Ausgabe 
9.6.1901 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Mr. 138 Zweites Blatt.

Sonntag 9. Jnni 1901

**

5

>

iet.

'abrikpreisen

iVM

bai düssthlige

1514 Jahrgang.

apelle. 85W

H. Gema er.

Ldrrffe für Drpesch««, Anzeiger Siehe«.

Fernsprrchanfchtuh vir. H,

China.

Zwei Nachrichten englischer Blätter werden durch die Post" dementiert. Sie schreibt:

Ein englisches Blatt läßt sich au8 Berlin melden, Kaiser Wiltzelm habe den Mächten den Vorschlag unterbreitet, einem französischen Offizier an Stelle deö Grafen Waldersee den Oberbefehl übet die Truppen der Mächte in Tschili zu übertragen. Diese Meldung enrbehrt jedoch der Be­gründung. Thatsache ist, daß zwischen den Kabinetten gar keine Ver­handlung bezüglich der Ernennung eines neuen Oberstkommantnerenden schweben, sondern daß man die Frage, westen Befehl die in China ver­bleibenden Truppen unterstellt werden sollen, der Entscheidung der Kon­tingents-Kommandeure an Ort und Stelle überlasten hat. Desgleichen ist eine weitere englische Meldung unbegründet, derzufolge Kaiser Wilhelm geäußert haben soll, die Truppen der Mächte würden noch eine unbestimmte Zett lang in China verbleiben. Die verbündeten Truppen werden ledig­lich bis zur endgUtigen Abwickelung der Friedensverhandlungen in Tschili bleiben, aber keineswegs länger."

Man wird diese Erklärung allgemein mit Freuden ent­gegennehmen.

Die Truppentransport-DampferDresden" (N. D. L.) undBatavia" (H. A. L.) haben am 5. Juni die Ausreise nach Ostasien zur Abholung heimkehrender deutscher Truppen angetreten. Nach einer Mitteilung des Kriegsministeriums hat der DampferWittetind" mit dienstunbrauchbaren Mann­schaften des Ostasiatifchen Expeditionskorps am 6. Juni die Fahrt von Aden nach Bremerhaven fortgesetzt.

Leider wird aber wieder eine neue Schießerei aufl Tientsin gemeldet. Mittwoch Abend feuerten einige indische Soldaten, die von einer Abteilung französischer Soldaten iusultiert und angerempelt worden waren, auf ihre Angreifer, wobei sie zwei töteten und fünf verwundeten. Hoffentlich wird auch dieser bedauerliche Vorfall nicht zu weiteren Kom­plikationen führen und nur darauf zurückzuführen sein, oaß die Leute in ihrer Freude über die bevorstehende Rückkehr sich wieder einmal arg bezecht haben und dann in Streit ge­raten find, dem politische Bedeutung irgend welcher Art nicht beizumeffen ist.

WisienSdrang die deutsche Kolonie besuchen wird. Er wird einen praktischen Zweck damit verbinden und vermutlich den, sich zu informieren über die Angelegenheit der ost afrika­nischen Bahn, durch Besprechungen mit dem Gouverneur Graf Götzen u. s. w., um dem Kaiser mündlichen Bericht zu erstatten. In der kommenden RetchStagSsession wird diese Eisenbahnfrage unzweifelhaft zur Entscheidung gebracht werden. DaS Bankkonsortium hat sich zu einigen Konzessionen an die Regierung schon bereit erklärt. Vielleicht gelingt es auf den Bericht des Grafen Waldersee hin, den Garantievertag weiter zu gunsten des Reiches umzugestalten.

ZT *

Beltersweg.

PMischr Tagesschau.

Graf Waldersee hat in einem auS Shanghai an seine Gemahlin in Hannover gerichteten Telegramm sein Ein­treffen in der Heimat für Ende Juli in Aussicht ge­stellt. Da die Schnelldampfer die Strecke non Ostasien bis Genua in längstens vier Wochen zu durchfahren pflegen, würden dem Grafen für einen Abstecher nach Deutsch Ostaftika

Bekanntmachung.

In der Zeit vom 1. bis 8 Juni l. Js. wurden in hiesiger Stadt

gefunden: 1 goldenes Medaillon, 1 Trauring, 1 Korallen- armband, 2 Spazierstöcke und 1 Etuis mit Schere und Fingerhut;

verloren: 2 silberne Damenuhren und 1 Packet mit Kleidungsstücken.

Die Empfangsberechtigten der gefundenen Gegenstände belieben ihre Ansprüche alsbald bei uns geltend zu machen.

Gießen, den 8. Juni 1901.

Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.

Hechler.

Brauhaus

'hrü'S Vinhally.

abends 8 W;

S Bn.

.Äffe

MA.

@api'al adel ütt

r/,2 Uhr, Abmarsch 2 M

Mchiklt l!l.

r KrtsMoorstand.

sc® JÄÄ

eine SW 2! Nr b-

BejngspreU oiertefii^M

Mk. 2.-0, monail. 75 mttBrn.gerlohNi butt) M Abholcstellrn viert'jöixrl Mk. 1.90, monatl. 6.« T4»

Bei Postbezug öierteljäW. Mk. 2.00 ohne Bestellze».

Alle Hnifietn-BtrntitilunfM» stellen de» und 81u6lanX nehmen Anzeigen für «irbrvcr Anzeiger entgeee«. getlcnpreis lu!a\ i> »Nh eu8»ärtl M Psg

WM

erlaßener

Graf Posadowsky.

Aus Berlin, 7. Juni, wird uns geschrieben:

In derNordd. Allg. Ztg." befindet sich folgende offi­ziöse Notiz:Tie verschiedenen in der Presse umlaufenden Gerüchte über die Wiederbesetzung des Oberprä- sidiums in Königsberg werde:: uns als falsch be­zeichnet/' Ties lakonische Dementi hat eine nicht uninter­essante Vorgeschichte. Es ist in diesen Tagen der Staats­sekretär des Innern Graf Posadowsky als der mut­maßliche Nachfolger des Grafen Bismarck bezeichnet wor­den- Ter Reichskanzler fahnde längst auf ein frei­werdendes Oberpräsidium, in dem Graf Posadowsky, der begeisterte Verfechter des Toppeltarifs für die Handels­verträge, untergebracht werden könnte. Dies entspreche auch den Wünschen des Staatssekretärs. Daß das letztere der Fall ist, durfte von vornherein bezweifelt werden. Wäre dem Grafen Posadowsky die große und weitverzweigte Thätigkeit im Reichsamt des Innern nicht ans Herz ge­wachsen, so würde er sicherlich zu der Zeit seinen Rücktritt angeboten haben, als er den schärfften Angriffen wegen der 12000 Mark-Affaire ausgesetzt war, obwohl ihn nur eine formelle, keine persönliche Verantwortung für denMiß- griff" traf. Graf Mlow hat damals im Reichstag zu er­kennen gegeben, daß er nicht gesonnen sei, sich! von dem Angegriffenen zu trennen. Welchien Grund sollte jetzt der Reichskanzler haben, den Grafen Posadowsky, wie behauptet worden ist,in die Provinz zu verschicken?" Graf Posa-- dowsky sei, so lautete das Argument, mit seinen Doppel­tarif-Bestrebungen in der Zolltarif-Konferenz unterlegen; der Grundsatz des Einheitstarifs habe gesiegt. Wir gaben bereits gestern der Vermutung Ausdruck, daß derartige, sehr sicher auftretende Meldungen mehr als Wünsche denn als Informationen zu betrachten seien. DieNordd. Allg. Ztg." bestätigt jetzt, in einer zweiten Notiz, diese Auf­fassung Aus der Thatsache, daß die Teilnehmer an der Zollvonferenz absolutes Stillschweigen sich auferlegt hätten, folge daß die in verschiedenen Blättern verbreiteten Nach­richten über einzelne Ergebnisse der Konferenz lediglich auf willkürlichen Kombinationen beruhen.

Tas Fazit der beiden offiziösen, mit Promptheit ange­ordneten Richtigstellungen, ist, daß die Position des Grafen Posadowsky einstweilen keine Erschütterung erfahren hat, und daß die Befriedigung über die angebliche Niederlage txr Doppeltarif-Bestrebungen verfrüht war. DieBerliner Reuest. Nachr." und dieBerl. Börsenztg." sind es in crfter Reihe, die von dem Festhalten an dem Einheitstarif zu berichten wußten und nun die offiziöse Korrektur er­fahren. Man soll nie voreilig triumphieren.

Graf Posadowsky hat wie kaum ein anderes Mitglied Der Regierung an der Vorbereitung der Handelsverträge tsich beteiligt, er war der leitende Geist bei den Beratungen LesWirtschaftlichen Ausschusses" und bei den außer- »rdentlich umfangreichen Befragungen bei den Produzenten. -(Uf tzine solche bis in die kleinsten Einzelheiten einge- arbeitete Kraft zu verzichten, würde, abgesehen von anderen Gründen, wenig zweckmäßig sein. Graf Posadowsky hat

(Hfttbrt täglich mit tat Montag»

HttUrerfreu btm An. MtGstU W Mechel mitHkff. ***** «UfrBlätter *H- UHtkSklrnbe" vier» ** «Ech-tlich betgelrgt.

n «Hielten ttUfl« für ben | erMjetnenbrn Wrw 10 Uhr iftn spätesten«

Engländer und Buren.

TieTimes" veröffentlicht folgende Depesche aus Pre- toria: General Blood berät mit Lord Kitchener über die n-eiteren Truppenbewegungen im östlichen Transvaal. Tie Erfolge der letzten zlvei Monate haben eine optimistische Anschauung der militärischen Lage (Ach, das ist aber ganz roas Neues!) aufkommen lassen, doch werden die Buren die Feindseligkeiten fortsetzen. (So? Wie sich die Herren . Engländer vor der Welt gut zu verstellen wissen! D. Red.) während ihre sogenannte Regierung dem Lanoe fern bleibt. Tie Abreise der Frau Louis Botha nach Europa macht die Meldung glaubhafter, daß Botha dem Beispiel Krügers folgen und das Land verlassen wird (Ei, ei, ob das nicht eine bewußte Täuschung ist!), sobald dies seinen Interessen förderlich ist Ter Mitteilung eines Buren zufolge, der zugegen war, hielt Botha letzte Woche in Spitzkop südlich von Amsterdam eine Ansprache an seine Truppen, in der er wieder betonte, daß England durch europäische Ver­wickelungen in Bedrängnis sei. (Tas ist z. Z. auch keines­wegs zu bezweifeln.) Er sagte ferner, die gute Behandlung, welche die Engländer den sich ergebenden Buren zu Teil werden lassen, sei ein Beweis, daß England nicht im stände sei, den Widerstand der Buren zu brechen. In der De­pesche derTimes" heißt es zum Schlüsse, die Operationen Bloods hätten bewiesen, daß die Buren den Rat Bothas, sich nicht zu ergeben, sondern sich in den Bergen zu ver­stecken, befolgt hätten. Eine Proklamation, in der ange­kündigt wird, daß nach Ablauf eines Monats allesEigen- tum der auf Kommando befindlichen Buren konfisziert werden würde, und die Führer, wenn sie gefangen genommen worden seien, mit lebensläng­licher Deportation bestraft werden würden, dürfte eine heilsame Wirkung haben, da es bekannt sei, daß mehrere Burenführer in ihrer Haltung schwankend sind.

Aus diesem Tratsch ersehen wir, daß die Buren nicht daran denken, sich zu ergeben, daß sie besten Mutes sind und daß die zuletzt ausgesprochene Drohung in leeren Wind geredet ist und nur den Zrveck hat, ein imposantes Mäntel­chen zu zeigen.

Höchst bezeichnend für englische Art ist die Behandlung der afrikanischen Tinge im Parlament . Im englischen

Unterhause erwiderte Kriegsminister Brodrick auf eine An­frage, Kitchener habe keine Weisungen erhalten, die ihn daran hindern könnten, Vorschläge der Buren entgegen­zunehmen. Er sei verpflichtet, alle Vorschläge sofort der britischen Regierung zu übermitteln. Kitchener jedoch sowie die Regierung lehnten es ab, die Frage der Unabhängigkeit

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

einmal im Reichstag dargelegt, daß er in seiner amtlichen Thätigkeit häufig persönliche Ueberzeugungen stärkeren, all­gemeinen Interessen unterordnen müsse. Und so wird der Staatssekretär wohl auch bei den Handelsverträgen nicht gleich eineKabinettsfrage" daraus machen, toenn seine Auffassung über die einzuschlagenden Wege von den Bundes­regierungen überall geteilt werden sollte. Wie man auch über die handelspolitischen Meinungen des Grafen Posa-- dowsky denken mag jedenfalls würde es gerade in den Kreisen der Industrie lebhaft bedauert werden, wenn er nicht bei den weiteren Handelsvertragsarbeiten mitzu­wirken Gelegenheit hätte. Wir haben erst kürzlich Groß­industrielle mit hoher Anerkennung von der Sachkenntnis und dem Entgegenkommen des Staatssekretärs sprechen hören.

Die Zuspitzung der marokkanischen Frage.

Seitdem Herr Delcassö, Frankreichs Minister des Auswärtigen, von seiner Petersburger Reise zurück­gekehrt ist, hat sich die wichtigste auswärtige Angelegenheit des westlichen Nachbarstaates, sein Verhältnis zu Marokko, offensichtlich zugespitzt. Die französische Regierung befolgte von diesem Zeitpunkte an, im Gegensatz zu ihrer früheren reservierten Haltung, die Politik entschiedenen Vorgehens. Gälte dies lediglich dem Sultan von Marokko, dann hätte die Sache weiter nichts auf sich. Doch mau weiß allgemein, daß Frankreichs Partner im DramaMarokko" kein anderer als England ist, daß der Kampf in Wirklichkeit um die Vorherrschaft im westlichen Mittelmeer geführt wird, die England kraft seines Besitzrechts auf Gibraltar zurzeit ausübt. Minister Delcasts hat also in Petersburg einerseits die Begebung der russischen Anleihe auf dem fran­zösischen Markt vermittelt, andererseits der auswärtigen Politik Frankreichs die Unterstützung Rußlands erwirkt und so die Republik gegen ein zweitesFaschoda" gesichert

Einer neutralen Haltung Rußlands hätte sich also Eng­land bei einem Waffengang mit Frankreich nicht mehr zu versehen. Das wissen die Herren an der Themse sehr wohl, und deshalb sind sie nach altbewährtem Brauch darauf aus, hinter einer anderen Macht Deckung zu suchen, und zwar hinter Deutschland, das für solche Zwecke den Britten noch stets gut genug war. Wenn man den in der Londoner Presse geflissentlich gegebenen Darstellungen glauben könnte, dann läßt sich auf dem weiten Erdenrund kaum ein Gebiet entdecken, in dem Deutschland so interessiert wäre als an Marokko. Demgegenüber muß betont werden, daß Deutsch land dort nur handelspolitisch interessiert ist. Und auch in dieser Beziehung herrschen vielfach übertriebene Vor stellungeu. Die offizielle Statistik berechnet den Wert des deutsch marokkanischen Handels auf wenig mehr als sieben Millionen, von denen der Löwenanteil auf die Einfuhr aus Marokko entfällt. Das politische Moment scheidet völlig aus. Eine etwaige Aufteilung deS Sultanats geht Deutsch­land nur insofern an, als es Sorge zu tragen hat, daß seine wirtschaftlichen Jntereflen keine Beeinträchtigung erfahren.

Der offenbar von England beeinflußte Sultan von Marokko scheint allerdings gesonnen, der Regierung die po litische Rolle aufzudrängen. Anders kann wohl schwerlich erklärt werden, daß er seinen KriegSminister jetzt beauf­tragt hat, sich in außerordentlicher Mission nach London und Berlin zu begeben. Einer Meldung auS Tanger zufolge soll im Plane liegen, ein Protektorat Englands über Marokko in die Wege zu leiten. ES geht sicher etwas AehnlicheS vor, sonst wäre nicht eigens eine marokkanische Gesandtschaft nach London delegiert worden, um König Eduard zur Thronbesteigung zu beglückwünschen. Nun, der Standpunkt Deutschlands ist klar und dürfte auch vom Reichskanzler dem marokkanischen Kriegsminister gegenüber entsprechend vertreten werden. Sich mit Frank­reich zu verfeinden, zu dem es jüngst in besonders freund­schaftliche Beziehungen getreten ist, liegt für Deutschland nicht der mindeste Anlaß vor. Gerade im dunklen Erdteil haben Deutsche und Franzosen immer und überall im besten Einvernehmen gelebt. Die Besorgnis Englands ist freilich begründet. Von seiner Position in Marokko hängt wesentlich ab der ungefährdete Besitz Gibraltar», die Stellung Groß brittanniens im Mittelmeere, und damit seine Stellung als Weltmacht. Die neuesten Madrider Telegramme lasten übrigens erkennen, daß auch Spanie n, das als Eigentümerin der nordafrikanischenPrefidioS" au der Marokko-Frage unmittelbar interessiert ist, die Entwicklung der Dinge mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt.

und

noch eine Reihe von Tagen zur Verfügung stehen. ES läßt t>ie Regierung lehnten es ab, Die y-rage oec unuoyungigiei sich wohl annehmen, daß Graf Waldersee nicht lediglich auSfzur Beratung zu stellen. Labouchere fragt, ob die Re-

Bekanntmachung.

Betreffend: Umbau der Ziegelsteige bei Grünberg; hier Enteignungsverfahren.

Die in unserer Bekanntmachung vom 22. Mai 1900 (Gießener Anzeiger Nr. 120 vom 24. Mai 1900) bezeichnete Tagfahrt zur Verhandlung über den Plan und die Ent­schädigung muß verlegt werden und findet nunmehr nicht am 14., sondern am DovverStag, dem 580. Juni d. 3s., vormittags 9 Uhr, auf dem Gemeindehaus zu Grünberg, statt.

Gießen, 8. Juni 1901.

Der Vorsitzende der Lokalkommission.

Dr. Heinrichs.

Bekanntmachung.

Wegen Vornahme von Erdarbeiten wird die Löwengaste am 10. dS. MtS. und die KaplanSgaste am 11. ds. Mts. für den Fuhrwerksverkehr gesperrt.

Gießen, den 8. Juni 1901.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Hechler.