Erstes Blatt
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Dienstag S. Juli 1801
151. Jahrgang
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Amtlicher Teil.
Gießen, den 2. Juli 1901.
Betr.: Die Gewährung der Beteranenbeihilse bei Herabminderung der Erwerbsfähigkeit aus weniger als Vs
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom
4. Mai d. IS. noch nicht entsprochen haben, werden an deren Erledigung wiederholt erinnert.
v. Bechtold.
Zum Tode des Fürsten Hohenlohe.
Mitten in die sonnige Sommerzeit fiel, wie ein Reis in der Frühlingsnacht, die unerwartete Trauerkundd von dem Tode des dritten Kanzlers des Deutschen Reiches, des Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe.
Während der erste Kanzler Fürst Bismarck noch volle acht Jahre in seinem Tustulum in FriedrichDruh leben durste, während Graf Caprivi nach seiner Entlassung drei Jahre als märkischer Gutsbesitzer seinen Kohl bauen durfte, hat Fürst Hohenlohe nur eine kurze Spanne von Monaten im Ruhestände gelebt, und in dieser Zeit hat mancher so gut wie gar nichts von ihm gehört. Es ist eben der charakteristische Zug unserer Zeit: ein überaus kurzes Gedächtnis, Mangel an Dankbarkeit. Fürsten und Staatsmänner werden gefeiert, ja man streut sogar, wie wir es im vorigen Jahre erlebt haben, schnell populär gewordenen Persönlichkeiten Lorbern auf Vorschuß aus. Tritt aber ein solcher Volksheld bon der Bühne ab, so kümmert sich die Welt kaum noch, um ihn, die Nachkommen thun so, als ob ihnen allein die Korbern gehören. Wir glauben jedoch nicht, daß Fürst Hohenlohe diesen wenig schönen Zug der Zeit bitter empfunden hat, dazu stand er viel zu hoch über den Kleinlichkeiten und Thorheiten der Zeit. Zuletzt wurde der Name des Fürsten Hohenlohe erwähnt bei der Enthüllung des Bismarckdenkmals am 16. Juni. Er erschien in Begleitung seines Sohnes und legte, wie damals gemeldet wurde, eine auffallende Rüstigkeit und Frische an den Tag. Vielfach bemerkt wurde damals auch, das längere Gespräch, in das der Kaiser ihn zog.
Von Berlin begab sich der Fürst noch; Paris, wohin es ihn seit seiner dortigen Botschafterzeit immer wieder zog. Aus Paris reiste Fürst Chlodwig vor etwa acht Tagen nach Kolmar im Elsaß, wo sein Sohn Alexander Bezirkspräsident ist. Von dort ist er am Mittwochabend mit seiner Tochter, Prinzessin Elisabeth, und seiner Enkelin, Gräfin Schönborn, in Ragatz in der Schweiz eingetroffen und im Hotel Quellenhos, das früher auch der ständige Aufenthalt des Feldmarschalls Grafen Moltke gewesen ist, abgestiegen. Der Fürst war von der Reise sehr angegriffen, litt stark an Asthma und hatte das Hotel seit seiner Ankunft noch nicht verlassen. Am Freitag befand sich der Fürst verhältnismäßig wohl. Der Tod trat völlig unerwartet ein. Als der Kammerdiener Samstag gegen Morgen bei dem Fürsten, um nach ihm zu sehen, eintrat, war dieser sanft entschlafen. Der amtlich^ Totenschein bezeichnet als Todesursache Herzlähmung. Der Züricher Pathologe Professor Ernst ist zur Einbalsamierung der Leiche eingetrosfen.
Wie die „Kreuzztg." hört, ließ das Befinden des Fürsten schon in Paris zu wünschen übrig, ohne daß man jedoch von einer eigentlichen Krankheit reden konnte. In Ragatz nahm dann die Schwäche in bedrohlicher Weise zu und führte zum Tode. Am Sterbebette befanden sich die Tochter, Prinzessin Elisabeth, und seine Enkelin, die Gräfin Johanna von Schönborn-Wiesentheid.
Die Leiche wird heute (Montag) abend noch« Schillingsfürst übergeführt werden, wo die Beisetzung stattsinden wird. Kaiser Wilhelm sprach telegraphisch der Familie des Verewigten sein innigstes Beileid aus. Ebenso sind von zahlreichen deutschen Fürstlichkeiten Beileidstelegramme in Ragatz eingetroffen. Am Samstagabend noch ist Prinz Alexander, der dritte Sohn des verewigten Fürsten, mit seiner Gemahlin aus Kolmar in Ragatz eingetrosfen. Der älteste Sohn, nunmehrige Fürst Philipp Ernst, ist dort am Samstagnachmittag eingetroffen.
Die Leiche des verewigten Fürsten wurde vom hiesigen Ortspfarrer eingesegnet. Der Fürst liegt in schwarzem Gewand, ohne jeden Ordensschmuck im Salon der von ihm bewohnten Appartements aufgebahrt, der mit Blumen und Blattpflanzen geschmückt ist.
Ter „Reichjsanzeiger" schreibt:
Fürst Hohenlohe, der dritte Kanzler des deutschen Reiches, ist heute früh 5 Uhr in Ragaz sanft entschlafen. In allen deutschen Landen wirb die Nuchrichit auftich? tigste Trauer erwecken; denn mit dem Fürsten Hohenlohe ist ein Mann ausgezeichnetster Verdienste um Reich und Staat dahingegangen. In allen Stellungen, oft unter den schwierigsten Verhältnissen, als bayerischer Ministerpräsident, als deutscher Botschafter in Paris, als Statthalter von Elsaß^Lothringen, endlich! als Kanzler des deutschen Reiches bewährte er jene hohen Eigenschaften: ausopsernde Hingebung, unermüdliche Pflichttreue, die Se. Majestät der Kaiser in einem Handschreiben beim Abschluß seiner langen, ehrenvollen Dienstlaufbahn vor noch nicht dreiviertel Jahren dankbar hervorhob. Wie seine staatsmännische Wirksamkeit warme Anerkennung aller patriotischen Kreise fanch so schätzte jeder, dem es vergönnt gewesen, ihm persönlich« näher zu treten, seinen hohen Sinn, sein einfaches, klares, freies Wesen, seine immer gleiche, vornehme Liebenswürdigkeit. So wird dankbare Verehrung für ihn, den klugen Staatsmann, den tapferen Deutschen, den edlen Menschen, die Trauer an seinem Grabe überdauern.
Tie „Nordd. Allg. Ztg." führt zum Tode des Altreichskanzlers aus:
Eine reichgesegnete Thätigkeit im Dienste des Vaterlandes hat mit dem langen Leben des Dahingeschiedenen ihren Abschluß gefttnden. Vor 55 Jahren begann Hohenlohe mit dem Eintritt in die Kammer der bayerischen Reichsräte seine politische Laufbahn, die ihn 20 Jahre später an die Spitze des bayerischen Ministeriums führte. • Es ist allbekannt, wie mutig und erfolgreiche der Ver
storbene in dieser Stellung und später nach seinem Rücktritt wieder in der Kammer der Reichsräte für den deutschen Einigungsgedanken eintrat; unter den Namen der Männer, denen die Wiedergeburt des Reiches zu danken ist, nimmt der seine für alle Zeiten einen der Ehrenplätze ein. Mit dem Uebergange aus den Verhältnissen des Einzelstaates in die des neugegründeten deutschen Reiches nahm seine staatsmännische Wirksamkeit eine rasch sich erweiternde Bedeutung an. Im Reichstage, als deutscher Botschafter in Paris und von 1885 an als Statthalter von Elsaß?-Lothringen, widmete er unermüdlich seine Kräfte dem Interesse des großen Ganzen, leistete er mit seiner reichen Erfahrung, seinem klaren Urteil, seinem von wahrer Vornehmheit diktierten Takt dem Vaterlande überall unvergeßliche Dienste. Als Se. Majestät der Kaiser ihn 1894 in das höchste, verantwortlichste Amt des Reiches berief, in einem Alter, das die den meisten Menschen zugemessene Lebenszeit schon weit überragte, da zögerte der Fürst nicht, diese neue Bürde auf seine Schultern zu nehmen. Noch sechs Jahre wirkte er als erster Diener von Kaiser und Reich! nach innen und außen in Segen; unter seiner Kanzlerschaft kamen nationale Werke wie das Bürgerliche Gesetzbuch! und die Verstärkung der Flotte zu stände. Nachdem die Last des Alters ihn gezwungen hatte, die so reich! verdiente Ruhe zu suchen, hat Fürst Hohenlohe die Zeit des Ausruhens, die ihm vergönnt war, in Rüstigkeit genießen können. Noch vor wenigen Wochen konnten sich bei der Enthüllung des Tenkmals für seinen großen Vorgänger seine zahlreichen Verehrer an der Anwesenheit des greisen Fürsten erfreuen. Im Herzen der dankbaren Volksgenossen wird, sein Andenken immerdar lebendig bleiben. — Auch! die gesamte übrige Presse widmet dem Verstorbenen warm gehaltene Nachrufe.
Dem „B. S." zufolge soll Fürst Hohenlohe umfangreiche Erinnerungen hinterlassen haben, die wertvolle Beiträge zur Geschichte des letzten halben Jahrhunderts darstellen. Tie Aufzeichnungen seien zur Drucklegung fertig und dürften alsbald veröffentlichst werden. Ein Teil dieser Memoiren befasse sich! mit der persönlichen Rechtfertigung der Politik des früheren Kanzlers.
Tie französischen Blätter widmen dem Altreichskanzler längere Nachrufe; sie heben besonders hervor, daß der Fürsts als Botschafter in Paris stets für Besserung der Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreichs gewirkt habe. Der „Temps" bemerkt, auch« als Statthalter in Elsaß!- Lothringen habe er denselben versöhnlichen und ftiedlichen Geist gezeigt wie auf dem Pariser Botschafterposten.
Einige biographische Angaben mögen hier noch wieder- gegeben sein. Ter Chef der jüngeren Linie des Hauses Hohenlohe-Schillingsfürst studierte in Göttingen, Heidelberg und Bonn die Rechte, trat 1842 als Auskultator zu Ehrenbreitstein in den preußischen Staatsdienst, weil er als zweiter Sohn auf keinen großen Besitz zu rechnen hatte, wurde Referendar in Potsdam und Assessor in Breslau. Da jedoch sein älterer Bruder, Viktor, 1845 als Erbe des letzten Landgrafen von Hessen-Rheinfels-Rotenburg die Herrschaften Ratibor und Corvey als Herzog von Ratibor bekam, fiel ihm die Herrschaft Schillingsfürst zu, deren Verwaltung er 1846 übernahm. Prinz Alexander ist vermählt mit Emanuela, verwitweten Fürstin zu Solms- Braunfels.
Politische Wochenschau.
Am 6. d. M. früh 5 Uhr ist im schweizerischen Bade Ragaz, wo er zur Kur weilte, der frühere. Reichskanzler Fürst Hohenlohe im Alter von 82 Jahren gestorben. Ter Stift des Geschichtsschreibers wird wieder ein farbenreiches Menschenbild zu zeichnen haben, ein Lebensbild voll Arbeit, Tugend, Vornehmheit, Edelmut und politischem Idealismus. Mit leuchtender Kraft hebt sich vor allen Dingen des Ver-
Keimatkunst.
Das Wort „Heimatkunst" spielt in den neueren Kunsterörterungen eine große Rolle, und viele kunstsinnige Männer erblicken in ihr das Heil der Kunst überhaupt. Es ist That- sache: jede große und gesunde Kunst wurzelt im HeimatS- bodeu. In unserer älteren Malerei können wir die Kölner, die fränkische, die schwäbische, die niederdeutsche „Schule" nach ihrem Temperament,' nach der LaudschaftSdarstellung, der Menschenbildung, der Technik scharf unterscheiden. Wir kennen die besonderen Merkmale jeder der zahlreichen italienischen Maler-Schulen und verstehen ihren Zusammenhang mit den örtlichen Interessen, Ueberlieferungen und Menschen; es ist diese Kenntnis bekanntlich eines der wichtigsten stilkritischen Hilfsmittel, und es ist ein besonderes Vergnügen, die Wandlungen zu beobachten, die die Kunst eines Malers durchwacht, wenn er seine Wirkungsstätte wechselt. Ganz dasselbe gilt von der Dichtkunst. Die schlesische Dichter- »Schule" um Opitz ist grundverschieden von der sächsischen um Gellert rc., und die Art Fritz Reuters grundverschieden von der P. K. Roseggers. Was sich nun unter der Stan- darteninschrist „Heimatkunst" regt, das ist eine Bewegung der Dezentralisation, ein Ansturm gegen die Vorherrschaft von Berlin. Das Zusammensitzen an einem bestimmten Orte führt gar zu leicht zu Cliquentum und Mode. Es entsteht ein Lokalgeist mit modischem Dogmatismus, dem sich alles fügt. Wer Bedeutendes schuf, saß meist abseits vom Wege, nm mehr aus sich, als aus anderen zu schöpfen, um Eigenes zu geben und nicht der Nachahmung, will- oder unwillkürlich,
zu verfallen. Gottfried Keller, Wilhelm Raabe, Klaus Groth, — Hans Thoma, Max Klinger und mancher andere noch haben sich gerade in stiller Abgeschiedenheit ihre ganze Originalität bewahrt. Sie haben in sich und auch um sich reichere und reinere, stärkere und originellere Menschen gefunden als in den großen Kultur-Zentren. Und andererseits haben jene, die in Berlin oder München in Premiären, Casös, in Ver- einen und Gesellschaften allzu häufig Gleichstrebende trafen, ihr Bestes geschaffen, wenn sie aus ihrer Heimat ihre Menschen holten. Man denke an den Ostpreußen Sudermann, den Westpreußen Halbe, den Schlesier Hauptmann rc., — wobei nicht verkannt werden darf, daß kleinere Talente gerade der Anregung durch Andere, Gleichstrebende bedürfen, um überhaupt etwas Beachtenswertes zu Wege bringen zu können. Die Großen haben an und um sich selber genug. Sie können nicht, wie die Kleineren, sich zu Herden Vereinigenden, in Geselligkeit verflachen, sie bleiben allen Schlagworten gegenüber gefeit, ihnen ist, immer im Gegensatz zu den Kleineren, alles Kunst-Räsonnement gleichgiltig. Sie kommen auch in Großstädten nicht in die Gefahr, daß sich Herz und Persönlichkeit abschleifen. Absonderung tritt ihrerseits ohne Weiteres ein; sie bleiben im lebhaftesten Trubel einsam in ihrer Größe. Absonderung und Einsamkeit aber können allein zu wahrhaft Echtem und Tiefem führen. In rauschender Umgebung kann poetische Fülle und Kraft nicht gedeihen, auch die Größten werden abgelenkt von sich selbst durch das unvermeidliche stete Zuschauen der Riesenhast und Riesenhatz um sie herum.
Auffallend ist für den Litteraturbeobachter, daß das verflossene Litteratur-Jahrzehnt durchaus vom Osten und Nord
osten bestimmt war, West und Süd kamen dagegen nicht auf. Da ist nun ein journalistisches Unternehmen wie die „Südwestdeutsche Rundschau", (Verlag von Franz Eifert m Frankfurt a. M. Einzelheft 25 Pfg., vierteljährl. 1,20 Mk.), die sich bemüht, Litteratur und Kunst in Südwestdeutschland mehr zur Entfaltung zu bringen, gewiß zu begrüßen. Ebenso verdienstvoll ist die Herausgabe des „Hessischen Dichter- buches" in 3. Auflage durch Wilhelm Schoof (N. G. Elwert- sche Verlagsbuchhandlung in Marburg), das uns nicht weniger als ein wohlgezähltes halbes Hundert hessischer Dichter und Dichterinnen vorführt, aber leider das Großherzogtum Heffen ganz unbeachtet läßt. Stefan George, Georg Fuchs, Wilh. Holzamer, Alfted Bock vermißt man m dem Hessischen Dichterbuche, (allerdings auch merkwürdigerweise den Kur- heffen Dingelstedt) sodaß es nur auf den Titel „Kur- hessisches Dichterbuch" Anspruch erheben dürfte. Holzamer und Bock stehen im Begriff, den Grund zu legen für eine hessische Heimatkunst, und zwar Holzamer für die des Oden- Waldes, Bock für die Oberheffens. Beiden ist es um die Erfaffung und Charakteristik des Heimatlichen zu thun, beide legen ihr Hauptaugenmerk nicht auf die Natur, sondern auf das Studium des Menschen, und zwar bemühen sie sich, den Menschen ihrer Heimat in seiner ganzen Besonderheit genau kennen zu lernen und darzustellen, und beide lassen dabei das hohe Ziel nicht außer Acht, daraus eine KenntmS des Menschen überhaupt, eine Vorstellung allgemeiner Menschlichkeit zu gewinnen. So findet man zugleich bei ihnen, daß echte und gesunde Heimatkunst schon wieder den Keim zur Ueberwindung des eng Heimatlichen birgt; sie gleicht dem


