Ausgabe 
8.6.1901 Erstes Blatt
 
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Im Konak zu Aesgrad

fitzt König Alexander in seinem Arbeitszimmer, raucht eine Zigarette und nimmt den Vortrag seines Polizei-Präfekten entgegen.

Der Präfekt (das Vorlesen eines Bittgesuches be­endend):Aus allen diesen Gründen, Majestät, ist es woh' nicht zu unbescheiden von mir, wenn ich mich in der Hoffnung wiege-

Der König (sehr erregt auffahrend): Sprechen Sie da- Wort Wiege nicht vor mir aus! Das Bittgesuch ist abgelehnt! Der Petent erhält zwei Tage Ge ängnis!

Der Präfekt: Zu Befehl, Majestät! (zögernd) Dann habe ich Ew. Majestät noch ein Gesuch zu unterbreiten hm nämlich da ist der (schöpft Äthern und sagt sehr schnell) der Christitsch JlanowicS, welcher die Ehre hatte, frO Kilo Wickelbänder, ein Dutzend Baby Häubchen, vier Dutzend Kinderhemdchen mit echter Spitze, sechs Dutzend seidener Windeln mit gestickten Rosen und Veilchen, vier Dutzend Wickeltücher, zwei Dutzend Lätzchen und ein Dutzend Steckkissen mit der Königskrone in erhabener Goldstickerei zu senden, ersucht Ew. Majestät um die Gnade, ihm das Prädikat Hoflieferant zu erteilen!

Der König (aufbrausend): WaS, der Kerl untersteht sich

Der Präfekt (schnell): Der Christitsch JlanowicS er- klLrt sich dafür auch bereit, die ganze Ausstattung wieder- Anehmen und das Geld zurückzuzahlen!!

Der König: .So, so das ist allerdings etwas anderes. Na, meinetwegen lassen Sie ihm das Hof­

lieferanten Diplom zugehen! (er tritt an das Fenster und blickt hinaus).

(Ein Lakai wankt zitternd über die Schwelle und über­reicht dem Polizeipräfekten ein Telegramm).

Der Präfekt (für sich). Ein Staatstelegramm aus Rom! Donnerwetter!

Der König (sich umwendend). Was haben Sie da?

Der Präfekt (mit zitternder Stimme). Soeben ist für Ew. Majestät ein Telegramm angelangt aus aus aus Rom!

Der König. Aus Rom?! (wankt und hält sich an einem Stuhl fest.) Oeffnen Sie und sagen Sie mir, was das Telegramm enthält!

Der Präfekt (nachdem er die Depesche gelesen und überflogen hat). In Rom ist die Königin Elena so zu sagen, entbunden worden!

Der König (finkt in einen Sessel, dumpf). Es giebt also noch Höfe, wo so etwas vorkommt!

Der Präfekt: Majestät es ist übrigens nur eine Kleinigkeit so gut wie gar nichts eine Prinzessin!

Der König (atmet auf). Das ändert allerdings die Sachlage. Und so was wird telegraphiert! Lächerlich!!

Der Präfekt (bekommt einen Lachkrampf). Hahahaha! Hahahaha, hahahahaha! Im höchsten Grade ko komisch!

Der König (zu dem Lakai). Sagen Sie Ihrer Majestät der Königin, ich ließe sie bitten, zu mir zu kommen!

Die Königin Draga (tritt, gefolgt von dem Lakaien, in das Zimmer): Du wolltest mich sprechen, Sascha?

Der König. Jawohl, liebste Draga! Ich habe Dir

etwas furchtbar Komisches mitzuteilen denke Dir hahahaha nein, es ist zu drollig hahahaha Du wirst Thränen lachen, also, denke Dir, die Königin Elena von Italien ist von einer ganz kleinen Prinzessin ent« bunden worden!

Die Königin (triumphirend). Eine Prinzessin daS lohnte gerade eine solche Lappalie! (lacht höhnisch) hahaha!

Der Präfekt. DaS ist einfach eine Irreführung der öffentlichen Meinung!

Der König. Brillanter Witz! Verleihe Ihnen die erste Klasse des Takowa Ordens, lieber Präfekt! (nimmt ihn aus der Westentasche.) Hier! Hahaha!

Di,e Königin. Hahahaha!

Der Präfekt. Hahahaha!

Der Lakai. Hahahaha!

Der Präfekt. Es wäre köstlich, wenn Ew. Majestät und Ihre Majestät die Königin an den König Emanuel ein sogenanntes Glückwunsch-Telegramm senden würden viel­leicht mit einer kleinen Ermunterung!

Die Königin. Ein famoser Einfall! Sascha, daS th n wir. (Auf den Präfekten deutend): Gieb ihm auch die Brillanten zum Takowa Orden!

Der König (nimmt sie aus der Hosentasche). Da haben Sie auch die Brillanten! Setzen Sie sich, Präfekt, und schreiben Sie! (er diktiert)An Seine Majestät den König Viktor Emanuel von Italien. Wir gratulieren Ew. Majestät und Ew. Majestät erlauchten Gemahlin herzlichst zu )er Geburt einer Prinzessin. Nur Mnt! Mögen Majestät >en Wahlspruch Ihres Hauses beherzigenSempre avanti, Savoia! Alexander. Draga.-

Amtlicher Feil. Bekanntmachung.

Betr.: Die Mathildenstiftung für die Provinz Oberhessen.

Die diesjährtge Hauptversammlung der Mathildenstiftung für die Provinz Oberhessen findet

DieuStag de« 18. Juni 1901, vormittags 11 Uhr, im RegterungSgebäude zu Gießen statt, wozu die verehelichen Mitglieder der Stiftung ergebenst eingeladeu werden.

Tages-Ordnung:

1. Prüfung der Rechnung pro 1900.

2. Verteilung des Überschusses aus 1900 zur Unterstützung gemeinnütziger Anstalten.

3. Feststellung des Voranschlags für 1901.

< Ergänzungswahl des Vorstandes.

Gießen, den 5. Juni 1901.

Der Vorstand der Mathildenstiftung für die Provinz Oberhessen. __v. Bechtolds _____________

Gießen, den 4. Juni 1901. Betr. DaS Hochbauwesen der Kirchen und Stiftungen. Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen a» die Kirchen» und StiftnngSvorstäude deS Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 11. Mai I. IS. (Gießener Anzeiger Nr. 112) noch nicht entsprochen haben, werden an deren Erledigung erinnert.

v. Bechtold.

Kaust auf dem deutschen Markte!

Von fachmännischer Seite schreibt man uns:

Auf dem Wege über Oberschlesien wurde jüngst bekannt, da st englische Werften der rheinischr-wesftälischen Eisen-In­dustrie Aufträge zur Lieferung von Maschinenteil- und Konstruktionsmaterial erteilt Haven. Es ist gewiß erfreu­lich das ,Ausland als Kunden der deutschen Industrie zu sehen, zu einer Zeit, wo deren Lage nichts weniger als glänzend genannt werden kann. Und es wäre zu wünschen, daß auch die vberschlesischen Werke an solchen Aufträgen teil hätten, zumal sie m Bezug auf die Lieferung von Schiffsbaumaterial oen westlichen Werken gegenüber selbst seitens der deutschen Verbraucher zurückgesetzt sind.

Doch es liegt andererseits kein Grund vor, den Wert der ausländischen Aufträge zu überschätzen. Man halte, sich gegenwärtig, daß das Ausland nicht nur giebt, son­dern auch nimmt, bereits genommen hat. Daß Deutschland seine Schiffe, gleichviel welchen Typs, vom Kiel bis zur Mastspitze aus deutschem Material zu bauen in der Lage ist, steht fest, und ist oft mit berechtigtem Stolz hervor­gehoben worden. Ebensowenig aber läßt sich schon die Thatsache aus der Welt schaffen, daß deutscherseits Schiffs­bau-Aufträge noch immer ans Ausland gegeben werden. Gs könnte da fteilich eingewendet werden, die deutschen Werften seien geraume Zeit mit Bauaufträgen überhäuft gewesen, besonders seitens ausländischer Besteller. Ohne Zweifel. Ein förmlicher Vorwurf gegen die deutschen Auf­traggeber soll daraus auch nicht hergeleitet werden. Wohl aber muß es beftemden, wenn deutscherseits Material zum Bau von Schiften, vollends von deuftchen Schissen, aus, dem Ausland bezogen wird.

Mag auch, der deutsche Werftbetrieb zeitlich nicht

immer lieferungsfähig gewesen sein, die deuftche Industrie war stets in der Lage, den an sie gestellten Ansprüchen voll zu genügen. hat deshalb mit Recht Bedauern erregt, und es verdient, in die Erinnerung gerufen zu werden, daß eine große Schiffahrtsgesellschaft vor einiger Zeit die Lieferung eines beträchtlichen Quantums Stahl ans Ausland vergab. Es geschah dies, obgleich die ungünstiger werdende Konjunktur die deutschen Industriellen zu Be­triebseinschränkungen und Arbeiterentlassungen nötigte. Die Herstellung der erwähnten Stahlmenge durch deutsä-e Werke wäre also wünschenswert gewesen. Dock), wichtiger ist die grundsätzliche Seite der Sache.

Tie deutsche Industrie wird an Leistungsfähigkeit von keiner anderen übertroffen. Tas ist nicht ein aus der Toaststimmung berausgesprochenes, sondern ein von nüch­ternen, sachkundigen Kritikern aller Nationen gefälltes Urteil. Speziell in der Fabrikation von Eisen und Stahl hat Teutschland keinen Wettbewerb zu scheuen. Solange rrun nicht nachgewiesen ist, daß das Ausland Besseres! leistet, solange, sollte man meinen, liegt es im nationalen Interesse wie in dem der Auftraggeber, auf dem heimi­schen Markte zu kaufen. Tie erwähnte Stahllieferungs­ordre mag im Verhältnis zu den der deutschen Jndurstie sonst zusließenden Aufträgen nicht so sonderlich ins Ge­wicht fallen. Sie darf und muß aber Anlaß bieten zu einem Appell an die Verbraucher von IndustrieerZeugnissen, in Zukunft keinen Auftrag außer Landes zu geben, ganz besonders nicht in einer Periode ungünstiger industrieller Konjunktur. Der ausländischen Bestellungen wird die deutsche Industrie dadurch schwerlich verlustig gehen, eben weil ihre Erzeugnisse allseitig für erstklassige gelten. Daß England Schiffsbestandteile aus Deutschland bezieht, be­weist es zur Genüge. Minderwertige Ware nimmt ein Englishman nicht er giebt sie allenfalls.

Politische Tagesschau.

Eine wunderliche Geschichte ging dieser Tage durch die Presse, die durch eine daraufhin erfolgte öffent­liche Erklärung besondere Beachtung verdient, und auch von der unparteiischen Presse nicht verschwiegen werden darf. Die Frau eines Arbeiters Faßbender in Düsseldorf lag totkrank im Krankenhause. Als sie ihr letztes Stündlein nahen fühlte, da empfand sie das Bedürfnis, ihren Mann noch einmal zu sehen, und von ihm Abschied für die Ewig­keit zu nehmen. Als er aber herbeieilte, um den Wunsch der Sterbenden zu erfüllen, da erhob sich vor ihm die Krankenschwester und wehrte ihm den Eintritt, da der Kaplan dies verboten habe, weil er mit seiner Frau nicht kirchlich getraut sei, und daher kein Anrecht auf sie habe. Ter Abgewiesene eilte zum Bezirkskommissar, doch auch ein ihm mitgegebener Polizeibeamter vermochte sich keinen Zutritt zu verschaffen, obwohl er die Papiere vorwies, die seinen Begleiter als den gesetzlichen Ehemann legiti­mierten. Der Eintritt wurde verwehrt. Erst nach Stunden erhielt der Mann Einlaß mit dem Bemerken,nun könne er seine Frau sehen, sie fei schon tot".

Nun veröffentlicht der Dekan Schwippert einen offenen Brief, um sein Verhalten zu rechtfertigen, und den Nach­weis zu versuchen, daß er nur handelte, wie seine Pflicht es ihm vorschrieb, und daß er nur Anschauungen vertrat, die ihm die Regeln seiner Kirche gebieten. Also lautet das Schriftstück:

Als ich am Abende des 27. Mai nach einem Krankenbesuche das St. Josefskrankenhaus verlassen

wollte, wurde mir bedeutet, daß eine Frau Faßbender nahe am Sterben sei, tvoraufliin ich auch diese besuchte, um einige Worte mit ihr zu reden. Als ich nach einigen Augenblicken hinausging, sagte mir die Schwester, sie habe gerade von einer Kranken gehört, die Frau sei nicht kirchlich getraut. Daraufhin bat ich die Schwester, während ich an der Thür stehen blieb, die Frau hier­über zu befragen, und es stellte sich heraus, daß sie zweimal bürgerlich verheiratet gewesen, und zwar nach dem Tode ihres erstenMannes" mit dem p. p. Faß­bender, der von seiner ihm kirchlich an getrauten Frau geschieden lebt. Tie Frau wurde von den Schwestern auf das Bedenkliche ihres Zustandes aufmerksam gemacht und ihr nahegelegt, diese Sache noch vor ihrem baldigen Tode zu regeln. Es kommen nun für einen solchen Fall folgende kirchliche Vorschriften zur Anwendung: 1. Kann die Ehe nicht geschlossen werden, so ist die Trennung der beiden Konkubinarier (so nennt der Kaplan die nach dem Zivilgesetze Getrauten) unerläßliche Be­dingung für die Erlaubnis zur Spendung der Sterbe­sakramente, es sei denn, dah dieselbe physisch oder mo­ralisch unmöglich wäre. Tic Trennung war hier möglich; aber die Ehe konnte nicht geschlossen werden, weil die rechtmäßige Frau des Faßbender noch lebt. 2. Die Sa­kramente dürfen natürlich nur dann gespendet werden, wenn der Kranke seine Vergangenheit ausrichtig bereut und ernstlich entschlossen ist, das sündhafte Verhältnis sobald als möglich auch äußerlich aufzugeben. Hierzu hatte sich die Frau schon freiwillig bereit erklärt. 3. Ist das Konkubinat öffentlich, die Trennung der beiden Kon­kubinarier möglich, die Ehescyließung dagegen unmöglich, so muß vor Spendung der Sterbesakramente die Trennung verlangt und vollzogen werden. Wenn die betr. Frau später ihren Entschluß widerrufen und nach demManne" verlangt haben sollte, so wäre dies im Interesse der Frau jedenfalls zu bedauern. Hierfür fann mich jedenfalls kein Vorwurf treffen, da ich nur gethan, was meine strenge Gewissenspflicht war, wie die obigen kirchlichen Grundsätze von mir verlangten. Man kann einem solchen Vorkommnis nur den Wunsch beifügen, daß Gott seine Kirche vor solchen Katholiken bewahren möge. Schwippert, Kaplan."

Wir enthalten uns angesichts der Thatsachen jeder Kritik. ________

Vom Zentralkomitee desAllgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes in Rußland und Polen" wird folgende Schauergeschichte mitgeteilt:

Eine fürchterliche Grausamkeit geschah vor kurzem in Lodz, wo von der Ortspolizei ein jüdischer A r b e i t e p zu Tode gefoltert wurde. Ties der Thatbestand: 2Lm 9. Mai wurde in Lodz der Bäckergeselle Jakob Leiser Palkin auf die Anzeige seines Arbeitgebers als politischUnzu­verlässiger" arretiert. Er wurde im 1. Polizeirevier in einer Einzelzelle gehalten, wo er bet schauderhafter Be­handlung seitens der Polizei fünf Tage hintereinander nichts zu essen und nichts zu trinken bekam. Als der unglückliche Arbeiter am fünften Tage vor Hunger- und Turstqualen seine Kräfte fchlwinden fühlte, klopfte er an die Thür seiner Zelle und flehte seine Henker an, ihm etwas Wasser zu geben. Doch die Henker rissen sofort die Thür auf, stürzten sich auf ihn und bearbeiteten ihn mit fürchterlichen Schlägen. Tie in den Nachbarzellen inhaftierten Genossen teilten uns nachher mit, daß sie anfangs ein unmenschliches Geschrei und Stöhnen hörten, allmählich wurde aber die Stimme des Gefolterten schwächer

Nr. 132

Erstes Blatt.

151. Jahrgang.

Samstag 8. Juni 1901

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