Ausgabe 
5.6.1901 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

schmiert. Der Wogen roar aber trocken. Der Angeklagtem der in heftiger Weise den Zeugen zu widerlegen sucht, behauptet,dieser sei wie der Wind." Der nächste Zeuge, Rangierer Wagner, bestätigt in allem die Angaben dcK Weichenstellers Loth, desgleichen der Zeuge Volk. Mit dem Zeugen Wagner verwickelt sich der Angeklagte in lebhaften Disput dariiber, ob dieser gesehen habe, daß er das Rad auf, die Schienen gelegt habe. Darauf wurde der Sach­verständige vernommen. Derselbe legt an Hand einer Skizze und des vorhandenen Rades dar, wie dasselbe gelegen hatte, wie es geschoben wurde und durch reinen Zufall immer in der Mitte zwischen den Schienen blieb, und wie es zuletzt sich unter der Lokomotive festgesetzt habe. Die Gefahr, die vorhanden war, sei eine ganz bedeutende ge­wesen, wie sich sowohl aus dem Eindrücken auf dem Bahn körper als auch aus den auf dem Rad ergebe. Nachdem die Zeugen und Sachverständigen entlassen worden sind, werden die vier Hauptfragen auf Diebstahl, vorsätzlicher Gefährdung eines Eisenbahntransports, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung festgestellt. Der Verteidiger beantragt für die erste Frage eine Nebenfrage auf mildernde Um- tände, bezüglich der zweiten eine Hilfssrage auf Fahr­lässigkeit zu stellen. Dem Antrag wird entsprochen. Dar­auf tritt eine Pause von 10 Minuten ein.

DaS Urteil lautet: 5 JahreZuchthaus, 10 Jahre Ehrverlust, Stellung unter Polizeiaufsicht.

Eingesandt.

(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber: keinerlei Verantwortung.)

Gießen, 4. Juni 1901.

Saal« und Theaterbau.

Don dem Bedürfnis eines solchen überzeugt, traten vor 20 Jahren drei damalige Mitglicder des Stadtvorstandes zusammen, um einen AuL« führungsversuch zu machen. Sie ließen, um die leidige Kofienfrage klar zu stellen, nach ihren Intentionen eine Skizze durch Herrn Architekten I. Stein hier ausführen, deren bauliche Kosten sich auf 100 000 Mark belaufen würden. Der Saal sollte größer sein als der des GesellschaitS- vereins, dagegen aller Luxus vorerst vermieden und die dekorative Aus­stattung erst nach schon eingetretener Benützung successive ausgeführt werden. Man hoffte von der Stadt einen entsprechenden Bauplatz unter billigen Bedingungen, insbesondere ohne bares Geld, zu erlangen und war entschlossen, in diesem Falle den Bau sofort auszuführen. Man hatte aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der Stadtvorstand in seiner damaligen Zusammensetzung lehnte das Gesuch ab und andere Versuche, insbesondere der Ankauf einer Hofraite am Seltersweg, hatten nur nega« tiven Erfolg. Zwei der Unternehmer starben unterdessen, der dritte ist von hier fort und schon lange leidend. Spätere Versuche scheiterten eben­falls an den vorhandenen Hindernissen. 06 der s. Z. angefertigte Plan noch vorhanden, ist dem Einsender dieser Zeilen unbekannt, jedoch ist dieser noch im Besitze einer Originalskizze (allerdings von Lüenhand) nebst mancherlei Notizen bezüglich der baulichen Ausführung, die er gern zur Verfügung stellt. Kann sich das nunmehrige Komitee für diesen ersten Entwurf, schon der Billigkeit halber, erwärmen, ist es im Besitz eine« Platzes und eines. Bausonds von 25- bis 30 000 Mk dann kann der Bau bis zum Verbrauch dieses Betrages unter aufmerksamer Bauleitung

Vermischtes.

* Berlin, 3. Juni. Eine 68 Jahre alte Frau warf am Sonntagabend in der Trunkenheit ihre sieben Wochen alte Enkeltochter aus dem Fenster der elterlichen Wohnung tn Abwesenheit der Eltern auf den Hof hinab, wo das Kind sofort tot liegen blieb. Die Frau wurde verhaftet.

* Montreux, 3. Juni. Bei einem Ausflug auf den Rocher de Nahe stürzte ein junger Mann, Namens Wenger aus Heidelberg, der in Lausanne in Pension war, ab und war sofort tobt.

* Budapest, 2. Juni. Die Gemeinde Zavadka im Komitat Goemoer, bestehend aus 70 Häusern und Neben­gebäuden, wurde völlig eingeäschert. Seit drei Jahren wird diese Ortschaft zum dritten Male ein Raub der Flam­men. Ferner ist die Gemeinde Porubka, Komitat Tremsen, fast vollständig niedergebrannt; von den 60 Häusern mit Nebengebäuden, au8 denen die Gemeinde bestand, ist nur ein Haus unversehrt geblieben.

Gerichtssaal.

Metz, 3. Juni. Oberleutnant Rüger hat nunmehr einGnaden- gesuch an den Kaiser gerichtet, nachdem seine Berurteilung rechts­kräftig geworden ist.

Schwurgericht.

C. Gießen, 4. Juni.

Ter Gerichtshof ist heute folgendermaßen besetzt: Prä­sident Gr. Landgerichtsrat Schmeckendecher, Beisitzer die Gr. Landgerichtsräte Hellwig und Sandmann, Vertreter der Staatsbehörde Gr. Oberstaatsanwalt Dr. Güngerich, Ge­richtsschreiber Gerichts-Assessor Deibel. Unter Anklage steht der Dienstknecht Christian Dörr aus Flensungen weaen Gefährung eines Eisenbahntrans­ports, schwerem Diebstahl im Rückfall und Sachbeschädig­ung Geladen sind elf Zeugen und ein Sachverständiger. Äer Anklage selbst liegt folgender Sachverhalt zu Grunde.

Aenderung eintreten. Nach § 228 des hessischen Polizei« strafgesetzbucheS ist nämlich jetzt in den Landgemeinden der Ausschank geistiger Getränke an Einheimische während des Bor- und Nachmittagsgottesdienstes verboten. Mit Rücksicht auf die angeblichen Schädigungen, die ein großer Teil von Wirten, die an lebhaften Verkehrsstraßen wohnen, durch be- regte Bestimmung erleiden, hat jüngst eine Deputation aus Wirtekreisen bei dem Staatsminister Rothe eine Audienz er wirkt, um wegen der Handhabung dieses Paragraphen 228 vorstellig zu werden. Die Gründe der vorstelligen Wirte fanden bei dem Staatsminister Gehör und die Petenten er­hielten die Zusicherung, daß demnächst an die Kreisämter ein Rundschreiben erlassen werde, wonach Uebertretungen auf Grund des Paragraphen 228 nicht mehr zur Anzeige gelangen sollen.

Sch. Darmstadt, 3. Juni. Der Großherzog kam heute nachmittag 7.26 Uhr mit dem fahrplanmäßigen Zuge hiev an und fuhr direkt nach der Ausstellung in der Künstler- folonie, um im Spielhause dem Klavier-Abend der Frl. Frieda Hodapp und des Herrn Prof. James Kwast bsizu« wohnen. Die Künstler führten Kompositionen von Mozart, Nomeau, Mendelssohn, Schumann, Brahms, Saint-Saöns, sowie einÄlbumblattt in Ges-dur von S. K. H dem Großherzog komponiert, teils einzeln, teils an zwei Instrumenten vor und ernteten lebhaften Beifall. Der Besuch des Konzerts war im Verhältnis zu der seitherigen Leere gut. Es hatten sich zahlreiche Herren und Damen vom Hofe eingefunden. In Gesellschaft einiger Damen und Kavaliere nahm der Großherzog alsdann in den Parterre- Räumlichkeiten der Restauration ein Souper und verweilte bis nach 11 Uhr in der Ausstellung. Morgen vormittag wird der Großherzog der auf dem Exerzierplatz stattfindenden Besichtigung des 1. Jnf.-Leib-Regiments Nr. 115 beiwohnen und um 12 Uhr gemeinsam mit der Großherzogin, die um 11 Uhr zum Besuch der Aliceschule hier eintrifft, wieder nach WolfSgarten zurückreisen. Der zweite (Gesetzgebungs-Aus­schuß) der zweiten Kammer wird unter dem Vorsitz des Abg. Herrn von Brentano zur Beratung und Beschlußfassung über einige Fragen am Freitag nachmittag znsammen- treten. In dem Hofraum der Färberei Bitter, Inhaber Brüde, Schulstraße hier explodierte heute nachmittag 1/24 Uhr ein Faß Benzin und setzte einen Teil der Gebäulich- Setten in Flammen. Der sofort herbeigeeilten Feuerwehr gelang es nach angestrengten Bemühungen den Feuerherd zu beschränken und größeren Schaden zu verhüten. Zum Glück befanden sich keine Personen in der Nähe.

Frankfurt a. M., 3. Juni. Im ersten Stock des Hauses Neuhofstraße 15 wohnte der Agent Valentin Ehr mann mit seiner Familie bestehend aus Frau und drei Söhnen im Alter von 20, 18 und 11 Jahren. E., der vor einigen Jahren von Mannheim hierher verzogen war, befand sich in mißlichen Vermögensverhältnissen; er schuldete u. a. die Miete für das erste Vierteljahr dieses Jahres und hatte darauf ein Accept ausgestellt, das er am 31. Mai, nicht einlöfen konnte. Inzwischen war er aber weitere zwei Monate für Miete schuldig geworden. Dazu kam, daß der älteste Sohn, der in einer hiesigen Drogenhandlung Stellung gehabt hatte, seit vier Wochen ohne Beschäftigung war. Das Alles mag Ehrmann zu dem Entschluß gebracht haben, sich und bie ©einigen aus dem Leben zu schaffen. Am gestrigen abenb hatte er, wie aus ben noch auf bem Tisch gefundenen Gläsern zu ersehen war, eine Bowle bereitet, die die Familie nach dem Abendeffen gemeinschaftlich getrunken hatte. Heute morgen ließ sich niemand von der Familie sehen, der Beutel mit den Frühstücksbrödchen war nicht geholt worden, sodaß man im Hause, wo man die Verhältnisse genau kannte, an- nahm, E. sei über nacht mit der Familie auf und davon. Inzwischen machte sich aber in dem Hause ein durchdringender Gasgeruch bemerkbar, was den Besitzer des Hauses ver­anlaßte, auf die Polizei zu schicken, um die Wohnung öffnen gu lassen. Den Eintretenden bot sich dann in dem einen kleinen Zimmer neben dem Wohnzimmer, dem Schlafzimmer der Söhne, der schreckliche Anblick von fünf Leichen dar. Die beiden erwachsene Söhne lagen in ihren Betten, der jüngste Sohn auf dem Sofa, Frau Ehrmaun saß in einer Ecke des Sofas, Ehrmaun auf einem Stuhl. Heber die Vorgänge selbst ist vorläufig nichts Bestimmtes zu sagen, auch nichts darüber, ob die jungen Leute freiwillig mit in ben Tod gingen. Die Thatsache, daß sie ohne Kleider im Bett lagen, läßt fast auf das Gegenteil schließen, sie sind in gewohnter Weise zur Ruhe gegangen, ohne eine Ahnung da­von, was ihnen bevorstand. Man nimmt an, daß E., nach­dem der jüngste Sohn auf das Sofa gelegt worden war, den Krahneu der Gasleitung öffnete; vorher hatte er Fenster und Thür geschlossen und das Schlüsselloch der Thür mit Watte verstopft. Eine ältere Tochter Ehrmanns ist in Berlin verheiratet.

* Kleine Mitteilungen aal Hessen und den Nachbarstaat«. Der in Bad-Nauheim zum Kurgebranch weilende russische Gesandte in Athen, Onon, ist gestorben. Sonntag wurde im Wiesengrund im Seemenbach in Büdingen die Leiche der feit vielen Wochen vermißten Fran Wolfschmidt gesunden. Vor ihrem Verschwinden hatte sie geäußert, sie würde ins Wasser gehen. - Montagvormittag erschoß sich in Mar­burg ein Student. Das Motiv der That ist noch un­bekannt. ES herrscht große Aufregung in akademischen Kreisen.

A. i, jMftxaL < ®öugtfnA fr«. teefe 10 des ffrpiÄA

!-. 20 1fr' bit i=; litt: bu

fr bo« 6 S d-' fallen V btBat

KZ S Olt ffitganlogen auf d<! ® « M*i« I Mefc.1. 23. Mi i«m taktil t)On ft Bitchstrabl K. M «Mim» zur >uf tut »tiltut Ijinmt j, 2s. Schch dt« Hkmw

Wtföaftibetrieb des Louis Dreher Don Mar- wtföaftgbttitb im hause sischen hrndioerks- i zur Regelung des Lehr- Hessen hat sich in ihrer lg der Bestimmungen übti bewerbe und deren höchst ehenden Normen festgesetzt Innungen, Gewerbevereim ? zur Prüfung und Aeußer- bann, nachdem sie von der sind, im ganzen Lande zur iir Bäcker, Konditoren, Huch- Ufer, Holzdreher, Aaser, er, Friseure, Masterer- mit gen: Höchstzahl 3 Lehrlinge, i 1 Lehrling, aus 3-5 A- Gehilseu 3 Lehrlinge, aus mf 1^-20 Gehilfen 5 Lch- Gehilsen 1 Lehrling mehr. tg) fann in ben letzten M Lehrling gehalten werden, ehrlinge. Dachdecker.-mit t ie drei weitere Gesellen , 4 Lehrlinge. Menhauer, vt, Spengler, Installateure, Mrer, Messerschmiede, Uhr- :t 0 Gesellen bs fr2Lehl- -ehrling mehr. SoWJ r und Maler: nnt b-2 A llen 3 Lehrlinge, mit.17 * e ellen ö WW Metten 7 Lehrlinge, miN

StB« i w* MW. °»i auf V°i Ä« "* fing) W '"Sp tw*» K-ßI i'LV'E

ftÄK

» ®'e

Spott.

Gießen, 4. Juni. Bei der für die Bundesvereine deS Nord­bezirks vom Gau 9 deS Deutschen Radfahrer-BundeS veranstalteten Vereins.Dauerfahrt nach Marburg errangen in der Gruppe der kleinsten Vereine der RadklubGermania" den ersten Preis, und in der Gruppe der größten Vereine deS Bezirks dieWanderer", G. R. G., den dritten Preis. Die Abfahrt der beiden Gießener BundeSvereine erfolgte Samstagnacht etwa um 1 Uhr und die zurück­gelegte Strecke von hier über WetzlarDillenburgSimmerSbach BiedenkopfCölbe bis Marburg (Museum) betrügt über 112 Kilo­meter. Von den Verhandlungen deS Bezirkstages ist zu erwähnen, daß ein Antrag auf Abtrennung deS Nordbezirks vom Gesamtgau 9 deS Deutschen Radsahrer-BundeS und Bildung eines selbstständigen Gaues 9a mit großer Majorität abgelehnt wurde, und daß der Herbst­bezirkstag in diesem Jahre in AIS seid stattfinden soll.

Ter. Angeklagte, der zu Anfang dieses Jahres bei dem Kauf mann Sally Stern heim zu Bad-Nauheim als Dienstknecht befchäftigt war, war von diesem am 19. März d. I. entlassen worden, da er selbst auf Befragen zugegeben hatte, daß er dem Schwager seines Dienstherrn, Markus Manasse, ver-- chiedene Gegenstände enttvendet habe. Die Anwesen der beiden, Sternheim und Manasse, liegen direkt neben einander in der NHHe der Main-Weser-Bahn, etwa 600 Meter in der Richtung nach Friedberg zu von der Nau­heimer Station entfernt. Nackchem der Angeklagte nach Erhalt seines Lohnes vor dem Sternheimschen Wohnhause ruhestörenden Lärm gemacht, auch in verschiedenen Wirt- chaften Bier und Schnaps getrunken hatte, begab er sich gegen 12 Uhr nack) dem Sternheimschen Lagerschuppen in der Absicht, bort seinem früheren Brotherrn Schaden zu­zufügen. Er stiea ein, erbrach bann ein Schloß unb ver­achte auch, in ben Stall zu gelangen, wahrscheinlich, um den Pferden etwas anzuthun, da ihm das aber nicht gelang, nahm er von einem der im Schuppen stehenden Wagen ein Rad, erbrach die nach der Bahn zu führende Thür und egte das Wagenrad auf das Geleise Frank­furt-Gießen. Als bann der 11.35 Uhr von Frankfurt abgehende Personenzug Nr. 771, der um 12.55 in Bad- Nauheim einzutreffen hat, in der fraglichen Nacht vom 19. auf 20. März d. I. in die Nähe des Sternheimschen Kohlenlagers kam, versuchte der Masckfinensichrer, den Zug noch vor der Stelle, wo das Rad lag, das er sofort be­merkt hatte, zum Stehen zu bringen, was ihm aber nicht ganz gelang. Ta aber bas anfangs hörbare rappelnbe Geräusch nachließ, fuhr er langsam mit dem Zug in die Station ein. Die sofortige Untersuchung ergab, daß sich das Wagenrad tounberbarertoeife unter dem Tender aus der vorderen Bremsrolle und der Verbindungsstange der beiden vom Tender herkommenden Wasserrohre festgesetzt hatte, daß der vordere, nach der Maschine zugekehrte Rand des Rades frei über der Schienenoberkante getragen wurde, weshalb die sonst unvermeidliche Entgleisung des Zuges nicht erfolgte. Als gleich! darauf die Strecke untersucht wurde, lief der Angeschuldigte aus dem Sternheimschien Kohlenlager davon, wurde aber festgenommen und auf feinen Protest unb fein freches Betragen den Stations­beamten gegenüber hin nach Feststellung feiner Personalien freigelassen. Tie Verteidigung des Angeklagten führt Rechts­anwalt Engisch

Nach Auslosung der Geschpiorenenbank und Vereidigung der Geschworenen wird der Angeklagte zur Sache vernommen, alsdann die Zeugen aufgerufen unb einstweilen entlassen, der Sachverständige, Eisenbahnbirektor Schobert, wohnt der Verhandlung bei Nachdem der Vorsitzende bem Angeklagten seine zahlreichen Vorsttafen vorgelesen hatte und ihn fragte, ob diese 12 Vorstrafen richtig stünden, antwortete er, bas weiß ich nicht so genau". Daraufhin ermahnt ihn der Vorsitzende, der Wahrheit die Ehre zu geben, da ihm sein unverschämtes Leugnen, das er seither an ben Tag gelegt habe, nichts helfen würbe. Den Diebstahl des Sackes Weizenschalen befreitet ber Angeklagte entschieben. Er will benfeiben im Auftrag seines Herrn Sternheim von beffen Schwager geholt und für das bem ersteren gehörige Pferb verfüttert haben. Auch die anderen ihm zur Last gelegten Verbrechen und Vergehen befreitet er in längerer Rede, bei ber er ein großes Erzählertalent unb eine große Phantasie entwickelt, die Sache aber ganz anders barstellt, als in der Voruntersuchung. Nack)» Verhör bes Angeklagten wurde auf Antrag b es Staatsanwalts bas Augenschssins- protokoll verlesen. Alsdann wurden die Zeugen vernommen. Der erste Zeuge Sternheim giebt zunächst eine nähere Erklärung über die Oertlichkeiten ab. Bezüglich der Person sagte er, der Angeklagte sei ja wohl ab und zu ihm gegen­über frech gewesen, habe aber im großen und ganzen immer feine Arbeiten richtig besorgt. Er giebt weiter an, daß ihm ber Angeklagte geftanben habe, er hätte ben Sack mit Weizenschalen seinem Schwager entwenbet. Unter keinen Umständen habe er ihm einen Auftrag gegeben, ohne zu fragen Weizenschalen zu holen. Ter Sack war auch vollständig unterm Häcksel versteckt. Bezüglich des Ein­bruchs giebt ber Zeuge an, daß ber Einbrecher über das niebrigere Thor eingestiegen fei, bie Schlösser am Stalle abg^esprengt, und dann die Kette am westlichen Thor, das nach dem Bahngeleise zuführt, zersprengt und das Schloß beseitigt habe. Dieses Thor fei wie das andere von innen verschlossen gewesen. Die Ehefrau des Zeugen Sternheim bestätigt die Aussagen ihres Mannes hinsichtlich ber Vorgänge in unb vor ihrer Privatwohnung. Zeuge Graf beftätigt, daß der Angeklagte nicht angetrunken, da­gegen sehr aufgebracht und zornig gewesen sei, und auf den Schwiegervater seines Dienstherrn geschimpft und ge­droht habe, er wolle ihn massakrieren, wenn er ihn bekäme. Diese Angaben werden durch weitere Zeugen bestätigt.

Diesen beftimmten Aussagen gegenüber behauptet ber Angeklagte in brüsker Weise, daß dies gelogen fei. Dar­über vom Vorsitzenden belehrt, baß er eine berartige Belei- bigung nicht aussprechen dürfe, bleibt er dabei, daß es bitr Unwahrheit sei. Der Maschinenführer Marheinecke schil­dert den Vorgang, wie er sich auf bem Bahnkörper zuge­tragen hatte. Er giebt an, baß es ihm unmöglich gewesen fei, ben Zug vor bem Rab zum Stehen zu bringen, unb baß der Zug, wenn sich das Rad anders, b. h. quer vor die Maschine gelegt hätte, unfehlbar entgleist wäre. Stations- asfistent Wicke erzählt die Vorgänge nach Einlauf bes Zuges in bie Station Bad-Nauheim, insbesondere daß 4 Männer dazu erforderlich waren, um das Rad, das sich zwischen Tender und Lokomotive feftgefeilt hatte, unter der Ma­schine herauszuziehen, ferner daß sich der Angeklagte ihm gegenüber sehr frech uno ungezogen benommen habe. Auch habe er wiederholt gesagt,Ihr könnt mir nichts wollen." Ter Weichensteller Loth bekundet, daß sie an dem Stern­heim'scheu Lager die Spur gefunden hätten, die bas Rab, das von dort aus auf ben Tamm, gebrückt worben war, zurückgelassen hatte. In diesem Augenblick lief aus dem Sternheim'schen Lager ein Mensch fort, der aber auf den Ruf:Halt, steh oder ich schieße" stehen blieb. Es war der Angeklagte, ber auf den Vorhalt, warum er bas gethan habe, sagte:9hm, bas haben wir einmal so gemacht." Aw bie Bemerkung, bas ginge nicht unter zwei bis brei Jahre ab, sagte er,das macht nichts, ich habe Geld." Als er später nach der Station geführt wurde, sagte er:Ihr könnt mir ja gar nichts beweisen, Ihr habt ja nichts ge­sehen." Auf der Station selbst gab er an, er müsse nachts bei Stemheim das Lager bewachen. Wenn er dableiben müsse, verlange er ein anständiges Bett. Als er die Hände zeigen sollte, verbarg er sie. Er hatte Wagenschmiere daran. Er behauptete bann, er habe am Morgen ben Wagen ge-

Theater, Kunst und Wissenschaft.

Berlin, 3. Juni. Der Bankier Kommerzienrat Mendelssohn- Bartholdy überwies dem Polizeipräsidenten 25 000 Mark zur Be­gründung einer Mendelssohn-Bartholdy-Stiftung, aus deren Zinsen Angehörige der Feuerwehr, in erster Linie der Mannschaften, Unterstützung und zinslose Darlehen erhalten sollen.

Christtania, 3. Juni, lieber daS Befinden Jbsen'S äußerte sich der behandelnde Arzt auf Befragen, daß die Besserung beständig fortfebreife

Handel und Verkehr. Uotkswittschast.

Gieße«, 4. Juni. Marktbericht. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Butler per Pfd. Jt 0.901.05, Hühnereier per Et. 56 4, 2 St. 10-11 Enteneier 2 St. 1213 Gänse» eiet per St. 10-11 Käse 1 St. 5-8 <$, Käsematte 2 St. 58 4, Erbsen per Liter 22 4, Linsen per Liter 34 4, Tauben per Paar M 0.801.00, Hühner per St. JH 1.201.70, Hahnen per Stück M 1.302.00, Enten per St. JC 2.002.30, Gänse per Pfd. JC 0.00 bi« 0.00, Ochsenfleisch per Pfd. 6874 4, Kuh« und Rindfleisch per Pfund 6064 4 Schweinefleisch per Pfd. 6474 4, Schweinefleisch, gesalzen, per Pfd. 78 «j, Kalbfleisch per Pfd, 6066 4, Hammelfleisch per Pfd. 5070 4, Kartoffeln per 100 Kilo 6.006.50 JL, Weißkraut per St. 3000 4, Zwiebeln per Ctr. JL 8.008.50, Milch per Liter 18 4» Kirschen per Pfd. 4050 Pfg.

Dauer der Marktzeit von 7 Uhr vormittags bis 1 Uhr mittags.