Vermischtes.
• lieber eine doppelte Hinrichtung wird aus Tilsit folgendes berichtet: Zunächst wurde der Tapezierer- gehilfe Förmer, der, wie wir meldeten, durch Urteil des Schwurgerichts Tilsit vom 3. Juli 1901 wegen Mordes und schweren Raubes, begangen am 20. April 1901 zu Tilsit an dem alten, ehrwürdigen Arzt Dr. Heidenreich zum Tode verurteilt war, in Begleitung von zwei Gefangenenaufsehern zur Richtstätte geführt. Der jugendliche Mörder war geständig und äußerst kaltblütig; erzeigte keine Spur von Reue. Auf die von deiii ersten Staatsanwalt an chn gerichtete Frage, ob er mit deni Angeklagten Förmer identisch sei und ob er die ihm gezeigte Unterschrift des Kaisers unter; dem Todesurteil, wonach dieser von dem ihm gesetzlich zustehenden Begnadigungsrecht keinen Gebrauch machen wolle, als richtig anerkenne, antwortete er mit einem ausdrucksvollen „Jawohl." Nunmehr übergab der Staatsanwalt dem Scharfrichter den Delinquenten mit dein Ersuchen, ihn vom Leben zum Tode hinüberzuführen. Mit den Worten: „Mit Gott für König und Vaterland" legte sich der Verurteilte selbst auf die Richtbank. Kaum war sein Kopf zurechtgelegt, da fauste auch schon das Beil des Scharftichters herab, und das Verbrechen war gesühnt. Tie Leiche wurde in den bereitstehenden Sarg verpackt und zum Friedhöfe gefahren. Darauf betrat die Eigcn- käthnerwittwe Emma Braun, die durch Urteil des Schwurgerichts Tilsit vom 7. Mai 1901 wegen Giftmordes, begangen im Jahre 1898 zu Masseiten an ihrem Ehemann Hermann Braun, zum Tode verurteilt war, die Nichtstätte. Die Frau war an Leib und Seele gebrochen. Sie beteuerte ihre Unschuld, weinte bitterlich und bat um ein Wiederaufnahmeverfahren. Ihrem Wunsche konnte natürlich nicht mehr entsprochen werden. Während die Gehilfen des Scharfrichters sie auf das Schaffst legten, sträubte sie sich heftig. Doch es half nichts. Im nächsten Momment war auch sie hinge- richtet. Nach einem kurzen Gebet verließen die anwesenden Gerichtsbeamten und die sonstigen Zuschauer, denen der Zutritt gestattet war, die Richtstätte.
* Chemnitz, 5. Dez. Bei dem Neubau des Polizeiarresthauses brach heute Nachmittag über dem dritten Stock aus noch unbekannten Gründen die Kappe des Stampfbetongewölbes zusammen und durchschlug die übrigen Geschosse bis in den Keller. Sechs Arbeiter wurden mit in die Tiefe gerissen und verschüttet. Drei sind tot, einer schwer, zwei leicht verletzt.
* Zittau, 5. Dez. Der hiesige amerikanische Vizekonsul hat bei der Gesandtschaft in Berlin Beschwerde führen müssen, da er hier irrtümlich verhaftet worden war, weil man chn mit einem gewissen Dr. M., hinter dem die Staatsanwaltschaft einen Steckbrief erlassen, verwechselt hat. Er war in seiner Wohnung festgenommen worden und der Beamte hatte den ausdrücklichen Befehl, bei etwaigem Widerstande oder bei einem Flucht- oder Selbstmordversuche Gewalt anzuwenden. Seine Brieftasche wurde ihm that- sächlich mit Gewalt abgenommen, da er sie festgehalten und sie dem daran zerrenden Polizisten erst überlassen hatte, als
dieser die Hergabe im Namen des Gesetzes forderte. Auf dem Amtsgerichte wurde er bis zum Mittag und innerhalb dieser Zeit eine Stunde in einer kalten Zelle unter mehrfachem Verschluß festgehalten und dann ohne ein Wort der Entschuldigung enttassen.
Viiwersitöts-Uachrichten.
— Eine P r o f e s s u r für die Redekunst. Die Berufung eines 'Lektors der Rhetorik soll für^die Berliner Unioer s i t ä t in Aussicht genommen sein. Schon vor längerer Zeit war in akademischen Kreisen der Plan erwogen worden, einen Lehrer der Vorlragskunst zu berufen, die ja für die Mehrzahl akademischer Berufsarten eine Notwendigkeit ist. Ter Theologe wird als Kanzelredner, der Jurist als Richter oder Rechtsanwalt, der Philologe und Mediziner als Lehrer oder Professor die Ersorder- nifse seiner Stellung bei Weitem besser erfüllen, iveitn er über ein geivihes Maß guter rednerischer Ausbildung verfügt. Tiefe Ausbildung hatten schon früher unsere älteren Universitätslehrer in Aussicht genommen, doch scheiterte die Errichtung dieses Lehramts daran, daß keine geeignete Persönl.chkeit zu fmden >var. Ter Versuch mit einem Redekünstler, der vor den betreffenden Kreisen einen Vortrag über das dramatische „R" hielt, erwies sich als verfehlt. Jetzt ist eine bekannte künstlerische Kraft für die neu zu schaßende Stellung in Aussicht genommen worden, kein Schauspieler, sundern ein ausgezeichneter Rezitator und Gedächtniskünstler, der die Prosa soivohl wie gebundene Rede oralorisch meisterhaft beherrscht. Wenn sich die Beriijung dieses Herrn, der ein wissenschaftlich gebildeter Germanist ist, verwirklichen sollte, was noch in der Schwebe ist, dürfte seine akademische Rednerjchule sicher ein viel besuchtes Kolleg bilden.
Freiburg i. B., 5. Dez. 60 Professoren sandten eine Z u- st i m m u n g s - E r k l ä r u n g an Al o m m s e n. Nur erprobte Charakterfestigkeit und wissenschaftliche Unbestechlichkeit des Forschers, so heißt es darin, dürsten bei Berufung der Universitätslehrer den Ausschlag geben.
Brüssel, 5. Dez. Nach einem der „Resorme" aus Löwen zugegangenen Telegramm geben sich die dortigen Studenten aus Wut über den ihnen kürzlich in Lüttich und Gemdloux bereiteten Empfang seit etwa acht -lagen fortdauernden Ordnungs- st ö r il n g e n hin. In der letzten stacht griffen sie mehrere Lokale an, zerbrachen die Fenster, stießen die Thüren ein, hoben die Fensterläden aus und beleidigten vorübergehende Leute. Die Polizei- beamten sahen sich genötigt, von der Waffe Gebrauch zu machen. Zwei Beamte ivurden verwundet. Die Studenten überfielen auch den Sohn des Theaterdirektors Beriat-Jxelles, dessen Zustand sehr bedenklich ist. 11 Verhaftungen wurden vorgenommen.
Gerichtssaal.
— lieber das Duell Oettinger-Breit iu Leipzig, dem der erstere zum Opfer fiel und wegen dessen der Dr. jur. Breit, wie wir gestern bereits mitteilten, zu 3 Wochen Gefängnis und 3'/, Jahren Festungshaft verurteilt worden ist, wurde ,n der Ge- richtsverhaiidluna folgendes Nähere eriviesen: Die Forderung ! autele aus Pistolen bei dreimaligem Kugel wechsel und auf 15 Schritt Entfernung. Am 16. August, ‘/so Uhr früh, hat das Duell stallgefunben. Die Sekundanten haben die Distanz mit einer Schnur abgemessen und die Pistolen sind vor dem Antritt und bei jedesmaligem Kugelwechsel ausgelost worden. Zwischen „1, 2, 31" mußte geschossen werden. Die ersten beiden Schüßen waren fast gleichzeitig abgegeben worden, beim dritten Schuß brach Oettinger zusammen. Dr. Breits Sekundant, Dr. F., hatte diesem vor dem Duell geraten, er mochte sich erst einschießen, da er zwei Jahre lang keine Waffe in der Hand gehabt habe. Er hatte ohnedies tätlich getroffen, denn nachdem er den Kampfplatz verlassen, erfuhr er um 8 Uhr früh den Tod feines Gegners. Tie
Sektion de? Leichnam?, die der Gerichtsarzt Dr. Thümmler am selben Tage vornahm, ergab als Todesursache innere Verblutung, da die beiden Lungen verletzt waren, ebenso die Wirbelsäule und das Rückenmark. Oettinger muß, den rechten Arm erhoben, eben im Anschlag begriffen gewesen sein. Tas Projektil ist durch dic Brusthöhle gegangen und dann zwischen der 6. und 7. Rippe hindurch nach dem Rücken bis in die Wirbelsäule und hat hier das Rückenmark verletzt uiid zerrißen. Ter Gelotete ist von kräftiger Muskulatur und in gutem Ernährungszustand gewesen. Taß das blutige Duell nicht verhindert worden ist, dazu sei noch Folgend^ mitgeteilt: Dr. Breits Seeundant, Dr. rned. F., juchte am 13. August den (SarteUträger Oettingers, cand. meb. G., auf und beide hatten von den Gegnern Vollmacht zum Verhandeln. Es fam jibcr zunächst nicht zu einem Resultat. Nach dem vom ti. C. (Semoren- Eonvent) eingesetzten Ehrengericht wurde zunächst die Forderung genehmigt. Äm 15. August icdoch, kurz vor dem zweiten Zusammentritt des Ehrengerichts, juchte cand. meb. K. den Dr. F. auf mit dem Bedeuten, daß dieser von G. am vorhergehenden Tag mißverstanden worden sei, und jo kam es im Auftrag eines jeden der beiden Gegner zu einem nochmaligen Verhandeln zwischen G. und Dr. F. 'Ulan einigte sich in folgender Verabredung: Dr. Breit erklärt, daß er mit dem ersten Schreiben, das auf Veranlassung des jtud. K. abgesaßt worden war, Oettinger nicht Hal beleidigen wollen. Hierauf widerruft Ccttinger sämtliche Briefe, die er an Dr. Breit geschrieben. Darnach leistet Dr. Breit Abbitte wegen seines Verhaltens in Plauen (Hieb mit der Reitpeitsche) und darauf thut Oettinger Abbitte. Tie beiden Herren überbrachten dem Ehrengericht in letzter Minute noch diesen Vergleich. Leider aber half derselbe nichts, das Ehrengericht bestand auf dem Duell, und es wurde dies in der Verhandlung seitens der Staatsanwaltschaft sowohl als auch seitens der Verteidigung tief beklagt.
Landwiilschast.
Kassel, 5. Dez. Zur Frage der Ko rnhäuser, die bekanntlich mit Hilse von Staatsmitteln in verschiedenen Gegenden errichtet worden sind, liegt eine bemerkenswerte Aeußerung von hier vor. In einem Berichl über die letzte Generalversammlung der hessischen Bezirks-Genossenschaftsbank wird mügeteilt, daß die Menge des durch die Kornhäuser verwerteten Getreides gegen das Vorjahr eine Steigerung von 3,5 aus 6,7 Prozent der gesamten aus dem Regierungsbezirk Kassel zum Verkauf kommenden Getreidemengen erfahren habe. „Dieses Resultat berechtige bezüglich der Bedeutung der Kornhäuser zu den besten Hoffnungen." Hierzu niachl das „Amtsblatt der Landwirtschaftskammer für den Regierungsbezirk Kassel" aber folgende Bemerkungen: Obige Ansicht können wir nicht teilen, im Gegenteil halten wir es für eine lief beschämende Thaljache, daß nach drei Jahren erst 6,7 Prozent der gesamten Verkaufsmenge sich beteiligen an einem Vorgehen, das von der Landwirtschaft dringend gefordert wurde, zu bemt Regierung und Volksvertretung, nur diesem heftigen Drangen nad>= gebend, die Gelder bewilligten I Die Vorteile hinsichtlich der Preis- beeinslussung durch die Komhäuser will freilich ein Jeder und' namentlich der größere Landwirt genießen, aber selbst mit S>anbi anlegen, auch einmal ein nur geringes Opfer bringen, dazu finden sich nur sehr, sehr Wenige bereit. Ja, wenn der kleine Landwirt, nicht eingetreten wäre, hätten wir sogar die uns vom SDhrnftec, gebotene Hand nicht einmal ergreifen können. Wie ganz anders, steht Handel und Industrie auf dem Kampfplatz! Festgejchlosjen: und einig, stets auch zu großen Opfern für gemeinsame Ziele er- bötig!" Dabei ist für-ben Bezirk Kassel bie Anlegung noch weiterer Komhäuser mit staatlicher Beihilfe beabsichtigt, so in Fulba und Marburg.
in jeder beliebigen Schriftart und Kcrton. l/IiinUntll forte, föwic mit Zirkeln aller studentische» »P*>*»**V«» Vereinigungen, liefert zu mäßigen preise» vrühl'sche UniverfitSts-VruSerei, Schulstratze Z
Bekanntmachung.
Aus der Stiftung der Kinder und Erben des Kommerzienrats Georg Karl Gail sind für bas Jahr 1902 an drei bedürftige dahier wohnende Familien oder alleinstehende Personen Unterstützungen von je 300 Mark zu vergeben.
Bewerbungen haben bis zum 20. l. Mt§. bei dem Armenamt zu erfolgen.
Gießen, am 4. Dezember 1901. 7963
Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.
________________I. B.: Wolff__________________
Bekanntmachung.
Diejenigen hiesigen Einwohner, welche im Laufe dieses Jahres Hunde abgeschafft haben, wollen dies spätestens bis zum 31. Dezember d. I. entweder schriftlich oder mündlich in Selbstperson bei der unterzeichneten Stelle anzeigen. Die Verbindlichkeit zur Entrichtung der Hundeabgaben dauert sonst auch im folgenden Jahre und zwar so lange fort, als diese Anzeige versäumt wird.
Gießen, den 3. Dezember 1901. 7933
Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.
__________________I. V.: Wolff.__________________
Bekanntmachung.
Es wird beabsichtigt, auch im laufenden Jahre eine Prämiierung von Dienstboten des Sparkassenbezirks eintreten zu lassen. Prämien können von 5 zu 5 Jahren solche Dienstboten im engeren Sinne erhalten, welche bei der Herrschaft Kost und Logis haben und sich über gute Führung durch Zeugnisse ausweisen können. Von Vollendung der 5 Jahre kann nur bann im letzten Dienstjahre abgesehen werden, wenn der Dienstausttitt durch Einberufung zum Mllttär, durch Auflösung des Haushaltes oder durch Gründung eines eigenen Hausstandes erfolgt. Es werden hiernach alle diejenigen Dienstboten, welche nach den vorstehenden Bedingungen auf eine Prämie glauben Anspruch erheben zu können, aufgefordert, sich unter Vorlage der Dienstbücher, eines Zeugnisses der Herrschaft über gute Führung, sowie eines etwaigen Sparkaffenbuches bei unserer Kaffe oder der Großh. Bürgermeisterei des Wohnorts bis zum 15. Dezember l. I. zu melden.
Bis zu diesem Termine können sich auch Sparer behufs Gewährung einer Belohnung melden, welche während eines längeren Zeitraumes regelmäßige Einlagen bei unserer Kaffe gemacht haben.
Gießen, am 28. November 1901. 7835
Der Direktor der Spar- und Leihkasse Gießen. Wiener.
Kunst-Ausstellung. im Turmhause am Bran^ I w ist täglich, mit Ausnahme
Samstags, von 11 bis 1 Uhr geöffnet, Mittwochs auch noch von 3 bis 5 Uhr nachmittags. An Sonn- und Feiertagen von 11 bis 3 Uhr ununterbrochen. — Eintritt für Nichlmitglieder an Werktagen 50 Pfg., an Sonn- und Feiertagen 30 Pfg. ml
Bekanntmachung.
In das hiesige Handelsregister, Abt. A, wurde heute unter Nr. 131 eingetragen die Firma: „Carl Fr. Leib" zu Ntainzlar und als deren Inhaber: Carl Friedrich Leib Wftwe, Lina, geb. Krailing, daselbst.
Gießen, den 5. Dezember 1901. 7965
Großherzogliches Amtsgericht.
Bekanntmachung.
Der Voranschlag der Gemeinde Harbach für das Jahr 1902/03 liegt vom 9. Dezember 1901 an acht Tage lang auf dem Bürgermeisterei-Bureau dahier zur Einsicht der Interessenten offen.
Harbach, den 5. Dezember 1901.
Großherzogliche Bürgermeisterei Harbach.
Münch. 7966
Sonnttto^crein für junge Wchen.
Die Vereinigung der Mädchen findet statt an jedem Sonntag zwischen 2 und 7 Uhr nachmittags im Saal der Kleinkinderschule. Die Mädchen können zu jeder Zeit kommen und gehen. Um 4 Uhr findet gemeinsame Unterhaltung statt mit Gesang, Ansprache, Erzählung. Gute, unterhaltende Bücher und Spiele sind in großer Zahl vorhanden.
Wir laden zur Teilnahme freundlichst ein.
Der Vorstand des Sonnlagsvereins: 7652 Dr. Naumann, Pfarrer.
Hietzener Kisverein, e.A
Diejenigen unserer Mitglieder, welche die Quittungen beim Rundgang des Dieners nicht in Empfang genommen haben, können dieselben bis zum 10. d. Mts. bei unserem Vorstandsmitgliede Herrn H. Hochreuther, Südanlage 5, vormitt, von 9 bis 1 und nachmittags von 3 bis 7 Uhr abholen.
Wer seine Quittung bis dahin nicht eingelöst, gilt als ausgetreten.
Daselbst werden auch Neuanmeldungen entgegengenommen und Beikarten abgegeben. Jahresbeitrag 2 Mk. Eintrittsgeld 1 Mk.
Gießen, den 1. Dezember 1901.
7913
Der Vorstand: Jean Kirch.
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