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Nr 31 Blatt.
Mittwoch den 6. Felnuar
151 ♦ Jal)igang
1901
GießenerAnzeiger
Heneral-An^eiger
fT«6ei*t täglich mit Ausnahme M MontagS.
Die Gießener Mamitienirätter werden dem Anzeiger im Wechsel mit „Hess. Landwirt" u. „vläiter für hefs. LolkSkundeE wächtl. 4 mal beigelegt.
$te|Ufl5prei» vierteljährl. Mk. 2.30 monatlich 75 Psg. mit Vringerlohn; durch die Abholestelle» Nterteljährl. Mk. 1.90 monatlich 65 Psg.
Bei Postbezug Mk. 2.— vicrteljährl ohne Bestellgeld.
Annahme von Anzeigen r« der nachmittags für ken folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorrn. 10 Ubt. Abbestellungen svätestenS abends vorher.
Alle Nuzeigen-Dermittlungsstelle« des In- und Aus» iandes nehmen Anzeigen für den Siebener Anzeiger «igegeu. Zeilenpreis: lokal 12 Pf., auswärts 20 Pi.
Anrts- und Anzergeblntt füv den Ttveis Gieren.
Aedaktto«, Expedition und Druckerei: rchulftratze Ur. 7.
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Gratisbeilagen: Gießener Familienblättcr, Der hessische Landwirt, Klätter für hessische Volkskunde.
Adresse für Depeschen: Anzeiger «letzen Fernsprecher Nr. 51.
Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
Der OrkSvorstand zu Lauterbach beabsichtigt, mit dem am 13. Juni d. I. dortselbst ftatifinbcHben sogen. Prämien Markte eine Verlosung von Vieh, landwirtschaftlichen und Haushaltungsgegenständen zu verbinden.
Das Großh. Ministerium des Innern hat die nach gesuchte Erlaubnis zur Veranstaltung dieser Verlosung unter der Bedingung erteilt, daß nur bis zu 8000 Lose, zu 70 Pfg. daS S'ück, auSgegeben werden dürfen, und mindestens H5 Prozent des BruttoerlöseS aus dem Verkaufe der Lose zum Ankauf von Gewinngcgenständen zu verwenden find.
Zugleich ist der Vertrieb der Lose in der Provinz Ober Hessen gestattet worden.
Gießen, am 2. Februar 1901.
Großherzogliches Kreis amt Gießen.
I V.: Dr. Wagner.
Bekanntmachung.
Betr.: Abhaltung landwirtschaftlicher Vorträge.
Am Sonntag dem 10. Februar ds. Js., uach- mittogs V,4 Uhr, wird HerrLandwirtschastSlehrer Reichel l von Alsfeld int Saale des Ferdinand Kreiling zu Heuchelheim einen Vortrag über Kraftfutter und An- weuduug küastltcher Düngemittel halten. Ich lade dazu jedermann, der sich dafür interessiert, ein. Die Herren Bürgermeister von Heuchelheim und der Nachbarorte ersuche ich um Bekanntmachung im Orte.
Gießen, den 4. Februar 1901.
Der Direktor des landwirtschaftlichen Bezirksvereins, v. Bechtold.
Gießen, den 2. Februar 1901.
Betr.: Errichtung und Einrichtung der Fortbildungsschulen, hier: Darstellung des Zustandes derselben.
Die Großh. Kreisschulkommission Gießen
aa die Schulvorstände deS Kreises.
Wir beauftragen Sie, die Fortbildungsschulen Ihrer Gemeinden, nachdem die festgesetzte Stundenzahl abgehalten worden ist, zu schließen und uns bis spätestens 15. März l. I die Berichte über den Zustand derselben im Winter 1900/1901 zugehen zu lasten.
In denselben ist anzugeben:
1. Zahl der Klasten.
2 Zahl der abgehaltenen Stunden.
3. Zahl der Lehrer.
4. Zahl der Schüler.
5. Leistungen der Schüler.
6. Betragen der Schüler.
7. Zahl der Ber'äumniste der Schüler; a) erlaubte, b) wegen Krankheit, c) unerlaubte.
8 Dasselbe wie 7. a b c in Prozenten ausgedrückt.
9. Vergütung für den ganzen Unterricht, abzüglich der Beleuchtungs- und HetzungSkosten.
Zugleich erinnern wir Sie daran, daß die FortbildungS schulen in Gegenwart des Schulvorstandes mit einer durch die Lehrer vorzuuehmenden Prüfuna zu schließen sind.
v. Bechtold.
Nckanntmacknmq.
Betr.: Gesuch deS Metzgers Karl Hinterlang zu Klein Linden um Genehmigung zur Erbauung eines Schlachthauses.
Der Metzger Karl Hinterlang in Klein-Linden beab fichtigt auf dem Grundstück Flur I Nr. 12*/ie der Gemarkung Klein Linden ein Schlachthaus zu errichten.
Pläne und Beschreibung hierüber liegen 14 Tage lang, vom Erscheinen dieses in dem „Gießener Anzeiger- an ge- rechnet auf dem Bureau der Großherzoglichen Bürgermeisterei Klein Linden zur Einsicht der Interessenten offen.
Etwaige Einwendungen sind binnen dieser Frist bei Meidung des Ausschusses bei Großherzoglicher Bürgermeisterei Klein Linden vorzubringen.
Gießen, den 30. Januar 1901.
Großherzogliches Kreis amt Dießen.
v. Bechtold.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 4. Februar.
Das Haus setzt die Beratung des Iu stiz-Et a t s fort.
Abg. Bass er mann (nat. Hb.) bringt Beschwerden vor über die Verschleppung der Prozesse in der bayerischen Pfalz, die dadurch herbeigeführt werde, daß man nach den mündlichen Verhandlungen entgegen den gesetzlichen Bestimmungen die Einreichung von Schriftsätzen fordere. Redner fragt alsdann, wie weit die internationale Anerkennung des Schiffahrtsrechts gediehen sei. Man möge die Erklärung Hollands über dessen Bereitwilligkeit zur Anerkennung veröffentlichen. Redner bespricht sodann die Frage der kaufmännischen Schieds- und Sondergerichte. Der Verschleppung könnte durch positive Vorschriften ent gegengewirkt werden. In diesem Sinne sprachen sich auch die Mehrzahl der kaufmännischen Verbände aus, welche wünschen, daß neben den Prinzipalen auch Angestellte an den Richterstellen beteiligt würden. Redner fragt an, wie weit die gesetzliche Regelung der Sicherung der Bauhandwerker gediehen sei.
Staatssekretär Dr. Rieb er ding bedauert, über die Rechtszustände in der Pfalz sich sachlich nicht äußern zu können. Wenn ihm Material zuaestellt werde, wolle er es prüfen. Was den Schiffspfanddienst anlangt, haben nur, nachdem die Bundes-Regierungen erklärten, daß ein Bedürfnis in der Frage vorliege, uns mit der niederländi
schen Regierung zu einer vertragsmäßigen Vereinbarung auf diesem Weg entschlossen. Dieselbe erklärte sich bereit, daß die niederländischen Gerichte unsere Entscheidungen anerkennen. Mit Belgien ist eine derartige Vereinbarung nicht abgeschlossen, lieber die Sicherung der Bauhandwerker schloß die betreffende Kommission die Beratungen ab, wurde aber nicht einig. Es sind zwei Entwürfe aufgestellt. Derzeit liegt es bei Preußen, welchem der beiden Gesetzentwürfe es beitreten will.
Abg. Beckh (freis. Volksp.) hält die Zustände in der Pfalz für nicht so schlimm. Er wünscht größere Einfachheit in der Gerichtssprache und Linderung in der derzeitigen Gerichtsvollzieher-Ordnung. Redner fragt an, wie weit die gesetzliche Regelung der Entschädigung unschuldig Verhafteter gediehen sei. Eine bezügliche Resolution werde er bei her dritten Lesung vorbringen.
Staatssekretär Dr. Nieberding verwahrt sich dagegen, daß er in die Selbständigkeit der Gerichte ein greifen wolle. Weiter glaube er nicht, daß die Einzel-- regierungen geneigt seien, die Bestimmungen über die Gerichtsvollzieher zu ändern. Betreffs der Frage der Ent-- schädigung unschuldig Verhafteter beschloß der Bundesrat, der letzten Resolution des Reichstags in dieser Frage nicht zuzustimmen. Das heißt natürlich nur, daß dem Bundes rate derzeit die Vorarbeiten nicht genügen, um sich mit der Sache zu befassen.
Abg. Stadthagen (Soz.) tritt lebhaft für die Entschädigung unschuldig Verhafteter ein. Der Bundesrat habe bei der Ablehnung der Resolution des Reichstags keine Gründe angegeben: wahrscheinlich wäreis finanzielle Gründe maßgebend gewesen. Eine Statistik über die Verhaftung Unschuldiger sei wünschenswert. Aehnlich stehe es mit dem Wunsch des Reichstags bezüglich eines einheitlichen Bergrechts, Iagdrechts und Wasserrechts. Auf die partikularrechtlichen Gesindeordnungen und ihre ungeheuerlichen Schädigungen für die Aermsten der Armen will ich nicht näher eingehen und nur einen Fall nennen, wo durch die Partikularrcchte die Sittlichkeit geschädigt wird. Rach der weimarischen Gesindeordnung Darf das Gesinde den Dienst nicht verlassen, bis die Polizei den Grund für gerechtfertigt erklärt hat, oder bis der Polizei überhaupt eine Mitteilung geworden ist. Wenn das' Gesinde anders handelt, dann muß es zurückgeführt und bestraft: werden. In weimarischen Landen ist es nun trotz der Revision der Gesindeordnung Recht, daß ein Diensttnädchen, dem der Dienstherr unsittliche Anträge stellt, wenn es nicht die Erlaubnis des Polizeiherrn zum Verlassen des Dienstes nachsucht, sondern vor dem Arbeitgeber flieht, erstens zurückgebracht und zweitens abgestrast wird. DaS ist gesetzlicher Vorschub der Unsittlichkeit. Der Bundesrat müßte ein partikulares Gesetz beseitigen, dessen direkte Folge eine Begünstigung der gemeinsten Unsittlichkeit ist. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Ein Reichs-Strafvollziehungsrecht haben wir leider noch immer nicht. Das preußische Gefängnisreglement stehe vielfach im Widerspruch mit dem Reichsgesetz. Im Prozeß Sternberg habe sich ein sehr bedenklicher Mangel bezüglich des Verfahrens in der Voruntersuchung ergeben. Es sei unerhört, daß ein Schutzmann ein Zeugenverhör vornehmen konnte, woraus
Gießener Tßeateroerein.
Hakeotto
von Echegaray.
ES geht die Rede, daß ein gewisser Aberglaube, dem ja Hie meisten Bühnenkünstler mehr oder weniger unterworfen sind, Josef Kainz, den größten Individualisten der deutschen Bühne, bei seinen Gastspielreisen immer zuerst in dem Eche garayschen Drama „Galeotto" auszutreten veranlasse. Herr Willy Löhr aus Darmstadt kam und mit seinem zweiten Gastgeschenk in der gegenwärtigen Spielzeit spanisch. Das Stück ist, wie sich's gestern wieder aufS neue erwies, in der Lindau'schen Bearbeitung eine Zusammenschweißung psychologischer Beobachtungen und effektvollen Theaterkrams, es interessiert als Thesenstück, aber läßt innerlich kalt, und bietet auch in der Hauptrolle wenig Verlockendes. Herrn LöhrS jugendlich geschmeidige Erscheinung ist für die Rolle recht geeignet. Das ist etwas Aeußerliches, was man ihm nicht groß anrcchnen kann. Zu rühmen aber ist feine Rede, sowohl die Behandlung des Wortes, wie die Wiedergabe des Gedankens und der Gemütsstimmung. Herr Loehr hat ein eifriges und fleißiges Studium auf diese Rolle verwandt, und seine sehr respektable künstlerische Leistung zündete bei der zahlreich versammelten, mit gespann tester Aufmerksamkeit lauschenden Zuhörerschaft. Er zeigte eine Seele, deren wahre Heimat die Poesie ist, noch zum teil unausgereifte Poesie, in der aber alle Erdenleidenschaf' befl Mannes unter einer vulkanischen Decke dem Ausbruch rntgegen kocht. Er schöpfte den finsteren Gedankeninhalt des
Stückes in den dramatisch höher wogenden Gesprächen aus und goß ihn wirksam in dramatische Reden um. Da war kein hohles Pathos und keine flache AlltagSrede, da war die rechte goldene Mitte. Allerdings ist die Kunst der natur wahren Ausprägung innerster Empfindungen einer dichterischen Figur sehr schwer, und Herr Loehr beherrscht sie noch nicht vollkommen. So gestaltet er z. B. die Schluß Soloszene des Vorspieles zu einer effektvollen Rede an das Publikum, und doch wäre es unzweifelhaft richtiger, der junge Poet grübele sich die Gedanken, die ihm nach anregendem Gespräche in her Einsamkeit kommen, ganz allmählich in träumerischer Versunkenheit aus dem Hirn heraus, abgebrochen, stück und ruckweise, nicht in der beflügelten „korrekten- Sprechweise, die an dieser Stelle so gänzlich unwahrscheinlich und daher in Wahrheit unkorrekt ist. Im Schlußakte, da, wo ihm Julia die schlimmen Worte entgegenruft: „Ihre Berührung befleck, mich-, da traf Herr Loehr auch nicht sofort den rechten Ton deS maßlosen Schreckens, Zornes und innerster Ver rounbung. Doch im weiteren raschen Fluge der Szene faßte er den rechten Ton und ließ ihn dann nicht mehr los, um in der Schlußszene mit ganzer, voller Kraft zu packen.
Frl. Schoelermann spielte die Julia, die sich bei Dichter wohl noch etwas jünger gedacht hat. Die Ausbrüche ihres Zornes im vorletzten, und ihres Jammers im letzten Akte erhoben sich nicht gerade zu besonders leidenschaftlicher Höhe, die hätte erschüttern können, und das war vielleicht auch das Rechte, denn es liegt kein triftiger Grund vor, dieses schwache junge Weib, das in seiner LebenSuuerfahrew heit Unklugheiten auf Unklughettm begeht und ohne männliche Stütze so ganz haltlos ist, Heroinenhaft zu gestalten, wie das
sonst wohl hier und da geschieht. Besonders erfreulich ist bei Frl. Sch. stets die Kunst des Zuhörens, ihr aufmerksames, selten nur ablenksames Verfolgen der Vorgänge um sie herum, ihre kluge Diskretion da, wo sie am Platze ist. Der alte Manuel erfordert ein recht tüchtiges Stück Charakterarbeit. Herr Nam seh er gab sich mit ihm alle Mühe, aber die Nolle liegt ihm nicht, sie erfordert einen alten vornehme« Herrn, einen gewandten Sprecher. Im Vorspiel bewegte er sich ganz leicht und ungezwungen, hörte teilnahmsvoll zu und warf feine Zwischenbemerkungen ganz geschickt in die Ausführungen Ernestos. Späterhin aber stolperte er wiedeiholt Über den Text, und ganz und gar verfehlt war die Szene des 2. Aktes, in der Manuel durch feinen Neffen Kenntnis von den Vorgängen im Cafä erhält. Manuel, immer in heftigster Erregung, gibt sich den Anschein, als wiffe er alles, um au- seinem Neffen einen umfassenden Bericht herauS^ulvcken. Von diesem Scheinspiel offenbarte Herr R. nichts. Dann erhob er sich aber zu mächtiger Leidenschaft und sein Abgang zum Duell war ganz wirkungsvoll. Hinwiederum mißlang feine allerdings sehr schwierige Schlußszene.
Alle übrigen Rollen treten gegen diese drei sehr in den Hintergrund. Es erübrigt nur zu bemerken, daß die Einstudierung im allgemeinen nicht ohne Fleiß geschaffen war, daß aber davon ein weniges mehr der ganzen Ausführung sehr zu statten gekommen wäre. So viele Entgleisungen in Der Rede wie gestern haben wir selten wahrgenommen. Man Darf wohl, ohne jemandem zu nahe zu treten, behaupten, baß ebe ber auf bem gestrigen Zettel verzeichneten ^erfanen minbestenS einen kleinen Lapsus beging. W.


