Nr. 235 Erstes Blatt.
151. Jahrgang.
Sonntag 6. Oktober 1901
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Die Giehener Familien- blätter werden dem Anzeiger im Wechsel mit dem „Hess. Landwirt" und den .Blättern sür hessische Volkskunde" viermal wöchentlich beigelegt.
Redaktion, Expedition und Druckerei:
Schulstratze 7.
Adresse für Depeschen: Anzeiger Gieße«.
GietzenerAnzeiger
** General-Anzeiger w
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Annahme von Anzeige« zu der für den folgenden Tag erscheinenden Nr, bis vormittags 10 Uhr. Alle Anzeigcn-Vermitt- lungsstellen Les In- und Auslandes nehmen Anzeigen entgegen.
Zeilenpreis: lokal 12 Ps, auswärts 20 Pfg.
Rotationsdruck u. Verlag der Brüh l'schen Unioersitäts - Druckerei (Pietsch Erben).
Verantwortlich sür den allgemeinen Teil: P. Witt ko; für den Anzeigenteil: Hans Beck.
Allgemeiner deutscher Frauenverein.
(Originalbericht des „Gieß. Anz.")
Eisenach, 30. Sept.
Am Sonntagabend wurde hier die Generalversamm- tung des Alla. Deutschen Frauenvereins mit einem Be- grüßungsabcno eröffnet. 'Die erste Hauptversammlung des Frauenvereins wurde heute vormittag von der Vorsitzenden Frl. A. Schmidt-Leipzig eröffnet. Anwesend waren über 100 Vertreterinnen der deutschen Frauenbewegung aus allen Teilen unseres deutschen Vaterlandes. Frl. Schmidt wies auf die Erfolge hin, die die 1872er Eisenacher Versammlung, die sich u. a. mit der Errichtung von Mädchen-Gymnasien beschäftigte, gehabt hat. Bekanntlich bestehen solche Gymnasien jetzt in der: Städten Karlsruhe und Breslau.
Bei Erstattung des Jahresberichts gedachte Frl. Schmidt des verstorbenen Vorstandsmitgliedes Frau Mathilde Weber- Tübingen und der Frau Lenz-Bern, welch letztere dem Allg. Deutschen Fraucnverein testamentarisch 600 000 Mk. vermachte, deren Zinsabwurf für Stipendien und zur Unterstützung der Gymnasialkurse in Leipzig bestimmt ist. Tie Entwickelung des Gesamtvereins hat Fortschritte gemacht, zwei neue Ortsgruppen in Halle a. S. und Magdeburg sind gegründet worden, die Ortsgnlppe München löste sich auf, die Mitglieder derselben blieben aber beim Verein. Seiner Hauptaufgabe, der Förderung der Frauen auf wissenschaftlichem, gewerblichem und sozialem Gebiete ist der Frauenverein gerecht geworden durch Anschluß an den Bund deutscher Frauenvercine, dessen Petitionen der A. T. F. mit unterschrieb. In Sachsen wurde erreicht, daß den Frauen die Teilnahme an allen Vereinsversammlungen gestattet ist. In den Leipziger Gymnasialkursen haben bisher 22 Damen das Abiturium erlangt, denen das philologische und medizinische Studium freigestellt ist. In beiden Fächern kann auch das Staatsexamen abgelegt werden, während die Professoren sich das Doktorrecht noch Vorbehalten. Zu den Leipziger Kursen leistet auch die Stadt 2000 Mk. Zuschuß. Aus dem Zinserträgnisse der Lenz- stiftung ist die Errichtung einer Frauenbibliothek im Gange, die die Schriften über die Frauenfrage von ihrer Entstehung an und wissenschaftliche Werke, von Frauen verfaßt, aufnehmen soll. Frl. Schmidt schloß ihren Bericht mit dem Hinweise, daß der Frauenverein von den Zielen, die er sich bei seiner Gründung vor 36 Jahren stellte, in keiner Weise abgcgangen ist, er verlangte stets nur Rechte, die sich auf Pflichten gründen. Sein Ziel ist die Hebung der Frauenbildung und damit die Hebung unseres ganzen Volkes, und bei diesem Ziele wisse er sich auch in Uebereinftimmung mit der anderen Volkshäljte. Der Verein stehe auf ethischem und sozialem Boden und komme die Erwerbsfrage bei ihm erst zu zweit in Frage. Dieser Jahresbericht, der auch der Enthüllung des Denkmals für Frau Luise Otto in Leipzig gedachte, wurde beifällig ausgenommen und ohne jede Debatte genehmigt.
Es folgten nun zwei Berichte über Rechtsschutzstellen, erstattet von Frau Marie P su n g st -Frankfurt a. M. und von Frau Julie Eichholz-Hamburg. Die in diesen beiden Städten schon seit vier Jahren bestehenden Rechtsschutzstellen haben sich vortrefflich bewährt, sie werden immer mehr von der weiblichen Bevölkerung in Anspruch genommen, was daraus erhellt, daß z. B. in Frankfurt in diesem Jahre bereits 480, in Hamburg über 500 An- ,fragen gestellt und erledigt wurden. In Hamburg wurde Rat erteilt bei 210 Ehestreitigkeiten, in 180 Alimentationssachen, 89 Fälle betrafen Schuldforderungen und 44 Lohnstreitigkeiten usw. Wie die Frankfurter, so betonte auch die Hamburger Vertreterin, daß alle Anfragcnden getröstet, keine aber unbefriedigt die Rechtsschutzstellr verlassen habe. In Hamburg zweigte sich von der Rechts- schutzstelle eine Stellungvermittelung sür weibliches Haus- personal ab. Beide Berichte, die die segensreiche Wirkung der Rechtsschutzstellen trefflich hervortreten ließen, wurden durch Beifall ausgezeichnet. Im Anschluß daran gab die Vorsitzende bekannt, daß Frl. Dr. R a s ch k e - Berlin am 2. Oktober von halb 3 Uhr bis 4 Uhr eine Besprechung mit Vertreterinnen von Rechtsschutzstellen zu halten wünscht.
Hierauf sprach Frl. Helm-Nürnberg über die Gründung von Heimstätten zur Förderung der Waisenpflege. Sie legte ihrem Referate eine Reihe von Leitsätzen zu Grunde, denen zu entnehmen ist, daß sie an Stelle der großen
5 —
I Waisenhäuser kleine Heimstätten für Waisenkinder errichtet wissen will, in denen junge Mädchen aus gebildeten Ständen als Erzieherinnen thätig sein sollen. In der ausgedehnten Diskussion wandte sich Frl. A. Blum-Spandan gegen These 5, worin auf die Verwendung'von Mädchens aus gebildeten Ständen bei der Heimstättenerziehung hingewiesen wird, und äußerte in sittlicher Beziehung große Bedenken gegen die Vereinigung beider Geschlechter in den Heimstätten. Frl. F ö r st e r - Kassel giebt ihrer Freude über Ausführungen des Frl. Helm Ausdruck und bittet, wo es geht, einen, wenn auch nur kleinen, Anfang in dieser Hinsicht zu machen. Frau Hecht-Tilsit: Bei gutgeartcten Waisen ist der Familienerziehung der Vorzug vor der Anstaltserziehung zu geben; beim es gilt, die Kinder zum Kampfe für das Leben vorzubereiten, und in dieser Beziehung versagt die letztere. (Bravo.) Frau Professor Wendt- Hamburg: Wir müssen dahin wirken, daß in den Heimstätten Knaben und Mädchen zusammen erzogen werden, wie es auch für die Schulen am Platze wäre, wenn beide Geschlechter zusammen sitzen würden. Frl. Hoffmann -Dresden lenkt die Aufmerksamkeit der Versammlung darauf, daß die vorliegenden Bestrebungen nichts neues sind, sondern daß in manchen Städten, wie in Dresden, schon ein ähnliches Institut sich gut bewährt habe.
Frl. Helm-Nürnberg betont, daß es unsere Aufgabe sein müsse, in den Heimstätten wirklich tüchtige Volksmütter und Volksväter zu erziehen. Frau Müller-Hannover? berichtet aus ihren Erfahrungen in ihrer Heimatstadt, daß dort öfters Waisenkinder in Familien untergebracht worden sind, wo sie Hunger, Not und Entbehrungen leiden । müssen. Diese Thatsachen sprechen also für die Anstalts-^ erziehung. An der weiteren Diskussion, die erkennen läßt,: daß in verschiedenen Fragen die Meinungen noch aus-^ einandergehen, beteiligten sich noch Frau Helene v. Forster- Nürnberg, Frl. Helene Lange, Frau Dr. Gosche-Halle, Frau Kommerzienrat Heil--Charlottenburg, Frl. Blume und Frau Goldschmidt, welch letztere wie auch die Referentin in ihrem Schlußworte die Bitte ausspricht, die Gedanken, welche das Referat geboten habe, als Anregung zum Nachdenken zu benutzen, damit die auf dem Gebiete der Waisenpflege 6e=. stehenden Mißstände beseitigt werden.
Der folgende Punkt der Tagesordnung lautet: „Bericht s von Frl. Anna Blum-Spandau über den Vereinzur Förderung des Frauenerwerbs dlurch Obst- und G a r t e n b a u". Tie Rednerin machte zunächst Mitteilung von dem Bestehen eines solchen Vereins, der vor sechß Jahren in Berlin gegründet worden sei und sich gegenwärtig über ganz Deutschland verbreitet. Er verfolge den Zweck, den rationellen Betrieb des Obsh- und Gartenbaues als Lebensarbeit und Beruf in der Frauenwelt zur Ein- führung zu bringen und den Damen die erforderliche theoretische und praktische Ausbildung in einem gvord- niten Studiengange zugänglich, zu machen, dies geschehet in der Gartenbauschule Marienfelde bei Berlin, über deren: Einrichtung Rednerin verschiedene Mitteilungen machte. Für i die Aufnahme wird dieselbe Bildung gefordert, wie für; die Aufnahme in ein Lehrerinnenseminar. Es besteht ein ein- und ein zweijähriger Kursus. Tas Hauptgewicht wird ^ auf die praktische Ausbildung gelegt. Es sind schon 32: junge Mädchen daselbst ausgebildet worden und haben auch Gelegenheit gefunden, sich in selbständiger Stellung diesem ' Berufe widmen zu können. Es ist auch ein Darlehns- und1 Unterstützungsverein für Gärtnerinnen gebildet worden, die. sich selbständig machen wollen. Endlich gab die Referentin^ noch Kenntnis davon, daß auch sür Lehrerinnen in Marien- ■ felde seit 1900 Gartenbaukurse eingerichtet worden sind, die bereits gute Früchte gezeitigt haben. In der 'Diskussion• erwähnte Frau Heil-Charlottenburg, daß sie schon vor 151 Jahren ähnliche Versuche unternommen habe. Es müssen ! Mittel und Wege gefunden werden, die Ausbildung der' Gärtnerinnen noch zu vervollkommnen, da sie bis jetzt nichh genügt. Ihr steht das Moment der Erziehung durch die! Gärtnerei höher als das des Erwerbs. Nach einem kurzen Schlußworte der Referentin erfolgte gegen 2 Uhr der Schluß der ersten Verhandlung.
Vermischtes.
* Ein drolliges G-eschichtchen vom Besuch' des deutschenKron Prinzen in Lowther Castle .erzählt Vanith Fair: Ter Zug, in dem der Kronprinz fuhr, wurde
ung zu erteilen, daß er wünsche, die -nippen aufgelöst und die Ausführung iete bewährten Künstler übertragen : Begas!) Die Beschlüsse der Kunst- ir den Magistrat nicht, so lange dieser . er halte es für zweckmäßiger, mit -a Gegenstand noch zu warten. (Bei- ^eschließt hierauf einstimmig die Ver- genheit, worauf der Schluß der Sitzung on ist übrigens bereit, die Märchen- lichen Wünschen umzuarbeiten.
hat auf eine Anfrage folgendes ge- stdeputation stellte in ihrer Sitzung am von Anfang an einen architektonischen Platzes vor dem Friedrichshain be- lärchen nur als dekoratives Element ste Deputation ist aber auch mit mir roße Brunnenanlage naiver und ein- a muß. Prof. Wiedemann (von dem herrührt) will in diesem Sinne mit- Leistungsfähigkeit Wiedemanns glaube igGewünschte, wenn auch mit viel ioch erreicht werden wird." ,tg." hört, es sei eine Aenderung der • Anregungen des Kaisers und es sei :echtswegs nur für den Fall in Aus- n, daß in sachlicher Beziehung eine ceicht und deshalb die polizeiliche Bau- ürde.__________________________________
sche Tagesschau.
Vorgänge auf der „Gazelle"
, unkontrollierbare Nachrichten ver- f sozialistische Volksblatt in Halle fol- en Richtigkeit ihm angeblich verbürgt ngemein strengen Dienst, den Kapitän der den an Bord befindlichen Mann- Stunde raubte, wurden die Mann- Auch die Beköstigung soll nicht den :ochen haben. Vor etwa 10 Wochen r Mannschaft dadurch zum Ausdruck, ib anbere Geschützteile über Borb ae- )er Kapitän M'ovgens in seiner Kajüte offenes Schreiben fand, in welchem ?, ben Dienst weniger streng zu ge- würbe er in See geworfen werden, ie Kajüte gekommen ist, konnte nicht Tie Posten, denen die strenge Be- z zur Kajüte an vertraut war, ver- Zkunft zu geben. Es wurden sofort n in Untersuchungshaft genommen, tert, die fast ausnahmslos ausgedient er Entlassung zur Reserve standen, en worden, acht sitzen noch in Haft, bis jetzt zu keinerlei greifbarem Er- - Besatzung der „Gazelle" besteht aus
ur ihrem blöden Liebhaber, dem herzog- theimlich, wie das Dirnchen in Gang, 'ichnet war. Dabei blieb sie immer jede Nuance war Crevette, bis zu den r. Nur ihre Knixe int zweiten Akte graziös, und darum ganz besonders für ckürliche Anmut Lebensbedingung ist, ich. Jedenfalls aber ist Frl. H. eine c Routine und besten äußeren Mitteln, werden wir uns freuen.
war als Ehemann in tausend Aengsten r lange nicht so frei wie als Beckers, ,t so freudig bei der Sache, auch in nd Mienenspiel oft outriert. Vorzüg- amseyer als General, ein derb ver- von echtem Schrot und Korn. Auch ^gene Frau, die an Geister glaubt, köstlicher Bierruhe „auf die ganze Ge- . Herren Gerlach, 3 ob er, Sandor, fier, Herr Georgi, der den herzog- wßem Geschick darstellte, ferner die n Rollen befriedigten durchaus. Im griff leider nicht immer alles ohne
Das Publikum jedoch war in seiner eben, denn es lachte, lachte und lachte.
Wohnzimmer geleitet und sich dann, da inzwischen die Wohnung dieses Dr. Petypon verschlossen wurde, in unverständlicher Unschuld in seinem Schlafzimmer zur Ruhe gebettet. Als die Herren Doktoren Peiypon und Montgicourt die excentrische „Dame von Maxim" eine Zeitlang sich selbst überlassen müssen, wird sie von Petypons hagestolzem Onkel, einem General und Afrikakrieger, . aus weicher Lagerstatt überrascht. Onkel Genetal hält nun Crevette für die Frau seines Neffen und veranlaßt sie, ihm mit ihrem vermeintlichen Gatten auf sein Schloß in der Touraine zu folgen, um dort bei einer großen Festlichkeit die Honneurs des Hauses zu machen. Wie die satanisch nette Tingeltangetense,
Und in übermütiger Karnevalslaune muß der drollige Spaß gespielt werden. Bei uns schlug man wohl ein zu langsames Tempo ein. Menschen und Dinge wollen hier so durcheinändergewirbelt sein, daß der Zuschauer keinen Moment zur Besinnung kommt und es möglichst übersieht, daß in dem Ganzen kaum ein Fünkchen Vernunft liegt. Im Einzelnen aber sahen wir recht hübsche Leistungen. Vor allem ist dem frisch-fröhlichen Spiele des anmutigen Frl. Hohenfels der Erfolg, den „Die Dame von Maxim" auch bet uns erzielte, zu danken. Frl. H. trieb die bisweilen sehr pikanten Scherze der süßen Bestie Crevette nicht auf die Spitze, sie zeigten eine überraschende Ungezwungenheit und Natürlichkeit. Ja, es
.....„ — ame von Maxim" wohl an die 200 Mal zur Aufführung gekommen. Den 20. Teil davon erlebt unsere Bühne vielleicht auch. P.W.
— Frankfurter Schauspielhaus. Man schreibt uns: Wie bisher festgestellt wurde, wird Frau Agnes S o r m a am Dienstag den 6. Oktober ihr Gastspiel als „Guiditta" in Fuldas „Zwillings- schwester" eröffnen, Donnerstag, 10. Okt. als „Nora", Freitag, 11. Olt. als „Marikke" in „Zohannisfeuer" und Samstag, 13. Okt. als „Rautendelein" in der „Versunkenen Glocke" fortsetzen. Montag, 14. Okt. verabschiedet sich Frau Agnes Sorma als „Christine" in „Liebelei" und als „Beatrice" in „Jephtas Tochter" vom hiesigen Publikum. Alle Gastvorstellungen finden außer Abonnement und bei großen Eintrittspreisen statt.


