Ausgabe 
7.9.1901 Zweites Blatt
 
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die jedes Wunder ausschließe. Der evangelische Geistliche müsse aber auch philosophisch gebildet sein, denn dies allein schütze vor romantischer Thatenlosigkeit und reaktio­nären Anwandlungen. Ohne einen solchen philol ophiichen Hintergrund sei auch das Christentum arm und schwach, und der einzelne bliebe ohne eine einheitliche -Welt- und Leb.ensanschauung ohnedies nur ein Fragments Tas alles gelte freilich für jeden gebildeten Menjcheu, und so sei die Summe aller Forderungen doch nur die, daß die Ausrüstung der Geistlichen keine andere sei, als die jedes gebildeten Menschen überhaript. Das zeigte sich auch im Sittlichen. In unserer demokratisch gerichteten Zeit dürfe der Geistliche keine besonderen hierarchischen An­sprüche erheben, brauche sich aber auch keine engherzigen Zumutungen einer besonderen Heiligkeit gefallen zu lassen. Individualismus und Sozialismus sind die beiden Pole unserer Zeit. Jener verlange vom Geistlichen, daß er eine Persönlichkeit sei mit eigenem Innenleben, dieser fordere vom ihm soziale Gesinnung. Vor allem sei es die Auf­gabe des einzelnen Geistlichen, in seiner Gemeinde als Sozius zu wirken und nach ihren induviduellen Bedürf­nissen mitzuarbeiten an der Erziehung seiner Gemeinde­genossen zur Selbsthilfe. In diesem Sinne brauchten wir allerdings soziale Pastoren. Auch auf ästhetischem Gebiet solle der Geistliche als Erzieher seiner Gemeinde Mitarbeiten an der ästhetischen Bildung unseres Volkes. Wie notwendig das sei, habe sich bei dem Klamps um die Lex Heinze gezeigt. ®in besonderes aber sei für den Geist­lichen unerläßlich, daß er als religiöser Erzieher au,.M wirklich Religion habe, sonst wäre er ein Mietling! oder em Heuchler. Und so gelte Frömmigkeit, Bildung und Freiheit diese drei. Möge es der deutschen protestantischen Kirche auch im 20. Jahrhundert an solchen Geistlichen nicht fehlen." . Reicher Beifall lohnte den Redner für seine von den Zuhörern mit gespanntester Aufmerksam­keit aufgenommenen Ausführungen.

Erster Redner am heutigen zweiten Versammlungstage war Pfarrer Blorn aus Lettweiler. Er sprach über das Thema:Der Religion, sunt er richt in der Volks­schule". Volksschule und Religionsunterricht sind un­trennbar miteinanoer verknüpft. Die Volksschule kann ihn nicht entbehren, schon als Bildungs-, viel weniger noch als jErziehungs-Anstalt. Der christliche Religionsunterricht nach evangelisch-protestantischer Auffassung hat seinen Stoff der Bibel zu entnehmen, und zwar der ganzen Bibel, also auch dem Alten Testament. Zur Vermittelung des biblischen Stoffes an die Kinder bediene man sich her biblischen Geschichte und der Schulbibel. Von der Mtssasfimg der Bibel, wie sie durch die geschichtlich orientierte Tbeologis vertreten wird, müssen aua) die Kinder der Volksschule etwas erfahren. Die Darbietung des Stoffes Zoll sich in von Stufe zu Stufe erweiterten Kreisen vollziehen. Nach einer Vorbcreitungsstufe soll zuerst das religiöse Gefühl, dann die religiöse Vorstellung und endlich die Bildung des Willens im Vordergründe des Uuterrichtsinteresses stehen.

Als nächster Redner folgte Pfarrer Dr. Mehl Horn aus Leipzig über den Religio'.:'unterricht in den höheren Schulen. Mehlhorn faßt den Religionsunterricht gleichfalls nicht bloß als einen Unterricht über, sondern zur Religion auf, als ein Mittel christlicher Charakterbildung. Das sei u.-.türlich nur mittelbar durch den Unterricht möglich, durch < ccckung eines lebendigen Interesse für Religion, ( istentum und Kirche. Die höhere Schule habe im Ver- c ; h mit der Volksschule das Interesse für diese Lebcns- hte durch ein reicheres und zusammenhängenderes ge- > Etliches Material zu wecken. In dem Begriff des er- Z. blichen Unterrichts liegen zwei Forderungen einge- .hlossen: die Schüler müßten unterrichtet, nicht an- gepredigt werden, und der Unterricht dürfe nicht in <;nein bloßen Dozieren, sondern hauptsächlich in einem die Aelbstthätigkeit der Schüler wachrufenden Lehrgespräch be­sehen. Zur Befestigung der so erarbeiteten Lebens- und -Weltanschauung trage die Verflechtung der Erträgnisse des Religionsunterrichts mit denen anderer Unterrichtsgebiete wesentlich bei. Im weiteren verbreitete sich der Redner über die Notwendigkeit, den Schülern auch die Quellen der religiösen Erkenntnis zugänglich zu machen.

Am Nachmittag des 4. September tagte gleichzeitig die Generalversammlung des Protestantenvereins der Pfalz, die eröffnet wurde von Seminardirektor Dr. Andreä. Es sprachen ferner Dekan Trost-Winnweiler, Pfarrer Cron eis -Kandel, dieser über die auswärtigen Missionen, und Dr. B i s ch o f - Türkheim. Als V o r o r t des Deutschen Protestantenvereins wurde die Pfalz mit dem Sitz in Kaiserslautern bestimmt. Für den Fall, daß^ der erweiterte Ausschuß des pfälzischen Vereins nicht zusagt, soll Bremen Vorort fein.

VoiiUsche Tagesschau.

DieBerliner Korrespondenz" meldet: Der Handels- m in ist er empsindet das Bedürfnis, die voin Börsenausschusse in der Sitzung im Juni zur Frage der Revision des Börsen- gesetzes gefaßten Beschlüsse mit den preußischen Sachverständigen persönlich zu besprechen, bevor er in der Sache Stellung nimmt. Er hat daher einige hervorragende Kenner des Bärsen- wescns und Vörsenrcchts auf den 18. dss. Mts. zu einer Be­sprechung eingeladen, welche hoffentlich die ebenso schwie­rige als dringliche Angelegenheit weiter klären wird.

Die Berliner Stadtverordneten - Versamm­lung nahm in ihrer heutigen Sitzung zu der Bürgermeister- Wahl Stellung. Stadtv. Cassel erklärte, daß seine Fraktion, die alte Linke, geschlossen für die Wiederwahl Kauff- manns eintreten werde, und er bat, von einer Ausschuß­beratung abzusehen. Es handle sich durchaus nicht um eine leere Demonstration, auch nicht um einen Eingriff in die Kronrechte. Stadtv. Singer erklärte, daß seine Fraktion wiederum einstimmig für Kauffmann votiren werde. Der Wahl ohne Ausschußberatung schließe er sich an, doch weise er auf den Ernst der Situation. Die Versammlung möge aus einer nochmaligen Nichtbestätigung auch die Konsequenzen ziehen. Stadtv. Rosen ow, von der neuen Linke, schloß sich dem Wunsche auf möglichst einstimmige Wiederwahl ohne Ausschußberatung an. Es wurde beschlossen, die Wahl in der nächsten Sitzung vorzunehmen.

Zur Börsengefetz-Novelle schreibt man uns aus Berlin, 5. September:

Der Abgeordnete und zweite Vizepräsident des Reichs­tags, Büsing (nL), hat unwidersprochenermaßen kurz nach der Ernennung seines Fraktionskollcgen Möller zum preuß­ischen Handelsminister privatim angedeutet, daß nunmehr eine Milderung der Bestimmungen des Börscngesetzes zu e warten sei. Qm den Verhandlungen des Börsenausschusses

im Juni hat sich Minister Möller zwar nicht beteiligt, doch daß er die Angelegenheit im Auge behielt, geht aus einer Mitteilung der amtlichenVerl. Korr." hervor. Darnach empfindet Herr Möller das Bedürfnis, "bevor er in der Z-ache Stellung nimmt, die vom Börsenausschuß gefaßten Beschlüsse mit Sachverständigen, Kennern des Börsenwesens und Börsenrechts, persönlich zu besprechen. Daraus erhellt, daß der preußische Handelsminister sich nicht ohne weiteres auf den Boden der Beschlüsse des Börsenausschusses stellen will. Ueberraschen kann das schwerlich, da diese Beschlüsse eine runde Aufhebung der Beschränkungen des BörsenterminHandels als erforderlich bezeichnen. Herr- Möller ist aber ein zu guter Kenner der parlamentarischen Verhältnisse, um zu wissen, daß eine solche Forderung bei der ausschlaggebenden Partei, dem Zentrum, keinenfalls auf Annahme zu rechnen hat. Der Minister ist also offenbar bestrebt, einemittlere Linie" zu finden, auf der sich die das reelle Börsengeschäft einengenden Gesetzesbestimmungen ab­ändern lassen, ohne daß die Tendenz des Gesetzes in wesent­lichen Punkten durchbrochen wird. Auf letzteres würde, wie gesagt, die Mehrheit des Reichstags nicht eingehen. Der Fall ist schwierig und dringlich, das meint auch dieBerl. tl'orr.". Wenn es Herrn Möller gelingt, aus dem Für und Wider eine annehmbare Novelle zum Börsengesetz zusammen­zuschmieden, dann hat er sein ministerielles Probestück ge­liefert. An der Vorlegung der Novelle im kommenden Winter ist jedenfalls nicht zu zweifeln.

Man schreibt uns aus Berlin, 5. Sept.: Nach der offiziösenKorrespondenz Hoffmann" ist die bayerische Re- gienmg nicht von der Neichsregierilng zu einer Meinungs­äußerung über die Gründung einer Kolonialarmee auf­gefordert worden. Soll dies einDementi" bezüglich des Kerns der Meldung sein, dann ist es sehrauf Schrauben gestellt". Bündiger, einfacher wäre die Meldung gewesen, in derNordd. Allg. Ztg." oder imNeichsanzeiger", daß das Projekt an amtlicher Stelle überhaupt nicht existiert. Aber es scheint, daß Gründe vorhanden sind, eine solche Er­klärung nicht zu geben. Es mag zutreffend sein, daß die Aufforderung zur Meinungsäußerung an die bayerische und die anderen süddeutschen Negierungen bisher noch nicht ge­langt sind weil vielleicht das Projekt noch in der Schwebe ist, die Vorarbeiten noch nicht abgeschlossen sind. Also es bleibt eine präziser gefaßte offiziöse oder offizielle Aeußerung abzuwarten, bevor der Plan als zu den Akten gelegt zu be- trachten gu ________________________________

ÖJWftianöesTÄnv Lmreu.

In den gefälschten Reitzbriefen hieß es, die Buren seien kurz an allen Lebensmitteln. Bald darauf schrieb Kitchener in seinem offiziellen Bericht über die Lage in Südafrila vonunerschöpflichen" Vorräten in Südafrika, und nun kommt Lord Methuens Bericht über seine Säuberungsarbeiten in der Südwestecke Transvaals. In drei Wochen hat man dort 25 000 Schafe, 4000 Stück Vieh, 100 Pferde und nur 16 Gefangene erbeutet. Wenn das nicht Beweis genug ist, daß die Reitzbriefe gefälscht sind, dann ist den Engländern nicht zu helfen. Sie wollen ge­täuscht sein . Genau so, wie in der Südwestecke liegen jedoch die Verhältnisse in ganz Transvaal. Und dabei ist in dem reichen Distrikt int Norden von Pietersburg noch keine englische Säuberungsarmee gewesen. Von dort können die Buren Lebensrnittel genug beziehen, denn der Zoutpansberg-Distrikt ist wohl versehen mit Farmen, die reichliche Ernten haben. Zucker, Kaffee, Kaffernkorn, Mais und Pferdefutter wird dort gebaut. Auf der letzten land.- wirtschaftlichen Ausstellung in Pretoria erhielt der von einem deutschen Farmer im Zoutpansberg gebaute Kaffee den ersten Preis. Nicht gerade so günstig, doch günstig genug für die Buren liegen die Verhältnisse im Oranje- Freistaat. Die Farmen sind zwar niedergebrannt und die Felder verödet, und dennoch ist dort genügend Futter sür Pferde und Lebensmittel für die Buren. Wie hätte sonst De Wet mit seinen Leuten monatelang im Freistaat ein Leben der Zurückgezogenheit und der stillen Muße führen können!

Die Taktik der Buren, durch kleine Abteilungen die Engländer im Freistaat und Transvaal beschäftigt zu halten, hat sich gut bewährt. Die neuen Blockhäuser haben den Engländern wenig genützt. Die Delagoa- bai-Linie ist schon seit Monaten unsicher und ein Teil davon abwechselnd in den Händen der Engländer und der Buren. Trotz der vielversprechenden Neuerung bringen die Buren fast täglich Züge zum Entgleisen oder sprengen sie in die Luft. So berichteten wir in unserer vorigen Nummer davon, daß die Buren in der Nähe von Mk- l e s a r einen Zug in die Luft sprengten und einen anderen zum Entgleisen brachten. Heute liegt eine neue Nachricht vor, nach der die Buren bei TiangS (Kapiolonie) einen Zug zum Entgleisen brachten. Ferner wurde einer amt­lichen Depesche aus Mozambique zufolge die Eisenbahnlinie Pretoria-Lorcuzo-Marques dreißig Kilometer von Komati­port zerstört.

Das Ergötzlichste 'aber, was über die Art der Krieg­führung seitens der Engländer seit längerer Zeit Zn die Öffentlichkeit gedrungen ist, ist ein Fall, der sich in Heil­bronn ereignete, wo zwei britische Abteilungen einen rcg?!> rechten Nampf miteinander ausfochten. Es gingen nämlich auf die Meldung, die i Eingeborener gemacht hatte, zwei Mann von dem Moreiy. i-Regiment aus, um Dynamit aus­zugraben, das die Buren vergraben hatten, und zwar in einer Farm, die sich ganz in der Nähe befand. Plötzlich wurden sie von 30 Buren angegriffen, sie feuerten aber ab­wechselnd und konnten sich auf diese Art zurückziehen. Außerdem ließen sich die Buren durch eine Herde Vieh ablenken, die sie versuchten, einzufangen. Die Herde wurde aber von australischen Buschmännern getrieben, die sich in der Mehrzahl befanden und die Buren zurückschlugen. Die Buschmänner trieben darauf das Vieh weiter. Als sie dann an Leeuwpoort heran kamen, glaubte die Garnison, sie werde von Buren angegriffen und begann den Kampf. Tie Australier befanden sich in demselben Mißverständnis. Sie trieben ihre Viehherde an einen Platz, wo sie geschützt war, und es kam zu einem regelrechten Kampf, bei dem 3000 Patronen verfeuert wurden. Beide Parteien hielten mit der größten Standhaftigkeit aus, erst als sie näher an­einander herankamen, erkannten sie, daß sie sich beide geirrt hatten, und beide Parteien ergaben sich darauf die eine der andern.

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Matjesfontein, 4. Sept. Scheepers Kommando, noch immer von Oberst Alexander verfolgt, wandte sich nördlich und gab anscheinend den Zug in die südlichen Di­

strikte der Kapkolonie aus, da Scheepers unter den öureü» freundlichen Afrikandern die erwartete Unterstützung nicht sand. Theron, der mit Scheepers operiert, wurde von 250 Mann der Lokal-Kolonialtruppen angegriffen und erlitt geringe Verluste.

Berlin, 5. Sept. Der Kaiser begab sich heute morgen nach Berlin, besuchte hier das Atelier von Profeffor Reinhold Begas, besichtigte im alten Museum die Neu-Erwerbungen und hörte dann im Königl. Schlosse die Vorttäge des Kriegs­ministers, des Chefs des Generalstabs und des Chefs des Militärkabinetts. Später nahm er die Meldung des aus Wien zuttickgekehrten Kommandeurs des Kaiser Franz Garde- Grenadier-Regiments Obersten von Raven und des Leutnants de Lavallade entgegen. Der Kaiser, welcher nachmittags nach dem Neuen Palais zurückkehrt, gedenkt morgen früh 7 Uhr nach Königsberg abzureisen, wo er abends eintrifft.

Prinz Tschun ist mit Begleitung heute nachmittag 4 Uhr eingetroffen und wurde von den Herren der chinesi­schen Gesandtschaft empfangen. Sie fuhren in Hofequipagen nach der für den Prinzen gemieteten Wohnung im Tier­garten ; im ersten Wagen befand sich der Prinz mit General­major v. Höpfner.

An den Flottenmanövern bei Danzig wird auch, wie aus Petersburg telegraphiert wird, der Generaladmiral Großfürst Alexei teilnehmen. Er wird dabei von dem Marineattachee bei den nordischen Mächten Fregattenkapitän Schimmelmann begleitet sein.

Die Abendblätter melden noch folgende Einzelheiten zum Untergang derWacht". DieWeißenburg" nahm dieWacht" noch ins Schlepptau, dieWacht" sank aber in 22 Minuten, bei der Kollision wurde der Kutter derWacht" zertrümmert. Der Kommandant derWacht" stand als Letz­terer neben der Flagge auf dem Deck, und sprang erst ab, als das Vorderschiff untertauchte. DieSachsen" erlitt am Bug eine Havarie, und ging nach Danzig zur Reparatur ab. DieWacht" liegt 48 Meter tief. Bei den Bergungsarbeiten zeichneten sich namentlich die Mannschaften derSachsen" aus. Das Unglück wird auf Versagen des Steuer­apparates zurückgeft'chrt. DieWacht" wurde vom Ramm- steven derSachsen" zwischen dem Heizraum und dem Ma- schinenraum getroffen, wodurch der Schott zwischen beiden Räumen zertrümmert wurde, die sich schnell mit Wasser füllten. Die Rettungsboote konnten an den Seegangswegeu nicht an­legen. Die Mannschaften sprangen daher auf das Kommando Rette sich wer kann!" über Bord. Nur der Kommandant, der erste Offfzier und der Schiffsingenieur blieben bis zuletzt zurück. Der Steuerapparat derWacht" hatte vor dem Aus- aufen der Flotte Havarie erlitten. Da der Ersatz sich ver­zögerte, so lief das Schiff lediglich mit dem Handruder ays. Der Zusammenstoß war unvermeidlich, obwohl beide Schiffe ihre Maschinen mit äußerster Kraft rückwärts arbeiten ließen. Ein Matrose erlitt eine Verletzung am Bein.

Gumbinnen, 5. Sept. Unter Bedeckung von 6 Mann ist gestern der zum Tode verurteilte Dragoner Marten in das Militärgerichtsgefängnis nach Dan zig gebracht worden, um zunächst seine einjährige Gefängnisstrafe wegen FahneH- lucht zu verbüßen. Der Verurteilte hatte die Hände auf der Brust geschlossen und weinte bitterlich. Zur speziellen Be­wachung wurden 1 Feldwebel und 2 Unteroffiziere kommandiert. Angesichts dieser Maßnahme herrscht hier das Gerücht, daß der Revisionsantrag in Berlin abgel ehnt worden fei, so­daß die verhängte Todesstrafe zu Recht bestehen bleiben würde. In Gemeinschaft mit M. wurde ein Dragoner nach Danzig transportiert, der zu 6 Jahren Zuchthaus und AuS- 'toßung aus dem Heer verurteilt worden ist. Sergeant H i ck e l befindet sich noch immer auf freiem Fuß. Es verlautet in­dessen auf das bestimmteste, daß seine Wiederoerhaftung er- olgen werde, sobald das Revisionsgericht dem Revisions­antrag stattgegeben und die Angelegenheit zur nochmaligen Verhandlung verwiesen haben wird. Es gilt nicht als aus­geschlossen, daß unter Umständen die Sache Hickel von der Sache Marten getrennt wird, sodaß einer von den beiden als Zeuge herangezogen werden kann. Entgegen anberroeiter Meldung ist es absolut unwahr, daß Marten einen Selbst­mordversuch unternommen habe.

München, 5. Sept. DerBayer. Kurier" theilt heute abend mit, daß sämtliche geistliche Mitglieder der Schulkommission schon unterm 23. August einen ein­stimmig gefaßten Protest gegen den nun doch unternommenen Versuch, die Simultanschule einzuschmuggeln, an den Magistrat gerichtet haben. Dieses Protestes ist bisher noch nirgends Erwähnung gethan. Die Stadtpfarrer haben des­halb abermals eine Konferenz für die nächsten Tage an­beraumt, auf welcher sie erneut einen Protest an die Regierung gegen die Schmälerung ihrer verfassungsmäßigen Rechte be­schließen wollen. Diesem Protest soll durch eine Deputation bei der Negierung und dem Ministerium Nachdruck verliehen werden.

Stuttgart, 5. Sept. Heute trat hier die 7. Hauptver». sammlung des Vereins deutscher Straßenbahn- und Kleinbahn-Verwaltungen unter Vorsitz des General­direktors Nöhl-Hamburg zusammen. Namens des Ministeriums begrüßte Ministerialrat Haag, namens der Bahnverwaltung Bahndirektor Fuchs und namens der Stadt Gemeinderat Stockmayer die zahlreiche Versammlung. Es wurde dann eine Reihe technischer Referate erstattet, speziell über Schutz­vorrichtungen.__________________________________

Ausland.

Budapest, 5. Sept. Kaiser Franz I o s e f ist heute abend in Zirez im Veszprimer Komitat eingetwffen. Der Kaiser verbleibt zwei Tage dort, um den Schießproben mit den neuen Geschützmodellen beizuwohnen. Die Erz­herzoge Franz Ferdinand und Friedrich, der Chef des Generalstabs Frhr. v. Beck und andere Generalstabsttiir glieder sind anwesend.

Lemberg, 5. Sept. Von den heute gewählten 74 Landtagsabgeordneten der Landgemeinden Ga< liziens erhielten die konservativen Kandidaten des polnü nischen Zentral-Wahl-Komitees 46 Mandate; sie gewänne^ acht. Tie Ruthenen behaupteten von 15 innegehabten Man^ baten 13, die polnische Volkspartei von 7 Mandaten » die gemäßigte Linke, welche früher ein Mandat hatte, er? hielt heute vier, die Skojalowski-Gruppe, die früher iup durch den Pater Skojalowski vertreten war, erhielt dr-