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7.8.1901 Erstes Blatt
 
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161» Jahrgang.

Erstes Blatt.

Mittwoch 7. August 1901

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Kaiserin Friedrich *i%

«ronbeeg, 5. Aug. Die Kaiserin Friedrich ist heute abend 6 Nhr 15 Minuten gestorben.

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So lautete das Telegramm, das uns gestern abend Siegen 7 Uhr zuging und das wir alsbald durch Extrablatt bekannt gabem.

Schwere Trauer hat nun Einzug gehalten in unserem ZSuiserhause und im Großherzoglicl)en Schlosse zu Darm- stkdt. Unserem Kaiser ist die geliebte Mutter, unserem Großherzog die verehrte Tante durch den Tod entrissen worden. T-as Hinscheiden der hohen Frau kam nicht un- ' erwartet. Die Kaiserin litt schon seit längerer Zeit an einer schweren Nierenkrankheit. Eine .Heilung war unmög lick». Schon im vorigen Jahre, gerade um die Zeit des Geburtstages ihres vor ihr allzu früh dahingegangenen herrlichen Gemahls, tvar in ihrem Leiden eine arge Ver­schlimmerung eingetreten. Dann trat wohl eine vorüber­gehende, Monate währende Besserung ein, just wie seiner - ieit in dem schweren Leiden Kaiser Friedrichs. Doch in en letzten Tagen wieder lauteten die Nachrichten aus Cr-onberg im höchsten Grade Besorgnis erregend, und als man erfuhr, daß ihr kaiserlicher Sohn in der Nacht von -3>nntag auf Montag, seine Nordlandfahrt jäh beendigend, an das Krankenbett seiner Mutter eilte, und die Meldungen über das Abnehmen der Kräfte nahezu stündlich eintrafen, da wußte man, daß das End, der hohen Dulderin unmittel­bar bevorstand.

Am Abend des gestrigen Tages ist der Tod eingetreten itt das Schloß der hohen Frau, das sie zum Gedächtnis ihres Gemahls Friedrichshof genannt hat. Um sie ver­himmelt waren alle ihre Kinder, mit Ausnahme des auf hoher See weilenden Prinzen Heinrich,

Angesichts der Bahre erinnert man sich der Lebens- schicksale der hohen Frau, die früh von ihrem Heimatlande schied, um dem geliebten Gatten zur deutschen Erde zu teil.

Bei der Eröffnung der ersten Weltausstellung in London am 1. Mai 1851 hatte Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen die englische Prinzeß Royal Bictoria zum ersten Male ge­sehen. Sie war damals ein Kind von 11 Jahren, das mit großen, dunkeln Augen, die ein frühreifes Geistesleben ver­rieten, in die Welt schaute. Am 21. November 1840 war sie geboren, im Buckingham Palace, und am 10. Februar 1841 gerade ein Jahr vorher war der Hochzeitstag ihrer Eltern gewesen hatte fte in der Taufe die Namen Victoria Adelaide Mary Luida erhalten. Ihr Vater, der edle Prinz regent Aibert, nannte fte damals schon voll väterlichen Stolzes »sehr aufmerksam und beobachtend". Zwei Jahre später tonntePuffy- wie die Eltern ihre Aelteste riefen englisch und französisch mit großer Geläufigkeit und in ge wählten Ausdrücken sprechen. Damals schenkte ihr der Himmel rin Schwesterchen, unsere nachmalige Großherzogin Alice, die so frühe schon, lange Jahre vor ihrer älteren Schwester, ins Grab steigen mußte, tief betrauert von allem Volke und »amentlich von den deutschen Frauen, die sie als warme und begeisterte Vorkämpferin für das Wohl und die Rechte des »eidlichen Geschlechts hoch verehrten.

Die beiden Prinzessinnen erhielten eine möglichst ein« siche und häusliche Erziehung, und in sonniger, die Phan- tafie mit reicher Nahrung erfüllender Weise spielte sich ihr Zinderleben ab. Ihre Mutter, die Königin Victoria, sorgte aufs beste für die Entwickelung des Geistes ihrer Töchter. Unter ihrer Aufsicht lernten sie lesen, zeichnen, deklamieren zc. Die Königin zeichnete und malte bekanntlich vortrefflich. Diese Gabe ging besonders auf ihre älteste Tochter über. HtinzeßBicky-, wie sie als heranwachsendes Mädchen zu »eist genannt wurde, lernte schnell und korrekt zeichnen, und Ichon in verhältnismäßig jungen Jahren verstand sie sich auf tie Kompositionen von Landschaften und Gruppen, die sie jierjt in Kreide, später in Aquarell und Oel auSfühcte. Auch itt musikalische Unterricht kam nicht zu kurz.

Während die Ereignisse des zwischen Rußland und der Nrkei nebst deren Verbündeten, England und Frankreich, mögebrochenen Krimkrieges lebhaft die europäischen Kabinette

beschäftigten, tauchte plötzlich die Nachricht auf, Prinz Fried­rich Wilhelm von Preußen habe sich an den englischen Königs- Hof begeben, nm sich mit der Prinzeß Royal Bictoria zu verloben. Der Plan der Verbindung des zur Thronfolge berufenen preußischen Prinzen mit der ältesten Tochter der Königin von England hatte einen hervorragend politischen Charakter. Die starke Anlehnung Preußens an denrnsfi schen Koloß- hatte begreiflicherweise in England keine großen Sympathien gefunden; um so überraschender kam den poli­tischen Kreisen diese Kunde. Dee LieblingSwunsch des Prinz regenten Albert war es, seine viel versprechende, hoch begabte und früh gereifte Tochter Bictoria dereinst in einer großen Stellung, auf einem mächtigen Throne zu erblicken. Unter den Prinzen der Königshäuser Europas hatte Friedrich Wilhelm, der künftige Erbe des preußischen Throne», die Aufmerksamkeit des englischen KönigShofeS auf sich gezogen, und dem Prinzen Friedrich Wilhelm war das Bild der eng lischen Königstochter seit jenem Tage, als er sie zum ersten Male als fröhliches Kind gesehen hatte, nicht aus dem Ge dächtnis geschwunden. Er war am 14. September 1855 auf dem Hochlandschlosse Balmoral in Schottland eingetroffen, um die Hand der englischen Prinzessin sich zu erbitten. Seine Werbung wurde von den ElternBickys- freundlich auf­genommen, sie baten ihn jedoch, da die Prinzessin noch nicht 15 Jahre alt war und erst im nächsten Frühjahre kon­firmiert werden sollte, sich bis dahin zu gedulden. Damals schrieb Prinz Albert:Der Prinz (Friedrich Wilhelm) ist ernstlich verliebt, und die Kleine strengt sich an, zu ge- fallen.- Als an einem schönen Septembertage das junge Paar durch die blühende Hochlandsheide einen Spazierritt unternahmen, da erschloß sich unter dem Eindrücke einer stimmungsvollen Naturumgebung das Herz des Prinzen. Er pflückte einen Zweig duftender weißer Heideblumen und reichte ihn als Liebeszeichen feiner Begleiterin. Weiße Heide- blumen aber bedeuten nach alter Ueberlieferuug Glück. Das Mädchen war durch die Gabe zu Thränen erschüttert.

Die ersten Gerüchte von der Verlobung der beiden Königskinder wurden von beiden Völkern diesseits und jenseits deS Kanals zunächst mit gemischten Gefühlen entgegen­genommen. Die Abneigung des englischen Volkes gegen alles Nichtenglische spielte dabei eine wesentliche Rolle. Die Times- behandelten die bevorstehende Verbindung in einem Artikel von rücksichtsloser Schroffheit. In Preußen aber fürchtete man nicht ganz mit Unrechtden kommenden Einfluß fürstlicher Verwandten-. Der Kreuzzeitungspartei war die Heirat vollends ein Greuel.

Doch der um neun Jahre ältere Bräutigam freute sich seines jungen Glückes.Es war nicht Politik, es war nicht Ehrgeiz, eS war mein Herz-, sagte Prinz Friedrich Wilhelm auf seiner Heimreise von seiner Brautfahrt.Auf innige Hcrzensneigung gegründet, ist mein Verhältnis zu meiner heißgeliebten Braut die wahre Anbahnung meines zukünftigen häuslichen Glückes. Ihre für das verhältnismäßig jugend- liche Alter sehr gereiften und entwickelten Eigenschaften des Herzens und Gemütes ließen uns bald mit einander fertig werden.-

Ein lieblicher und inniger Brief der Prinzessin Alice, der späterenMutter unseres Großherzogs, an ihren Schwager sei hier wiedergegeben:

Lieber Fritz! Ich kann Dir garnicht lagen, welche große Freude und Ueberraschung es mir gemacht hat, von den lieben Eltern zu hören, baß Du unserer guten Vlcky fortan so nahe ttehen wirst, und daß wir an Dich wie an einen Bruder denken dürfen. Wir haben Dich ja alle so lieb und sind überzeugt, daß Vtcky überaus glücklich mit Dir werden wird. Es wird uns freilich leid thun, die liebe Vtcky von uns scheiden zu sehen, da sie uns immer die friedlichste, gütigste Schwester gewesen ist. Da ihr Weggehen von hier aber zu ihrem Glücke beitragen wird, fo müssen wir uns schon, aus Liebe zu Dir, mit dem Gedanken befreunden, daß Du sie uns entführen willst. Ich bitte Dich, Deiner lieben Mama die Hand zu küsien und die liebe Viot herzlich zu grüßen von Deiner Dich liebenden Alice.

Den 9. April 1856.

Der Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg Gotha nannte in seinem Gratulationsschreiben an den Prinzen Friedrich Wilhelm die junge Brantein sehr be­deutendes Kind, das Bild der Heiterkeit und der Lust aller derer, die sie kennen.- Moltke schrieb in demselben Jahre: Die Prinzeß ist höchst liebenswürdig, Sie spricht deutsch ohne allen Accent, ist schlicht, freundlich und sehr gescheit. -

Die Erziehung der Prinzessin erhielt von dem Tage ihrer Verlobung an eine erhebliche Wendung und wurde in erster Linie darauf gerichtet, sie mit dem Wesen, den Sitten unb der Geschichte des Landes genauer vertraut zu machen, das ihre zweite Heimat zu werden bestimmt war. Ihr Vater, der f. Z. die Ausarbeitungen seiner Tochter aus der römischen Geschichte selbst geleitet und korrigiert hatte, führte sie jetzt in den Geist der deutschen und preußischen Geschichte ein, und war mit den Fortschritten seineskleinen Ministers-, wie er seine Lieblingstochter zuweilen scherzend bezeichnete, zufrieden. U. a. übersetzte sie die von dem bekannten Historiker Droysen 1857 herausgegebene SchriftKarl August und die deutsche Politik- ins Englische, und mehr noch als Droysen war ob dieser tüchtigen Arbeit ihr Bräutigam Über­rascht über denmännlichen Kopf- seiner Vtcky.

Schwer aber wurde es der Prinzessin, von den Stätten ihrer glücklichen Kindheit zu scheiden. Mit allen Fasern ihres Herzens hing sie an ihrem Heimatlande, an ihrem an gebeteten Vater. Am 25. Januar 1858 fand ihre Hochzeit

statt und unmittelbar daran schloß sich ihre Abreise nach Berlin, wo sie mit großer Herzlichkeit empfangen wurde und wo sie sich bald die Herzen gewann von Hoch und Niedrig. Das Haupt derer, die in der Prinzessin ein fremde» Element erblickten, General v. Gerlach, schrieb in sein Tagebuch:Die Prinzessin sieht schärfer und richtiger al» viele Männer von hervorragendem Geiste, weil sie, im Besitze eines klaren Geistes und des reinsten Herzens, das Wort ,93orurteil- nicht kennt.-

Zu seinem Heim hatte der Prinz jene denkwürdige Stätte gegenüber dem ZeughauseUnter den Linden- ge­wählt, die unter dem NamenFeldmarschallhaus- im Volk«, munde bekannt und mit der Geschichte Preußens innig ver­knüpft war. Hier entfaltete sich bald ein musterhaftes Ehe- leben voll Innigkeit unb Herzlichkeit. Beibe begeistert für alles, was des Menschen Herz erhebt, genossen sie die Freuden des Eheglückes in voller Harmonie. Allerdings ging das anfangs entzückte und enthusiastische Publikum bald zu schärferer Kritik über. ES ist ja eine charakteristische Eigen- schäft des Norddeutschen, namentlich deS Berliners, sein erstes überwavendeS Gefühl alsbald in ScepticiSmuS zu wandeln, die markanten Personen anatomisch zu zergliedern. Mißtrauisch beobachtete man namentlich, und nicht ganz ohne Grund, die starke Sehnsucht der Prinzessin nach ihrem eng» lischen Heimatlande, und sie hat, wie ihr Vater eS ihr prophezeite,manchen Puff im Leben aushalten müssen".

Alle Welt aber sah mit Freuden die Ähnlichkeit der geistigen Anlagen des Fürstenpaares und die Gleichartigkeit ihrer Bestrebungen, die Harmonie deS Denkens und Fühlens in Bezug auf die wichtigsten Seiten des Lebens. Der be­kannte Dr. Hinzpeter, der Erzieher ihres ältesten Sohne», unseres Kaisers Wilhelm II., spricht in einer trefflichen Charakteristik deS großen Eheglückes des prinzlichen Paare« vonder lebhaften, neue Ideen enthusiastisch ergreifenden, aber auch energisch festhaltenden jungen Frau".

Ihre Zwanglosigkeit und ungesuchte Freundlichkeit paßte so ganz zu der schlichten Herzlichkeit und gewinnenden Liebenswürdigkeit ihres Gemahls, wie sie dem Volke ver­traut ist. Allerlei hübsche Züge gehen noch heute in der Berliner Bevölkerung von Mund zu Mund. Man erzählt, wie die nachmalige Kaiserin Friedrich als Prinzessin und Kronprinzessin eine Gegnerin alles Formenzwanges war, wie sie aller Hofetikette entgegen, in ihrer stark ausgeprägten künstlerischen Neigung, unbegleitet die Berliner Museen be­suchte, wie sie mit ihrem Gemahl bei Professor Schellbach mathematische und physikalische Studien trieb rc. Schön sind ihre Worte, die fte einmal an Theodor v. Bernhardt richtete: Ich bin stolz darauf, diesem (dem deutschen) Lande anzn- gehören".

Der erste große Schmerz, den das hohe Paar in seiner Ehe traf, war der Tod eines Sohnes, des Prinzen Siegis- munb, im Sommer 1866. Er traf namentlich die Kron­prinzessin mit ganzer Wucht. Ihren Kindern war sie eine vortrefflich Mutter, eine strenge Erzieherin. Selten hat es wohl eine Fürstin gegeben, die sich in so eingehender Weise persönlich mit ihren Kindern beschäftigt hat. In der Familie waltete sie echt hausmütterlich. Sie fertigte einen Teil der Garderobe ihrer Kinder eigenhändig an, besorgte sich die Schnitte dazu, versah die Kleidchen mit eigenhändigen Sticker­eien, in denen sie eine Meisterm war, garnierte die Mützchen, häkelte Decken und beschäftigte sich selbst mit dem Spinnen der Wolle.Im einfachsten schwerwollenen Kleide, durch das Haar nur ein schwarzes Band, ohne alle Frisur, spinnend und zwischen hindurch allerlei Lieder singend", so schildert sie Putlitz.Sie sagt nie eine Phrase, und das übt eben einen so ganz besonderen Zauber aus. . . Sie sieht wunderhübsch aus mit den schönen ausdrucksvollen Augen; es liegt ein unbeschreiblicher Charme über der ganzen Gestalt."

Ein anderes, frühes Wort von Putlitz ist von treffendster Charakteristik:Man wird sich noch wundern über die hochbegabte, eigentümlich ausgebildete Natur, wenn einmal die Zügel ihres Willens frei schießen. Der Zauber­lehrling wird viele Quellen entfesseln; ich glaube aber, er wird die Formel wissen, sie zu hemmen, damit fte nicht über­schwemmen." |

Oft erschien die hohe Fran schon in früher Morgen­stunde in dem Unterrichtszimmer, folgte mit dem größten Interesse den Auseinandersetzungen des Lehrers über seine Unterrichtsmethode und freute sich über die Fortschritte ihrer Söhne.

Ganz besondere Freude gewährte der hohen Frau die Pflege der Blumen. Der größte Teil der Beete in den Gärten um das Neue Palais bei Potsdam herum ist nach ihren Zeichnungen und persönlichen Angaben hergerichtet. Meine Frau versteht alleS", pflegte der Kronprinz oft zu sagen.

In der Unterhaltung liebte sie das dialektische Kreuz­feuer. Staunenswert war ihre Belesenheit und ihre Ge­dächtnisstärke. Sie sprach mit gleicher Kenntnis über deutsche und englische Siiteratur, kannte die Dramen Hebbels ebenso genau wie ihre englischen Lieblingsschriftsteller. Putlitz nennt sievon Geist begabt wie wenig Menschen dieser Erde-. Dabei liebte sie einen fortwährenden Wechsel. In jüngeren Jahren pflegte sie Pistole zu schießen.Eine geistige und körperliche Unermüdlichkeit ist in ihr, von der Graf Haeseler Wunderdinge erzählt-, schreibt Putlitz.Ich wüßte nicht,