Ausgabe 
6.8.1901 Zweites Blatt
 
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nister bie aus solchen Zöllen unbedingt folgende schwere Schädigung der gesamten deutschen und namentlich auch der norddeutschen Lederindustrie auseinandergesetzt und ihn gebeten, seinen Einfluß, zur Beseitigung der vorgeschlagenen Gerbmaterialienzollsätze aus dem neuen Zolltarifentwurf geltend zu machen. *-

Auf zwei Inselchen der We st karo li n^n , Tobi und Helenriff, ist Anfang lApril die deutsche Flagge gehißt worden. Bezirksamtmann Seufft in Yap berichtet darüber im Deutschen Kobonialbl. Er schätzt die Bevölkerung auf Tobi auf 500600 Köpfe. Ein verhältnis­mäßig großer Teil der Tobileute war mit Kleidungsstücken bei dem Festakt versehen. Bezüglich des Helenriff erfährt man aus der Mitteilung, daß es weit ausgedehnt ist,an manchen Stellen unter Wasser liegt",an anderen heraus­ragt bis zu kleinen Sandinselchen". Auf der Rückfahrt passierte der Bezirksamtmann die Inseln Pul, Svnsorol und Ngulu, wo einige Monate früher die deutsche Flagge gehißt war und die Besitzergreifung durch Einrammen eines schwarz-weiß-rot gestrichenen Pfahles erfolgt war. Bezirks­amtmann Seufft schreibt: ^,Jch fand die jüngst gesetzten Pfähle in Ordnung und hinterließ dem Häuptling von Pul eine Flagge."

Nach derNeuen Bad. Landesztg." soll der b a d i s ch e Staatsmini st er v. Brauer sich dahin geäußert haben, daß zwischen den Regierungen und den Hauptparteiführern es ausgemachte Sache sei, die Tarife durchzu­bringen. Die Tische Tagesztg." stellt diese Nachricht in Zweifel und behauptet, daß was die konservative Partei anlangt, keinerlei Abmachungen zwischen einem ihrer Führer und den verbündeten Regierungen stattgefunden haben können.

Rudolf Lindau, der früher lange Jahre Vor­tragender Rat im Auswärtigen Amte war und seit etwa zehn Jahren Vertreter der deutschen Gläubiger bei der Verwaltung der türkischen Staatsschulden in Konstantinopel ist, wird sich demnächst in den Ruhestand zurückziehen und auf Helgoland seinen Wohnsitz nehmen. Rudolf Lindau ist bekanntlich auch ein sehr beliebter Novellist-

Dortmund, 3. Aug. Die französische Kanal­kommission ist heute vormittag in Begleitung eines Chefs der Firma Haniel u. Lueg hier eingetroffen. Sie be­sichtigte den Hafen und fuhr dann nach Henrichenburg, wo sie das Hebewerk unter Führung des Oberingenieurs Gerdes besichtigte.

Bremen, 3. Aug. Tie zum Studium der Kanalbauten und Hafenanlagen nach Deutschland entsandten Mitglieder der französischen Teputiertenkammer sind heute abend hier eingetroffen und im Auftrage des Senats von dem Stell­vertreter des Oberbaudirektors de Thierry begrüßt worden.

Königsberg j. Pr., 3. Aug. DerKönigsb. Hart. Ztg." wird von einem Privatkorrespondenten aus Peters­burg gemeldet: Ich erfahre von authentischer Seite, daß Rußland als Erwiderung auf die deutschen Agrarzölle die Grenze für Preußengänger sperren wird.

Ausland.

Cadiz, 3. Aug. Heute nachmittag fand zu Ehren des deutschen Geschwaders in der mit deutschen und spanischen Fahnen geschmückten Arena ein großes Stiergefecht statt. Zu demselben waren den Offizieren und Mann­schaften der deutschen Sckiffe mehr cüs 2000 Plätze zur Verfügung gestellt worden. Prinz Heinrich von Preußen wohnte dem Schauspiele nicht bei. Vorher hatten der Prä­fekt und der Militärgouverneur dem Kontreadmiral Geißler an Bord des LinienschiffesKurfürst Friedrich Wilhelm" Besuche abgeshattet.

Pilsen, 4. Aug. Vorgestern nacht wurden in der deutschen Turnhalle und im Gebäude der deutschen Aktien- Bierbrauerei die Fensterscheiben eingeworfen. Acht Fir- men-Schilder deutscher Geschäftsleute wurden mit Theer besudelt. Merkwürdigerweise ist kein einziger der Thäter bekannt geworden, trotz des Wachdienstes! Bezeichnend für die fanatischen czechischen Wüteriche ist der Wortlaut eines Aufrufes, der in den Straßen verstreut, ausgefunden und, soweit die Exemplare zu haben waren, polizeilich beschlagnahmt wurde. Ter Aufruf ist mit roter Tinte ge­schrieben. Bemalt ist er mit Dolchen, Revolvern, Tresch- ftegeln, Sensen u. dgl. Es wird durch diesen Aufruf an die czechischen Brüder in Pilsen" die Aufforderung gerichtet, dieSchmach von Karlsbad" in solchem Maße zu sühnen, wie es die Ehre der czechischen Nation verlange. Dann heißt es weiter:Zeiget den Franzosen, unseren ge­liebten Freunden und Verbündeten, wie rasch das czechische Volk mit der Revanche bei der Hand ist? Vielleicht nehmen sich die tapferen, jedoch zu gutmütigen Franzosen ein Beispiel an uns. Wie entschlossen und mut­voll hat das czechische Volk int Dezember 1897 unser ge­tretenes Recht in den Straßen von Prag verteidigt! Wir in Pilsen werden nicht zurückstehen. Durch die gestrigen Vorfälle, fürwahr Czechen, ist die Karlsbader Schmach noch nicht gesühnt. Man hat dort unsere geheiligte slawische Tricolore zerrissen und das erfordert blutige Rache!" In diesem Tone geht es fort. Das Pamphlet, das mit OmladiNa" unterfertigt ist, reizt direkt zurtapferen Ver­teidigung des czechischen Rechtes auf der Straße", wie es in Prag im Jahre 1897 der Fall war, auf. Damals plün­derte, stahl und raubte der czechische Mob tagelang in den deutschen Häusern Prags, bis das Standrecht endlich dem Gesindel Furcht einjagte.

Jubelfeier des Gymnasiums in Büdrngen.

(Originalbertcht de«Gieß. An-.") I.

Dr. K. Büdingen, 4. Aug. 1901.

Am 3. Juni waren es 300 Jahre, seit der damalige Graf Wolfgang Ernst zu Dfenburg und Büdingen durch eine reiche Stiftung seinem Heimatsstädtchen ein Gymnasium schenkte. Das Jubelfest wird nun am Schlüsse des Sommer­semesters von Sonntag bis Dienstag bezw. Mittwoch durch eine Reihe von Festlichkeiten begangen, zu denen die ehe­maligen Schüler in erster Linie eingeladen sind.

Ganz Büdingen ist in Bewegung, um den mit jedem Zuge ankommenden Gästen frohe Stunden zu bereiten; am Bahn Hofe befindet sich das Quartierbureau, zu jedem Zuge begiebt sich das aus Gymnasiasten gebildete Tromm­ler-Korps nach dem Bahnhofe, um die Ankömmlinge abzu- holen und durch die grüne Ehrenpforte in die Stadt hinein zu geleiten, deren mit hessischen und ysenburgischen Fahnen, mit Tannengriln und Guirlanden geschmückte Häuser die

Anteilnahme der Bevölkerung zeigen. Prächtig steht das Swdtchen aus tn seinem festlichen Gewände; oor allem der Festplcch ist wunderschön geworden. Draußen »Sl &te Halle aufgeschlagen mit

Uber 1000 Sitzplätzen, mck Tanzplatz und Bühne; auch eine besondere Loge ist errichtet snr den Patron der Anstalt, den Fürsten und feine Familie.

Zahlreiche Gäste sind schon eingetroffen und haben das ihnen bereitwilligst zur Verfügung gestellte Quartier be­zogen, fremden und doch bekannten Gesichtern begegnet man überall. Alte Freunde finden sich wieder, grau ge­worden in Amt und Würden, aber das Herz voll Jugend­lust tytb Festesfreude. Wie manche frohe und heitere Er­innerung aus alter Zeit mag in diesen Tagen wieder auf» gefrischt werden, wie mögen die alten und jungen Herren ihrer gemeinsam auf der Schulbank verbrachten Zeit sich freuen. Es ist ja bekannt, wie sehr die Büdinger Penäler das alte Städtchen in Andenken halten, wie gerne sie jeder­zeit in seine Mauern zurückkehren. Und auch die Bürger­schaft weiß das, mit offenen Armen wird jeder ausgenom­men; sind doch die Beziehungen zwischen Stadt und Gym- nasiuni immer sehr freundliche gewesen, und die Bürger sind nicht ohne Grund stolz auf ihreKlassiken, die in dem ältesten Gymnasium des" Landes herangebildet werden. So trägt das Fest mehr wie andere einen intimen, vertrau­lichen Charakter, den ihm auch die große Zahl der Besucher nicht nehmen kann, und gerade das macht das Fest so eigen­artig gemütlich.

Vom Festkomitee ist eine offizielle künstlerisch aus­geführte Festpostkarte ausgegeben worden in zwei verschie­denen Ausstattungen: in antikem Druck das fürstliche Schloß, die beiden alten und das neue Gymnasialgebäude, da­zwischen die Medaillenbilder des Grasen Wolfgang Ernst und des jetzigen Fürsten Bruno, umrahmt von einer roten Aufschrift. Die offizielle Festschrift ist in hübschem Ge­wände erschienen ; sie enthält eine kurze Geschichte des Gymnasiums von seinen Ansängen bis zur Gegenwart und wird- viele Liebhaber finden, ebenso das Festalbum, das zahlreiche humoristische und ernste Beiträge ftüherer Schüler enthält.

Samstagabend fand di- Hauptprobe zur. Aufführung von Wallensteins Lager statt; alles ging glatt von statten und zeugt von dem Fleiße, den die spielenden Gym­nasiasten beim Einüben aufgewendet haben. Unter gewal­tigem Andrange sand am Sonntagnachmittag das erste öffentliche Konzert statt; es mögen nach ungefährer Schätz­ung etwa 2000 Personen den Festplatz besucht haben. Schon am Abend vorher war eine starke Anzahl ehemaliger Schüler eingetroffen; es wurde ihnen aber nicht leicht gemacht, sich zurecht zu finden, denn der Zudrang war zu groß. Es war das wohl eine Folge der Anziehungskraft, die die am Abend stattfindende dramatische Aufführung übte. Kein Platz war mehr zu finden, und auch diejenigen, die einen gefunden, konnten zum großen Teile nichts sehen und nichts hören. Man scheint auf eine solche Besucherzahl nicht ge­rechnet zu haben. Die Aufführung selbst war gut, und sehr fleißig einstudiert. Tie jungen, ungeübten Spieler sanden sich mit überraschender Sicherheit in ihren Rollen zurecht. Vielleicht wird die Aufführung am Waldfest wieder­holt, dort sind nur geladene Gäste, und da würde mancher sich ander Aufführung erfreuen..Vorder Darstellung hielt der Bürgermeister eine Ansprache, in der er namens der Stadt die Gäste willkommen hieß und ihnen für ihr zahl­reiches Erscheinen dankte.

Leider muß, wie am Sonntagabend bekannt wurde, der Staatsminister infolge einer Erkrankung auf eine Teilnahme am Feste verzichten.

Aus Stadt und Land.

(Der Abdruck der unter dieser SRubtit befindlichen Original-Rachrichlen ist mrr unter genauer Quellenangabe:eUfc* «rrz.* gestattet.)

-k. Kouzertvereiu. Dieser Tage fand die ordentliche Generalversammlung deS KonzertvereiuS statt. Der Rechner erstattete Bericht über die finanziellen Ergebniffe des JahreS: trotz erhöhter Einnahmen hat sich infolge der größeren Aufwendungen, die gute Konzerte heutzutage ver­langen, wieder ein Defizit ergeben. Die Generalversammlung sah sich hierdurch zu einer Aenderung des § 4 der Statuten veranlaßt: der unentgeltliche Besuch der Haupt­proben wurde auch für die Mitglieder des Konzertvereins aufgehoben. Man hofft hierdurch eine wesentliche Er­höhung der Einnahmen zu erreichen, ohne daß die Güte der Konzerte dabei Not zu leiden braucht. Gerade für die kommende Saison ist, wie mitgeteilt wurde, ein hervorragend intereffantes Programm in Aussicht genommen. So wird z. B. der Altmeister der Geige, Joseph Joachim, der fier schon sehr lange nicht mehr gehört worden ist, uns be­uchen. Um die Weihnachtszeit wird der Konzertverein in Verbindung mit dem akademischen Gesangverein ein modernes Werk aufführen, das überall, wo es bis jetzt gehört wurde, tiefen Eindruck hinterlasien hat: Wolfrums Weihs achts- mysterium; und zwar wird es hier in Gießen zum ersten- male in der vom Komponisten eigentlich gewollten Gestalt mrgestellt werden. Lebende Bilder und Pantomimen werden )te Musik begleiten. Nicht bloS für Gießen, sondern für )ie musikalische Welt überhaupt, dürfte diese Aufführung ein reachtenSwertes Ereignis werden. Weitere Mitteilungen aus rem Winterprogramm werden später erfolgen. Zum Schluffe der Generalversammlung, die leider nur spärlich besucht war, wurde der seitherige Vorstand durch Acclamation wiedergewählt.

* Oeffentliche Lesehalle. Im Juli wurden 1576 Bände auSgeliehen. Davon kommen auf: Illustrierte Zeit- chriften 353, Erzählende Litteratur 757, Jugendschriften, Märchen, Sagen 261, VerSdtchtungen 13, Litteratur- geschichte 16, Länder- und Völkerkunde 31, Geschichte und Biographieen 45, Naturwissenschaft, Technologie 62, See- wesen 14, Philosophie 7, StaatSwiffenschaft 6, Sprachwissen­schaft 6, Fremdsprachliches 5 Bände. ES wurden verliehen an Männer: Handwerksmeister 240, akademisch Ge- bildete 29, Kaufleute 157, Unterbeamte 82, Techniker, Schriftsetzer 109, Diener, HauSburscheu 41, Arbeiter, Tage­löhner 73, Lehrlinge, Gehilfen 198, Studenten 113, zu­sammen 1042 Bände; an Frauen: Eheftauen, Witwen, ältere Unverheiratete 227, Gewerbetreibende 112, Dienst­mädchen, Lauffrauen 47, Arbeiterinnen 36, Beamtinnen 15, Pflegerinnen 10, junge Mädchen, Lehrmädchen 87, zusammen 534 Bände. Nach auswärts kamen 31 Bände. Vom 15. August bis zum 2. Oktober ist die Bücher-AuS- gabe geschlossen.

Tötung. In der Nacht vom Freitag auf SamStag in der vorigen Woche tötete ein hiesiges Dienstmädchen ihr neugeborenes Kind dadurch, daß sie es in das Hausklosett warf oder fallen ließ. Bon der Verhaftung der Thäterin mußte vorerst Abstand genommen werden, well sie sich in der Klinik befindet.

Schlagerei. In der Nacht des SamStagS entstand in der Frankfurterstraße eine Schlägerei zwischen jungen Leuten, wobei einer der BeteUigten verletzt wurde. Ferner wurde

in der vergangenen Nacht ein Kellner beim Radfahrerfest wegen einer Zahlungsdifferenz mit einem Unteroffizier von dem letzteren mit einem Bierglas im Gesicht verletzt.

* Ruhestörer. In der Nacht des SamStagS wurden gegen mehrere Personen Anzeigen wegen Ruhestörung erhoben.

Befitzwechsel. Die Stadt Gießen kaufte das Anwesen des Dr. Ploch, Asterweg, für 91000 Mark. Zu dem Be- sitztum gehört ein neues größeres Gebäude und ein sehr geräumiger Garten. Es besteht die Absicht, dieses Anwesen zu einem Schulhause auszubauen, da der ursprüngliche Plan, ein neues Schulgebäude in der Wiesenstraße zu errichten, aufgegeben werden mußte. Gegen das letztere Projekt hatte nämlich das Gesundheitsamt schwerwiegende Bedenken, und außerdem wäre der Bau deS Fundaments zu teuer gekommen, da erst bei 3 bis 4 Meter Tiefe fester Baugrund gefunden wurde.

e* Der Gießener Zither-Klub feierte am Samstagabend imPfälzer Hof- die Einweihung seine- neuen VereinslokalS. Der festlich geschmückte Raum war bi- auf den letzten Platz gefüllt. Der 1. Vorsitzende legte ju einer längeren Ansprache die Ziele deS Vereins dar, der neben der Pflege des Zither­spiel« es sich zur Aufgabe gemacht habe, alljährlich für eine größere Anzahl armer Kinder eine Weihnachtsbescherung, bestehend in Kleidern und Schuhen, zu veranstalten. Weitere Ansprachen wechselten mit Zithervorträgen, so daß der Abend einen angeregten Verlauf nahm. Gleichzeitig mit der Ein­weihung feierte man auch die Silberhochzeit eines Vorstandsmitgliedes.

§ Kleinliuden, 3. Aug. Der Gärtner Karl Pfeiffer von hier rettete dieser Tage ein Mädchen im Alter von 15 bis 16 Jahren vorn Tode des Ertrinkens. Das Mädchen war beim Wafferholen in den gegen 3 Meter tiefen Weiher auf der Bleiche gefallen.

S. Schlitz, 4. Aug. Zum ersten Male seit Jahren feierte unsere Stabt ein von gutem Wetter begünstigtes Fest Das benutzten denn auch die hiesigen sowie viele aus­wärtige Turn- und Festfreunde und halfen das Fest der Gau turn fahrt des Gaues Hess en verschönern. Die Stadt hatte reichen Flaggenschmuck angelegt. Auch die Salz- schlirser Badegäste hatten sich die Gelegenheit nicht ent­gehen lassen, einige fröhliche Stunden in festlichem Kreise zu verleben. Am Samstag abend wurde die Feier durch einen Kommers auf dem Festplatze eingeleitet. Die Gäste mußten dabei tüchtig dem Bacchus und Gambrinus hul­digen, um bei der plötzlich stark gesunkenen Temperatur nicht zu frieren. Der Hauptsestztag wurde heute morgen! durch Tagreveille eingeleitet. Gegen 2 Uhr nachmittags be­wegte sich ein imposanter Festzug durch die Straßen unserer Stadt. Cs eröffnete ihn auf reichgeschmückten Räderns der hiesige Radfahrerklub, daran schlossen sich der Stadtvorstand und die geladenen Turn-, Krieger- und Militärvereine. Auch 72 Festdamen befanden sich in dem Zug, die zwischen die einzelnen Korporationen verteilt waren. Nach dem Umzug begann das vollstümliche Preis­turnen, bestehend in Weitsprung, Stemmen, Steinstoßen und Wettlaufen, woran sich gegen 200 Turner beteiligten. Auch der Gießener Turnverein und Männerturnverein waren vertreten. Den 1. Preis errang ein Friedberger. Abends stellte der hiesige Turnverein prachtvolle Pyra­miden und andere lebende Gruppen unter bengalischer Beleuchtung. Er erntete großen Beifall für feine Leist­ungen. Auch morgen findet auf dem Festplatze Konzert und Schauturnen statt.

Büttelborn, 2. Aug. Beim Umpflügen eines Ackers wurde dieser Tage der Landwirt Häfner, um seinen! Pflug vor Beschädigungen zu schützen, genötigt, Steine von seinem Acker zu entfernen. Dabei wurde er, denN. Hess. Volksbl." zufolge, gewahr, daß diese Steine eine Schicht bildeten, die bis einen Meter unter die Oberfläche reichte und auch etwa einen Meter breit war. Häfner will die Wahr­nehmung gemacht haben, daß eine zweite, ebensolche Stein­schicht die erste quer durMchnitten habe, so daß beide Schichten die Form eines Kreuzes gebildet hätten. Aller Wahrscheinlichkeit nach befindet sich hier ein geschleiftes! Hügelgrab; denn in dem Schutt befanden sich die Stücke eines demolierten Thongefäßes. Tie schwarzgebrannten, auf ein dickwandiges, großes, urnenartiges Gefäß hinweisenden Scherben lassen durch ihre Beschaffenheit auf eine sehr frühe! Kulturepoche schließen. Für die hiesige, an prä­historischen Funden reiche Gemarkung ist dies Grab deshalb von besonderem Interesse, da es bis jetzt das erste ist, dessen Gefäße von einer Steinsetzung vollständig umschlossen sind. Weil man auf Untersuchung der Stätte vom Gr. Museum hofft, wurde die Fundstätte nicht weiter durch­wühlt.

Frankfurt a. M., 3- Aug. Drei Wagen, hoch mit Tierkäsigen beladen, und gefolgt von einem Möbelivagen, in dem gebeugten Hauptes eine Giraffe stand, trafen gestern int Tiergarten ein. Ter Tierhändler Menges, der fieben Monate im Sudan dem Tierfange oblag, langte mit feiner Beute an. Pferdeantilopen mit krummen Hörnern und langen Ohren, eine große Kudu-Antilope, zentralafrikanische Füchse, ein junger Elefant von den Ufern des Gasch, diverse Exemplare des unglaublich häßlichen Man-Schweines, kolossale Paviane einer erst kürzlich entdeckten Art, eine ganze Herde junger Strauße und Riesenschildkröten von über einem halben Zentner Gewicht enthielten die zahlreichen Kisten und Kasten, und eilig sah manj die Besucher von Haus zu Haus wandern, um überall die Ankömmlinge zu besich­tigen und sich ihre erste Wartung anzusehen. Wegen des befirutiöen Ankaufs einer Anzahl dieser Tiere, die sich zunächst hier von ihrer über zweimonatlichen Reise erholen | sollen, steht der Garten bereits in Unterhandlung mit dem 1 Besitzer. Zunächst sind die Tiere in den verschiedenen Tierhäusern ausgestellt. Vom 23.31. August wird hier ein Sp ielkursus für Lehrerinnen abgehalten. Der Kursus ist unentgeltlich. Anmeldungen sind an Tum- inspektor Weiden dusch in Frankfurt a. M. zu richten,

* Kleine Mitteilungen «ml Hetzen und den Ngchbnrtzaatt». Der 16jährige Turn-Zögling Peter Dietrich in Elt­ville machte am vergangenen Dienstagabend ohne Aus­sicht den Riesenschwung, stürzte dabei auf den Kopf nut» blieb besinnungslos liegen. Zwei Aerzte und ein Heil' gehilse leisteten den ersten Beistand und ordneten die Uebersührung in die elterliche Wohnung au, wo er am Mittwochabend gestorben ist. Prinzessin Christian von Schleswig-Holstein, die Schwester des Königs von England, ist mit Gefolge zum Kur gebrauch in Nauheim ein ge­troffen. Ein Fran kfur ter Lokal-Poet, Johann Jacob Fries, bekannt unter dem Pseudonym Johann Jacobus/ ist dieser Tage im Alter von 75 Jahren gestorben. In seinen humoristischen Arbeiten schilderte er das alt-srank- surterische Leben. Auch existieren einige spezifisch-frank- surterische Theaterstücke und hochdeutsche Dichtungen von