Nr. 2<Z3
Freitag 8. November 1901
Zweites Blatt.
151. Jahrgang
zwar zu einer Vereinbarung gekommen ist, die jedoch infolge neuer seitens der Pforte in den Weg gelegter Hindernisse nicht zur Ausführung gelangt ist, endlich Regelung oer Schuldfvrderung Lorandos entsprechend den oon Frankreich bereits früher gestellten Bedingungen.
Paris, 6. Nov- Admiral Caillard kann das türkische Kabel nicht benutzen, und mußte zur Aufgabe seiner Telegramme ein Kanonenboot nach der Insel Syra entsenden, die 120 Meilen von Mytilcne entfernt ist. In Konstantirwstel befürchtet man, wie von dort gemeldet wird, daß die grrechisch e Bevölkerung von Mytilene sich aufwerfen und die Annektion der Insel durch Griechenland verlangen werde.
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Ausland.
Mailand, 5. Nov. Nach der „Perseveranza" beziffert sich der seitens Italiens von China verlangte Schaden-Ersatz au^ 95 634 000 Lire, worin die Kriegslasten und die den Privaten zugefügten Verluste inbegriffen sind. Tas genannte Blatt bezeichnet diese Summe als äußerst bescheiden im Vergleich mit oen anderen Staaten zugeblllig- ten Entschädigungen.
Prag, 6. M>v. Die czechischen Blätter bringen den Wortlaut eines Memorandums, das der czechische Merus an den Papst richtete und in welchem dieser gebeten wird, eine Teilung Böhmens nach nationalen Diözesen nicht zu empfehlen, sondern, falls ein Bistum im Westsen Böhmens, lvo die Deutschen in der Mehrheit sind, errichtet werden sollte, zugleich auch da, wo die CzechM sich in der Majorität befinden, ein neues Bistum zu gründen.
Wien, 6. Nov. Der Ackerbauminister hat in der heutigen Sitzung des volkswirtschaftlichen Ausschusses die Stellung der Regierung zur Frage des Getreide-Tser- min Handels präzisiert. Nach der Erklärung des Ministers enthält die Vorlage zwar kein formelles Verbot des Getreide-Ternrinhandels, aber Beschränkungen desselben, die materiell auf eine Unterbindung des Ter-- minhandels hinauslaufen dürften.
Peking, 5. Nov. Der bisherige chinesische Gesandte in Betlin rst zum Nachfolger des kürzlich verstorbenen Vizepräsidenten der Auswärtigen Angelegenheiten Hsu Tschu Peng ernannt worden.
Bürgerschaft wurde bas Hamburgische StaatsbudLet für 1902 vom Senate der Bürgerschaft überreicht. Es schließt mit einem Fehlbeträge von nahezu 6' Millionen unter Ansetzung von 7 (ttnhetten der Einkommensteuer.
Stuttgart, 6. Nov. Der König hat dem früheren Kommandeur des ostasiatischen Expeditionskorps, Generalleutnant v. LeHsel^ das Ktomthürkreuz des Kronenordens mit Stern und Schwertern verliehen.
Zum frarrzöstsch-türkischeu Konflikt.
Der Frankfurter Börsenbericht in der gestrige" Abendausgabe der „Frkf. Ztg." beginnt mit folgenden Worten:
Nichts konnte die völlige Verödung der Börse treffender kennzeichnen, als die Thatsache, daß selbst ungünstige Momente keine Wirkung mehr üben können. Die Meldung von der Besetzung Mytilene's durch französische Kriegsschiffe ist fast spurlos an der Börse vor über gegangen. Nicht etwa, als ob das Vorkommnis als völlig belanglos angesehen würde; das ist keineswegs der Full, und die Börse fürchtet sogar, daß die Angelegenheit, nachdem sie einmal so weit gediehen ist, noch mehr Staub aufwirbeln und zunächst die offiziöse Presse ganz Europas stark in Bewegung setzen wird. Aber die Börse fühlt süh derart geschwächt^ und ihre Kraft ist so erlahmt, daß die Spekulation doch nicht im stände war, die Angelegenheit uufzugreifen und für ihre Zwecke zu verwerten.
Aehnlick)es wird aus Berlin gemeldet. Da heißt es im neuesten „B. L--A":
Auch die heutige Börse zeigte anfangs das nämliche unerquickliche Bild wie ihre letzten Vorgängerinnen. Nach keiner Richtung Hinnahmen die Geschäftskreise ein Interesse, und von dem Kundenpublikum ist ja schon lange nicht mehr die Rede. Man hätte glauben können, daß die noch immer nicht in ruhigere Bahnen geleitete Austragung des französisch-türkischen Konflikts der Börse Kopfschmerzen bereiten würde, zumal ttalieni- sche Stimmen, welche der Telegraph übermittelte, die Möglichkeit berührten, daß jener Konflitt wettere Kreise ziehen könnte. Mein, wie gesagt, unsere Geschäftswelt bleibt in der seitherigen Apathie.
Allerdings mögen zu dieser Gleichgttttgkeit der Börse auch Londoner Meldungen beigetragen haben, wonach Eng- land nicht in den Kmfflikt ein greifen wird. Nicht ein- greifen kann, „der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb". Die Einberufung eines Kabinettsrats unter dem Vorsitz Lord Salisburys hat nur eine dekorative Bedeutung; was ist da viel zu beraten, wo die militärischen Mittel fehlen, den brittschen Wünschen Nachdruck zu verleihen? Vor Jahr und Tag hätte'bei solchem Konflitt die Londoner Presse getoaltig ins Horn gestoßen, und die rücksichtslose Wahrung der englischen Interessen gefordert; heute aber fügt man sich in alles und bedeutet der Pforte, sie möge sich keine Hoffnung machen auf englische oder italienische Unterstützung. Auch ein Beweis, auf welchen Tiefpunkt der Entmutigung die Stimmung gesunken ist. Pariser Blätter wollen, nach Privatmittellungen aus Paris, an der deutschen Presse eine unfreundliche Haltung gegen Frankreich bemerken. Nun, es würde schwer fallen, für solche Auffassung Sttmmen aus angesehenen deutschen Zeitungen zu zitieren. Soweit wir sehen, herrscht in Deutschland volles Einverständnis darüber, daß Deutschland, so lange nicht etwa seine wirtschaftlichen Interessen in der Türkei angetastet werden, gar keinen Grund hat zur Einmischung in diesen Streit. Möglich ist es schon, daß der Sultan versucht, unter Berufung auf die freundschaftlichen Beziehungen, mit Berlin sich in Verbindung zu fejjen. Allein man wird davon überzeugt sein können, daß ein kaltblütiger und weitsehender Diplomat, wie der deutsche Botschafter in Konstantinopel, Frhr. v. Marschall, sich auf das äußerste reserviert verhält, und daß Graf Bülow ebenso wenig die Hand bieten wird zu irgend einer Aktion, die von Frankreich und von Rußland als ein Herausgehen aus der Neuttalität bettachten werden würde. Mtt der „traditionellen Freundschaft' zwischen Deutschland und der Pforte ist es gar so glänzend auch nicht bestellt. Die gelegenllichen liebenswürdigen Telegramme Abdul Hamids und andere Aufmerksamketten täuschen nicht darüber hinweg, daß manche deutsche Angelegenheit — es sei nur an die anabolische Bahn erinnert — von der Türkei durchaus nicht mit rascher Förderung behandelt wurde. Es ist weder eine politische noch eine moralische Nötigung für Deutschland vorhandeü, der Pforte in dieser Differenz Beistand zu leisten.
Die heute vorliegenden Meldungen lauten:
Paris, 6. Nov- Marineminister Lanessan hatte heute nachmittag eine lange Unterredung mit dem Botschafter Constans. Der Marineminister empfing abends 6 Uhr -ein Telegramm von dem Admiral Caillard, datiert von heute früh. Der Admiral teilte hierin mit, daß das Geschwader sich noch immer vor Mytilene befinde und daß noch keine Truppen gelandet seien. Die See gehe übrigens sehr hoch.
London, 6. Nov- Reuters Bureau meldet aus Konstantinopel vom 6. Nov.: Die Pforte sandte gestern an den Botschaftsrat Bapft eine 9ä)te mit monatlichen Anweisungen auf Zölle als Zahlung für die Forderungen Lorandos und Tubinis. Die Note enthüll gewisse Entscheidungen der türkischen Regierung u. a. hinsichtlich der Quaiangelegenheit. Der Botschaftsrat sandte .bie Note nach Paris.
Konstantinopel, 6. Nov- Das von Frankreich als ungenügend zurückgewiesene Jrade der Sullans, das die vollständige Bezahlung der von Frantteich geforderten Summe in kurzer Frist anordnete, trägt folgenden eigen» “bändigen Vermerk des Sultans: „Verflucht sei derjenige, welcher diese Affaire heraufbeschwor und unter der Bedingung, ihn der gebührenden Strafe entgegen» Mähren, nehme ich das Arrangement an". — In der Mitteilung, die der französische Botchaftsrat Bapst oer Pforte zukommen ließ, wird außer den gemeldeten Forderungen noch die Erfüllung folgender Bedingungen »erlangt: Unzweideutige endgillige Regelung der Quaistage, chwie der Angelegenheit Tubini, bezgl, welcher es
England und Transvaal.
Brodrick erklärt in einer Zuschrift an die Korrespondenten, die Sterblichkeit in den Konzentrationslagern sei in der Hauptsache auf die Umstände zurückzuführen, wie der Krieg sie mit sich bringe. Viele der in den Lagern untergebrachten Personen wären schon vor dem (Eintreffen in den Lagern schlecht gekleidet und mangelhaft ernährt gewesen, sie seien deshalb nicht im stände, die Krankheiten zu überwinden. Mes Mögliche werde gethan, um die Zustände in den Lagern zu bessern; es sei aber unmöglich, den Mangel zu verhindern, wenn einige wenige Leute keine Mittel sparen, das Land unbewohnbar zu machen.
Londoner Blätter sehen in dem bedeutenden Rückgang der englischen Staatspapiere in den letzten Tagen den Beweis, daß auch in der Finanzwelt die Ansicht vorherrscht, daß der Krieg noch lange Zeit dauern Wird.
Ans Buren-Kreisen in Holland wird gemeldet, daß das Stornite der Amsterdamer Dockarbeittr in sämtlichen Ländern Subskripttonen zur Unterstützung der Dockarbeiter, die sich der Boykottbewegung anschließen, eröffnen wird. Man hofft, genügende Geldmittel zu sammeln, um die Ausständigen wenigstens zwei bis drei Wochen zu entschädigen. Selbst eine Dauer von 14 Tagen würde genügen, um England solchen Schaden zuzufügen, daß die Regierung gezwungen würde, irgend welche Maßregeln zur sofortigen Beendigung des Krieges zu ergreifen. — Es giebt doch immer noch .solche Optimisten in der Welt, die da glauben, die Engländer ließen sich durch irgend etwas erweichen.
Der Brüsseler „Petit bleu" berichtet aus dem Haag, es sei unrichtig, daß die Burenoelegierteu im Einverständnis mit dem Präsidenten Krüger beschlossen hätten, an den eng lischen Offizieren Rache zu nehmen. Diese Meldung sei nur zu dem Zwecke verbreitet worden, um die englischen Truppen in Süd-Afrika zu energischerem Widerstande gegen die Buren anzuhalten.
10. Sitzung Großh. Handelskammer Gießen, für die Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach.
Protokoll-Auszug.
Gießen, 5. Nov.
Anwesend sind die Herren: Kommerzienrat Heichelheim, stellvertretender Vorsitzender, Balser, Türbeck, Hoos, Zhring, Katz, Nowack, Ramspeck, Rinn, Röhr, Schirmer, Schmall, Wallach und Zurbuch, sowie der Syndikus Dr. Kehm. Entschuldigt fehlen die Herren: Kommerzienrat Koch, Grünewald, Moll und Steinecke.
1. Geschäftsbericht. Daraus ist hervorzuheben: Nachdem die Eisenbahnverwaltung mit dem 1. Juni d. I. für den Versandt der in Lothringen und Luxemburg gewonnenen Minette-Erze nach dem niederrheinisch-westfälischen Jndustriebezirk eine wesentliche Frachtermäßigung gewährt hat, haben sich die oberhessischen Eisensteinberg^ werke au die Kammer mit der Bitte gewandt, sie möge dafür eintreten, daß für den Versandt der diesseitig gewonnenen Erze dieselbe Vergünstigung eingeräumt werde. Die Kammer hat diesem Gesuch durch mehrere Eingaben an zuständiger Stelle entsprochen.
Dem Großh. Ministerium des Innern hat die Kummer eme zweite Eingabe, bett, die Sätze des Zolltarifentwurfs, unterbreitet, in der gegen die in dem Entwürfe vorgesehenen Zölle auf die Rohstoffe zur Seifen- iabrikation, Bienenwachs, Ealeium-Carbid, Ultramarin Erdfarben und garnierte Männerhüte aus Filz Stellung genommen wurde.
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger v *'7
Amts- und Anzeigeblatt für -en Ureis Gießen
Politische Tagesschau.
An die Adresse Pottugals.
Die „Nordd. Allg. Zig." erhärt gegenüber einer Behauptung Lissaboner Blätter, daß deutsche Truppen die Fahnen in Ouanhama in P ortugie fisch-Angola aufgepflanzt hätten, Ouanhama falle teilweise in deutsches teil* weise portugiesisches Gebiet; doch sei in diesem entlegenen Teile deutschen Gebietes ein. Verwaltungsapparat bisher gar nicht eingerichett, sondern es seien nur Beobachtungsstattonen errichtet, die sechs bis acht Tagereisen von der portugiesischen Grenze entfernt seien. Die eingelaufenen Berichte bieten nicht den mindesten Anhalt für die Annahme, daß eine Grenz- überschreitung durch AngehÜttge der deutschen Schutztruppe stattgefunden habe.
Eine besondere Ehre für die Lissaboner Presse, vom deutschen auswärtigen Amt durch dessen offiziöses Organ rekti- fiziett zu werden. Die portugiesischen Blätter hatten voller Entrüsttmg behauptet, es sei die höchste Zeit, daß über der- artige Grenzverletzungen auf diplomatischem Wege Beschwerde geführt werde. Kühlen Tones wird von der „Nordd. Allg. Ztg." die Haltlosigkeit der portugiesischen Beschuldigungen erwiesen. Es bleibt die Frage offen, warum solche unbegründeten Anklagen erhoben wurden? In der Neigung auch der polttsschen „Gernegroße", um jeden Preis von sich reden zu machen, ist wohl die Erklärung zu finden. Das Dementi der ,N. Allg. Ztg." scheint der Ehre fast zu viel für solche Wichttgthuer.
Deutsches Reich.
Berlin, 6. Nov. Der Kaiser höstte den Vortrag des Ehefs des Civilkabinetts v. Lucanus.
— Das sog. Defizit im Reichsetat, das bisher auf 100 Millionen Mark geschützt wurde, soll sich bei der endgiltigen Feststellung des Etatsentwurfes für den Bundesrat auf 140 Millionen gesteigert haben. Um diesen Betrag würden somit, wenn nicht andere Mittel zur Deckung herangezvgen werden, die M atrikular- beiträge zu erh öhton ll!) seien. Auch in Preußen wird, wie es der „Nat.-Ztg." zufolge heißt, mit einer sich ungefähr ebenso hoch belaufenden Verschlechterung des Etats für 1902 im Vergleich mit dem des Jahres 1901 gerechnet, oa zu der Steigerung der preußischen Mattikularbeiträge eine beträchtlich geringere Veranschlagung der direkten Steuern und der Eisenbahnüberschüsse hinzuLommt.
— Hn Angelegenheit des March en brünnen s beschloß die städtische Kunstdeputatton in ihrer heutigen Sitz- unng, das derzeitige Projekt nach noch herzustellenden' Plänen des Stadtbaurats Hoffmann abzuändern und sodann bie baupolizeiliche Genehmigung einzuholen. Diesem Beschlüsse ging eine teilweise sehr lebhafte Debatte voraus, da einige Mitglieder der Deputation von einer Abänderung durchaus nichts wissen wollten , sondern darauf drangen, daß für das alte Projekt die Baubewilligung erwirkt und eventuell der Klageweg betreten werden solle. Nach einem sehr ausführlichen Referate des Stadtbaurats Hoffmann, oer die Notwendigkeit der Abänderung sachlich begründete, würbe der Abänderungsbeschluß gefaßt.
— Tie Bnndesratsausschüsse beendigten die zweite Lesung bes Zolltarifs.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Durch Beschluß bes Bundesrats vom 5. Nov. 1901, ist über die berufs-- genossenschaftliche Organisation der durch die Paragraphen eins und zwei des Gewerbe-Unfall-Versicher- ungsgesetzes vom 30. Juni 1900 in bie Unfallversicherung neu einbezogenen Gewerbezweige Bestimmung getroffen. Es handelt sich dabei um einen Zuwachs von mindestens 87 000 Bettieben, mit annähernd 160 000 beschäftigten Personen. Am stärksten ist daran die Fleischerei-Berufsgenossenschaft beteiligt. Die einzige vom Bundesrat beschlossene neue Berussgenossenschaft ist die das ganze Reich umfassende Berufsgenossenschaft für Betriebe, welche sich auf die Ausführung von Schmiedearbeit erstteckten. Zu ihrer Konstituierung werden in Berlin im Gesamtsitzungssaale des Neichsversichcrungsamts Delegierte des Schaniedehandwerks aus ganÄ Deutschland zusammentreten.
Kiel, 6. Nov. Der Kaiser hat anläßlich des 50jähr. Bestehens der Marineschule an den Inspekteur des Bildungswesens der Marine, Vizeadmiral v. Arnim, folgendes Telegramm gerichtet:
Am heutigen Tage des 50jährigen Bestehens der Marineschule entbiete Ich den Offizieren und Fähnrichen Meinen Kaiserlichen Gruß mit dem Wunsche, daß bie Anstalt auch fernerhin als Stätte ritterlichen Geistes unb । berusswissenschastlicher Bildung Meiner Seeoffiziere von : Erfolg gefrönt fein möge. Sie haben biefe Ordre ben < Offizieren unb Fähnrichen Meiner Marineschule bekannt * 1 zu geben. '
Hamburg, 7. Nov. In der gestrigen Sitzung berj:
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