Januar
Nr 8
Aintr- und Zlnzsigeblntt für den Nreis Gieren.
KeS>",
Vereine
Alle Anzeigen-Vermittlungsstellen des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pf., auswärts 20 Pf.
Bezugspreis vierlcljährl. Mr. 2.20 monatlich 75 Pjg. mit örtngcrlobn; durch die Abholcstellen vierteljährl. Ml. 1.90 monatlich 65 Pfg.
Bei Postbezug Mk. 2.— vierteljährl. ohne Bestellgeld.
Annahme von Anzeigen zu der nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher.
Redaktion, Expedition und Druckerei:
Schulstrahe Nr. 7.
Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Blätter für hessische UolKsKnnde. ________
gemeinden unter sich wieder große Verschiedenheiten auf. Für den Nationalökonomen ist es längst kein Geheimnis mehr, daß die reicheren Leute mit weniger Kindern „gesegnet" find als die ärmeren, ärmere Gemeinden darum eine größere Schülerzahl zu verzeichnen haben als reichere. Vor uns liegt zufällig ein Verzeichnis der Kommunalsteuerkapitalien eines Kreises Oberhessens. Wir sehen da eine Gemeinde mit einem Steuerkapital von 16269,1 Mk., in der drei Lehrer wirken. Die Gemeinde hat nach der neuesten Zählung rund 800 Seelen und zählt zu drn ärmsten des Kreises. Eine andere reiche Gemeinde mit fast gleicher Seelenzahl hat ein Steuerkapital von 35418,3 Mk. und zwei Lehrer, eine dritte mit rund 500 Einwohnern 18009,7 Mk. Steuerkapital und nur einen Lehrer. Diese letztere Gemeinde hat dem nach nur f/3 der Aufwendungen für Schulbedürfnisie von dem, was die erstere, um nahezu 2000 Mk. ärmere Gemeinde bedarf, die wiederum i/3 mehr braucht, als die fast noch einmal so reiche zweite Gemeinde. Das sind schreiende Miß Verhältnisse. Der sozial Gerichtete wird für eine Verschiebung der Lasten eiutreten müssen. Aber noch ein anderer gewichtiger Grund spricht dafür, der in der Debatte nicht be ' rührt wurde. Daß die Gemeinden von Anfang an sämtliche Schullasten trugen, liegt in der ganzen Entwickelung des Schulwesens, und für eine Aenderung spricht der Politische Fortschritt, den daS Deutsche Reich genommen hat. Die Volksschulen find hervorgegangen aus den Kirchenverbänden. Die in bei Schule genoffene Bildung kam, da die Leute meist seßhaft waren, wiederum der Gemeinde zu gut. Die Freizügigkeit hat ein großes Fluktuieren in der Bevölkerung her- vorgerufen und die Entvölkerung des platten Landes nimmt immer größere Ausdehnung. Dadurch neigt fich zugleich raS Interesse an der Bildung des Volkes mehr dem Staate zu, dem es nicht mehr gleichgiltig sein kann, welchen Bildungs nand die Bevölkerung hat. Dazu kommt die allgemerne W hrpflicht. Wir erblicken hiermit Umstände, die für den erwähnten Antrag sprechen, der im Prinzip als richtig anerkannt werden muß.
Ob er zur Zeit aber wirklich durchführbar ist, ist freilich eine andere Frage. Die hessischen Staatsangehörigen find sowohl bezüglich der Vermögenssteuer, als auch der Einkommensteuer stärker herangezogen, als die preußischen. Ein Staat wie Hesien muß sich auch in seiner inneren Ge- s tzesgebung nach den benachbarten größeren richten, er mag wollen oder nicht, namentlich in den Bestimmungen, die tief in den Geldbeutel greifen. ES ist die neue Erhebung abzuwarten, die uns die zukünftige Gesamtlage hoffentlich klar veranschaulichen wird. Wir können daher den Standpunkt
Adresse für Depeschen: Anzeiger Gtetzru. Fernsprecher Nr. 51.
Erscheint täglich mit Ausnahme deS
Montags.
Die Gießener Kamttleuklätter werden dem Anzeiger im Wechsel mit „Hess. Landwirt" u. „Blätter für Hess. Volkskunde" wächst. 4 mal beigelegt.
GMes Blatt.
schlug in den höfischen Chroniken seiner Heimatstadt nach, forschte auch in Gutzkows „Zopf und Schwert" und stoppelte dann m>t Fleiß und Geschick, mit Schweiß und Glück fein Werk zusammen. Er schilderte einen Hofstaat und einen Herrn, die lebhaft an das Königlein Aoettot in Berangers berühmtem Chanson erinnern, der auf einem Eselein durch sein Ländlein reitet und alles weiß, was darinnen vorgeht. Fürst Leopold verkehrt z. B. sehr vertraulich mit der alten patzigen Hökerin Martha, die ihren Obststand vor dem Hause des Brauers Herre hat. Sie ist noch gröber als er, da? imponiert ihm, der sonst die Willkür in Person ist, wohlgemerkt in begnadetem Fürstenbewußtsein. Seine Annalise sagt uns: das ist adelige Kraft, G'öße, Temperament, und er selber meint, wenn er zu seinem Herrgott, seinem Freunde, spricht, dann muß ihn der Herrgott allein anhören. Fü die gewöhnlichen Bürger hat der liebe Gott nicht so viel Zeit, die müssen kompagnieweise vor ihm antreten.
Während nun die Büraerschaft im Durchschnitt vor bet patriotischen Würde des Dessauers, seinem recht tüchtigen dynastischen Absolutismus einen heidenmäßigen Respekt hatte, war der Brauherr Herre so „bockig", den Fürsten durchaus nicht zu mögen. Teils dieserhalb, teils jenerhalb. In seiner Jugend hatte Herre gleichfalls die schöne Annaliese geliebt und der Leopold hatte sie heimgeführt. Das verwindet schließlich auch ein simpler „Viertelsmeister" schwer; und bann hatte Fürst Leopold eine neue Steuer aus geschrieben, und es gab Kerls in Dessau, die wollten sie durchaus nicht bezahlen, sie nannten sie ungerecht und hieben einem Konflikt zu. An der Spitze der Bewegung stand Bruno Herre, der „Steuerrebell". So etwas aber verwindet wiederum ein Fürst schwer. Nun wollte man aber in Dessau Herre zum Bürgermeister haben. DaS litt der Fürst nichi und den „Rebellen" zum Trotz wollte er auS eigenem Recht den Löwenwirt Woche zum Bürgermeister machen, zumal ei wußte, daß Herre seinem Nachbar Woche spinnefeind war. So kam er denn in die Ratsverfammlung in höchst eigener
Schulsragen in Hessen.
II.
In beiden Begründungen liegt viel Wahres. Jedoch glauben wir, daß die Verhältnisse, wenn die von dem Staats- Minister in Aussicht gestellte neue Erhebung über die finanzielle Tragweite des Antrages vorliegt, sich günstiger gestalten werden. Wer die Kommunalsteuerveranlagungcn studiert, wird finden, daß die Landgemeinden mehr kommunal belastet sind, als die Städte, daß in jenen ein Ausschlag von 50 Pf. aui die Mark Normalsteuerkapital keine Seltenheit ist, während diese geringer veranschlagt sind trotz der großen kostspieligen Unternehmungen der letzten Jahre. Mann weisen die Land-
Gießener Stadttheater.
Wie dre Alten fangen.
Lustspiel in 4 Akten von Karl Niemann.
Niemanns „Wie die Alten sungen" ist eine Fortsetzung von HeischS „Anna Liese". Für Niemann lag der Stoff sozusagen auf der Straße. Ec ist in Dessau zu Hause, feines Zeichens übrigens Redakteur, und da für jeden Dessauer keine historische Figur am geistigen Horizont sich schärfer abhebt als Fürst Leopold, der alte Dessauer, so ergab sich für ihn die Wahl für seine Bühnendichtung von selbst. Hersch hatte mit unverhofftem und unverdienten Glück den Herzensroman Leopolds auf die Bühne gebracht. Niemann wählte das Zwitschern der Jungen rach der Liebesweise der Alten, die Geschichte von der Liebschaft des Sohnes Leopolds, des Prinzen Gustav, mit einer Tochter des Dessauer Bierbrauers Herre.
Im Winter 1894/95 ist bas Stück Niemanns über 150mal im Berliner kgl. Schauspielhause aufgeführt worden, sub auepiciis Imperatoris. Nach Schluß der ersten Berliner Aufführung ließ der Kaiser den Verfasser zu sich in die Loge rufen, um ihm feine Freude auszubrücken über „bad gesunde und forsche Stück". Der Kaiser erkundigte sich, wie der Verfasser auf den alten Dessauer gekommen sei; gerade diese Figur interessiere ihn ganz besonders. Niemann äußerte, daß er schon als Knabe von 5 Jahren vor dem Pfeifenkopf seines Vaters mit dem Bilde des alten Dessauers hätte Reverenz machen müssen. Mit besonderem Jmereffe erfuhr der Kaiser, daß eine der im Stücke vorkommenden Haupt ftguren, der Barbier Melde, der Urgroßvater des Verfassers deS Stückes, Überhaupt der ganze Inhalt des Stückes streng historisch sei. Man weiß ja, daß der Kaiser solche „forschen" Stücke — es brauchen nicht gerade „Lustspiele" zu sein, historische» Bilder thuns auch — mit Vorliebe schaut Allerdings bereichern solche Stücke die deutsche Litteratur zumeist nicht. Niemann machte sich seine Historie leicht. Er
Amtlicher Heil.
Bekanntmachung.
Nachdem der Großh. KreiSveterinärarzt, Herr Proseffor Dr. Winckler zu Gießen, in Ruhestand getreten ist, ist Herr KreiSveterinärarzt Schmidt von Nidda zum Vorstand deS Großh. Kreisveterinäramts Gießen ernannt worden. Derselbe hat seinen Dienst am 5. Januar b. IS. Übernommen unb wohnt Lonystraße 20, Ecke der Bleichstraße, dahier.
Gießen, den 8. Januar 1901.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.
Bekanntmachung,
betteffend: Feldbereinigung in der Gemarkung Garbenteich.
In der Zeit vom 10. Januar l. Is. bis einschließlich 16. Januar l. IS. liegen die Akten über den Abtrieb des Waldes in dem Waldbezirk „die Sträuchen rechts des Gilder PfadS" auf dem Amtszimmer der Großh. Bürgermeisterei Garbenteich zur Einsicht der Beteiligten offen.
Aus diesen Akten sind insbesondere die in Betracht kommenden Privatwaldparzellen mit Angabe der Bonitierung«* werte, sowie des Wertes des auf diesen Parzellen bestandenen Holzes zu ersehen.
Einwendungen hiergegen find bei Meldung des AuS schluffeS innerhalb der oben angegebenen Offenlegungsfrist bei Großh. Bürgermeisterei Garbenteich schriftlich einzu- reichen.
Friedberg, 2. Januar 1901.
Der Großh. Bereinigungskommiffär: Sandmann.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
6o,
Person, und als die Stimmzettel abgegeben waren, machte sich der alte Dessauer, spaßhaft-sozial wie er war, mit dem dummen Bürgerpack den Scherz, einen Stimmzettel nach dem anderen zu verbrennen, und auSzurufen: Woche ist einstimmig gewählt! Den Protest erenben Herre nannte ber Fürst in gnädiger Laune einen Hund, unb wer weiß, ob Woche nicht nad Bürgermeisteramt angetreten hätte, wenn er nicht wie ein Rinbvieh Inach des alten Dessauers allerhöchsten Ausspruch sich benommen hätte. Dem Fürsten waren nämlich zehn lange Kerls desertiert. Nach ihnen wurde gejagt und der Löwenwirt meinte einen dieser Deserteure in deS Nachbars Gartenlaube gesehen zu haben. Ec erkannte einen weißen Militärmantel, der aber niemand anderem gehörte als dem Filio Gustavo, dem Erbprinzen. Der zwitscherte genau so wie sein alter Herr fung und koste in der Gartenlaube mit Herres Töchterlein Sofia. Dem alten Dessauer „wackelte der Bauch vor Lachen", al« er seinen Filium als ve> meintlichen Fahnenflüchtling vor sich sah. Den dummen Spion aber, den Woche, trommelte er nächtlicher Weile au« dem Sette, und mit der Nachtmütze und im bloßen Hemde mußte dieser in HerreS Wohnung gehen unb ber Bürgermeisterei entsagen. DaS amüsierte den Fürsten allerhöchlichst. Oer dritte Akt schildert das Familieninterieur bei DessauerS. Während ber 'alte Dessauer sich rasieren läßt, werden die Regierungsgeschäfte mit erledigt. Hauptsächlich dient der Akt zur Verhimmelung von Leopolds „Lowischen", der Anneliese mit dem goldenen Gemüt, deren milde Besonnenheit gut macht, was das herrische, heißblütige Wesen Leopolds etwa gesündigt hat. Als fittige Hausfrau waltet Lowischen in ihrem Hause, unb während Leopold stramm darauf sieht, daß der junge Prinz Moritz ordentlich salutiert unb bie Gewehrgriffe richtig handhabt, sorgt die Mutter für das Herzliche in der Erziehung. Ihr gelingt es auch, den starren Sinn HerreS m Handumdrehen zu brechen, und die alten Starrköpfe, ber Dessauer wie ber Herre, geben, von LowtSchenS schlauen Augen freunblichst geleitet, ihren Segen.
mancher Abgeordneten verstehen, die dem erwähnten Antrag nicht unsympathisch gegenüber standen, aber auS praktischen Erwägungen heraus gegen ihn stimmten.
Was den Antrag auf Einführung der obligatorischen Volksschule betrifft, so wundern wir uns über die große Stimmenzahl, die er auf sich vereinigte, 17 gegen 19. Er stellt ein ganz unverhülltes Bild sozialdemokratischer Zukunftsideen dar und paßt nur in den Zukunftsstaat hinein, kann aber bei den jetzigen Verhältnissen, die selbst im ZukunftS- staat wiederkehren werden, keinensallS Gestalt gewinnen.
Es ist nicht« mit der Einheitsschule der Sozialdemokratie, den einzig richtigen Gesichtspunkt hat der Abg. Graf Oriola betont. Er teilte die Meinung gewiegter Schulmänner, daß Halbbildung das Schlimmste fei; das Beste fei eine in sich abgeschlossene, einheitliche Bildung und diese werde sich in ihren einzelnen Teilen zu richten haben nach dem Berufe und dem Lebenszweck des einzelnen Bürgers. DaS sind goldene Worte, auf bie merkwürdiger Weise keiner der anderen Redner mehr zurückkam. Damit ist die Ansicht des Abg. Dr. David widerlegt, ber in der Einführung der obligatorischen Volksschule daS Fundament aller Bildung sieht. Im Gegenteil hierzu finden wir hierin den Bildungsgang unb Bildungsstand großer Kreise bedroht. Gewiß ist es ein soziales Moment, wenn „der Sohn des Ministers mit dem des Arbeiters auf einer Schulbank sitzt", wie er auch im Heere neben ihm steht. Aber Schule und Militär sind doch zwei ganz verschiedene Dinge. Wir würden nichts dagegen einzuwinden haben, wenn die Vorschulen an den höheren Bildungsanstalten verschwänden und jeder, der in eine höhere Schule eintreten will, bie elementarsten Kenntnisse sich in ber Volksschule holte. Zu etwas weiterem können wir uns nicht verstehen. Der Bilbungsgang, der zu nehmen ist, hängt ganz und gar von dem zu wählenden „Berufe unb Lebenszweck" ab.
Für den gewöhnlichen Mann, ber acht Jahre bie Schule besuchen will, um bann Bauer, Hanbwerker, Arbeiter u. dgl. m werben, ist bie Bildung, die er sich in der Volksschule holt, Diel umfassender, einheitlicher, gründlicher, passender, als wenn er sich eben so viele Jahre in den unteren Klassen einer höheren Schule herumdrückt, unb vielleicht bazu noch einmal sitzen bleibt, wo er von allem nur bie AnsangSgründe, und gar oft noch nicht einmal diese, lernt. In ber Volksschule werben schon Dinge unterrichtet, die in den höheren Schulen erst in den oberen Klaffen vorgetragen werden, die aber zur einfachsten Bildung notwendig sind; wir nennen nur die Naturkunde. In ber Volksschule werden davon bie
“fahrangg. Corsas
fern, 1111». Mot 6.1
laiNniann. Rechnen M, Dechselleh„, ltXJtembauSötütfe Ma- mnon r*. '
aiM oder xu vermieten. reS Maettplatz IS.
Ml
MU 43t l6=, MM-, M-,
ihnltheis,*
--
.L» ,, -'ianuflT' Ä*w'
yorbwuuMunierriit Mt tzrsM g schert, bette 6^
Stil. 290
LudtviySratzt 81,
Lutbt i" seiner fit finftl Arbeiten, wie (tragen usv tfi. unter an b'e Ero.b. b. $1.
r Philologe ett. engt unb 'temtMb? CffuGtf on die EM d. 81 Kn gebrauchter kleiner er vsen ju lausen gesucht.
NemN'VLm 18.
r v.rb in unb außer bmt nie an«. Mer.Lammstr« Zerloren $ rAßenreg ein Utberärnet rütiem Eatrmt'. äbiug. geh. elohn «oeiheüratie »8.
Pension
mgeS Mdchen irn israelil. ilt Ingebote mit PreiL u. M an bie Errnd. b, ZI be pmanben wr Abschrift »ifftnfd)aftild)cn ilrbtif. ’tin urter iffr. 084 an bie ipit biete Sld'ftS.
DamnrgürtN gesunden, en rttphanftrab 80.
t Lid"'


