denn für einen Naturfehler an sich haben? Angekl.: Ich habe keinen normalen Kopf, sondern einen unförmigen. Präs.: Davon habe ich aber weder früher noch jetzt etwas bemerkt. Angekl.: Es ist in der Irrenanstalt in Jena festgestellt worden. Präs.: Und aus diesen Gründen warfen Sie sich auf die Philosophie? Angekl.: Ja. Ich fühlte, daß man mich nicht leiden konnte und da habe ich mich von selbst zurückgezogen. Es hat sich allmählich eine allgemeine Menschenverachtung bei mir ausgebildet. Präs.: Und deshalb fühlten Sie sich von der Philosophie angezogen? Angekl.: Ja. Präs.: Sie führen also Ihre abnorme Kopfform als Grund an, daß man sich von Ihnen zurückgezogen habe. Wir haben nun aber einige Zeugenaussagen, nach denen anzunehmen ist, daß eher Ihr Verhalten diese Entfremdung herbci- geführt hat. Der eine schildert Sie als „komischen Kerl", ein anderer als „Rauhbein" und ein dritter hält Sie für einen Egoisten. Es scheint also, daß Sie wenig Lebensart hatten. Das wäre ein Erziehungsfehler. Man hat Sie vielleicht nicht gelehrt, was sich schickt. Angekl.: Das ist mir nicht bewußt. Präs.: Was haben Sie nun gelesen? Angekl.: Nietzsche und Schopenhauer. Präs.: Wie kommen Sie gerade auf diese beiden Philosophen? Angekl.: Ein mir bekannter Postsekretär hatte mich auf sie aufmerksam gemacht. Präs.: Sie waren damals erst Obertertianer? Angekl.: Ja. Präs.: Hätten Sie damals nicht besser gethan, Caesars bellum gailicum und die Geschichte der Griechen zu lesen, als das Werk eines Menschen, der im Wahnsinn geendet ist? Der Angeklagte schweigt. Präs.: Haben Sie außer diesen Philosophen noch etwas anderes gelesen? Angekl.: Ja, Klassiker. Präs.: Das ist gut. Haben Sie auch religiöse Werke studiert? Angekl.: Ja, ich habe das Leben Jesu von David Strauß und von Ernst Renan gelesen. Präs.: Haben Sie diese Werke kritisch lesen können? Angekl.: Ich habe mir die Kritik selber gebildet. Präs.: Und in welcher Richtung bewegt sich Ihre Kritik? Angekl.: Im großen und ganzen stimmte ich mit den Ansichten Nietzsches und Schopenhauers überein. Präs.: Welcher Richtung huldigt denn Schopenhauer? Angekl: Der Menschenverachtung. Präs.: Und welche Lehre hebt Nietzsche auf den Piedestal? Angekl.: Daß es keinen Jammer in der Welt geben würde, wenn cs keine Menschen gäbe. Der Angeklagte zitiert mehrere Stellen aus „Zarathrustra". Präs.: Was lehrt also Nietzsche? Angekl.: Den Pessimismus. Präs.: Und was thut Nietzsche noch? Angekl.: Er leugnet die Existenz Gottes, vor allem des Gottes, den Christus gepredigt hat. Präs.: Und welche Auf- fasiung bringt er zum Ausdruck? Angekl.: Daß man sich isolieren solle und seinen einzigen Genuß nur in der Natur finden könne. Präs.: Ist es nicht auch Egoismus, den er zum Ausdruck bringt? Angekl.: Ja. Präs.: Und mit all diesen Dingen haben Sie sich beschäftigt als Obertertianer? Angekl.: Auch noch als Oberprimaner und Student. Der Angeklagte erzählt dann, mie er zunächst die Universität Jena bezogen und hier römische Rechtsgeschichte und Encyklopädie gehört habe. Im Herbst sei er dann nach Berlin übergesiedelt. Präs.: Wir müssen uns mit Ihren Jenenser Verhältnissen näher beschäftigen. Sie sind dort aktiv gewesen? Angekl.: Ja, bei den Saliern, einer Turnerschaft. Präsident: Hatten Sie einen auskömmlichen Wechsel? Angekl.: Ja, 100—120 Mk. Der Angeklagte giebt weiter an, daß er trotzdem etwa 200—300 Mk. Schulden gemacht habe, weil er viel getrunken und geraucht habe. Präs.: Sie sollen auch .Schnaps getrunken haben? Angell«: Ja, Absynth und gewöhnlichen Schnaps. Präs.: Sie hatten auch ein Verhälnis? Angekl.: Ja, mit einem Dienstmädchen. Präs.: Wie haben Sie mit ihr verkehrt? Angekl.: Nicht bloß platonisch. Präs.: Wie lange dauerte dieses Verhältnis? Angekl.: Bis Ostern. Dann habe ich das Verhältnis aufgelöst. Präs.: Weßhalb? Angekl.: Well sie auch mit anderen Studenten verkehrte. Präs.: Wie haben Sie diese Erklärung vorgenommen? Angeklagter: Ich gab chr einen mir geschenkten Ring zurück. Präs.: Sie haben ihn ihr an den Kopf geworfen? Angekl.: Ja. Präs.: Das war also ein sehr rauher Abbruch dieses sonst zarten Verhältnisses. War das nun die einzige Neigung, die Sie hatten oder waren Sie überhaupt leicht entflammbar? Angekl.: Das nicht. Präs.: Erinnern Sie sich, daß Sie in Jena für einen Schürzenjäger galten? Angekl.: Das könnte ich nicht behaupten. Es mag sein, daß man mich hier und da dafür gehalten hat. Präs.: Sie hatten auch in Ihrer Verbindung eine Exkneipe? Angekl.: Ja. Präs.: Sie haben auch einmal einen Bummel nach Ziegenhain mitgemacht? Angekl.: Ja. Präs.: Da ist es dann in einem Wirtshause zu einer sehr unangenehmen Szene gekommen und zwar infolge Ihres Verhaltens der Wirtin gegenüber? Angekl.: Ja, ich glaube, ich bin etwas handgreiflich geworden. Präs.: Es handelt sich um eine verheiratete Frau? Angekl.: Ja. Präs.: Und die Sache ging in der Küche vor sich? Angell.! Ja. Ich war nicht mehr ganz nüchtern. Präs: Der Präses der Verbindung hat Sie zur Ordnung gerufen und Ihnen anbefohlen, sich für den Rest des Ausfluges in einem Zimmer allein aufzuhalten. Sie sind aber trotzdem nochmals zu der Wirtin gegangen, so daß der Präses Sie nach Hause schickte mit der gleichzeitigen Erklärung, daß Sie „in perpetuum dimittirt“ seien. Was haben Sie darauf gethan? Ich bin nach Jena in die Normannenkneipe gegangen. Präs.: Und was wollten Sie dort? Angekl.: Ich suchte Sekundanten, weil ich den Präses auf Pistolen fordern wollte. Präs.: Wußten Sie nicht, daß das überhaupt unzulässig ist? Angekl.: Ich war, wie gesagt, damit sehr aufgeregt und unüberlegt. Präs.: Sie waren schon vorher zweimal aus der Verbindung ausgetreten? Angekl.: Ja, roeil’ ich die Empfindung hatte, als ob ich nicht zum Kouleur- ftubenten paßte. Präs.: War es nicht auch deshalb, weil über Ihre Beziehungen zu dem Dienstmädchen etwas verlautbart war? Angekl.: Daß weiß ich nicht mehr so genau. Präs.: Sie sind dann also nach Berlin gegangen und haben sich dort auf die Hosen gesetzt. Nach Ihrem Vorlesungsverzeichnis haben Sie u. a. bei Professor Kahl Strafrecht, bei Franz v. Lißt Strafrechtspraktikum, bei Kohler Psychologie des Verbrechens und bei Egidy Recht und Moral gehört. Angekl.: Das ist richtig. Ich habe täglich acht bis neun Stunden gehört, aber dann die praktischen Hebungen nicht besucht, well ich mir sagte, daß ich für Jura nicht inklinierte und nicht genug gelernt hatte, weshalb ich mich zu blamieren fürchtete. Der Angeklagte erzähtt dann auf Beftagen weiter, wie er in Berün seine Jenenser Schulden dadurch gsdeck
habe, daß er mittags nichts gegessen und sich Entbehrungen aller Art auferlegt habe. Der Präsident bemerkt dazu: Dann haben Sie das Schuldenmacheu bitter gebüßt! Weiter habe er, so deponiert der Angeklagte, in Berlin seine philo- ophischen Studien fortgesetzt und auch Unterricht bei Kerkau im Billardspiel genommen, worin er es nach Angaben der Akten, zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hat. Der Angeklagte gibt, über seinen körperlichen Zustand befragt, an, daß er in Jena und Berlin auf der Mensur gestanden habe, u. a. mit dem Sohne des Landgerichtsrats Kuhn, und daß er dabei eiternde „Blutige" am Hinterkopf erhalten habe, von wo die öfter bei ihm auftretenden Kopfschmerzen herrühren könnten.
Nach Feststellung dieser Verhältnisse kam der Präsident auf das Liebesverhältnis des Angeklagten mit der (ermordeten) Martha Amberg in Eisenach zu sprechen. Darnach ist der Angeklagte der Amberg erst als Student näher getreten. Die Bekanntschaft habe er eingeleitet durch einen an die Amberg gerichteten Brief, durch den er sie zu einer Zusammenkunft einlud. Dies sei während der Osterferien dieses Jahres gewesen. Die Amberg sei der Einladung gefolgt und habe in der Dämmerung sich in der Nonnen- gasse eingestellt, von der aus ein Spaziergang nach dem Grabenthale ausgeführt wurde. Während dieses Spazierganges erklärte der Angeklagte dem Mädchen seine Liebe und küßte sie. Dieser ersten Zusammenkunft folgten weitere, auch Restaurationen besuchten die beiden. Er war fest davon überzeugt, daß sie ihn wieder liebe. Seine Liebe sei eine rein platonische gewesen, er habe sie ideal gehalten. Sie sei ein durchaus anständiges Mädchen gewesen; seine ernste Absicht sei gewesen, sie zu heiraten. Wenn er ihr davon Mitteilung gemacht, so habe sie ungläubig gelächelt, denn sie habe angenommen, daß die sozialen Unterschiede zwischen ihnen eine Verheiratung unmöglich machen würden. Seinen Eltern gegenüber verheimlichte er das Liebesverhältnis. Als er nach Berlin zurückgekehrt war, schrieb er von dort aus ihr verschiedene Liebesbriefe und viele Postkarten; auch er erhielt von ihr Briefe, und in einem befand sich ihre Photographie, auf die der Angeklagte ein Citat aus der Jungfrau von Orleans niederschrieb und dabei anfügte: „Das Weib, das ewig treu bleibt, muß erst geboren werden." Sein Schreiben war voll liebeglühender Sehnsucht, und sein Mädchen redete er mit „mein süßer, herziger, blonder Schatz" an; auch wurden diesen Briefen verschiedene Male Gedichte angeschlossen, von denen er einige selbst verfaßt haben will. Dadurch glaubte er feinem Mädchen eine Freude zu bereiten. Er habe die Familienverhältnisie feines Mädchens gekannt, er habe gewußt, daß die Mutter Totenfrau ist. Sehr unangenehm habe es ihn berührt, als ihm ein Schuhmacher Stotzlar mitgeteilt habe, die Amberg erfreue sich keines guten Rufes, denn sie unterhalte ein sehr intimes Verhältnis mit einem Gymnasiasten. Er habe ihr dies vorgehalten und sie habe mit Entrüstung die Beschuldigung zurückgewiesen. Ermahnungen anderer, mit Rücksicht auf die Verhältnisse das Aiädchen aufzugeben, habe er in den Wind geschlagen.
Präs.: Sie müssen uns jetzt die Einzelheiten der That schildern. — Angell.: Ich bitte, die Akten heranzuziehen, denn es ist mir unmöglich, hierüber noch etwas zu sagen. Ich war wahnsinnig verzweifelt, wie soll ich den Zustand schildern? Ich habe ja alles gestanden. — Der Angellagte setzt sich in höchst erregtem Zustande auf die Anklagebank. — Präs-: Es liegt in Ihrem Interesse, uns zu antworten. — Nachdem srch der Angellagte, der während der ganzen Dauer seiner Vernehmung ein finsteres, trotziges Wesen zur Schau trug, wieder beruhigt hat, giebt er zur That selbst an: Er habe die Nacht zum Mordtage ebenso wie die vorhergehenden Nächte schlaflos verbracht. Gegen fünf Uhr früh habe sein Entschluß, erst das Mädchen und dann sich zu töten, feste Gestalt angenommen. Er habe sich dann gegen acht Uhr den Revolver und die Patronen gekauft, und sei um 9 Uhr in die Wirtschaft Bayrischer Hof gegangen, wohin er das Atädchen, unter dem Vorwande, einen Spaziergang mit ihr machen zu wollen, bestellt hatte. Sie seien dann beide nach Stetefeld zu gegangen. Das Mädchen sei in gedrückter Stimmung vor ihm her geschritten, und während dieser Zeit habe er den Revolver mit sechs Patronen geladen. — Präs.: Haben Sie das ahnungslose Mädchen noch gelieb- wst auf diesem Wege? — Angell.: Nein- Ich habe ihr nur einmal die Hand gedrückt, und darauf wollte sie mich umarmen und küssen. Ich ließ das aber nichtzu, weil es mir sonst nicht möglich gewesen wäre, die That auszuführen. Sie weinte darauf, und ich legte den linken Arm um ihre Taille, worauf sie den Kopf an mein Herz legte. Ich fragte sie dann, ob sie ihrer Mutter Adieu gesagt habe, doch sie schien die Frage nicht recht zu verstehen. In diesem Augenblick hob ich den Revolver und schoß, wobei ich auf ihren Kopf zielte. Sie muß den Revolver gesehen haben, denn sie fuhr zurück, aber ich schoß weiter, immerzu. Sie schrie furchtbar auf, rief noch einmal „Wal - ther!" und fiel zu Boden. Als ich sie niederstürzen sah, habe ich denRevolverhingewor- fen und mich auf fie gestürzt und fiegebeten, nicht zu sterben. Sie war aber schon tot, und dann habe ich sie geküßt, und bin dann fortgelaufen. — Präs. : Nun, ich denke, jetzt wollten Sie sich noch! erschießen? Sie leben ja aber heute noch! — Angell.: Das ist auch sehr bedauerlich. Ich war aber, als ich das blutüberströmte Mädchen liegen sah, zu feige, um mich um- aub rin gen. — Präs.: Aber dazu hatten Sie den Mut, das Ihnen vertrauende Mädchen zu töten. Würde es dann nicht genügt haben, wenn Sie nur sich umgebracht hätten? Der Angellagte schweigt.
Auf eingehendes Befragen giebt er dann noch an, daß er nach einer halben Stunde wieder zur Leiche zurückgekehrt sei, und diese mit Kirschblüten und Waldblumen geschmückt habe. Auch habe er feine Jacke und seine Weste über die Tote gebreitet, und sämtllche Wertsachen weggeworsen. Nachdem er noch drei bis vier Stunden ziel- und planlos im Walde umhergelaufen sei, habe er sich schließlich au den Weg zur Eisenacher Polizeidirektivn gemacht, die seiner Angabe, daß er die Amberg vorsätzlich und überlegt getötet habe, zunächst gar nicht recht glauben wollte.
Präs.: Was ist das nun, Angeklagter, was Sie damals gethan haben? Wie urteilten Sie als Jurist darüber? — Angekl.: Es war Mord. — Präs.: Den Sie mit Ueberlegung begangen haben? — Angell.: Das weiß ich nicht, das muß aus dem Thatbeftand ersichtlich! fein. — Präs.: Und Sie sind mit dem Plan schon in Berlin umhergegangen? — Angell.: Ja- Ich habe dort schon, und sogar in Jena immer die Ahnung gehabt, datz es.
ein solches Ende nehmen mutz mit mir. — Präs-: Empfin« den Sie über Ihre That Reue? — Angell.: Das ist selbstverständlich.
Es folgt dann die Vernehmung des Sachver» ständigen. .
Med.-Rat Dr- Brauns- Eisenach wurde gerufen, als der Angeklagte sich soeben gestellt hatte. Es seien ihm ofort Die unnatürliche Ruhe und die Haren, präzisen Antworten des Angeklagten ausgefallen. — Präs-: War das nicht vielleicht die natürliche Reaktion? — Sachverst.: Nein, es war ein für einen normalen Menschen ganz unnatürlicher Zustand. Ich hatte sofort den Gedanken, daß bei ihm nicht alles in Ordnung wäre. — Ueber den Befund an der Leiche bekundet Der Sachverständige, daß die Tote vier Schüsse erhalten habe, von denen drei unbedingt tödlich waren. Eine weitere Untersuchung ergab, daß sie unterleibskrank, und keineswegs unschuldig war.
Landgerichtsarzt Dr. Wedemann bestätigt die Rich- tigfeit dieses Befundes und deponiert noch, daß der vierte Schuß die Hand des Mädchens getroffen habe, woraus er chließ.t, daß die Ermordete eine Abwehrbewegung gemacht habe.
Hierauf bekundet Stud. jur. Kuhn: Der Angellagte! habe sehr perverse Ideen gehabt und sich namentlich über Recht und Gesetz höchst abfällig geäußert. — Präs.: Er soll zu Ihnen gesagt haben, er stehe über den Gesetzen? —> Zeuge: Ja, das war offenbar eine Folge feiner Lektüre, die nur aus Schopenhauer und Nietzsche bestand. — Präs.: Und das hat er natürlich nicht verdauen können. Tas war Gift für ihn. — Der Zeuge hat eine Mensur mit dem Angeklagten gehabt, die ihren Grund darin hatte, daß er (Zeuge) die Lampe Fischers mutwillig ausdrehte. —. Ueber die Trinkgewohnheiten des Angeklagten bekundet der Zeuge, daß Fischer nicht mehr getrunken habe als andere Studenten in den ersten Semestern auch (Heiter-, feit.) Der Angeklagte habe oft über Kopfschmerzen geklagt und beim Schlafen den Kopf immer seitlich aus dem Bett hängen lassen, weil er, wie er behauptet habe, anders nicht schlafen könne. Bereits auf dem Gymnasium habe man angenommen, daß Fischer geistig nicht ganz normal sei. Er sei schon als Sextaner gewaltthätig gewesen. — Stud. jur. Salzmann bekundet, daß der Angellagte schon auf der Schule als ein großes Licht in philosophischen Dingen gegolten habe. Er habe lange Borträge über Nietzsche und Schopenhauer gehalten, die aber niemand verstanden habe. Er habe sich als Pessimist dargestellt, sein Dasein verflucht und sei sexuell sehr reizbar gewesen. Der Zeuge hat ihn auch einmal einen ganzen Liter Getreidekümmel trinken! sehen. — Stud. jur. Söder mann bestätigt, daß Fischer in Jena die bereits erwähnten Streiche mit einer Ziegern« Hainer Wirtin gemacht habe und daraufhin von den Saliern „abgegangen worden" sei. Sein merkwürdiger Zustand sei von dem Paukarzt der Verbindung, einem im 17. Semester stehenden Stud. med., als „nicht normal" bezeichnet worden. — Präs.: Na, die Jenenser Paukärzte pflegen nicht gerade in hohem wissenschaftlichen Ansehen zu stehen. (Heiterkeit) — Stud. jur. Bracht- Jena schildert ebenfalls, wie der Angeklagte stets die Ansicht vertreten habe, daß er häßlich sei und daß er deshalb seinen Spiegel zu verhängen pflege. Er habe oft die Stunde seiner Geburt verflucht und Nietzsche und Schopenhauer als seine Eideshelfer citiert. Der Angeklagte habe niemals Gründe für fein unwürdiges Verhalten und seine Anschauungen geltend gemacht, sondern einfach seine Lehrsätze in die Welt geschrieen und verlangt, daß niemand dagegen Widerspruch erhebe. Für Gegengründe sei er überhaupt unempfänglich gewesen. Er habe sich stets als ein Stiefkind des Lebens betrachtet und vor allem eine auffällige Weib er scheu an den Tag gelegt. Auch habe er geklagt, daß kein Mädchen mit ihm verkehren wolle. — Präs.: Sie sollen einmal Ihre Meinung über den Angeklagten in die Worte zusammengefaßt haben: Er wird noch einmal geköpft werden, und es scheint so, als wolle er das! auch! — Zeuge: Das ist richtig. Ich habe ihn oft gewarnt, sich zu sehr gehen zu lassen, indem ich ihm sagte, daß er sonst entweder im Jrrenhause oder im Zuchthause enden würde. Es mußte einmal was bei ihm platzen! Den Eindruck hatte ich, und als ich von seiner That hörte, war ich absolut nicht erstaunt darüber. — Der Zeuge schildert den Anegeklagten schließlich als einen außerordentlich fleißigen Menschen, der aber stark geraucht und viel, wenn auch sehr gut, Billard gespielt habe.
Nun wurde die Mutter der Ermordeten, die 60jährige Leichenfrau Witwe Sophie Amberg-Eisenach, die in großer Erregung den Saal betritt, als Zeugin vernommen. Sie bekundet weinend: Sie habe von dem Verkehr ihrer Tochter mit dem Angeklagten aus dessen Briefen an ihre Tochter Kenntnis gehabt und den Verkehr geduldet, weil sie überzeugt gewesen sei, daß der Angeklagte das, Mädchen sehr geliebt habe. Sie fei ihm auch deshalb nicht gram wegen seiner That. — Präs.: Sie haben dem Angeklagten sogar eine Photographie Ihrer Tochter ins Gefängnis geschickt? — Zeugin: Ja, weil er mir so leid that, und weil er sie doch so lieb hatte. — Präs.: Sie sind die Mutter der Ermordeten. Wer stand! Ihrem Herzen denn naher, d,ie .Tochter oder ihr Mörder? — Zeugin: Das ist schon richtig. Aber weil er sie so sehr geliebt hat und weil er doch so leiden mußte, habe ich ihm das Bild gesandt. — Präs.: Und Ihre Tochter? —. Zeugin: Die war ja gut aufgehoben bei dem da oben. —n Präs.: Haben Sie wirklich diesen merkwürdigen Schritt nur aus Mitleid mit dem Angeklagten gethan oder etwa deshalb, weil Sie sich als die Mutter einer Ermordeten, als die berühmte Frau von Eisenach fühlten? — Zeugin (weinend): Wie können Sie nur so etwas denken? — Präs.: Na, es giebt so eine Art der Romantik. Jedenfalls ist diese Thatsache auch psychologisch recht interessant. — Die Zeugin bekundet schließlich, daß sie ihre Tochter für ein unbescholtenes Mädchen halte und nicht glauben könne, daß dieselbe mit irgend jemandem sträflichen Verkehr gepflogen hat
Der Polizeiwachtmeister, welcher die Oertlichkeit mit dem Angeklagten besuchte, schildert diese als sehr abgelegen, und bekundet, daß der Angellagte auch chin gegenüber feine düstere Verschlossenheit bewahrt habe.
Gotha, 4. Dez. Hans Fischer ist heute nachmittag zu zehn Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust üerurteilt worden.
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