Ausgabe 
9.2.1901 Zweites Blatt
 
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«t. 34 Kweiics Blatt.

Samstag dm 9 Fcvtuar 151. Jahrgang 1901

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Tie Zollbegünstigung der deutschen Kolonien

Die deutsche Kolonialgesellschaft hat im November v. I. burcf) ihren Präsidenten an den Reichskanzler eine Ein­gabe gerichtet, die für die aus den deutschen Schutzgebieten stammenden Erzeugnisse, namentlich für Kaffee, Cacao, Thee, Tabak, Zollfreiheit oder wenigstens besondere Zollbegünstig­ungen verlangt. Die Abteilung der Kolonialgesellschaft in Hamburg hat kürzlich, nachdem sich insbesondere Herr Woermann gegen die Forderung der Kolonialgesellschaft aus­gesprochen hatte, den Beschluß gefaßt, gegen die Zollbegün­stigung von Erzeugnissen der Schutzgebiete Einspruch zu erheben, weil sie überzeugt ist, daß eine solche Maßregel dem ganzen deutschen Handel und Gewerbe die schwersten Nachteile bringen werde.

Im Einklang mit den Anschauungen, die die Hamburger Abteilung der Kolonialgesellschaft zu ihrem Beschlüsse ver­anlaßten, bespricht die Hamburgische Wochenschrift für deutsche Kultur, derLotse", den Antrag auf Bewilligung von Zollbegünstigungen für die deutschen Kolonien. Er äußert sich darüber folgendermaßen:

Die Hamburger Großhandelswelt, die in allen fremden tzkolonien thätig ist, weiß sehr gut, wie unglaublich wenig Nutzen Spanien, Portugal und Frankreich aus dem System der Zollbegünstigung der Erzeugnisse ihrer Kolonien und der des Mutterlandes in letzteren ziehen. Ungeachtet dieser Ein­richtung liegen die genannten Kolonien darnieder, ihr Haupthandel liegt in Händen des Auslandes, und ihre Plantagenunternehmungen kommen zu keiner rechten Blüte. Dabei erweckt die Einrichtung aber immer ein Gefühl der Feindseligkeit und den Wunsch nach Gegenmaßnahmen beim Ausland. Wie würde sich dieses Gefühl im Aus­land steigern, wenn Deutschland in die Fußtapfen Portugals treten wollte? Es ist ganz sicher, daß nicht allein all­gemeine Nachahmung des deutschen Vorbildes verlangt, son­dern außerdem Revanche für die angebliche Benachteiligung gefordert werden würde. Nichts besseres könnte den briti­schen Imperialisten widerfahren. Bisher widersetzte sich die englische Regierung mit Erfolg ihrem Drängen auf Vorzugs- ÄÖlte für die Kolonien. Ein Schritt Deutschlands auf diesem Wege würde wahrscheinlich ihren Widerstand brechen und die Rückkehr zu dem in den vierziger Jahren beseitigten Diffe­renzialzollsystem bedingen! Wer kann ermessen, ein wie ungeheurer Schaden Deutschlands Handel und Schiffahrt dar­aus erwüchsen! Bleibt es doch erfahrungsgemäß in solchen Sachen nicht beim ersten Schritt. Angesichts dieser nahe­liegenden Erwägungen hat die Leitung der deutschen Han- sdelspoljtik bisher jeden Schritt auf dem vom Kolonial­verein gewünschten Wege ängstlich vermieden. In der Uebereinstimmung mit ihr hat auch der Kolonialrat wieder- lholt Anträge auf Zollbegünstigung Ostafrikas vor Zansibar ausdrücklich abgelehnt. Man kann daher nur staunen, wenn verlautet, daß der Antrag der Kolonialgesellschaft beim Entwürfe des neuen Zolltarifs bereits Berücksichtigung ge­

funden habe. Eine solche Thatsache würde die schlimmsten Befürchtungen für unsere handelspolitische Zukunft recht­fertigen, wenn es nicht dem dankenswerten Vorgehen Ham­burgs gelingt, rechtzeitig solchen Plänen einen Riegel vor­zuschieben."

Politische Tagesschau.

Auf dem vom deutschen Laudwirtschaft8rat veranstalteten Feste hielt Reichskanzler Graf Bülow folgende Rede.

Er wisse sich aber auch eins mit ihnen in dem «rnfilichm Be­streben, mit alle»» Kräften die Interessen der Landwirtschaft zu iöidern, die sich seit einer langen Reihe von Jahren in schwieriger Lage be­finde. Indem er der Landwtrtechaft zu Helsen trachte, erfülle er ledig­lich seine Pflicht. (L bhastes Bravo.) E« sei seine Pfl.cht als Re'ch«- kenzler, für einen Berus zu sorgen, welcher einem so großen Teil unterer erwerbithättgen Bevölkerung ihren Lebensunterhalt gewähre, d ssen Ergehen von so vitaler Bedeutuag sei für die Unabhängigkeit des Vaterlandes nach außen und seine innere Wohlfahrt. So lange er auf seinem Posten stehe, werde eS für ihn in der äußeren wie in der inneren Pout'k nur eine einzige R chtschnur geben: da8 öffentliche Wohl. Diele Salus publice mache es ihm zur Pflicht, die großen Produktivstände, Lmdwtltlchift, Industrie und Handel, ateichmäßtg zu schützen. Er werbe sich niemals verleiten lasten, die Wage der aus- gletchenden Gereiligkett zu Ungunften deS einen oder anderen TetlS sich heben oder senken zu lassen. Die Sorge für die Landwirtschaft sei ihm aber nicht nur Pflicht seines Amtes, sondern, davon könnten de Herren sich überzeugt hacken, er trete auch mit seinem Herzen für die Landwirtschaft ein. (Lebhaftes Bravo.) Dafür bürge «bnm fchon sein Name, drss-n T'äger durch Jahrhunderte b»e deutsche Scholle bebaut hätten. Er banke ihnen, daß sie ihm in seinem Streben Ltc sachverständige und besonnene Mitwirkung leihen wollten, und ei sei überzeugt, daß ihrem gemeinsamen Sueben der schließliche Erfolg nicht versagt bleiben werde. In dieser Hoffnung leere er sein GlaS auf das Wohl der deutschen Landwirtschaft u»d ihrer würdigen V-r tritung. Der Reichst«,' zler fchloß mit ehum Hoch auf den Land» MtrtfchaftSrat und mit dem Wunsche deS Blühens und Gedeihens der deutschen Landwirtschaft.

Wir lesen in derPost":

Bei der Besprechung der Interpellation Funck-Sänger im preußischen Abgeordnetenhause ist die Frage näher er­örtert worden, welche Umstände das Offenbacher Eisenbahnunglück veranlaßt haben. Es wurde na­mentlich die Ansicht ausgesprochen, daß der Betrieb nicht genügend gesichert sei, und hierbei der Eisenbahnverwalt­ung der wohl nicht berechtigte Vorwurf gemacht, daß sie durch falsche Sparsamkeit das Unglück verschuldet habe. Die Hauptsache, auf die schließlich das unglückliche Ereig­nis zurückzuführen ist, wurde jedoch bei den Verhandlungen kaum gestreift. Nach allem, was über die amtlichen Unter­suchungen bis jetzt an die Öffentlichkeit gekommen ist, unterliegt es wohl kaum einem Zweifel, daß das Offen­bacher Eisenbahnunglück in erster Linie auf die all zu­große Belastung der Strecke Bebra-Frank­furt zurückzuführen ist.

Es wurden bei den Verhandlungen zwar verschiedene Maßregeln in Vorschlag gebracht, die geeignet sind, eine erhöhte Verkehrssicherheit herbeizuführen. Doch werben diese umsowenigerim ft a n b e j e i n, a u f. die Dauer eine wirksame Abhilfe zu schaffen, als der Verkehr von Jahr zu Jahr zunimmt, und hierdurch die Gefahr von Unalücksfällen sich wieder er­höht. Will man bei Derartig überlasteten Strecken, tote die Frankfurt-Bebraer einen Zustand der Sicherheit schassen, der den weitgehendsten Anforderungen genügt, fo laß^ sich dies nur dadurch erreichen, daß entweder

1) der Fernverkehr von dem Lokalverkehr durch Anlage besonderer Geleise pp. vollständig g trennt wird, oder

2) Mittel gefunden werden, um einen Teil be& Verkehrs über andere Strecken au leiten.

Die unter 1) angegebene Maßregel, oie in manchen Fällen einen Kostenaufwand erfordern wird, der nicht viel unter den ursprünglichen Baukosten der betr. Bahn, bleiben dürfte, soll hier keiner weiteren Erörterung unter­zogen werden. Dagegen muß es als eine der ersten Aus­gaben der zuständigen Behörden bezeichnet werden, bei dem Neubau von Bahnen in Erwägung zu ziehen, ob durch diese nick)t eine Entlastung von bestehenoen durch ben Verkehr allzusehr in Anspruch genommenen Strecken her- beigesührt werden kann.

Ein lehrreiches Beispiel, wie durch den Neubau ander­weitiger Linien eine Strecke entlastet werden kann, bietet aerade 'die Frankfurt-Bebraer Bahn. In einer Korrespon- oenz derPost" aus Süddeutschland vom 19. Januar 1897 wurde näher ausgeführt, daß durch die in Oberhesfeu projektierten Neubahnen eine direkte Verbindung Schliß Lauterbach. Grebenhain Stockheim Frankfurt hergestellt wurde und daß es nur einer Fortsetzung der Bahn von Schlitz nach Hersfeld be­dürfe, um eine zweite Verbindung zwischen Bebra und Frankfurt zu schaffen. Es wurde hierbei namentlich auf die allzugroße Belastung der Bebra-Frankfurter Bahn und auf die Unbequemlichkeiten hingewiesen, welche die Kopfstation Elm dem Verkehr verursache. Auch wurde her­vorgehoben, daß eine zweite Verbindung BebraFrank­furt in mUitärischer Beziehung von der größten Bedeutung sein würde. Selbstverständlich müßte eine solche Bahn als Vollbahn ausgebaut, und die gegenwärtigen Projekte, in­soweit sie sich nicht für den Vollbetrieb eignen, dement­sprechend abgeändert werden.

Leider fand diese Anregung damals keine Berücksichtig­ung, und ist inzwischen der Bau der Strecke Lauter­bach-Grebenhain als Nebenbahn in Angriff genommen worden, während die als Vollbahn aus­gebaute Linie SchlitzSalzschlirf schon längere Zeit in Be­trieb ist. Die Strecke SalzschlirfLauterbach bildet einen Teil der anfangs der 70 er Jahre fertiggestellten Linie

Gduard von Simson.

In feinem Ruhestande, in den er erst als Achtziger eintrat, hat der verstorbene Präsident von Simson Erinnerungen aus seinem reichen Leben seinen Angehörigen in die Feder diktiert. Briefe von ihm und an ihn, Tage- buchaufzeichnungen, Aktenstücke und stenographische Berichte über parlamentarische Verbandlungen gaben neben einem kicher die Begebnisse der Vergangenheit bewahrenden Ge­dächtnis das Material zu den Blättern, die Simsons Sohn, der Historiker B. v. Simson, noch zu Lebzeiten seines Vaters niederaeschrieben und deren Inhalt er in den aktenmäßigen Zeugnissen geprüft hat. Das pietätvolle Buch (Eduard v. Simson, Erinnerungen aus seinem Leben, zusammengestellt von B. v. Simson. Leipzig, S H i r z e l, 1900, 440 S.") will das Andenken an einen bedeutenden Mann festhalten, dessen Lebenslauf mit den Anfängen parlamentarischen Lebens in Deutschland und mit der Gründung der deutschen Einheit eng verwachsen ist.

Eduard Simson war jüdischer Eltern Kind. Ter Vater tvar Kaufmann und Wechfelmakler in Königsberg. Mit drei Brüdern und einer Schwester wuchs E. auf und besuchte zuerst eine Schule, in die später auch Fanny Lewald kam. Sie erzählt in ihrer Lebensgeschichte:

Ich hatte eine außerordentlich große Meinung von meinen Anlagen und von meinem Wissen, und diese zu unterdrücken, hatte der Lehrer nur ein Mittel: er hielt mir beständig das Beispiel eines Knaben vor, der kurz vor mir die Schule besucht hatte und viel schneller vor­wärts gekommen war, viel mehr geleistet hatte, als ich." Das war Eduard Simson. Ungewöhnlich begabt, hielt er aber als Schüler des Collegium Fridericianum für über» flüssig, seine Kräfte anzuspannen, und gab dadurch zu manchem Tadel Anlaß. In einer Zensur des Elfjährigen heißt es: r

Ein gewisses hochfahrendes Wesen muß Simson noch mehr ablegen. Simson hält sich auch» unterrichteter, ab*

er ist, und daher kommt es, daß er nicht immer in den Vortrag eingeht, auch durch Plaudern zuweilen stört."

Dennoch war er erst wenig über 15 Jahre alt, als er das Reifezeugnis Nr. 1 empfing.

Auf der Universität hat ihn keiner so mächtig angezogen und gefesselt, als Herbart, der Kants Lehrstuhl einnahm. 1829 bestand er glänzend sein Schlußexamen, und der acht­zehnjährige Doktor begab sich, im Besitz eines königlichen Stipendiums, auf Studienreisen. In Berlin hörte er Ritter, Schleiermacher im Kolleg und auf der Kanzel bie Simsonschen Geschwister waren als Kinder getauft worden, Hegel, der über die Beweise für das Dasein Gottes sprach.

Zu (Smbe August brach er nach Weimar auf, mit Em­pfehlungen Zelters an Goethe und Eckermann versehen. Diese Tage in Weimar, das zweimalige kurze Verweilen bei Goethe, haben Simsons Leben bie Weihe gegeben. Sie waren ihm bie bebeutenbften, bie liebsten Erinnerungen seines Lebens, unb wie oft und gern hat er nicht denen Stand gehalten, bie ihn auf seinen Begegnungen mit dem Olympier brachten! Wenn er, im Lehnstuhl sitzenb, bas große schöne Auge auf die Hörer gerichtet, jenes Augenblicks gedachte, wo er an Goethes achtzigstem Geburtstage, über das Salve des Hauses am Frauenplan schritt und sich vor den Hoch­gefeierten gestellt sah, der im langen, braunen Rock, langen grauen Hosen und Stiefeln, mit lose umgebundenem Hals­tuch dastand, so fühlte man sich mit erfaßt und erwärmt von den weihevollen Erinnerungen, die der Achtzigjährige Awei Menschenalter nach jener erhebenden Zeit von neuem durchlebte. Simson überreichte bas Empfehlungsschreiben Zelters:Dr. Ebward Simson, ein stattlicher, achtzehn­jähriger Jüngling, von Königsberg in Preußen, ist mir stark empfohlen; er soll von großen Hoffnungen fein unb reifet auf königliche Kosten".Das ist hübsch", sagte Goethe,baß von Zelter etwas freunbliches zu biesem Tage eintrifft ich freue mich sehr Sie erlauben, baß ich ben Brief lese", unb einen jungen Mann heranwinkend. Unterhalten Sie diesen Herrn!" trat ev ins Nebenzimmer,

wo ich ihn mit unbewaffnetem Auge bas Schreiben lesen sah." Später stellte Goethe ihn dem Landesdirektionsrat Töpfer vor und äußerte ihm den Wunsch, daß er Simsow zur Feier von Geburtstagen imErbprinzen" einführeu. möchte, was denn auch geschah.

Am 31. August sah er Goethe zum zweiten Male.

Von der Ueberschwemmung (in Ostpreußen) aus­gehend, erkundigte sich der Alte nach Königsberg, nament­lich dem Botanischen Garten, Ostpreußen überhaupt, und sprach recht angelegentlich und etwas lauter, als er pflegt. Für einen Achtziger ist das Gesicht bildschön, das Haar ist grau, noch nicht weiß; herrliche Augen."

Im Gegensatz zu so vielen anderen Gästen Goethes- konnte Simson nicht genug Goethesunbeschreibliche Freund­lichkeit", die waschecht jugendliche Wärme rühmen, mit der er seine Gäste empfing. Simsons ganzes Leben stand unter dem leuchtenden Sterne Goethes. Nichts war ihm aus den Werken Goethes unbekannt.

Nach zweijähriger Studienzeit kehrte Simson nach Königsberg zurück, habilitierte sich und wurde fchon 1833 außerordentlicher Professor. Er war ein ausgezeichneter Redner und Lehrer, und hierzu trat sehr bald die praktische Richterthätigkeit am Tribunal und als Stadtverordneter. Seine hervorragende politische Thätigkeit beginnt mit seinem Eintritt in die Frankfurter Nationalversamm­lung als Vertreter von Königsberg. Die Abschnitte der Erinnerungen, bie die parlamentarischen Kämpfe von 1848 bis 1852, Frankfurt, Gotha, Berlin, Erfurt, umfassen, find am breitesten behandelt.

Als Redner ist Simson in Frankfurt nicht oft hervor getreten, desto fleißiger arbeitete er als Schriftführer feiner Abteilung, in der u. a. Dahlmann unb Fürst Lichnowski saßen, unb hatte mitunter den Vorsitz in feiner Fraktion. Seine Thätigkeit in ihr mag bie Aufmerksamkeit auf trjn gelenkt unb feine Wahl zum ersten Vizepräsidenten au Stelle Soicons veranlaßt haben. Später folgte er oag auf ben Präsidentensitz. Bamberger hat eirimal bemern, e» habe nur zwei Männe- gekannt, bie bas Prasidmnr