Ausgabe 
7.2.1901 Zweites Blatt
 
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Nv 32 Zweites Blatt. Donnerstag den 7. Februar 151. Jahraana 1901

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Montag».

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und Anzeigeblatt für den Kvek Gieren.

Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schulstrabe Nr. 7.

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Klätter für hessische Dalbslrnnde.

Adresse für Depeschen: Anzeiger 6lt|te.

Fernsprecher Nr. 51.

Amtlicher Feil.

Bekanntmachung.

Betr.: Die veterinärpolizeiliche Ueberwachung der Vieh, und Pferdemärkte.

Im Hinblick auf die am 12., 13. und 26. diese-, sowie am 5., 6., 19. und 20. de- folgenden Monat- bringen wir die von uns unterm 28. März 1900 (Gießener Anz. Nr. 78) getroffenen Anordnungen wiederholt zur Kenntnis der Be­teiligten.

Gießen, den 5. Februar 1901.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Bechtold.

Die Rückreise des Kaisers von.England.

KönigEduard,KaiserWilhelm, der deutsche Kronprinz und der Herzog von Connaught ver­ließen am Dienstag Windsor. Eine Kompagnie der könig­lichen Leibgarde eskortierte die a la Daumont bespannten Wagen. Der König trug die Uniform seines preußischen Dragoner-Regiments, Kaiser Wilhelm englische Feld­marschalls-Uniform. Die Menge begrüßte auf dem Wege zum Bahnhofe mit lauten Zurufen die Majestäten, die um halb 2 Uhr auf dem Paddington-Bahnhofe in London eintrafen. Nachdem die Klänge der Nationalhymne verhallt waren, traten die Herrschaften in königlichen Wagen die Fahrt zum Marlborough-House an. Auf der ganzen Fahrt wurde dem Kaiser Wilhelm, der zur Seite des Königs in dem von Leibgardisten eskortierten offenen Wagen saß, von der die Straßen entlang in dichtgedrängter Masse aufge­stellten Bevölkerung ein begeisterter Empfang zu Teil. In der Nähe des Marlborough-House nahm das Gedränge immer mehr zu und immer lautere begeistertere Hochrufe tönten den Majestäten entgegen. Sie steigerten sich im Augenblick der Ankunft vor dem Palaste zu wahrhaft großen Huldig­ungen für beide Monarchen, die fortwährend militärisch grüßend dankten. An vielen Stellen in den Straßen wehte die deutsche Flagge neben der königlichen Standarte und dem Union Jack.

Im Marlboroughhouse fand eine Frühstüüstafel statt. Sodann wurde die Fahrt zur Charing Croßstation an­getreten. Dort hatten sich eingefunden: Der Herzog von Connaught und eine große Anzahl hoher Offiziere, darunter Lord Roberts, Mitglieder der deutschen Botschaft, Abord­nungen von preußischen Regimentern, der Erzbischof von York, der Herzog von Portland, der Lordmayor und andere. Mannschaften der Goldstreamguards stellten die Ehrenwache. Kaiser Wilhelm und König Eduard schritten die Front ab, der Kaiser unterhielt sich einige Zeit mit dem Lord- mayor und sprach verschiedene zur Verabschiedung an­wesende Persönlichkeiten an. Sodann verabschiedete sich der Kaiser herzlichst vom Konia, und bestieg mit dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm und dem Herzog von Sparta den Waggon, unter den brausenden Hurras der auf dem Bahnhof Versammelten. Unter den Klängen der deutschen Nationalhymne und dem Salut der Ehrenwache verließ der Zug den Bahnhof zur Fahrt nach Port Viktoria. Der König ernannte den Prinzen Friedrich von Schles­wig-Holstein und den Herzen von Teck zu Rittern des Großkreuzes des Viktoriaordens, den Herzog von Sachsen- Koburg-Gotha zum Ehrenritter des Großkreuzes desselben Ordens, und den Prinzen Heinrich von Preußen zum Ehrenvize-Admiral der britischen Flotte. Der Eiscnbahnzug mit dem Kaiser Wilhelm traf 5 Uhr nach­mittags in Port Viktoria ein. Seesoldaten und Matrosen waren als Ehrenwache aufgestellt. Die auf dein Medway- fluß liegenden Kriegsschiffe feuerten den Königssalut. Der Kaiser begab sich sofort an Bord derHohenzollern", die gegen 5,30 Uhr abging.

Alle Londoner Blätter hatten aufgefordert, dem Deutschen Kaiser eine herzliche Abschiedsovation darzu­bringen.Daily Telegraph" sagt nach einer Schilderung der großen Charaktereigenschaften des Kaisers: Gute Be­ziehungen zwischen Deutschland und Eng­land können nur auf der Basis gegenseitiger Würdigung und gleichmäßiger Zugeständnisse gesichert und gefördert werden. Die Wage neigt sich jetzt auf die Debetseite unserer Rechnung. Wir haben jetzt gute Gelegenheit, dem Kaiser zu zeigen, wie uns der Gedanke mit Wärme erfüllt, daß jetzt an uns die Reihe ist, zurückzuzahlen. DieTimes" führt aus: Das deutsche und das englische Volk fühlen, daß die Gefühle des Kaisers Wilhelm für die Königin Viktoria ein Beweis seines edlen Herzens sind. Wir haben das Vertrauen, daß die herzlichen Gesinnungen für den Kaiser, die in allen englischen Herzen wachgerufen sind, zur Förderung besseren Verständnisses »wischen den beiden Nationen beitragen wird, aber un übrigen kann man nicht annehmen, daß Familienbande einen direkten Einfluß auf internationale Angelegenheiten ausüben.Standard" sagt, alle Handlungen Kaiser Wil­

helms sind zugleich königlich und menschlich und haben dem Kaiser in den Herzen auch der britischen Nation einen Platz gesichert, aus dem er nicht leicht wieder verdrängt werden wird. Wir wußten schon, daß der deutsche Kaiser ein Fürst ist von außerordentlicher Gewandheit, von ungewöhnlichen Fähigkeiten und männ­licher Energie des Charakters und haben jetzt gesehen, daß er mit allen diesen hohen Gaben einen Adel des Na­turells und eine Wärme des Gefühls verbindet, die in solcher Weise selten und nicht weniger anziehend sind. Es gießt keinen fremden Herrscher, der mehr, als er, unsere Hochachtung und unsere Dankbarkeit verdient hätte.

Daily Mail "schreibt: Obgleich Kaiser Wilhelm noch nicht sehr lange regiert, so hat er doch umfassende Beweise großer Staatsklugheit gegeben. Als Soldat steht er in der vordersten Reihe in Europa; als Seemann hat er seine Flotte aufgebaut und organisiert. Wir begrüßen in ihm nicht nur den großen Herrscher, sondern wir müssen in ihm auch den großen Menschen huldigen, wenn wir nicht undankbar sein wollen, und wir werden ihn e m pfangen, wie nie zuvor ein Herrscher von einem fremden Volke empfangen worden ist.

SMSS.Baden",Hagen",Viktoria Luise" und Jagd" und SM. Tpdbte.S 93" undS 96" unter Befehl des Vize-Admirals Prinz Heinrich von Preußen, traten am 5. Februar abends von Portsmouth aus die Rück­reise nach Kiel bezw. Wilhelmshaven an.

* * *

Telegramme deS Gießener Anzeiger-.

London, 6. Febr. Der König bat den Kaiser, die Offiziere und Mannschaften der Abordnungen des ersten preußischen Garde-Dragonerregiments und des Blücher-Husaren-Regiments, noch einige Tage als seine Gäste in London behalten zu dürfen.

Sherneß, 6. Febr. DieHohenzollern" init dem Kaiser fuhr um 6 Uhr früh nach Vlissingen ab.

Die Hochzeitsfeierlichkeiten im Haag.

Die Liebe, die das ganze niederländische Volk der an­mutigen jungen Königin entgegenbringt, kommt jetzt bei ihrer Hochzeitsfeier zum herzlichen Ausdruck. Auch dem mecklenburgischen Herzog, auf den die Holländer zuerst mit etwas eifersüchtigen Empfindungen sahen, werden jetzt die aufrichtigsten Sympathieen entgegengebracht, lieber der schlichten alten Stadt, demHaag der Grafen", liegt eine heitere Festesstimmung, doch halten sich alle Vorbereitungen in durchaus angemessenen Grenzen, und der prangende Schmuck fügt sich harmonisch in die ernste historische Um­gebung.

Am Dienstag brachten 1000 Männer Hollands der Königin ihre Huldigung dar, indem sie von dem weiten Halbrund des Palasteinganges aus in feierlicher Serenade die altehrwürdigen Verse des niederländischen Liedes in­tonierten, das einst Marnix von Sint,Aldegonde der Geuse", zu Ehren seines Herrn, Wilhelmus von Nassauen, des Prinzen von Oranien, in der Zeit der schweren Not gedichtet hat. Die Königin erschien mit ihrem Verlobten am Fenster und begrüßte die Sänger. Obwohl Wilhelma eigentlich keine ausgesprochene Schönheit ist, weiß sie doch durch ihr liebenswürdiges Lächeln und die Anmut ihrer Bewegungen zu entzücken, und sie riß die Volksmasse zu lauter Bewunderung hin. Der Herzog trug Marineuniform und sah recht stattlich aus. Die Königin sprach dann den Leitern der Aufführungen ihren Dank aus. Später machte sie in Begleitung ihres Verlobten und der Königin-Mutter eine Rundfahrt durch die herrlich geschmückten und be leuchteten Straßen der Stadt; die Bevölkerung gab überall, wohin die Fahrt führte, ihrer freudigen Stimmung in lebhaftester Weise Ausdruck, sie umdrängte so lebhaft den Wagen, daß die Pferde Schritt für Schritt gehen mußten.

Vorher empfing die Königin die Gesandten fremder Mächte, welche die Glückwünsche ihrer Souveräne über­brachten, mit ihren Damen. Unter denselben befanden sich der englische Gesandte Sir Howard, der portugiesische Graf Selir und der Gesandte der Südafrikanischen Republik Dr. Leyds. .

Am Abend fand in der königlichen Schauburg Gala­vorstellung statt. Tas kleine Theater war mit hellblau seidenen Draperien und Tannengewinden geschmackvoll ver­ziert. Im Parket herrschte unter den Uniformen die deutsche vor; besonders sah man Gardejäger-, Husaren- und mecklen­burgische Grenadier-Offiziere. Dre Königin in einem weißen Brokattteid mit einem kleinen Diadem auf dem Haupt, sah reizend aus. Sie nahm zwischen ihrem Verlobten und dem jungen Großherzog von Mecklenburg-Schwerin Platz. Nach dem LiedeWilhelmus", der mecklenburgischen Hymne und Mendelssohns Hochzeitsmarsch wurde eine Dichtung von Ritter, die die Huldigung der holländischen Provinzen dar­stellte, aufgeführt. Man sah, wie die Königin ihrem Ver­lobten viele Stellen übersetzte. Nach verschiedenen weiteren Darbietungen schloß der Abend mit demWilhelmus". Darauf fand eine Soiree bei dem deutschen Gesandten Graf Pourtales statt, der aber die Königinnen nicht beiwohnten.

Der Kampf um die Kanäle.

ii.

Unser parlamentarischer Mitarbeiter schreibt au- dem preuß. Abgeordnetenhause unterm 5. Februar:

Heute loar das Interesse an der Diskussion wesentlich geringer, wie die schwächere Besetzung und andauernde: Unruhe im Parauet erkennen ließen. Als erster aus der Rednerliste sprach Namens der freisinnigen Volkspartei der persönliche Adjutant" Eugen Richters, der noch jugend­liche Abg. Dr. Wiemer. Der Wille, es diesem, den .ivrank- heil fernhielt, gleichzuthun, war vorhanden. Aber zuw Parlamentsredner von der Art Richters fehlt Herrn Wiemer noch mancherlei. Er müßte vor allem von seiner Vorliebe für tönendes Pathos zurückkommen. In der Sache selbst plädierte Dr. Wiemer natürlich zu Gunsten des Kanals. Von der Rede des Landwirtschaftsministers Frhr. v. Ham­merstein, der cm Heiserkeit laborierte, war leider wenig zu verstehen.Ohne Mittellandkanal keine Kom­pensationen!" Dieser bedeutsame Satz bildete den Gipfelpunkt der Darlegungen des Ministers. Durch sein kraftvolles Stimmorgan erzwang sich alsdann der kon­servative Redner v. Pappen heim die Aufmerksamkert des anfcheinend bereitskampfsatten" Auditoriums. Er wandte sich im Besonderen gegen den Abg. v. Eyuern, de» gestern den ostelbischen Grafen Kanitz und Schwerin-Löwitz Feindseligkeit gegen die Industrie nachgesagt hatte. Herr v. Pappenheim verwahrte seine Fraktionskollegen gegen diese Nachrede und belehrte die Nationalliberalen dahin, daß solche Taktik nicht zuletzt geeignet sei, die Kanalvorlage zu gefährden. DerChor der Landräte", wie Abg. Pichte« die Herren von der Rechten zu bezeichnen pflegt, siel hie» mit grundgewaltigem Beifall ein. Im übrigen griff die Debatte heute schon stark in Einzelheiten über, und daS machte sie nicht gerade kurzweilig. Namens der freisinnigen Vereinigung sprach Abg. Ehlers mit Humor zu Gunsten des Kanals. Anders als von der heiteren Seite ließ sich vor allem sein Wunsch, die Kommissionsberatung möge in knappen Rahmen gehalten sein, nicht auffassen. Es erübrigt fast, zu erwähnen, daß das Lied von dersorgfältigen Prüfung" der Vorlage in der Kommission auch heute wieder zu vollen Ehren kam. Herren uns dem Osten und dem Westen einigen sich auf diesenRefrain", «und alsWeltkind" aus Mitteldeutfchland schloß sich der freikonservative Herr Stengel ihnen an. Er zerpflückte dasKanalbvuquet" der Regierung in reichlich einstündiger Rede, und mit stille» Resignation nahm das Ministerium, Exzellenz v. Miquel voran, von dieser herben Kritik Kenntnis. Die Kanal­opposition quittierte mit demonstrativem Beifall. . . Je weiter der Zeiger der Parlamentsuhr vorrückte, desto leerer wurde es auf den Tribünen. Die Hofloge blieb heute völlig verwaist. Bald sah man auch diesen und jenen Landboten sein Kanal- oder sonstiges Material zusammenpacken und durch die säulenflankierte Pforte verschwinden. Zum Teil mochten die Herren ihre Schritte zum Königsplatz hin lenken, um den Schluß der Reichstagssitzungmitzu­nehmen" . . . Der Eisenbahnminister v. Thielen griff auch heute in die Debatte ein und schien sich an den Strohhalm" klammern zu wollen, daß selbst der grimme Kanalgegner Stengel die Möglichkeit einer Verständigung in der Kom­mission nicht rundweg geleugnet habe. Dieser ungewöhnliche Optimismus versetzte Rechte und Zentrum in aufgeräumte Stimmung. Doch Exzellenz v. Thielen ließ sich dadurch nicht beirren, sondern brach für die verpönten Wasserstraßen noch­mals herzhaft eine Lanze. Die Kanalreden des Eisenbahn­ministers tragen das Gepräge der unbedingten Ueberzeug- nng, aber auch ein glänzenderer Redner hätte hier einen schweren Posten. Die Konservativen besonders, die dem Minister seit der Zeit nicht sonderlich gewogen sind, da er das geflügelte Wort au8fprad>:Die Agrarier smd doch nicht allein auf der Welt!", zeigten sich hartnäckig verstockt. Ihr kühles Schweigen wurde lediglich durch spöttisches Lachen abgelöst. Der Beifall der Linken mußte Herrn v. Thielen einigermaßen trösten. In vorgerückter Stunde nahm noch Minister v. Miquel das Wort, um die finanziellen Be­denken der Kanalgegner zu zerstreuen. Er sprach eindringlich mit weithin schallender Stimme und lebhaftem Gestenspiel unter anteilvoller Aufmerksamkeit des Auditoriums. Die Ungläubigen zu bekehren dürfte auch ihm nicht gelungen sein, obgleich er sogar dieFestigkeit der Minister" und dieWeisheit diejes hohen Hauses" ins Feld führte. Man nahm die bedeutungsvollen Hinweise mit verständnisinnige» Heiterkeit auf. Persönliche Bemerkungen, teilweise heftige» Art, machten den Schluß.

Der Hunnenbrief eines Malers.

Gießen, 6. Februar.

An der Expedition nach China nimmt bekanntlich auch der Schlachtenmaler R o ch o l l teil, der sich darin gefällt, von dort aus Briefe in die Welt zu senden, die von unzweifelhaften Unwahrheiten voll sind und offenbar keine anderen Motive haben als Effekthascherei, und en sensationslüsternen Menge imponierenden Gesprächsn-ofs liefern wollen. Auf diese Weise macht der frerr Reklame