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M; 33 Zweites Blatt. Freitag de« 8. Februar 151. Jahrgang 1901
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Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
Betr.: Ausbruch der Schafräude.
Unter den Schafen einer Herde zu Großeu-Buseck ist die Räude (Dermatocoptes) ausgebrochen.
Gießen, den 7. Februar 1901.
.Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.
Ter Kampf um die Kanäle,
ui.
Unser parlamentarischer Mitarbeiter schreibt unterm M- Februar aus dem preußischen Abgeordnetenhause:
Die heutige Debatte bot wenig mehr als eine Nachlese. Zur Sache selbst läßt sich ja auch neues schlechterdings nicht mehr beibringen. Aber wer seinen Namen auf die Rednerliste gesetzt hat, will aus das Wort begreiflicherweise nicht verzichten. Die Wähler draußen im Lande müssen doch sehen, daß der Mann ihres Vertrauens bei so wichtigem Anlaß auf dem Posten war. So bewegten sich die Darlegungen zumeist in den Bahnen der Polemik gegen einen der „geehrten Herrn Vorredner" aus dem Hause und vom Regierungstische. Eisenbahnminister v. Thielen sprach Zuerst von den Ressortchefs. Er betonte u. a., daß die Regierung eine Verpflichtung zur Lippe-Kanalisierung nicht anerkennen könne. Tie Regierung schlägt schon schärfere Töne an. . . Interessant und von Mut zeugend war die kanalfreundliche Rede des Reichsparteilers v. Tiedemann, Brombcrger Regierungspräsidenten a. D. Er war bereits vor zwei Jahren im Gegensatz zur Mehrheit seiner Fraktion für den Mittellandkanal eingetreten und gab auch heute seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß die Landwirtschaft des Ostens gerade von dieser Wasserstraße Vorteil haben werde, und daß der Osten überdies einer eigenen Industrie dringend benötige. Unmutig protestierten die Konservativen v. Staudt) und v. Arnim gegen diese Auffassung. Letzterer erwies sich auch in Bezug auf die finanzpolitischen Bedenken gegenüber dem Kanalprojekt noch immer als ein „Saulus", den zum „Paulus" zu wandeln Finanzminister Dr. v. Miquel sich bemühte. Der Minister für Landwirtschaft — wie ihn gestern der Ostelbier v. Pappenheim mit satirischer Accentuierung nannte —, Frhr. v. Hammerstein nahm es auf sich, die landwirtschaftlichen Einwendungen der Kanalgegner zu entkräften. 8»r hatte mit seinen väterlich milden Vorhaltungen ersichtlich ebensowenig Erfolg wie Herr v. Miquel mit seinen ernstgemessenen. Die Rede des kanalfreundlichen Abg. Goth ein (Freis. 23er.) klang einigermaßen deprimiert. Es nutzt ja «uch alles nichts. Recht lebhaft wurde es, als Abg. Wall- brecht (nl.) zum Wort kam. Scharf und schneidend, in knapper Form und originellen Inhalts, tönten die Sätze zu den Konservativen hinüber, dort prompt ein Eck)o weckend. Mitunter hieb der temperamentvolle Fechter wohl im Eifer daneben, und dann war des Lachens im kanalgegnerischen Lager kein Ende. Bemerkenswert ist übrigens, daß fast jeder Redner, so auch Abg. Schwarze vom Zentrum, Abg. Felisch (kons.), die unheilkündeude Wendung gebrauchte: „Wenn der Mittellandkanal abgelehnt werden sollte. . ." Man scheint also bereits jetzt allseitig eine Verständigung über diesen „Kern und Stern" der Vorlage für fast unmöglich zu halten. Der Rückschluß, mir das Schicksal des Gesamtentwurfes liegt nahe, da die Regierung nicht gewillt ist, „halbe Arbeit" oder weniger zu thun. . . Nach Herrn Wallbrecht kam noch ein Vertreter der Rechten zum Wort. Man verstand nicht einmal seinen Namen, geschweige denn viel von seinen Ausführungen. So groß war die Zerstteutheit der hohen Versammlung, die geräuschvolle Unruhe. Der Vorschlag des Präsidenten v. Kröcher, die Sitzung zu vertagen, begegnete infolgedessen keinem Widerspruch._____________
Welcher Nlchu iü für dsg Andwerk von der Anwendung einer billigen Aetriebsbrnfl zu erwartens
Seit vierzig Jahren hat man die wiederholt auftretenden Klagen über die Notlage des Handwerks gegenüber dem Fabrikbetriebe durch den Hinweis auf den uinirnehr erfundenen „Neuen Motor" zu beschwichtigen versucht, der dem Handwerk eine billige Betriebskraft und damit den erfolgreichen Wettbewerb mit dem Fabrikbetriebe ermöglichen werde. Zuerst hatte man, so schreibt Geheimrat Prof. Herrmann in der neuen populär-technischen Zeitschrift „Kirchhoffs Techn. Bl.", die Hoffnungen auf Emcsons ca- korische und verschiedene andere Heißluftmaschinen gesetzt, dann erwartete man von der atmosphärischen Gastraft-^ca- schine und von Otto's Gasmotor sowie verschiedenen pe- kroleummaschinen die Retttlng, auch an die Anwendung von gepreßtem Wasser und von Druckluft knüpfte man hohe Erwartungen, jetzt scheint man das Heil von der Anwend
ung kleiner Elektromotoren zu erhoffen. Bisher haben sich alle diese Erwartungen trügerisch erwiesen und das wird auch ferner so bleiben, weil es an sich ein Irrtum ist, anzunehmen, das eigentliche Wesen der fabrikmäßigen Gütererzeugung beruhe allein in der Anwendung einer mechanischen Bettiebskraft. Nicht hierin liegt die Eigenart des Fabrikbettiebes, sondern in der massenhaften Erzeugung gleichartiger Gegenstände bei möglichst weitgehender Arbeitsteilung und unter thunlichster Beschränkung der Handarbeit auf das Mindestmaß durch die Verwendung einer größeren Zahl von Arbeitsmaschinen, alles Bedingungen, die bei dem Handwerke nicht zutreffen. Daß man zur Bewegung dieser Arbeitsmaschinen eine Betriebskraft gebraucht, ist selbstverständlich, aber es ist nicht verständlich zu glauben, man könne das Handwerk dadurch zum Wettbewerbe fähig machen, daß man ihm eine billige Bettiebskraft verschafft. Ein Beispiel wird die Sache erläutern.
Man nehme an, einem tüchtigen, in seinem Handwerk äußerst geschickten Möbelschreiner würde ein Gasmotor von drei bis vier Pferdekraft billig, ja sogar umsonst zur Verfügung gestellt, und es werde ihm auch noch das zunr Bettiebe dienende Gas kostenfrei geliefert. Mit der Gasmaschine allein kann der Mann nichts anfangen; zu ihrer Verwendung bedarf er einer Anzahl von Arbeitsmaschinen, etwa einer Drehbank, einer Kreissäge, einer Bandsäge, einer Abrichte-, einer Fräs-, und einer Bohrmaschine und iim diese neben der Gasmaschine aufftellen zu können, muß seine bescheidene Werkstatt bedeutend vergrößert werden; auch müssen die Transmissionen zum Betrieb der Arbeitsmaschinen angebracht werden, so daß die frühere Tischlerwerkstätte sich von selbst zu einem Fabrikraume gestaltet. An den sechs Arbeitsmaschinen werden ebensoviele Arbeiter beschäftigt, die natürlich nicht ferttge Möbel erzeugen, sondern nur einzelne Bestandteile dazu, Leisten, Platten, Rosetten, Füße usw. herstellen, und zwar vermöge der bei jedem Maschinenbetriebe selbstverständlichen ununterbrochenen Arbeit in solcher Menge, daß vielleicht 20 bis 30 Gesellen vollauf zu thun haben, um daraus fertige Möbel zusammenzubauen. Aus dem einfachen Handwerksmeister, der vorher mit einem oder zwei Gehilfen arbeitete, ist also sofort ein kleiner Fabrikant geworden, der 30 bis 40 Arbeiter beschäftigt. Zur Führung eines solchen Bettiebes genügt es aber nicht, ein geschickter Tischlermeister zu sein, wenn damit nicht gleichzeitig eine besondere kaufmännische Begabung verbunden ist, vermöge deren der Betteffende nicht nur mit der Buchführung, Lem Kassen- und Kreditwesen besonders vertraut ist, sondern sich auch die vorteilhaftesten Bezugsquellen für seine Rohstoffe zu erschließen, und vor allen Dingen einen steten Absatz der erzeugten Waren zu verschaffen weiß, eine Aufgabe, die in der Regel mit größeren Schwierigkeiten verbunden ist, als die Erzeugung der Waren. Hat der Betreffende diese Eigenschaften, so mag seine Unternehmung Erfolg haben, wie alle die Beispiele lehren, wo ein gewandter und rühriger Handwerksmeister seine anfänglich bescheidene Werkstatt zu einer ansehnlichen Fabrik erweitert hat. Dem Handwerke als solchem hat aber der Motor in diesem Falle nichts genützt, er hat im Gegenteil dazu geführt, die Zahl der Fabriken nm eine zu vergrößern und den Wettbewerb noch zu verstärken.
Es wird aber im allgemeinen nur zu den Ausnahmen gehören, daß gleichzeitig mit der Geschicklichkeit des Handwerksmeisters jene hervorragende Begabung verbunden ist, wie sie in dem vorliegenden Beispiele vorausgesetzt wurde. Auch wird nicht jedes Handwerk so wie in dem vorliegenden Beispiele die Anwendung efner mechanischen Betriebskraft überhaupt zulassen. Was soll z. B. der Schuhmacher, der Schneider, der Sattler oder Korbflechter mit einem Motor anfangen? Um von Zeit zu Zeit die Nähmaschine eine Stunde lang zu drehen, bedarf er dessen doch nicht, und ebenso genügt dem Drechsler, dem Feinmechaniker, dem Uhrmacher die einfache Tretkurbel zur Bewegung seiner kleinen Drehbank. Für den Schlächter und Bäcker, für den Stuckateur und Goldarbeiter, für den Barbier, den Anstreicher und Tapezierer ist überhaupt die Verwendung eines Motors nicht ersichtlich..
Man kann daher im allgemeinen und abgesehen von einzelnen besonderen Ausnahmen sagen, daß das .Handwerk von der Einführung einer mechanischen Betriebskraft einen Nutzen nicht zu erwarten hat. Denn entweder ist die ganze Thätigkeit derart, daß Maschinenarbeit überhaupt nicht gut anwendbar ist, und das ist hauptsächlich bei denjenigen Handwerken der Fall, die auch neben dem Fabrikbetriebe sich für die Zukunft erhalten werden. Oder aber die Thätigkeit in dem betreffenden Handwerke läßt Maschinenarbeit in hinreichendem Umfange zu, um einen Motor zu benutzen, dann ergiebt sich als notwendige Folge der Verwendung eines solchen der Ueber- gang der vorherigen Handwerksthätigkeit zu dem Fabrik- bett'iebe. Diejenigen Handwerke, für die das letztere zu- trifft, haben überhaupt in dem heutigen Wirtschaftsbetriebe keinen Raum, sie werden, soweit dies bei einzelnen nicht bereits im Laufe der Zeit geschehen ist, dem Fabrikbetriebe unfehlbar weichen müssen. Diesen Unterschied in den Hand
werken sollte man wohl festhalten, wenn nach den Mitteln geforscht wird, um den Niedergang aufzuhalten, jedenfalls sollte mau fernerhin aufhören, auf den „neuen Motor" oder die „billige Kleinkraftmaschine" als ein geeignetes Mittel hinzuweisen.
Lvillerniua.
Königinnen sind immer hübsch, und wenn sie ju«g- sind und sich verheiraten, erst recht. Die kleine 'Königin von Holland — übrigens so sehr klein ist sie gar nicht, es ist nur noch eine Gewohnheit, so zu fapen — macht von dieser Regel eine glänzende Ausnahme: sie ist nämlich wirklich hübsch! Und mehr als das: sie ist liebenswürdig, graziös und anmutig, und sie hat Charakter. Sie imponiert und bezaubert die Herzen. Sie ist ein Kind des Glücks, und wenn es nicht so gegen den Respekt wäre, möchte man ihr die Hände auf das dunkelblonde Haupt legen und beten, daß das strahlende, sonnige Glück nid)|t von ihr weichen möge, ihr Leben lang.
Die Holländer geraten in Ekstase, wenn fie von ihrer Königin sprechen, sogar die Mevrouwen und Jüffronwen schwärmen von ihr. Man muß das gesehen haben, um es glaubhaft zu finden. '
Willemina hatte Glück, schon bei ihrer Geburt. Ihre bloße Existenz entzückte das Volk und wälzte ihm einen Stein vom Herzen. Willem de Derde war schon zweiund- sechzig Jahre alt, und es fehlte an einem Thronerben. Der Ehe mit Sophie von Württemberg waren zwei Prinzen, entsprossen, aber beide waren vor dem Vater aus der Welt gegangen. An dem Leben von Prinzen hängt aber oft das Schicksal von Nationen, und das kleine Volk an den Rheinmündungen ist sehr eifersüchtig auf seine Selbständigkeit. Jeder gute Holländer, Brabanter, Gelderländer und Friese ist, wie Karl Mischte im „Tag" erzählt, nämlich fest überzeugt, daß sowohl England wie auch Frantteich wie and) das Deutsche Reich bloß auf eine günstige Gelegenheit warten, um Holland zu verschlingen, samt seinen schöne» Kolonien, die sich um den Aequator schlingen tote em Gürtel von Smaragd. .
Da entschloß sich der hochbetagte König, noch einmal in den Stand der Ehe zu treten, und Emma von Waldeck schenkte ihm 1880 ein Töchterchen. Ein Gefühl der Erlösung ging durch die Lande, und die Dankbarkeit, die eine beruhigte Zukiinft mit sich bringt, übertrug sich auf das zarte, liebliche Wesen, das im Königsschloß zu 's Graven- hage nichtsahnend ein Völkchen von viereinhalb Millionen Europäern und 35 Millionen Asiaten beglückte, Surinam gar nicht mitgerechnet. .
Freilich war, da es doch eben bloß ein Magdlein war, der Verlust von Luxemburg nicht zu vermeiden. Denn wenn auch das Großherzogtum nur durch Personal-Union mit den Niederlanden verbunden war, so hatte man sich schon so sehr daran gewöhnt, und es war immerhin em Sßer- lüft, besonders da die luxemburgischen Ordenszeichen sich auch auf niederländischen Männerbrüsten ganz nett machten. Aber besser etwas verloren als alles. Ja, man wandte sogar die Blicke nach Belgien, wo "in Gestalt des Prinzen Balduin von Flandern sich neue Hoffnungen und Perspektiven aufthaten, aber auch dieser Königssproß schied vorzeitig aus dem Leben. .
Mit einer Liebe, die man sonst nur einem teuren Mit- qliede der eigenen Familie widmet, haben seitdem die Niederländer das Wachsen und Gedeihen ihrer ^inen Prm- zessiii und seit 1890 Königin verfolgt. Tausende Gejchichtt chen von ihr fanden ihren Weg in die Oeffentlichkeit, die kleinsten Kleinigkeiten von demi „lieven Mewze wurde« eifrig kolportiert, — kein Vater kann s^' wehr über ein Kind freuen, das er unter fernen liebevollen Händen sich ^^Und^daß^sie den^Mut gehabt hat, im letzten Jahre sich des Dom Paul anzunehmen, hat ihr die Herzen ganz Europas gewonnen. Es ist ja recht besehe^ kaum eine so große politische That, und der Zug der Menschlichkeit, der freilich hie und da nicht ganz gern gesehen werden mag wird einem jungen Mädchen nicht so übel genommen, als es wohl bei einem anderen der Fall gewesen wäre. Etwas Ritterlichkeit im Gefühl giebt sich auch bei den Gegnern kund, und das ist ein ttostteiches Zeichen. Aber es ist doch, ganz abgesehen von allem, ein liebliches Bild, und als solches wird es in die Geschichte übergehen, die jungfräuliche, lieblich-stolze Königin, die dem Hilfesuchenden ihr Haus als Zuflucht anbietet, bis wieder bessere Zeiten kommen, nach all den Täuschungen und all dem Unglück.
Wenn nun am heutigen Tage die Großwürdenträger des Reiches sich im Weißen Saale des Oranierschlostes versammeln, um das junge Brautpaar zu begrüßen, wen» die fürstlichen Gäste ans aller Welt sich einfinden, um Zeugen zu fein und ihre Glückwünsche darzubringen, wen» dann der Hochzeitszug nach der „Grooteu Kerk . Bewegung setzt, dann wird die Königin an.bei: feeue ihres Gemahls, in ihrer achtspannigen Staatskutsche, w Y wenig an Staatsgeschäfte und hohe Polittk den kern Avec der Jubel des Volkes wird ihr ein Beweis fein, wenn ,re


