Ausgabe 
5.12.1901 Drittes Blatt
 
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imferer Gegner allein aber kann unS, so sehr wir ihnen denselben gönnen, doch wenig fördern.

Noch möchten wir uns gegen eine Einzelausführung des Herrn Schlenke wenden. Er bringt, wie schon in der Versammlung so auch in diesem Blatte unser Verhältnis loder besser Mißverhältnis zu Amerika zur Sprache, um die Politik der Handelsverträge zu diskreditieren. Tas heißt offene Thüren einrennen. Die Mißstimmung gegen Amerika ist auch in handelsvertragsfreundlichen Kreisen so sehr ver­breitet, daß selbst die Sozialdemokraten Calw er und Schippel eine Revision unserer Beziehungen nach dieser Seite hin gefordert haben, eine Thatsachc, welche Dr. Maurenbrecber in der Diskussion bereits hervorhob. Was von uns und vielen anderen verlangt wird, ist eine Um­bildung der Meistbegünstigungsklausel in ein Rcprozitäts- oerhältnis, d. h. Vergünstigungen, die wir anderen Staaten gewähren, können von Amerika nur dann in Anspruch ge­nommen werden, wenn es uns die gleichen Zugeständnisse macht. Also Umbildung, nicht Beseitigung der Handelsverträge ist es, was wir aus diesem Mißverhältnis folgern. In einem bestimmte Falle übrigens hat sich Amerika nicht so illoyal bewiesen, wie es gemeinhin ge­macht war. Als es den Agrariern gelungen war, das Fleisch­beschaugesetz durchzubringen, glaubte man und glaubten sie selber, Amerika werde Repressalien ergreifen. In i>er Dhat brachte auch Bailey, der Vertreter der Großschlächter von Kansas, den Antrag ein, die deutsche Maßregel mit einer zehnprozentigen Erhöhung der Zölle auf alle deutschen Waren zu beantworten. Der Antrag verschwand aber in -einem Ausschuß.

Dr. Strecker.

Aus Stadt und Sand.

(Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ist nur unter genauer Quellenangabe:Gieß. Auz." gestattet.) Gießen, den 5. Dezember 1901.

Prüfung für Gerichtsschreiberaspiranten. Die Prüfung für Gerichtsschreiberaspiranten in diesem Herbste, an der sich 50 Kandidaten beteiligten, haben dem Vernehmen nach 38 bestanden. Der Gerichtsschreiberaspirant Wilhelm Ludwig von Lich bestand am besten, der Gerichtsschreiberaspirant Heinrich Koch von Birklar legte das zweitbeste Examen ab. Beide standen bei dem Amtsgericht Lich im Vorbereitungsdienst.

-t- Breungeshain, 4. Dez. Massenhaft kauft zurzeit der hessische Forstfiskus Oedungen und Wiesen von Privaten und Gemeinden an und bepflanzt sie sofort mit Fichten. Dies geschieht nicht allein in und um den fiskalischen Wäldern, sondern auch mitten in den Gemarkungen. Die Nachbar­gemeinde Michelbach hat das Wasser der Quellen zur pro­jektierten Quellwasserleitung von sachkundiger Seite messen lassen. Das Ergebnis war recht zuftiedenstellend.

r. Darmstadt, -L Dez. ^ier hat sich ein Komitee ge­bildet, das den Wiederaufbau der Turnhalle in die Wege leiten will. Das Protektorat hat der Grofi­tz erzog übernommen. Das Komitee erläßt einen von den Spitzen der staatlichen, städtischen und militärischen Behörden Darmstadts unterzeichneten Aufruf, in dem die Bewohner Darmstadts zu werkthätiger Hilfe aufgefordert werden.

Offenbach, 4. Dez. Der Streik in der Fahrradfabrik von Gebr. Giese u. Co. wurde am Sonntag durch gütliche Auseinandersetzung beigelegt. Die Firma willigt in eine Lohn- reduktion von 10 pCt. anstatt 25 pCt. und verspricht, bei Besserung der Geschäftslage die bisherigen Löhne wieder zu bezahlen. Einige Arbeiter, die nicht sofort wieder eingestellt werden konnten, sollen in erster Linie Berücksichtigung bei Neueinstellungen finden. DieGenossen" tauschten in zwei

Versammlungen chre Erfahrungen bezüglich der letzten ver­lorenen Gemeinderatswahl aus, wobei sie zu dem Schluß kamen, die örtliche Organisation besser auszubauen,um in Zukunft den Gegnern schlagfertiger gegenübertreten zu können." Zu diesem Zweck rourbc die Einführung des Bezirkssystems nach dem Muster von Hamburg und Berlin beschlossen und eine Kommission gewählt, welche die Vorarbeiten dazu über­nehmen soll.

Schwurgericht.

P. Gießen, 5. Dezember.

Gestern Vormittag fand unter Vorsitz des Landgerichts­rats Hellwig die Verhandlung gegen den noch unbestraften, am 8. Oktober 1878 geborenen Landwirt Balduin Traut von Herbstein statt, der wegen eines Sittlichkeits-Verbrechens angeklagt ist. Es waren in der Sache 13 Zeugen zu ver­nehmen. Die Anklage vertrat Oberstaatsanwalt Dr. G ü n g e r i ch, während als Verteidiger Justizrat Dr. Gutfleisch fungierte.

Auf Antrag des Vertreters der Staatsbehörde wurde die Verhandlung hinter verschlossenen Thüren geführt. Nach Wiederherstellung der Oeffentlichkeit wurde der Spruch der Geschworenen verlesen, der auf nichtschuldig lautete. Der Verteidiger Justizrat Dr. Gutfleisch stellte darauf den Antrag auf Freisprechung seines Klienten, Uebernahme der Kosten durch die Staatskasse, sowie auf Entlassung Trauts aus der Haft. Demgemäß erkannte auch der Gerichtshof.

Universitäts-Nachrichten. ____

Mommsens Antwort an die Universitär Straßburg. Auf das an dieser Stelle bereits mitgeteilte Schreiben, das von den 65 Ordinarien der Kaiser Wilhelms' Universität an Professor Mommsen abgegangen ist, ist nunmehr von dem letzteren folgende Antwort eingetrofien: Eharlottenburg, 1. Dezember. Es ist Ihrer Universität eine schwerere Ausgabe zu­gefallen als jeder anderen in Deutschland, und sie hätte wohl vor allen anderen ein Anrecht auf ein günstiges Geschick. Vielfach ist es anders gekomnren, und es muß das ja auch getragen werden. Leichter aber werden Sie cs tragen, wenn Sie empfunden, wie viele außerhalb des Reichslandes mit Ihnen sind und zu Ihnen stehen, nicht bloß diejenigen, welche reden, sondern ohne Frage auch viele derer, die schweigen.

Kandel und Verkehr. Volkswirtschaft.

Frankfurt a. M., 3. Dez. Die Adlerfahrradwerke setzteninfolge der ungünstigen Zeitverhältnisse zur Vermeidung von Arbeitereutlassungen" sowohl die Tages- wie die Akkordlohnsätze je nach Lage um 1015 Prozent herab.

Märkte.

Limburg a. d. L., 4. Dez. Fruchtmarkt. Durch­schnittspreise pr. Malter. Roter Weizen 13.8600.00 Mk., Weißer Weizen 00.0000.00 Mk., Korn 10.1900.00 Mk., Gerste 9.03 bis 0.00 Mk., Hafer 7.400.00 3)11, Erbsen 00.00-00.00 3)tk., Kartoffeln 0.00-0.00 Mk.

Krieskasten der Redaktion.

(Anonyme Anfragen bleiben unberücksichtigt.)

U. Die ältesten Teile des Residenzschlosses in Darm­stadt gehören dem Mittelalter an, so der Hoskonditoreibau im Schloßkirchenhof. Die anderen, diesen Hof umgebenden Bauten entstammen trt der Hauptanlage der Regierung des Begründers der Hessen-Darmstädtischen Linie, Georg I. (15691596). Der Glockenspielbau wurde von Ludwig IV. errichtet, die großen Massen der neueren Schloßtelle mit ihreu vier Pavillons von 1717 an durch Landgraf Ernst Ludwig. Das Schloß enthalt die den: Land gehörigen wissenschafllichen Kunstsammlungen, die Hofbibliothek, das alte Museum, da^ Küpferstichkabinet, die Gemäldegallerie, die naturwissenschaftlichen Sammlungen und den Antikensaal.

Kassel, 3. Dez. Tie hiesige Strafkammer verurteilte einen Wirt von WUhelmshöhe wegen Bierpantscherei zu 300 ML. Geldstrafe. Er hatte Tröpfelbier in Flaschen abgezogen und seinen Gästen vorgesetzt. Ein von ihm« enllassener Kellner brachte die Sache zur Anzeige.

Neueste Meldungen.

Originaldrasitmclduugcn des Gießener Anzeigers.

Berlin, 5. Dez. Hier trafen drei Offiziere und fünf Soldaten des oslasialischen Expcdttwnskorps ein, bie auf Anregung des Generals von Lessel einen Distanzritt von Tientsin durch dieMongolei bis zum Bai­kalsee in 62 Tagen zurückgelegt haben.

Berlin, 5. Dez. Wie demTagebl." zufolge rtt Reichstagskreisen verlautet, beabsichtigt das Zentrum, seine Mitglieder zu den Kommisswnsberatungen des Zoll­tarifs in großer Zahl heranzuziehen. Bei den ein­zelnen Positionen sollen stets neue Mitglieder in die Kom­mission geschickt, bezlv. die Kommissionsmitglieder so oft als möglich ab gelöst werden.

Kiel, 5. Dez. Der Maler Zastrow ist unter dem dringenden Verdacht verhaftet worden, die Person zu sein, die in letzter Zeit Passanten auf offener Straße Messer-, stich e beibrachte.

Posen, 5. Dez. Die Sammlungen für die wegen der Wreschener Krawalle Verurteilten haben die Höhe von 50000 Mark erreicht. Ein neuer Aufruf wird vorbereitet. Der Prozeß gegen den polnischen Schriftsteller Rakowski beginnt heute.

London, 5. Dez. Der französische DampferYangtse^ derMessagerie Maritime" ist 16 Meilen von Dschibuti gestrandet.

London, 5. Dez. Die Rechtsbeistände der Miß H o b - House teilten dem Kriegsminister Brodrick mit, gegen Kit- chener, Milner und ihre Offiziere Schritte einzuleiten wegen ungerechter Deportation, Heimbring- ung und thätlicher Beleidigung der Miß Hob-- house.

Brüssel, 5. Dez. In der gestrigen BurenkonferenH erklärte Dr. Leyds, daß bisher von England kein an­nehmbares Friedensangebot vorliege. Eine Autonomie unter englischer Kontrolle könnten die Buren niemals acceptieren. UebcrdieS seien die Buren noch auf 5 Jahre mit Waffen und Munition versehen.

Madrid, 5. Dez- Ein großer Teil der Polizei ist in der Umgebung des Palastes ausgestellt, um eine Wieder­holung der Demonstrationen, die gestern in der nächsten drähe des Palastes stattfandcn, zu verhindern. Wie es heißt, will der Polizeipräsident infolge der Kundgebung demonstrieren. .

Laibach, 5. Dez. Der slovenische Gemeinderat votierte unter Entrüstungsrufen gegen die preußischen Richter 200 Kronen für die Opfer in dem Wreschener Prozeß. Der Bürgermeister hielt eine sehr scharfe Rede gegen bk Preußen.

Petersburg, 5. Dez. Bei dem Dorfe Studjanka an der Beresina, der historischen Stelle, wo die große Armee den Fluß überschritt, ist auf Veranlassung des Eigentümers des Grund und Bodens ein Denk m a l errichtet worden. Es zeigt in zwei Medaillons die Bildnisse Napoleons und Alexanders I., von Lorbeerkränzen umgeben, und folgende Inschrift in russischer und französischer Sprache: Hier überschritten Kaiser Napoleon und die große Armee am 26., 27. und 28. November die Beresina. Der Enthüllungsfeier wohnten der Gouverneur, die Spitzen der Militär- und Eivilbehörden sowie militärische Abord­nungen bei.

Astoria (Oregon), 5. Dez. Das englische Schiff Nelson" kenterte gestern nacht während eines Sturmes und sank mit der ganzen 28 Mann starken Besatzung.

Feuilleton.

Lord Ayron.

Ein garstig Lied, pfui, ein politisch Lied", dies geflügelte Wort aus dem Faust hat schon gar manchen Interpreten gefunden und man wollte sogar durch dieses Wort beweisen, daß Goethe nichts habe wissen wollen vom politischen und nationalen Leben, und weil man bewiesen zu haben glaubte, daß der Olympier sich abseits halte vom Gebiete der Diplo- mateu, glaubte man schließen zu dürfen, daß politische Lieder keinen rechten Anspruch darauf machen dürften, als voll zu gelten, und eigentlich als Afterlyrik anzusehen seien. Nun, darüber mögen sich die zanken, die nichts Besseres zu thun haben. Jedenfalls freuen und erbauen wir uns noch heute an Theodor Körner und Geibel, und mehr denn je muß in letzter Zeit wieder eines Mannes gedacht werden, dessen Lieder nicht minder wie sein aufopfernder Heldenmut ihn lange und mit vollem Recht in aller Munde führten wir meinen Lord Byron.

Denn Byron kann mit Fug und Recht als der Vater unserer modernen politischen Lyrik gelten. Nicht blos Vittor Hugo, Delavigne, Alfred de Müsset, auch Wilhelm Müller, der des Dichters Tod in so begeistert volltönenden Versen besungen, Graf Platen, Zedlitz, Anastasius Grün, dessen Schutt" namentlich in seinem ersten Teile an Byron's Gefangenen von Chillon" so unabweisbar erinnert, Her- wegh, Lenau, Meißner fast unsere ganze politische Dichter­schule jener Zeiten steht in einem magnetischen Rapport mit diesem Großmeister des politischen Pathos, dessen zorn­funkelnde Rhythmen so überwältigend auf die nächsten Ge­schlechter wirkten. Der dumpfe Druck der Restauration ver­mochte freilich nur die den Gewalthabern feindliche Ent­rüstung der politischen Lyrik zu entbinden; denn zu den gleichberechtigten Klängen der Verherrlichung wahrhafter Großthaten und freiheitlicher Siege gab jene Epoche wenig Gelegenheit. Napoleon war in Byron's Augen ein Tyrann; aber ebensowenig konnte er sich für feine Ueberwinder be­geistern. Ein Waterloo, das einen Kongreß von Verona zur Folge haben konnte, galt ihm nicht als ein Sieg der Menschheit. Wellington aber, dem jeder geniale Zug fehlte, war ihm persönlich verhaßt, gerade den Siegen seiner eigenen Nation schenkte er die geringste Sympathie. Er war den Engländern gegenüber kein Pindar und Tyrtäos, sondern ein Archilochos. Einen Georg III., einen Castlereagh ver­folgte er bis auf's Blut in satirischen Versen.

Als Don Juan bei seiner Ankunft in England in das begeisterte Lob der großen Nation ausbricht (XI, 9): Hier schwingt die Freiheit ihre Flügel, Hier gilt des Volkes Stimme nicht gering.

Die dem Regenten selber ist ein Zügel.

Sier ist nicht Inquisition und Qual ier gilt der Fceiheü jede neue Wahl!

Hier sieht man Sitte, keusche Frauen, hier zahlt Die Nation, was sie will; ist'S auch teuer, So ist's, daß man mit seinem Beutel prahlt, Hier brüstend, daß man viel verschwende heuer; Borgeht man sicher; das Gesetz auch strahlt Und scheucht ein jedes Räuberungeheuer** wird er sofort durch den Ueberfall von vier Straßenräubern in seinem Hymnus auf die Herrlichkeit Alt-Englands unter­brochen.

Wir halten inne denn giebt es eine feinere Satire auf unsere Zeit und die Zustände im Lande Eduards, als diese Worte des wackeren Sängers wären sie nicht würdig, imKladderadatsch" zu stehen?

Das bedeutendste politische Gedicht Byron's ist seine Ode auf Napoleon Bonaparte", die in einem un­auslöschlichen Lapidarstil abgefaßt ist. Von Viktor Hugo's Begeisterung für die Größe des Helden findet sich bei Byron kaum eine Spur, wenn er auch in derBronzenen Zeit" bedauert, daß auch Napoleon, dessen Morgenflug, dessen hundert siegreiche Schlachten die Alpen gesehen, den Rubikon der Tyrannei überschritten habe, wenn er es auch liebt, den kriegsgewaltigen Mann seinen kleinen Ueberwindern als verhältnismäßig groß gegenüber zu stellen. Er nennt sein Herz groß an Kraft, doch arm an Wert; auch der später in deutschen Versen müdgehetzte Vergleich mit dem festge­schmiedeten Promecheus findet sich zuerst in diesem Gedichte. Napoleon vermochte nicht dem Flitter von Purpur, Stern, Binde und Hermelin zu entsagen, deshalb wird dem korsischen Usurpator der reine Held der Freiheit gegenübergestellt:

Sag', du verwöhntes Kaiserkind, Wohin die art'gen Sächlein sind? Wo ruhen die müden Blick' emmal, Die rings nach Größe spähen, Da sie nach blut'gen Ruhmes Strahl Noch schnöde Thalcn sehen?

Auf ihm, dem ersten, letzten, besten Dem Cincinnatus von dem Westen, Den Neid nicht wagt zu schmähen: Washington den die Menschheit nennt Beschämt, weil sie nur einen kennt!

und heute würde er noch gedenken des Philosophen von Hil­versum Johannes Paulus Stephanus Krüger?

In den grausamsten Sarkasmus verfällt der Dichter, wenn er dieHeilige Allianz", die irdische, Gott nachge­schaffene Trinität verspottet, denHeckenzaren, Selbstherrscher aller Walzer und Barbaren", die Kalmückenschönheit, den Kosakengeist, dem er den Rat erteilt, seine Baschkirenhorden zu rasieren und zu waschen. Nur die neuen Nnmantiner Mkastiliens, die Verteidiger von Saragossa und Koseinszko's tapfere Schaaren finden Gnade vor den Augen des Dichters.

Und was würde er heute sagen zum Friedenszaren, der wonnigsüße Weisen bläßt auf seiner Schalmei als ein moderner König Rens, indes sein Haager Schiedsgericht ein veilchenhaftes Dasein führt und es ablehnt, die Berufung der Buren an seine Instanz in Erwägung zu ziehen? Difficile est satiram non scribere. Ja, unsere Zeit ist klein geworden.

Wo ist heute in der Welt, und gar im gottseligen England selbst, ein Mann, der wie Byron die prophetischen Worte wagt:

Blick nach dem Ganges dessen Sklavenherden Den Grundbau eures Reichs erschüttern werden. Sieh da! Die Rache für Erschlagne schnaubt, Der Aufruhr hebt sein geisterbleiches Haupt, Der JnduS wälzt scharlachne dunkle Flut Und heischt als Schuldrückstand Europas Blut und der wie Byron seinem eigenen Volke seine Schmach und Schande vorhält?

Bismarck hat Südafrika das Grab der englischen Welt- macht genannt. Nun, seine Prophezeiung geht langsam, aber mit um so sicherer Gewißheit in Erfüllung und dann werden die Kassandrarufe Lord Byron's blutige Wahrheit werden.

Günstiger konnte der Zeitpunkt wohl nicht gewähU werden, die Werke des heldenhaften Freiheitskämpfers, des Barden kühnen Heldenmuts und glühender Vaterlandsliebe in neuer deutscher Ausgabe zu veröffentlichen. Dr. Wilhelm Wetz, Professor an unserer Landesuniversität, hat im Ver­lage von Max Hesse in Leipzig Byron's sämtliche Werke in 9 Bänden, übersetzt von Ad. Böttger, herausgegeben und aus anderen Uebersetzungen ergänzt. Diese neue Byron- Ausgabe ist in 3 elegante Bände gebunden, in allen Buch­handlungen für 6 Mark käuflich und wird für viele jeden­falls eine willkommene Weihnachtsgabe fein. Der Heraus­geber schickt ein ausführliches Lebensbild des Dichters dem Werke voraus und unterzog sich auch der undankbaren und zeitraubenden Mühe, in Einleitungen zu einzelnen Dichtungen oder Erläuterungen zu einzelnen Stellen das zu einem leichteren Verständnis Nötige beizutragen. Die 180 Seiten zählende Lebensbeschreibung ist nicht ein in überschwenglichen Worten schwelgender Panegynkus auf den Dichter, sondern eine auf gründlichem Wissen aufgebaute Darstellung seines Lebens und Wirkens, die fesselt und das Interesse für den Dichter bis zum Ende festhält.

Wer immer Sinn und Verständnis hat für stark aus­geprägte Individualitäten, wer Lust und Liebe hat, sich in den Lebensgang, die Gedanken und in die Werke eines geistvollen Menschen zu vertiefen, wird diese neue Byron- Ausgabe gern und mit Genuß lesen.