Nr. 288
151. Jahrg
Freitag, 6. Dezember 1901
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sietzen
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schey Unioersirätsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen.
Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wiltko; für den Anzeigenteil: H. Beck.
fehlt. Ganz generell kann ich sagen, daß mit wenigen Ausnahmen die Halbfabrikate nicht verändert sind, nur einige verhältnißmäßig kleine Aendcrungcn finden sich. Nun hat Herr Richter behauptet, die Großindustriellen, namentlich die Eisen-Industriellen und Spinner wären bei dem Tarif ausschlaggebend gewesen. (Abg. Richter ruft: Habe ich nicht gesagt!) Ich habe es so verstanden. Diese Behauptung würde vollständig zutrefsen auf den Tarif von 1879. Damals waren die Eisenindustriellen und Spinner die Begründer des Ccntralverbandes der Industriellen, und weil deren Einfluß 1879 vorwiegend wirksam gewesen ist, wesentlich darum, war die jetzige Korrektur nothwcndig. Denn andere Industrien waren damals bittcrschlccht weggekommen. Daher die jetzige Korrektur nach dem inneren Arbeitswerth. Gewöhnliche Maschinen haben heute einen Zoll von 3 Mk., gegenüber einem Zoll von 2,50 Mk. für Stabeisen. Die Zölle, die für das Halbfabrikat bezahlt werden, kommen nicht annähernd in relativ gleicher Höhe zum Ausdruck für Ganzfabrikate. TaS hat ja ganz erzieherisch auf unsere Maschinen-Industrie gewirkt, die sich ungeheuer anstrengen mußte, aber für eine ganze Reihe von Maschinen hat sich die Konkurrenz des Auslandes doch zu scharf erwiesen.
Ferner ist vom Abg. Richter und anderen Rednern derwirth- s ch a f t l i ch e Au s s ch u ß kritisirt worden. Herr Graf Posadowsky hat daraus schon geantwortet und es widerstrebt mir, da ick Mitglied des Ausschusses war, sein Lob zu singen. Ich muß aber doch darauf Hinweisen — was ich aus eigener Erfahrung weiß — daß in dem wirthschaftlichen Ausschuß eine große Zahl von Männern rücksichtslos gearbeitet hat gegen ihre eigenen Interessen, unabhängig und vollständig unbestechlich gegen Beeinflussungen, die etwa versucht wurden. Das verdient in hohem Maße Anerkennung. Es wurde im wirthschaftlichen Ausschüsse mit einer Gründlichkeit gearbeitet, wie c§ niemals bei einer anderen Gelegenheit geschehen ist. Man thut mit diesen Vorwürfen den Männern, die so uneigennützig gearbeitet haben, bitteres Unrecht. Herr Gothein hat hier gestern einen Ausdruck mitgetheilt, der in Bezug auf den wirthschaftlichen Ausschuß gefallen sein soll; ich meine den Ausdruck „Animirkneive für höhere Zölle". Ich weiß nicht, woher der Ausdruck stammt, ich meine aber, Herr Gothein hätte besser diese wenig geschmackvolle Bezeichnung hier nicht wiederholt. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Ich weiß sehr wohl, daß es für einen Parlamentarier sehr Wünschenswerth fein kann, mal ein gutes Schlaglvort zu verwerthen. Aber dies war jedenfalls ein sehr schlechtes Schlagwort. (Sehr richtigI rechts.) Auch die Sachverständigen sind, ebenso wie die Mitglieder des Ausschusses, ohne alle Rücksicht aus ihre Parteistellung gewählt worden. Ich selbst habe vielfach den Wunsch ausgesprochen, daß Herren anderer Parteirichtungen zugezogen würden, damit wir so zu einem möglichst kontradiktorischen Meinungsaustausch gelangten. Daß man, nachdem man zur Erkenntniß der ungeheuren Inkonsequenzen des früheren Tarifs gekommen war, Aenderungen vornahm, versteht sich von selbst. Wenn die Herren dabei gewesen wären, würden sie wahrscheinlich genau so gehandelt haben wie wir. Selbst einer der besten Freunde des Abg. Richter, der Abg. Schmidt, war wiederholt bei den Verhandlungen zugegen, und er wird wohl zugeben, daß die Verhandlungen ohne Parteilichkeit geführt wurden. (Abg. Schmidt ruft: Sie haben nicht aus mich gehört!) Ja, das ist die alte Geschichte: Jeder hält seine Meinung für die richtige. (Heiterkeit. ) Der Tarif muß doch eine Mittellinie einhalten. Dabei sprechen hundert Erwägungen mit. Daß man dabei nicht immer das Richtige getroffen hat, ist ganz selbstverständlich. (Lebhafte Zurufe links: Sehr richtig I) Natürlich, dafür sind die Kommissionsverhandlungen da, da können Ihre Wünsche erwogen werden.
Maßgebend war aber bei der Festsetzung der Zollsätze nicht nur der Arbeirswerth, sondern vor Allem auch die Frage: Wie verhalten sich die Zölle zu der Konkurrenzfähigkeit der Länder, mit denen wir zu paktiren haben werden? Welchen Verhandlungswerth haben die einzelnen Zölle? Auch das war zu berücksichtigen. Wenn man verhandeln will, muß man e:was zu geben haben: sonst kann man nichts erreichen. Herr Gothein will, daß auf Grund Der jetzigen
man nicht leugnen, daß seit 1879 eine Wendung zum Besseren eins getreten ist und daß unsere Industrie sich gewaltig gehoben hat. Uebcrall sind die Löhne der Industriearbeiter mindestens um die Hälfte gestiegen. Ich habe wiederholt, auch noch tm vorigen Winter, den Herren von der Sozialdemokratie vorgehalten, daß auch in ihren Reihen gelehrte Herren sitzen, die keineswegs sagen, daß jedes Zollsystem, das die Lebensmittelzölle erhöht, an sich verwerflich sei, sondern daß cs nur darauf anlommt, ob Der Gesammt- crfolg ein guter sei. Ich habe aber die Zuversicht, daß der Erfolg dieses Tarifs ein guter ist, denn ich erblicke darin ein Moment, um wieder zu Handelsver 'ragen zu kommen, die die Bürgschaft einer weiteren günstigen wirthschaftlichen Entwickelung geben. Wir würden der Landwirtbschaft weit mehr helfen können, wenn wir nicht so viel Konsumenten hatten, die das Brod aus dem Auslande beziehen müssen. Ich bin früher immer für eine Diffe- renzirung der Zölle auf Roggen und Weizen eingetreten und bin auch heute noch der Ansicht. Daß wir nicht zu hoch greifen müssen da, wo wir an Der Grenze sind und die eigene Produltioii nicht mehr steigern können. Die Grundlage des Tarifs ist die gleichmäßige Berücksichtigung von Landwirtbschaft und Industrie, es wird ja anerkannt, daß jetzt die Laiidwirthsckaft entschieden schlechter gestellt ist. Die Gesammthöhe der Zölle ist bei uns niedriger als in allen übrigen Ländern, sie beträgt nur 9,4 vCt. der Einfuhr, in Italien 13,7, in Frankreich 9,6, in Rußland 32,6 und in den Vereinigten Staaten 27,5 pCt. Der Abg. Molkenbuhr hat bei seinen gewohnten Klagen über die schleckte WirthschaftSpolitik auch gesagt, daß die Arbeiterlöhne nicht im Verhältnis; zu den Dividenden gestiegen sind und dies durch ein Beispiel belegt. Er hat gemeint, in England sei es besser. Nun, das ist ja gerade der Segen, daß wir nicht die Lohnskala haben, die in England auf Wunsch der Arbeiter eingeführt ist. Dort haben die Arbeiter in einem Jahre 1000 Mark Einnahme, im nächsten sollen sie mit 600 Mk. auskommen.
Ick habe durch meine Ausführungen bezweckt. Ihnen nachzuweisen, daß wir ohne eine Erhöhung der landwirthschaftlichen Zölle nicht auskommen, und dies habe ick) auch als Handelsminister für nothwendig erachtet, zu erklären. Der Handelsminister ist nicht dazu da, einseitig die Interessen des Handels zu vertreten, sondern er ist dazu da, die Gesammtwirthschast zu vertreten, und diese Aufgabe zu erfüllen und das offen zu erklären, habe ich mich nicht gefürchtet. (Beifall rechts.)
Abg. Vogel (Antis.): Der Handelsminister würde sich sehr gut zum Kultusminister eignen, da er die Bibel so gut kennt. Er sprach von einem Herrn Potiphar. Nach meiner Keimtniß war Herr Potiphar eine Frau. (Stürmische, anhaltende Heiterkeit.) Der Abg. Richter rühmte die Rede, mit der Graf Eaprivi die frühere Handelsvertragspolitik einleitete. Mir fielen dabei Die Worte ein: Wenn Dein Werk dem Kenner nicht gefällt, ist es ein böses Zeichen, doch wenn es gar Dem Richter gefällt, ists höchste Zeit, es auszustreichen. (Heiterkeit.) Graf Caprivi hat einmal gefagt DeutscklcmD müsse JnDustriestaat werden. Um das zu verstehen, dazu gehört eine Fülle politischer Weisheit, die ich nicht besitze, (Zuruf links: Sehr richtig! — £ eiter feit.) Wir sind mit Den Caprivi'schen Handelsverträgen auf einen Abgrund gekommen, das flache Land ist dadurch entvölkert, alles hat sich der Industrie zuge- wandt und polnische, italienische und tschechischeArbeiker überschwemmen das Land. Wir stehen am Scheidewege, wir müssen endlich Mittel finden, die Arbeiter auf dem Lande zu halten. Die Rettung der Landwirthschaft erblicke ich nickt etwa allein in hohen.Schutzzöllen. Was soll aber aus Deutschland werden, wenn Die Sand- wirthschaft nicht leistungsfähig bleibt? Doch Das ist nur die eine Seite Der Sache, Die andere Seite ist die andere. (Große Heiterkeit.) Viel wichtiger als hohe Zölle ist der Antrag Kanitz, den ich nicht für unausführbar halte. Man redet immer davon, daß wir Getreide vom Ausland kaufen. Nun, kein Mensch hat jemals Getreide vom Ausland gekauft, sondern von Den Importeuren. (Lachen lniks.) Ich nenne nur einen Importeur, der Getreide billig einkauft und thcuer verkauft, Herrn Levy. (Zurufe links.) Der Name scheint Ihnen nicht zu gefallen, mir gefällt er auch nicht, aber wenden Sie sich doch an Den Regierungspräsidenten zu Vromberg, der macht s. (Heiterkeit.) Wir werden an Den Kommissivns- berathungcn theilnehmen und je nachdem Die Zölle ausfallen, für oDer gegen stimmen. Vergessen wir nicht. Daß Die Germanen, so tznge ste Schwert und Pflug führten, mächtig waren. Und wenn 'ch 'n die Lage kommen sollte, mein Wappen als Deutscher zu wählen, ich wurde Schwert und Pflug wählen. (Ironischer Beifall
Herr Richter hat weiter daran erinnert, daß ich am Niederrhein eine Rede gehalten habe, worin ich sagte, es könne einem angst und bange werden, wenn man an das jetzige Chaos der Meinungen denke und an die Aufgabe, aus Dem heftigen Widec- streit Der Parteien heraus zu einer Verständigung zu gelangen. Herr Richter hat diese Angst als eine Folge der angeblich von mir getriebenen S a mm elpolitik hingestellt, ich muß ihm aber sagen: er hat dabei Ursache und Wirkung mit einander verwechselt. Ich darf zurückgehen auf das Jahr 1891, als über die Handelsverträge verhandelt wurde. Wir befanden uns damals in einer Zeit schlechter Ernten, in einer Zeit, in welcher die Preise so abnorm hoch waren, daß auch Graf Kanitz erklärte, es seien in ähnlichen Lagen die Getreidezölle zu suspendiren. Jedenfalls machte sich in weitesten Kreisen die Stimmung bemerkbar. Daß Die Zeit für eine Herabsetzung Demnächst eintreten werde. Diese inneren politischen Erwägungxn sind Die Ursache gewesen, daß die Zölle herabgesetzt wurden, nicht Die Verhandlungen über Die Handelsverträge an sich. Man setzte die Zölle herunter, um dem Geschrei über Den Brodwucher ein Ende zu machen. Man hat diese Konzession Oesterreich auf dem Präsentirteller dargebracht, und Oesterreich hat uns so gut wie gar nichts Dafür gegeben. (Sehr richtig! rechts.) Es ist also durchaus irrig, wenn man annimmt, Der Abschluß von Handelsverträgen hänge ab von Der Höhe Der GetreiDezöllc. Selbstverständlich sind auch hierbei gewisse Grenzen einzuhalten. Denn sonst würde man den Unwillen der Nachbarn Hervorrufen, aber man mufj sich Dabei Die gleiche Selbständigkeit wahren, die andere Staaten von jeher für sich in Anspruch genommen haben. Herr Richter hat Recht mit Der Behauptung, daß bald nach Dem Abschluß Der Handelsverträge Die Getreidepreise gesunken sind. Aber ist Denn das wirklich gerade den Handelsverträgen zuzuschreiben? Bedenken Sie Dock: Der Zufall wollte es. daß wir gerade von 1893 an wieder sehr gute Ernten hatten. Dadurch sind Die Preise gesunken uuD erreichten ein so niedriges Niveau, wie nie zuvor. Daß das einen großen Nothstand für Die Landwirthschaft mit sich brachte, — wir haben es erlebt und müssen Den Muth haben, Den Konflikt ZU lösen, tnDcm wir eine Reparatur eintreten lassen Durch Erhöhung der Getretdezölle. Herr Richter und seine Freunde wollen cs diesem Streben gegenüber auf eine Kraftprobe ankommen lasten, ich frage aber: Sind Sie dazu stark genug? Ist das eine verständige Politik, die Sie treiben? Und Da muß ich sagen: Es ist eine unverständige Politik! Sie können nichts erreichen Damir; Sie können damit nicht Den vorhanDenen Konflikt ausgleicken. Darauf aber kommt es allein an. Durch Die scharfe Opposttion gegen jeDe Aenderung auf her einen Seite sind nun freilich auch auf Der anDercn Seite ForDerungen entstanden. Die, wie hier schon zu wiederholten Malen erklärt worden ist, auch für uns absolut unannehmbar sind. Man hat mir früher schon einmal gesagt, ich setzte mich zwischen zwei Stühle; gewiß that ick das (große Heiterkeit), das schließt aber nicht aus, daß ick wieder in Die Höhe komme (Stürmische Heiterkeit links.) Herr Richter mag uns doch einmal iclber Vorschläge machen. Nach welckem Rezept gedenkt denn er zu verfahren? — Ich wollte sagen. Daß wir im gegenwärtigen Augenblick Diejenigen Leute sind, Die praktische Politik treiben unh daß Herr Gothein, Herr Richter und seine Leute chimärische Politik treiben. Sie glauben Das Volk so stark erregen zu können. Daß Sie mit Ihren Ideen durchdringen. Das wird Ihnen nicht gelingen Sie haben keine Mehrheit im Reichstage und bei einer Auflösung des Reichstages würden Sie auch nicht Die Mehrheit kriegen. (Lebhafter Widerspruch links). Das glaube ich mit Sicherheit behaupten zu können. Ich sage also: das Ende Dem Liede wird sein. Daß die Samrnelpolink doch noch zu Ehren kommen wird, eben die Politik, vermöge deren ich mich zwischen zwei Stühle gesetzt haben soll.
Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.
Deutscher Reichstag.
105. Sitzung vom 5. Dezember«
1 Uhr. Haus und Tribunen sind g u t besetzt.
clm Bundesrathstisck: Graf P o s a d o w s k y , Frhr. von Rhein haben, Möller, v. Riedel u. A.
Die erste Berathung des Zollraris-Gesetzes wird fortgesetzt.
Preußischer Handelsminister Möller: Ich muß mich zunächst gegen einige Äußerungen wenden, die im Laufe der letzten Tage hier im Hause gefallen sind; zunächst gegen einige Bemerkungen des Abg. Richter.
Der Abg. Richter stellte im Eingänge seiner Rede die meines Erachtens ungeheuerliche Behauptung auf. der neue Tarif stelle Dar „ein unerhörtes System von Universal-Protektionismus". Er that Das, obgleich her Staatssekretär Graf Posadowsky unmittelbar vorher Den richtigen Sachverhalt klargestellt batte. Da Herr Richter und seine Freunde Dies überhört zu haben scheinen, so halte ich mich für verpflichtet, Die Zahlen nochmals hervorzuheben. Die Tarif- Summen sind bekanntlich in erheblichem Maße gesteigert worden, um denjenigen Uebelständen abzuhelfen, die sich bei den Verhandlungen Der -Handelsverträge her neunziger Jahre herausgestellt hatten. Herr Graf Posadowsky hat Das Zcugniß Des Staatssekretärs von Marschall angerufen, — wie auch ich weiß — mit Recht. Wer bei Den Verhandlungen über die Handelsverträge betheiligt war — ich bin es bei Dem Vertrag mit Rußland gewesen — hat immer wieder schmerzlich erfahren, was es heißt, wenn man über so große Sammelpositionen zu verhandeln hat. (Sehr richtig!) Wir haben durch die Gewährung von Konzessionen auf diese großen Sammelpositionen vielfach Konzessionen an andere Staaten wider Willen gemacht, ja vielfach wider Wissen. Das sollte nicht wieder Vorkommen. Daraus rechtfertigt sich unbedingt die größere Spezialisirung. lieber die andern Gründe, die zu der neuen Gestaltung des Tarifs geführt haben, will ich nicht weiter sprcckon; das hat zur Genüge Graf Posadowsky gethan. Aber die Zahlen über Die Verschiebungen in den Zollsätzen will ich wiederholen: Der Tarif hat im Ganzen 946 Nummern; davon sind 314 Nummern überhaupt unverändert; das sind zum großen Theil die zollfteien Positionen. Dann kommen 61 Nummern, die zum großen Theil unverändert sind, zum Theil eine kleine Ermäßigung erfahren haben. Bei 44 Nummern sind die Sätze pure ermäßigt. 286 Positionen sind zum großen Theil unverändert geblieben, haben aber zum Theil erhöhte Zollsätze und nur 241 von den 946 Positionen, also etwa ein Viertel, weilen reine Zollerhöhungen auf. Für diese Zollerhöhungen ist ja nun im Wesentlichen maßgebend gewesen zunächst Der innere Arbeitswerth. Das ist einer her Vorzüge des neuen Tarifs, daß in ihm in Den einzelnen Positionen auf den Arbeitsinhalt Werth gelegt worden ist. Dieser war ftüher nickt bekannt und erst die Vorarbeiten des wirth- schaftlicken Ausschusses in Bezug auf hie Produktionsstatistik haben nach dieser Richtung einen Aufschluß gegeben, der früher vollständig fehlte und meines Wissens auch in allen anderen Staaten
dbg. Nißler (kons.): Draußen im Lande sind wir als Blut- jauger bezeichnet worden. Das war die Agitation Der Freisinnigen ®o3ialbemoh-atcn, H'cr spricht man nur vom Schutz des Handels. Der deutsche Bauer aber wird unterdrückt. Fürst Bismarck hat richtig erkannt, was dem Bauer noth thut, seine Worte haben gezündet, und den Worten ist die That gefolgt. Aber sein Nachfolger, der Mann, der sich selbst den Mann ohne Ar und Halm nannte, hat nut Hilfe der Linken das, was Fürst Bismarck aufgerichtet hat, mit einem Schlage niedergerissen. (Unruhe h r- j ? Vertrage von 1891 waren ein großes vaterländisches Ungtucf, den Bauern sind Lasten auferlegt, aber ihre Einnahmen ftnh verringert worden Und die Industriellen haben Fabriken über Fabriken gebaut und sich selbst Konkurrenz bereitet. Die Folge Dabon ist die Krisis und die Arbeitslosigkeit. Die Landarbeiter, die Jpariam und sittlich sind, können sich eine Existenz gründen. (Widerspruch), aber wenn die Arbeiter in die Stadt ziehen, nicht SÄ olc^ unb s'Eich sind, dann gerathen sie in eine schlechte Lage. Jetzt haben einige reiche Leute mühelos Millionen ergattert. Aus den Taschen des Bauern ist es genommen. Ich Klange zum Schutze der Landwirthschaft noch höhere Zölle unh noef) für eine Reihe anderer Produfte Marimal- und Minimal- tarife Die bairische Bevölkerung mit Ausnahme der Sozialdemokraten ist für höhere Zölle, und im bairischen Landtag sind sogar die Freisinnigen Dafür eingetreten. (Oho! bei den Freis.).
Uber 6000 bairische Bauern für höhere Getreidezolle, namentlich auf Gerste, ausgesprochen. Wir Süddeutschen begrüßen deshalb den Gerstenzoll aufs freudigste (Bei- fall rechts und im Gentrum.) Es ist falsch, daß wir ausländische Gerste brauchen. Unser Minister Riedel hat ja selbst erklärt, daß KbCl2AUr 6a,n.^c. ®erlte berbraut wird, das Bier ebenso gut ijt tew früher (Heiterkeit.) Die Abgeordneten Richter und Molkenbuhr thun so, als ob sich die Bauern bon den Junkern als Vorspann an ihren Wagen spannen lassen. So ist es nicht, die Junker brauchen keinen Vorspann. Tas haben Sie ja gestern an hen Reden der Herren Gamp und Gras Schwerin gesehen Nickst nur die Großgrundbesitzer, sondern auch die kleinen Bauern wünschen einen höheren Zollschutz. Geht es dem Bauer gu* so ber- bient auch der Handwerker, Beide sind solidarisch. Herr Richter ^ubter Redner, aber es kommt darauf an, ob das Sri?Herr Richter hat sich Blößen gegeben' wie wir es bon ihm nicht erwartet haben. Ich bin selbst ein kleiner Bauer, meine Einnahmen sind um 500 Mk. zurückaeaanaen m-ir toa Getreide und Vieh zu billig berkaufen. Seit den Handelsber! tragen ist von dem deutschen Bauernstand ein Nationalvermöaen bertoren gegangen, das nach Millionen zählt. .(Sehr richtig?
Vcrtragszölle verhandel: wird (Abg. Gothein ruft: Des autonomen Tarifs!) Gur, dann sind wir ja gar nicht so weit von einander emfernt. Die Hauptsätze des Tarifs sind doch die Getreide- zvlle. und in dieser Beziehung ist Der UntcrfcbieD zwischen altem unD neuem Taris fein prinzipieller. sonDern nur ein graDucDer. Also Dann ist Der Gegensatz zwischen Herrn Gothein unD uns gar nickst so schroff. Bei Herrn Richter bin ich allerDings zweifelhaft, ob er nicht noch immer an her alten Anschauung her Freisinnigen festhält, daß jeher Schutzzoll entbehrlich sei. Ich glaube freilich, er hat sich her Macht her Verhältnisse insoweit schon gefügt, daß er anerkennt, daß wir ohne Schutzzölle nicht auskommen können. — Ich höre keine Antwort von ihm und ich nehme an, Daß meine Vermuthung richtig ist. (Große Heiterkeit. Abg. Richter entgegnet einige Worte, Die aber auf Der Tribüne nicht verstanden werden.) Also ich ver- muthe. daß Herr Richter kein absoluter Gegner von Schutzzöllen mehr ist. (Abg. Richter ruft: Das waren früher Ihre Parteifreunde!) Ich habe keine „Parteifreunde" (Lärm und Zwischenrufe von links).
Präsident Gras Ballestrem: Ich bitte, den Herrn Bevollmächtigten zum Bundesrath nicht zu unterbrechen. (Heiterkeit.),
Minister Möller (fortsahrend):
lieber einige billige Bemerkungen des Abg. Richter kann ich mit wenigen Worten hinweggehen. Er hat den guten Geschmack gehabt, einige Verse, die auf mich in Duisburg gesungen waren, hier zu verlesen; ich weiß nicht, ob die Verse, Die in Hagen unD Umgegend auf Herrn Richter gemacht worden sind, immer geprüft worden sind auf ihre Geschmackvolligkeit. (Große Heiterkeit.) Herr Rickter hat mir auch den alten Herrn Potiphar (Heiterkeit) oder den Herrn Joseph als Beispiel eines guten Handelsministers vorgehalten, der m den fetten Jahren Getreide aufspeicherte, damit auch in den mageren Jahren Brod vorhanden sei Herr Richter hat mir Damit nichts Neues gesagt. Denn Das Beispiel habe ich selbst neulich in einer Rede gebraucht; Herr Richter hat aber eigentlich mit seinen Aeußerungen anerkannt, daß der Gedanke des Anftages Kanitz nicht neu ist, und daß der Herr Joseph Der eigentliche Erfinder desselben ist. (Heiterkeit.) Wenn der Abgeordnete Richter der Regierung vorwirft, sie vertrete mit diesem -tauf lediglich Sonderinteressen, so frage ich: Vertritt Herr Richter nicht auch Sondennteressen? Er vertritt zweifellos Sonder- mteressen, durchaus beredjtigte Sonderinteressen (Bewegung rechts), die Interessen der Konsumenten, — aber her Konsument ist ein vielköpfiges Ungeheuer (Heiterkeit), es sprechen so viele Meinungen mit, daß cs nicht leicht ist, herauszurechnen, welche hie richtige ist.
DieFragederBemessungderZölle läßt sich nur beantworten aus der Erkenntniß der G c s a m m t l a g e der Wirth- schaft des Volkes, und es ist ein sehr primitiver Einwand, daß durch höhere Zölle die Existenz des Arbeiters untergraben werde; eine solche Behauptung ist regelmäßig falsch, denn für die Sage des Arbeiters kommt nicht ein bestimmter einzelner Faktor in Betracht sondern es sprechen hundert andere Faftoren mit. (Sehr richtig! rechts.) Die wirthschaftliche Sage Deutschlands hat sich seit 1879 so ungeheuer gehoben, wie in keinem anderen Sande der Welt lZuruf links: In Folge der Handelsverträge!) Die Handelsverträge haben zweifellos dazu mitgewirkt und ich bin auch nur bereit, der Sandwirthschaf t bis zu der Grenze zu Hilfe zu kommen, daß die Handelsvertragspolitik aufrecht erhalten w erden kann, aber die Grundlage des ganzen Umschwunges wurde doch lediglich eingeleitet durch die Zollpolitik des Jahres 1879. (Widerspruch links.) Jedenfalls kann
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag?. D D
D'e „Eichener Kcnniliendlätter" werden dem k
Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der WM 10* ■ M ■ H E
„hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. ▼ ■ ■ 9 V W' ■ 9 'W'-


