Nr. 364
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Montags.
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Erstes Blatt. 151. Jahrgang.
Samstag 9. November 1901
GietzenerAnzeiger
** General-Anzeiger ” **
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Li Hung Tschang.
^ueusten Blätter widmen dem verstorbenen chinesischen Staatsmann Li-Hung-Tschang längere Nachrufe, in denen die Bedeutung des Verstorbenen als Reformator hervorgehoben wird, der die erste Bresche in die chinesische Mauer gelegt, und zwar indem er das Vaterland der europäischen Kultur näher zu bringen suchte.
Wir haben keinen Grund, uns über den Tod dieses klugen Chinesen irgendwie aufzuregen. Er hat die sonst immer mit großem Fleiße verbreiteten Nachrichten über seinen baldigen Tod, wenn schwierige diplomatische Verwickelungen im Entstehen waren, nun der Abwechslung halber bewahrheitet. Alle die bisherigen Meldungen über seine Krankheit wurden mit besonderer Skepsis aufge- uommen, denn wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, um wie viel weniger aber einem Li-Hung-Tschang, von dem es nicht erwiesen ist, daß er auch nur eine Wahrheit in seinem Leben gesagt hat.
Li-Hung-Tschangs Tod wird man in China und in Rußland bedauern. China verliert wenn nicht seinen be- fähigsten, so doch jedenfalls seinen gewandtesten Diplomaten, und das Zarenreich einen im Stillen wirkenden, eifrigen Förderer russischer Wünsche. In Deutschland er
weckt der Besuch, den Li-Hung-Tschang im Sommer 1896, während der Berliner Gewerbeausstellung abstattete, ebenso verdrießliche Erinnerungen, wie jene so arg mißlungene Ausstellung. Es fand ein förmlicher Wettmuf statt um die Gunst und — um die Bestellungen des Mannes aus dem fernen Osten ;der besichtigte alles, lobte manches und lleß sich Festmähler und Ehrungen herzlich behagem Aber der erwartete Nutzeffekt dieser übertriebenen Veranstall- ungeu blieb aus. Nicht einmal eine wohlwollende Gesinnung wurde in der Folge von Li-Hung-Tschang Deutschland gegenüber an den Tag gelegt. Rußland nahm Li ganz für sich in Beschlag. Ob und wieweit der Verstorbene Tell hatte an den von der Kaiserin-Witwe eingeleiteten Fremdenverfolgungen, darüber fehll es an zuverlässigen Anhaltspunkten. Ein Freund der Fremden, ein Anhänger der Zivllisation im Umfassenden Sinne des Wortes, ist Li ebenso wenig gewesen, wie ein Freund der Wahrheit. Er konnte sehr liebenswürdig fremde Besucher empfangen. Das that er z. B. auch, als er sich ein paar Tage lang in Essen aufhielt, um die großen Krupp'schen Werke zu besichtigen. Er widersetzte sich auch nicht gegen die Einführung von Eisenbahn und Telegraph; aber er war nicht zu haben für politische Reformen in China. Hier vereinten sich die Anschauungen Lis und der Kaiserin-Witwe. Die Kaiserin hat es wesentlich seinem Einfluß zu danken, daß sie von einem gerechten Strafgericht verschont geblieben ist. Meisterlich geschickt war die Art und Weise, wie Ls-Hung-Tschang von dem Moment an, als die Mächte das Uebergewicht in China erlangten, den Frontwechsel der Regierung und des Hofes arrangierte, wie ec das große Schauspiel vorzuführen wußte, das die chinesische Regierung als ein „Opfer der Verhältnisse" hinstellte. Gegen die verblüfften Boxer und die Mitglieder anderer Vereinigungen, die sich als Stützen des Thrones betrachtet hatten und ein wohlgefälliges Werk mit der Fremdenverfolgung gethan zu Haven glaubten, richteten Chinas Streitkräfte die Schärfe des Schwertes. Und wie äußerst schlau verstand Li die Verhandlungen mit den Mächten hinzuziehen, die Bedingungen des Friedensschlusses auf ein erträgliches Maß für China herabzudrücken! Er war hier der leitende Geist; Prinz Tsching, von dem es jetzt heißt, daß er die Regierungsgeschäfte übernehmen werde, während Tschou-fu als Gouverneur von Tfchile fungieren wird, bis Li-Hung-Tschangs Nachfolger ernannt ist, hatte mehr wie ein Mitspieler nach den Instruktionen und den Sttchworten Li's zu agieren. Die Mitteilung, daß Juanschikai, der gegenwärttge Gouverneur von Schantung, als Nachfolger Li's ausersehen sein soll, muß der „Nat. Ztg." zufolge, stark bezweifelt werden. Für die hauptbeteiligte, am meisten einflußreiche Macht in China, Rußland, ist die Person des Nachfolgers ziemlich gleichgiltig. Es ist von russischer Seite längst der Anschluß an die Kaiserin-Witwe gesucht und erreiche worden. Und daraus kommt, so lange diese Frau lebt, alles an. . .
Li-Hung-Tschang hat, im Jahre 1821 rn der Provinz Ng.anhui als Sohn eines armen Gelehrten geboren.
ein Alter von 80 Jahren erreicht. Andererseits freilich wird behauptet, er sei nur 74 Jahre alt gewesen, und nur seine Freunde gaben chn für einen Achtzigjährigen aus, um ihm zu schmeicheln, denn in China gehört es zu den größten Artigkeiten, jemand für älter zu erllären, als er ist. Li-Hiing-Tschang hat seinem Vaterlande auch als Feldherr gedient. Im Kriege gegen Frankreich 1883 bis 1884 führte er den Oberbefehl über die im Felde stehenden Truppen und leitete auch schließlich den größten Teil der Friedensverhandlungen. Im Kriege gegen Japan war er Vizekönig der Provinz Tschili und ging 1895 als Friedensunterhändler nach Shimonoseki, wo ein Japaner ihn durch einen Revolverschuß ins Gesicht schwer verwundete. Ms Großkanzler des chinesischen Reiches schloß er bekanntlich gerneinsam mit dem Prinzen Tsching im laufenden Jahre dezr Frieden mit den Großmächten ab.
Die „Köln. Ztg" schließt seinen Li-Leitarttkel mit den Worten: „Wie man auch Li-Hung-Tschang beurteilen mag, jedenfalls scheidet mit ihm eine der eigenartigsten Gestallen unserer Zeit, und sein Tod läßt eine Lücke, die vorläufig nur durch ein Fragezeichen ausgefüllt werden kann.
Zum frarrzöfisch-türkijchen Konflikt.
Die „Franks. Ztg" meldet aus Konstanttnopel: Au dem hier stationierten französischen Kriegsschiff „Vautour" wurde ein Tagesbefehl verlesen, wonach kein Mann das Schiff verlassen darf und dasselbe für alle Eventualitäten bereit sein soll. Der Minister des Aeußeren, Tew- fik Pascha, sandte eine Note an die französische Botschaft nebst eine Anzahl monatlicher Tratten nu: die Zollverwaltung; diese sino auf die französische Botschaft ausgestellt und beginnen vom 1. Dezember- Der Betrag jeder Anweisung ist 25000 türkische Pfund und das Ganze entspricht den gesamten für Lorando geltend gemachten Foroerungen. Ferner benachrichtigte Tewsik Pascha den Botschaftsrat Bapst, daß der kaiserliche Ferman, der den chaldäischen Patriarchen anerkennt,' bereits erlassen sei,und daß Die Anerkennung der anderen französischen Forderungen, die in der am Sonntag übergebenen Note gestellt wurden, auf gutem Wege sei. Es gilt aber für höchst zweifelhaft, ob Frankreich nunmehr der Lösung der Lorando-Angelegenheit zustimmt ohne die volle Lösung für die in der Sonntagsnote gestellten und für die Herstellung des französischen Prestige in Syrien und Palästina wichtigen Ansprüche erhalten zu haben.
Ern vom türkischen Telegraphen befördertes Telegramm der „Agence Havas" aus Mytilene meldet, daß Admiral Caillard die Zollämter von Mytilene, ohne au' Widerstand zu stoßen, besetzt hat. Der Admiral teilt ferner das Eintreffen der Kreuzer „Linois" und „Epee" rn Myttlene und die Vereinigung mit dem Geschlvader mit. An die Mächte ist von der französischen Regierung eine Cirkularnvte versandt worden, in der entsprechend den Erklärungen, die Minister Delcasse in der Kammer gegeben hat, die Absichten Frankreichs dargelegt werden. Aus den bereits ein gelaufen en Antworten der Mächte ergiebt sich, daß die Note überall gut ausgenommen worden ist.
Ter Fortgang der französischen Maßnahme läßt also die Angelegenheit für die Türkei ernster erscheinen, als anfangs angenommen werden mußte. Jetzt wird auch noch als ein bedenkliches Moment die entschieden kriegerische Stimmung der türkischen Armee bezeichnet. Die französische offiziöse Bemerkung von der guten Aufnahme der Zirkularnote läßt darauf schließen, daß alle Mächte einstweilen auf gleicher Linie sich befinden und ruhige Zuschauer bilden. Man glaubt auch nicht, daß irgend eine Macht geneigt sein werde, aus ihrer Reserve heraustreten, und Frankreich wird gewiß alles vermeiden, was die Rechte und Interessen anderer Mächte verletzen könnte.
Me Londoner Meldung, England werde Lemnos und Rußland Teuthero besetzen, falls die Okkupation von Mytilene fortdauern sollte, scheint man als Manöver zu betrachten, um über die Absichten der Kabinette von Paris und Petersburg Genaueres zu erfahren.
Politische Tagesschau.
König Eduard von England.
Am 9. November vollendet König Eduard VII. von Großbritannien sein 60. Lebensjahr. Als rechter Onkel unseres verehrten Großherzogspaares wie als Bruder der verstorbenen Kaiserin Friedrich steht er auch dem deutschen Volke näher als andere europäische Monarchen, und gerade für diesen Tag ziemt sich der Ausdruck des Wunsches, daß alle Gerüchte über die Krankheit des Königs, die ein allen Zweifel ausschließendes Dementi immer noch nicht erfahren haben, sich als unrichtig erweisen.
Eduard VII. ist am 9. November 1841 in London als ältester Sohn des Prinzen Albett und der Königin Victoria von Großbritannien und Irland geboren. Er wurde selbstverständlich sehr sorgfältig erzogen und besuchte die Universitäten Oxford und Cambridge. 1860 machte er eine Reise nach Amerika und 1862 eine solche nach dem Orient. Seine Vermählung mit der Prinzessin Alexandra von Dänemark, Tochter des Königs Christian IX., erfolgte am 10. März 1863. Dieser Ehe entstammen fünf Kinder: zwei Prinzen, von denen der älteste Sohn, Herzog von Clarence, am 14. Januar 1892 gestorben ist, und drei Prinzessinnen. König Eduard VII. trat als Oberst in die Armee ein und avancierte bis zum Generalfeldmarschall, ohne indessen einen mehr als vorübergehenden Anteil an den Heeresangelegen-
hetten zu nehmen. Im preußischen Heere hat er seit 1883 den Rang eines Generalfeldmarschalls inne und ist Chef der Blücher'schen Husaren. 1875 bis 1876 machte er eine große' Reise nach Indien, wo er mit vielem Enthusiasmus empfangen wurde. 1885 bereiste er mit seiner Gemahlin Irland. Meist residiert er in Marlborough House zu London und in Frogmore bei Windsor. Bis zu seinem Regierungsantritt hat er sich von allen Staatsgeschäften ferngehalten, imd auch jetzt vermag er auf die Parlamentsregierung seines Landes keinen großen Einfluß auszuübep. Cs ist darum durchaus ungehörig, wenn ihm die schweren Sünden des englischen Heeres in Südafrika zum Vorwurf gemacht werden.
Die deutschen Kundgebungen gegen Chamberlain nehmen ihren Fortgang. Den Greifswalder Studenten schlossen sich solche in Berlin, Marburg, Tübingen und Jena an, dem Krregerverbande „Hassia" ist jetzt der ^Darmstädter Kriegerverein gefolgt (siehe besondere Mtttellung) und in Leipzig soll heute abend eine akademische Protestkundgebung stattfinden. Wir haben bereits unsere Ansicht darüber ausgesprochen und finden sie jetzt unterstützt durch zwei Berliner Blätter. 'Die „Nattonalztg." befürchtet, daß lediglich die englische Einbildung gesteigert würde, wenn man in Deutschland zur Zurückweisung jener Bemerkungen noch weitere hejondere Veranstaltungen träfe. In ähnlichem Sinne schreibt die „Voss. Ztg.":
„Die große Mehrheit der Bevölkerung ist über Herrn Chamberlains Rede mit einem A^?Blzucken zur Tagesordnung übergegangen. . . Wer keine Straßenpolitik treibt, wird sich hüten, den Andeutungen eines englisch/n Redners übertriebene Bedeutung beizumessen."
Einen Sturm durch das ganze Reich gehen zu taffen wegen einer lächerlichen Thorheit Chamberlains, das heißt mit Kanonen auf Katzen feuern. Etwas anderes wäre es noch gewesen, hätten die Demonftrationen unmittelbar, nachdem die Worte gefallen waren,' eingesetzt. Aber Tag um Tag verging bis zu der Versammlung und dem Beschluß der Studentenschaft in Greifswald. Ein Mann, wie Chamberlain, der gerne von sich reden macht, sollte nicht in die Lage kommen, ftch etwas darauf zu gute zu thuu, daß er eine große und ihrer Würde bewußte Nation in Bewegung zu setzen vermag.
Zum Zolltarif.
Gegenüber anderslautenden Blättermeldungen erfahren die „Berl. N. N." an maßgebender Stelle, es sei nacht richtig, daß der Zolltarifentwurf im Bundesrate wich- tigeVeränderungen erfahren habe. Ebenso unrichtig sei die Behauptung, daß die baldige Einbringung der Vorlage im Reichstage zweifelhaft geworden sei. Nach wie vor bestehe die begründete Hoffnung, daß dem von allen Parteien gehegten Wunsche, die Vorlage dem Reichstag bei Zusammentritt unterbreitet zu sehen, wird Rechnung getragen werden können.
Mit dem Zolltarifentwurf wird schier „Fangball" gespielt. Die widersprechendsten Nachrichten über die Gestaltung des Tarifs in den Bundesratsausschüssen gehen um. Balo heißt es, es sei wenig geändert worden; bald, die Aenderungen seien so wichtig und zahlreich, daß es zweifelhaft erscheine, ob die Vorlage dem Reichstag gleich bei seinem Wiederzusammentreten zugehen könne. Da nun einmal der Tarif veröffentlicht ist, wird hoffentlich die Regierung auch die Abänderungen demnächst zur öffentlichen Kenntnis bringen und dadurch der Ungewißheit ein Ende machen. Nach der „Kreuzztg." wird das Plenum des Bundesrats am 12. Mvember zum Ergebnis der Beratungen der Bundesrats-Ausschüsse Stellung zu nehmen haben.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Nov. Der Kaiser unternahm, wie aus Potsdam gemeldet wird, gestern einen Spaziergang im Park von Sanssouci. Zur Mittagstafel beim Kaiserpaar war Gräfin Sarah Henckel-Donnersmarck geladen. Heute hörte der Kaiser die Vorttäge des Kriegsministers General von Goßler, des Chefs des Generalstabes General Grafen von Schliessen unv des Chefs des Militärkabinetts Generalmajors Grafen von Hülsen-Häselcr. Später empfing der Monarch den Bildhauer Brütt, sowie den Fürsten zu Hohenlohe und den Fürsten von Lichnowsky.
— Die Uebersiedelung des kaiserlich enHof- lagers nach Berlin wird nach den bisherigen Bestimmungen erst Anfang Februar stattfinden.
— Der Bundesrat überwies in seiner heutigen Sitzung die Vorlagen, betreffend die Uebersicht der Reichs- ausgaben und - Einnahmen für das Rechnungsjahr 1900, betreffend die Uebersichten über die Einnahmen und Ausgaben der Schutzgebiete für 1899 und 1900, betr. den Entwurf einer Verordnung wegen Festsetzung der Gebühren der Rechtsanwälte int Verfahren vor den Schiedsgerichten und dem Reichsversicherungsamte, betreffend den Entwurf von Bestimmungen über das Verfahren zur Feststellung der bei Anträgen auf Einführung eines früheren Ladenschlusses erforderlichen Zahl von Geschäftsinhabern den zuständigen Ausschüssen
Stuttgart, 7. Nov. Zur Personentarifreform schreibt der Staatsanzeiger: „Wie uns von zu- tändiger Seite mitgeteilt wird, entbehrt die in sehr vielen Zeitungen enthaltene Nachricht, wonach die Verhandlungen der süddeutschen Eisenbahnverwaltungen zur Herbei- uhrung eines gemeinsamen Personen- und Gütertarif es dadurch ins Stocken geraten feien, daß die NücHußerung Badens und der Reichslande noch immer


