Ausgabe 
8.3.1901 Zweites Blatt
 
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Nr. 57 Zweites Blatt.

151. Jahrgang.

Freitag 8. März 1901

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Bekanntmachung.

Wegen Vornahme von WafferleitungSarbeiten wird die vrangasse zwischen Brandplatz und Wallthorstraße am 8. und 9. d. MiS. für den Fuhrwerksverkehr gesperrt.

Gießen, den 7. März 1901.

GroßherzoglicheS Polizeiamt Gießen. Hechler.

Ein neues Attentat auf den deutschen Kaiser.

In der verflossenen Nacht erhielten wir folgendes Tele­gramm, das wir heute früh um l/tl Uhr durch Extrablatt in der Stadt bekannt gaben:

Bremen, 7. März, nachts l Uhr30Miu. Während der Fahrt vom Ratskeller nach dem Bahnhof wurde nach dem kaiser- ttcheu Wagen von einem angeblichen Arbeiter Dietrich Weiland ein Eisen stück geworfen, von dem der Kaiser angeblich au der Waage leicht getroffen worden sein soll. Der Kaiser setzte die Fahrt ohne Unterbrechung fort. Der sofort ver­haftete Attentäter Weiland ist Epileptiker und giebt verworrene Amworleu.

Also die Thal eines unzurechnungsfähigen Kranken, den wohl derRuhm- der Breslauer Gemüsefrau nicht hat schlafen lassen. Wie jener Vorfall in BreSlau am 16. No­vember v. IS., giebt auch dieses Attentat zu besonderer Erregung keinen Anlaß. Es ist nicht der ruchlose Mord­versuch eines Anarchisten, sondern die That eines einem un- heUbaren Leiden Verfallenen, der in dem Augenblicke des Geschehens vielleicht seiner selbst nicht mächtig war. Dunkle Nacht warS, und der unselige Kranke wußte vielleicht garuicht einmal, daß der Wagen, der da an ihm vorbeirollte, der seines Kaisers war. Vielleicht hatte der Mann kein Obdach, und er wollte nur die Aufmerksamkeit der Nachtwandler auf sich lenken, als er das Eisenstück, das er am Boden fand, in die Hand nahm und von sich warf. Ein Eisenstück ist nicht die Waffe eines Anarchisten. Hätte ein zusammen geballtes Stück Papier vor ihm gelegen, er würde es viel­leicht ebenso aufgehoben und von sich geschleudert haben. Auch steht eS noch garuicht fest, daß der Wagen des Kaisers das bewußte Ziel des Wurfes war. Man wird hiernach keineswegs eine Parallele zu ziehen haben zwischen dieser Thal und der Ermordung des unglücklichen re Umberto, des ritterlichen Königs von Italien. Sensationsblätter werden gewiß auch hierin Stoff finden zur Aufregung ihrer Leser­schaft. Wir drücken nur unser Bedauern aus über das Vorkommnis, und sind überzeugt, daß sich allenhalben in der Welt lebhafte Kundgebungen des Mitgefühls äußern werden, daß das ehrfurchtgcbieteuoe Haupt des oeutschen Reiches leider nicht unversehrt geblieben ist. Wenn aber auch von einem Anschlag gegen daS teure Leben unseres Kaisers zwar kaum die Rede sein kann, so lehren und doch die neuesten Telegramme, daß der Kaiser eine nicht so ganz unerhebliche Gesichtswunde davongetragen hat, die ihn verhindert, das Zimmer zu verlaffen. Die hervorragende Kunst unseres großen Chirurgen Bergmann wird ja gewiß imstande sein, die Gesundheit deS hohen Patienten bald wieder herzustellen. Der Attentäter wird, wenn eS sich ergeben sollte, daß er ernsthaft nach dem Leben des Kaisers getrachtet hat, die ge­rechte Strafe erhalten. Nach der BremerWeserzeitung- ist Weiland ein 19jähriger Bummler. DaS Eisenstück war anscheinend ein Thürbeschlag.

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Um ll3/i Uhr erhielten wir folgende Depeschen:

Bremen, 7. Marz. (Tel.-Meld. d.Gieß. Auz.") Rach derWeserzeituug" wurde der Kaiser von dem gegen ih» ge­schleuderten Eiseustück auf der Wange unter dem rechten Auge getroffen, kaan aber nicht schwer verletzt sein, da er auf der ganzen Fahrt zum Bahuhofe zu dem neben ihm fitzenden Burger- meister nichts darüber äußerte und erst am Bahnhof von den Herren seines Gefolges auf die bluteude Wange aufmerksam gemacht wurde. Der junge Mensch, der die Thal verübt hatte, geriet unter die Pferde der hinter dem Wagen reitenden Land­jäger und wurde sofort von Polizisten ergriffen. Rach dem Stadt- Hause gebracht, fiel er während seiner Vernehmung wiederholt in epileptische Krämpfe, war aber in den Intervallen verneh­mungsfähig.

Berlin, 7. März. (Tel.-Meld. d.Gieß. Anz.") Der Kaiser ist heute morgen 8 Uhr hier eingetroffeo. Er wurde am Bahuhofe von der Kaiserin uud dem Reichskanzler empfangen. Sodann empfing der Kaiser im Schloß den Ge- Heimrat Profeffor v. Bergmann, Der Kaiser hat die Teil­nahme au der heutigen Befichtiguug des Offizier-Reitinstituts der Potsdamer Kavallerie-Regimenter aufgegeben.

Berlin, 7. März, (Tel.-Meld. d.Gieß. Anz.-) Der Kaiser hat in der rechten GefichtShälfte eine 4 Zentimeter lauge über das rechte Jochbein verlausende Wunde, die bis auf den Knochen dringt. Die Wunde, die die Beschaffenheit einer ge- quetschten hat, blutet heftig uud wurde ohne Naht durch den

Verband geschloffen. Der Kaiser hat die Nacht leidlich verbracht, frei von Kopfschmerz und b i gutem Allueoreiubefinden.

Leuthold. Bergmann. Illing.

Der Kaiser gab mit besouderem Bedauern die Reise «ach Königsberg auf.

Parlamentarisches aus Hesse».

Der Zweiten Kammer sind neuerdings folgende Druck­sachen vorgelegt worden:

Eine Vorstellung von pensionierten Volksschul- lehrern geht dahin, die Kammer möge als Ausnahme­bestimmung zum Pensionsgesetz beschließen: Für die vor dem 1. April 1900 pensionierten hessischen Volksschullehrer und Lehrerinnen wird als Aufbesserung mit Wirkung vom 1. April 1900 unter Beibehaltung ihrer desinitiven Dienst­jahre bei Berechnung der Pensionsquoten die durch das Gesetz vom 14. Januar 1901 für aktive Lehrer rc. bewilligte Besoldungsskala nebst 200 Mark Wohnungsvergütung zu Grunde gelegt.

Die Abgg. Weidner und Leun fragen: 1. warum wurde die Errichtung einer Güterverladestelle auf Station Schiffenberg bei Gießen, trotzdem diese kam­merseitig genehmigt worden ist, noch nicht in Angriff genommen; 2. ob und welche Schritte seitens der Re­gierung zu erwarten sind, welche die Errichtung dieser ein sehr dringendes Bedürfnis bildenden Güter-Ein- und Ausladestelle hoffen läßt; bejahenden Falles bis zu welcher Zeit.

Die Hilfsgerichtsschreiber bei den Amts-Ge- gerichten, der zweiten Staatsanwaltsgehilfen und Gerichtsschreiber-Aspiranten bitten jetzt 1. daß hinsichtlich des Gehalts der Hilfsgerichtsschreiber bei den Amtsgerichten und zweiten Staatsanwalts - Gehilfen eine Gleichstellung mit den Finanz-Subalternbeamten: Haupt­steueramtsassistenten, Steueramtskontrolleuren und Steuer- Einnehmern erfolge; 2. daß im Falle des Ueberganges eines Hilssgerichtsschreibers bei den Amtsgerichten oder eines zweiten Staatsanwaltsgehilfen in eine Stelle als Gerichtsschreiber bei einem Amtsgericht, erster Staats-An­waltsgehilfe, Oekonom bei den Strafanstalten, Assistent bei dem Erbschaftssteueramt, demselben bei Bemessung des Gehalts seine gesamte Besoldungsdienstzeit wie bei einer ersten Anstellung angerechnet werde.

Abg. Köhler-Darmstadt beantragt, wie wir s. Z. be­reits kurz erwähnten unter der Hinzufügung, daß Erheb­ungen darüber bereits angestellt worden sind, die Kammer wolle an die Regierung das Ersuchen richten, eine für das ganze Großherzogtum gütige Milch Verkaufs ordnung baldmöglichst zu erlassen. Bis jetzt sind Milchverkaufsord­nungen nur von den größeren Städten und von einzelnen Kreisen erlassen worden. Infolge davon weichen sie in wichtigen Punkten erheblich von einander ab. Je nach der Zeit ihrer Entstehung sind an diese Ordnungen andere Anforderungen gestellt worden. Ein innerer Grund für diese Verschiedenartigkeit ist nicht vorhanden. In dem Ge­biet unseres Großherzogtums läßt sich wohl diese für die Volksernährung so h-ochwichtige Angelegenheit einheitlich regeln. Es ist dies auch im Interesse der Produzenten, Verkäufer und Konsumenten durchaus erwünscht.

Die Abgg. Brauer und Genossen beantragen unter Bezugnahme auf die Verhandlungen des Landtags und mit Rücksicht auf die Erneuerung unseres Zolltarifgesetzes 1. die Kammer wolle die Regierung ersuchen, im Bundes­rate für Aushebung der gemischten Transit­lager und Zollkredite einzutreten; 2. diesen Antrag als dringlich zu behandeln.

Abg. Dr. Heidenreich beantragt für Unterstützung von Gemeinden in Schulhaus-Bauten den vor­gesehenen Betrag von 40000 Mk. auf 60000 Mk. zu erhöhen, ferner, den vorgesehenen Unterstützungsfonds für den Straßenbau in unbemittelten Landesteilen und ®e= meinden von 25 000 Mk. auf 50 000 Mk. zu erhöhen.

Politische Tagesschau.

Während im hessischen Landtage die Frage zur Sprache gebracht wurde, wie die Erbverhältnisse unseres Großherzoglichen Hauses bei even­tuellem Ableben Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs zu regeln sei werden, zerbrachen sich dieBerl. Reuest. Rachr." den Kopf darüber und kamen schließlich zu dem Resultat: die Krone Preußen werde alsdann Erbe unseres Großherzogtums sein. Wir haben keinen Grund, uns über diesen verfrühten Aprilscherz irgendwie aufzuhalten. Wenn, was Gott verhüten möge, unser Großherzogliches Haus im Mannesstamm aussterben sollte, so würde, wie ein Blick in den Gothaischen Hofkalender die Herren auf der Berliner Redaktion belehrt hätte, zunächst der gleichfalls von Philipp dem Großmütigen abstammende lanogräslich,e Zweig der hessischen Familie zur Thronfolge berufen wer­den; und nach ihm würde auf Grund des bereits 1373 mit dem Landgrafen von Thüringen abgeschlossenen, seitdem mehrfach erneuerten und auf Brandenburg ausgedehnten Erbverbrüderungsvertrages zunächst die sächsische Königs­familie Albertinischer Linie und also nun die Ernestinische Linie den Thronfolger stellen. Preußisch-brandenburgische Nachfolgerechte sind Träume aus dem Wiegenbette staats­männischer Weisheit.

Das hessischeWahlrecht soll neu geregelt werden. Der Zweiten Kammer ist, wie uns bereits vorgestern ein

nach Redaktionsschluß eingetroffenes, leider etwas ver­stümmeltes Telegramm meldete, eine Regierungsvorlage zu­gegangen, derzufolge wahlberechtigt sein soll jeder .Hesse, der das 25. Lebensjahr zurückgelegt: hat und drei Jahre seinen Wohnsitz an demselben Orte hat. Darmstadt hat 3, Mainz 3, G i e ß e n 2, Worms 2 und Offenback 2 Abgeord­nete zu wählen. Die Oberbürgermeister der drei größte» Städte kommen in die Erste Kammer. Außerdem werde« amtlich gestempelte Stimmzettel und Wahlcouver ts sestgesekt. In die Erste Kammer komme» zu den bisherigen Mitgliedern ein Vertreter der Techstischieu Hochschule zu Darmstaot und höchstens drei Bürgermeister der Städte des Landes mit Städteordnung, die vom Groß­herzog berufen werden. Die Wahlen zur Zweiten Kammer sind direkt und geheim. Es werden, entsprechend de, Vermehrung der stäotischen Vertreter um je einen für Darnu- stadt, Mainz, Gießen, Worms und Offenbach, fünf Abgeord­nete mehr gewählt als bisher, also 55. Stimmberechtigt sind nur diejenigen Hessen, die zu Anfang des Jahres, i« welchem die Wahl stattfindet, ihre Staats - oder Ge­meindesteuern bezahlt haben. Tie Wahlen er­folgen auf sechs Jahre und jeder Landtag wird von drei zu drei Jahren wie bisher zur Hälfte erneuert, und zwar scheiden nach den ersten drei Jahren 28, nach den andere« drei Jahren 27 Mitglieder aus.

Man wird den hier zum Ausdruck gebrachten Prinzipien nur zustimmen können. Der Ersten Kammer unseres Lander gehörten bisher an: die großjährigen Prinzen, Die Standes- herren, der Senior der Familie Riedesel, der katholische Landesbischof, der evangelische Prälat, der Kanzler der Uni­versität Gießen, 2 Abgeordnete des grundbesitzenden Adels und 12 vom Großherzog auf Lebenszeit ernannte Mitglieder. Neu kommen dazu: drei Oberbürgermeister und ein Ver­treter der Darmstädter Hochschule. Weitaus das Wesent­lichste ist das direkte und geheime Wahlrecht. Erhalte« wir dieses, was ja kaum zu bezweifeln ist, dann marschiere« wir mit Württemberg an der Spitze der deutschen Staate» und haben vor allem das stimmführende Preußen weit über­flügelt.

Aus Berlin, 6. März, wird uns geschrieben:

Reichskanzler Graf Bülow hat heute einegute Presse" in Loudon. Das ließ sich erwarten, daß dort die gestrigen, England wohlwollenden Erklärungen besonders beifällig ausgenommen werden würden.Daily Telegr." heißt die Besserung in den Beziehungen Großbritanniens zu Deutschland willkommen. Der AusdruckBesserung" ist wohl ungenau. In den amtlichen Beziehungen hat sich ie nichts zu bessern brauchen; Anzeichen aber einer Freund­schaft zwischen Volk und Volk sind einstweilen spärlich zu bemerken. Nicht ohne Humor ist es, daß die Londoner Blätter auch für England die Forderungvollkommener Gleichheit" erheben. DerDaily Telegr." sagt echt englisch und geschäftlich: Anerkennung des berechtigten Eigennutzes. Als ob die Engländer sich jemals über die Nichtberücksich­tigung dieses Anspruches von deutscher Seite zu beklage» gehabt hätten! Kühler als sonst hat diesmal die Berliner Presse, ausgenommen die konservativen Zeitungen, die Kanzlerreden ausgenommen. Der agrarische Ton der zweiten Rede verstimmt. Freilich, wenn Graf Bülow die heute von derNordd. Allg. Ztg." veranstaltete Sammlung von Preß- Zitaten lieft, dann wird er aus dieser Zusammenstellung einen angenehmeren Eindruck empfangen, als wenn er die politischen Kritiken im Ganzen studiert.

Nun hat auch das englische Unterhaus, bem Zuge der Zeit folgend, sich einen Appell an die FauI geleistet. In dem Lande der Freiheit und der Parlaments^ Herrschaft sind Obstruktionsversuche keine neue Erscheinung, und bie Mehrheit hat früher stets die nötige Geduld be­sessen, sie mit den Mitteln der Geschäftsordnung zu über­winden. Diesmal aber handelte es sich um eine verspätet einsetzcnde Obstruktion : die Irländer hatten den Schluß einer Debatte nicht verhindern können und wollten doch hinterher sich der Abstimmung widersetzen. Der passiven Gewalt, die sie hierzu anwendeten, indem sie die Räumung ihrer Plätze verweigerten, setzte der Sprecher des Hauses aktive Gewalt entgegen, zu deren Ausübung er eine Polizei­truppe ins Haus ries. DiedenkbarwüstestenSzene» spielten sich dabei ab. Einer nach dem andern der sechzehn suspendierten Iren wurde von der Uebermacht unter wüstem Schreien und Brüllen aus dem Hause geschleist. Ein Dutzend Polizisten mußte jeden einzelnen der wild kämpfenden Abgeordneten festhalten, während der Rest der Truppe die nicht suspendierten Mitglieder gewalt­sam von ihnen hinausgewiesenen Kameraden zurückhielt. De« Kampf dauerte dreiviertel Stunden, viele bee Mitglieder und Polizisten erhielten dabei Verletzungen. Nach Entfernung der widerspänstigen Iren wurde der Posten angenommen und die Sitzung geschlossen. Bei der Er­öffnung der heutigen Unterhaussitzung war eine ganze Polizeidivision im Hause anwesend, um Ruhestör­ungen zu verhindern.

China.

Dem General-Feldmarschall Graf Waldersee wurde eie Antrag Li- Hung-TschangS zur Kenntnis gebracht, wo­nach von weiteren Expeditionen der Verbündeten Ab stand genommen und die Unterdrückung deS Räuder- unwesenS den chinesischen Truppen übertragen