Nr. 285 Zweites Blatt.
151. Jahrgang.
Mittwoch 4 Dezember 1901
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
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Politische Tagesschau.
Die Tschadsee-Expedition.
Ans -erlitt, 2. Dezember, wird uns geschrieben:
Die Expedition in der Richtung auf den Tschadsee soll nunmehr binnen kurzem entsendet toerben, nachdem dieses für die Erschließung des Kameruner Hinterlandes überaus wichtige Unternehmen Jahre hindurch vertagt werden mußte wegen der Unsicherheit der Zustände in jenen Gegenden. Da der Emir von Jola im Spätsommer dieses Jahres durch die Engländer besiegt und verjagt worden ist. droht von dieser Seite anscheinend keine Gefahr mehr. Bekanntlich brach Oberleutnant Dominik von der Kameruner Schutztruppe int Oktober dieses Jahres mit 60 Soldaten nach dem Benne (Station Garna) auf, und man nahm an, daß er Anfang Dezember sein Ziel erreicht haben werde. Höchsvvahrschernltch liegt auch eine bestätigende Meldung an amtlicher Stelle vor. Es wäre nun wünschenswert, zu erfahren, ob die geringe bewaffnete Macht, über die Leutnant Dominik verfügt, für ausreichend erachtet wird zum Schutze auch der Tschrdsee-Expedition? Es ist nicht außer Acht zu lassen, daß Die Engländer in jenen Gegenden einen Vorsprung vor den Deutschen haben und in wirtschaftlicher Hinsicht die Konkurrenten der Deutschen sind. In englischem Interesse llegt es also, den Vormarsch der deutschen Expedition zu erschweren. Um Mittel und Wege wird man nicht verlegen sein. Vielleicht giebt Kolonialoirekwr Dr. .Stuebel bei der Etatsdebatte in dieser Sache Auskunft.
Die Börse und die wirtschaftliche Lage.
Man schreibt uns ferner aus Berlin, 2. Dezember: Nachdem die deutschen Börsen in der ganzen vorigen Woche sich dem ungewöhnteu Entzücken der Hausse hingegeben hatten, trat heute an der Berliner Börse eine ge- lvisse Abschwächung der Stimmung ein. Die Aufwäns- bewegung war allzu stürmisch gewesen, das Publlkum ist nicht ftu Spekulationen geneigt; aus eigener Kraft hat die Börse keinen „langen Atem". Das Publikum denkt nüchterner als die Fach-Spekulation. Die letztere wähnt bereits den Tiefpunkt der wirtschaftlichen Verhältnisse erreicht uird glaubt an eine neue, nahe bevorstehende wirt- schastllche Blütezeit. Das Publikum dagegen will erst Beweise dieser Erholung sehen, erst von größeren Aufträgen für die Industrie hören, bevor es den lochenden Klängen Folge leistet. Und das ist durchaus richtig. Günstiger geworden sind' die Geldverhältnrsfe; aber eine durchgreifende Besserung, wenn auch der Beginn einer solchen zu bemerken ist, weist unser Erwerbsleben im Großen und Ganzen.einstweilen noch nicht auf. Speziell die Eisenindustrie bedarf der Aufträge; in der Maschinenbranche sieht es red)t ungünstig aus, und die Preisherabsetzungen der Kohle, so willkommen sie an sich sind, deuten auch nicht auf „Glanz" hin. Die Börse hat zu ftüh frohlockt.
Zum Zusterbarger Duell.
Nach einer Meldung aus Insterburg wird nun auch Generalleutnant v. Alten, Kommandeur der 2. Division,
noch im Laufe dieses Monats sein Abschiedsgesuch einreichen. Er gab bereits dem Brigade- und dem Regimentschef in Insterburg diensllich davon Kenntnis. Das Abschiedsgesuch wird eine Angabe der Gründe nicht enthalten. Die Führung
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Das letzte Jahrzehnt zeigt also wieder einen Auffchwung
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der Division übernahm vorläufig Generalmajor Gronau von der 2. Feldartillerie-Brigade. Generalleutnant v. Lenel, bislang Chef des ostasiatischen Expeditionskorps, wird als Nachfolger des Generalleutnants v. Alten genannt.
Zur Duell st atistik des Kriegsministers, der die auffallend geringe Zahl der Duelle zwischen a k t i v e n Offizieren (1897 4, 1898 3, 1899 8, 1900 4, 1901 5) rühmend hervorhob, macht die „Volksztg." geltend, daß diese Statistik erst vollständig wird, wenn auch die Duelle zwischen aktiven und Reserveoffizieren, sowie der Reserveoffiziere unter sich und der Reserveoffiziere mit Nichtoffizieren hinzugefügt werden.
Wie groß die Zahl dieser Duelle ist, kann man ungefähr aus der Zahl der von den ordentlichen Gerichten wegen Zweikampfes verurteilten Personen entnehmen, denn die Verurtellten sind mit Ausnahme derjenigen, welche die Kouleur- studenten betreffen, Reserveoffiziere. Es wurden aber nach der Kriminalstatistit verurteill:
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60
1892
77
1893
66
1894
83
1895
107
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110
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der Duelle.
Vom Burenkriege
liegen heute zunächst ein paar sogenannte englische „Sie- aes"-Nachrichten vor. Reuter meldet: Oberst Monro verwickelte am 29. November Wessels und Myburg bei Holy- voad südwestlich von Ladhgrey in ein Gefecht. 3 Buren wurden getötet, 2 verwundet und 13, einschließlich des Sekretärs Myburgs, gefangen genommen. Außerdem wurden 19 Gewehre, eine Quantität Munition und 30 Pferde erbeutet — Elliot nahm am 27. November im Norden der Oranjekolonie 12 Buren gefangen und erbeutete 600 Pferde, 100 Wagen und 3000 Stück Vieh.
Die Times" meldet aus Pretoria vom 30. November, das Hauptinteresse der militärischen Lage der Kapkokonie
konzentrierte sich auf den Westen; die Buren, die dort so manche Monate hindurch das Mittelland der Kolonie heimgesucht hätten, seien jetzt über die Bahnlinie in ein Gebiet zurückgeworfen worden, wo es chnen leichter werde, sich den Truppen der Engländer zu entziehen. Die Operationen der Briten würden durch die Bodenform des Landes und durch den Mangel an Wasser, sowie auch durch die Entfernung von der Eisenbahn behindert. Jetzt hätten jene Buren nach Norden durchgestoßen. Die Schwierigkeit, dieselben gefangen zu nehmen, werde augenscheinlich. Es seien 13 getrennte Kommandos, und obwohl die Engländer alles darangesetzt hätten, sie nach Süden abzudrängen, so habe doch nichts v er hindern könn en, daß diese lben bei Erscheinen der Engländer entkommen seien. Die Buren seien 1500 Mann stark und von vielen Kaprebellen begleitet.
Das ist wieder einmal ein recht jämmerlicher Stoßseufzer der Herren Briten und zeigt aufs deutlichste chre Ohnmacht gegenüber den heldenmütigen Verteidigern ihres Heimatlandes. Immer klarer wird es heute der englischen Bevölkerung und namenllich der englischen Finanzwelt, ein wie großes Fiasko die Chamberlainsche Staatskunft erleidet. Ä:. Karl Peters urteilt in der neuesten Nummer der Londoner „Finanzchronik" also über den englischen Kolonialminister: „Er führte sein Land in einen Krieg hinein, dessen Umfang er nicht einmal ahnte, lieber die Stärke des Gegners war er absolut im Unklaren; fein Programm durch den ganzen Verlauf der Krisis aber war das plumpe des bornierten insularen Jingotums, In der ganzen südafrikanischen Krisis tritt auch nicht eine einzige schöpferische eigene Idee des Kolonialministers hervor. Daß der Krieg heute im zweiten Jahre nach der Einnahme von Pretoria sich unabsehbar strtspinnt, kennzeichnet die volle staatsmännische Bankerott-Erklärun g Mr. Chamberlains. Aber Mr. Chamberlain hat andere Fehler offenbart, welche dem einsichtigen Engländer die Frage nahelegen sollten, ob die Interessen Großbritanniens nicht erheischen, chn von einer Stelle zu entfernen, auf welcher er geradezu gemeingefährlich zu werden beginnt. Für uns Deutsche ist und bleibt der Krieg von 1870 ein Verteidigungskrieg gegen ftemde Vergewaltigung, aus welchem glorreich die detttsche Einheit und das Deutsche Reiche erstanden ist. Ar: diese Erinnerung zu greifen, für etr.en Staatsmann, dem an guten Beziehungen mit dem Deutschen Reiche eingestandener Maßen gelegen ist, das ist zum wenigsten eine kolossale politische Dummheit, und vom Standpunkt der britischen Weltinteressen unter Umständen geradezu ein Verbrechen. Ich stitnme durchaus nicht mit den gehässigen Anschuldigungen überein, welche in einem Teil der deutschen Presse gegen die britische Kriegführung in Südafrika erhoben werden. In Deutschland übersieht man oder will man nicht sehen, daß in Südafrika nicht bloß die „Söldner- Armee", sondern viele tausende von Freiwilligen aus England und den Kolonien für Großbritannien gefochten haben; und, wenn man bei uns eine so ungeheure Verachtung gegen Werbe-Armeen bekundet, so vergißt man, daß man damit auch die Heere des Großen Kurfürsten und Friedrichs des Großen, ganz abgesehen von denen Hannibals und Casars, der Verachtung preisgiebt. Ich vermute, daß Lord Salisbury kaum Lust haben wird, die Taktlosigkeiten eines einzelnen Kollegen mit zu vertreten. Ich nehme deshalb an, daß der Zwischenfall nicht zu einem ernsten Konflikt führen wird. Aber schädlich für diebritischen Interessen ist er auf alle Fälle, schon weil er den Kriegseifer der verzweifelt kämpfenden Buren von neuem anspornen wird. Ich sollte denken, Mr. Chamberlain hätte den britischen Weltinteressen genügend geschadet, und meine, er kann seinem Vaterland zur Zeit nicht besser dienen, als wenn er aus der Regierung ausscheidet, und Raum für eiften Nachfolger schafft, der im stände ist, den verworrenen Knäuel der südafrikanischen Frage aufzuwickeln."
In Lv n do n verlautet-gerüchtweise, daß zwischen Kit- chener und Botha Waffenstillstandsverhandlungen stattfinden, die als Vorläufer des Friedens gelten. Sollte wirklich England zu der Einsicht kommen, daß es so nicht weitergeht? Es heißt, die Königin Wilhelmina, unterstützt von Frankreich und Rußland, sei bereit, ihre Vernrittelung anzubieten, falls Aussichten auf Annahme der Vermittelung seitens der englischen Regierung vorhanden wären.
Im Ständerat des schweizerischen Kantons Bern bezeichnete der Präsident am 2. d. M. in der Eröffnungsrede die Hinschlachtung des freienVolkes der Buren als daD traurigste Ereignis bet Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts.
Deutsches Reich.
Bor litt, 2. Dez. Der Kaiser hörte heute den Vortrag des Chefs des Zivilkadinetts v. Lucanus.
— Der Weihbischof Frhr. Zorn von Bulach wird morgen vom Kaiser int Neuert Palais vereidigt werden. Dem feierlichen Akte werden beiwohnen der kaiserliche Statthalter von Elsaß-Lothringen, Fürst zu Hohenlohe-Langenburg, Staatssekretär v. Köller und Unterstaatssekretär Frhr. Zorn v. Bulach.
— Der Roichstags-Abg. Müller-Schaumburg (frei). Bolksp.) ist heute plötzlich infolge eines Blutshrrzes gestorben.
— Die Zentrums-Fraktion des Reichstages hat heute nach mehrstündiger Sitzung die Beratung des Zolltarifs beendet. Für die Partei werden im Plenum das
Wort ergreifen: Spahn, Speck, Herold und Dr. Heim- Je nach Bedarf und falls die General-Debatte sich sehr in die Länge zieht, gedenken auch noch andere Redner ihre Spezial- Wünsche dem Plenum zu unterbreiten. Diese Beratungen im Schoße der Fraktion sind nur informatorisch und völlig unverbindlich gewesen.
— Die sozialdemokratischen Petitionen gegen den Zolltarif werden morgen dem Reichstag in mehreren Wagenladungen im Gesamtgewicht von 50 Zentnern zugehen. Das Bureau des Reichstags ist bereits auf diese Sendung durch ein Schreiben des sozialdemokratischen Parteivorstandes aufmerksam gemacht.
— Der ,Meichs-Anzetger" veröffentlicht das Verbot der „Wiener Arbeiter-Ztg." in Deutschland auf zwei Jahre.
— Der Zentralausschuß der vereinigten^ Jnnungsverbände Deutschlands hat sich mit einer Eingabe an den Kaiser und an den Reichskanzler gewendet, in welcher eine Revtsion des Handwerkergesetzes von 1897 und insbesondere eine Abgrenzung; wisch en Fabrik und Handwerk im Sinne des Gothaer Beschlusses verlangt wird.
— In der heutigen Sitzung des Bundesrars wurde der Entwurf eines Gesetzes wegen Feststellung des Haushalts-Etats für die Schutzgebiete auf das Rechnungsjahr 1902 den zuständigen Ausschüssen überwiesen. Die Entwürfe von Etats zum Reichshaushalts-Etat für 1902 und zwar a) über den allgemeinen Pensionsfvnds und b) für das Reichsmilltärgericht sowie der Etat für die Verwaltung des Roichsheeres zum Reichshaushalts-Etat für 1902 wurden genehmigt.
Kiel, 2. Dez. Das unter dem Befehl des Prinzen Heinrich stehende 1. Geschwader hat heute mittag seine Winterreise nach Norwegen angetreten.
München, 2. Dez. Der Prinzregent hat zur Erinnerung an seine regelmäßigen Besuche im Spessart, wo er auch gegenwärtig weilt, sowie $ur Erinnerung an seinen 80. Geburtstag mit einem Kapital von 15 000 Mk. eine Wohlthätigkeitsstiftung zu Gunsten armer Kinder in den fünf Orten des Spessart: Bischbrunn, Schollbrunn, Ober-Altenbuch, Unter-Altenbuch und Weibersbrunn errichtet.
— Großherzogin Viktoria Melitta von Hessen mit ihrem Töchterchen, Prinzessin Elisabeth, das am Damstag abend hier ankam, sowie Herzogin-Witwe Maria von Sachsen-Koburg und Gotha und Prinzessin Beatrice sind heute vormittag mit dem Nord-Süd-Expreßzug nach Schloß Fabrvn bei Nizza abgereift. Die hohen Damen, die seit vergangenen Donnerstag abend im strengsten Inkognito hier weilten, wohnten im Hotel Russischer Hof.
— Nach der „Augsb. Abendztg." war die Abberufung des seitherigen Münchener Nuntius und die Verzögerung der Wiederbesetzung der Nuntiatur eine Demonstration gegen die bayerische Regierung, weil Prinz Rupprecht im Oktober außer dem Papst auch dem italienischen König einen Besuch abftattete.
— Nach den „M. N. N." beginnt in Stuttgart am 19. Dezember die Persvnentarifkonferenz der süddeutschen Staaten. Württemberg will angeblich versuchen, die Unterhandlungen auch auf die Reform de»- Gepäcktarife auszudehnen.
Ausland.
London, 2. Dez. Die Blätter verhehlen nicht, daß die imposante Demonstration im Hydepark zu Ehren Bullers als ein Ausdruck des Mißtrauens gegen die Regierung gemeint war, bemühen sich aber, die Kundgebung als von der liberalen Partei in Szene gesetzt, oar- zustellen.
Brüssel, 2. Dez. Die angesehene, besonders in intellektuellen Kreisen viel gelesene „Gazette" bringt heute einen Leitartikel über die neueste preußische Pvlen- volitik. Das Blatt ermahnt Deutschland, die beneid den s werte Stellung als kulturelle Vormacht Europas, die ihm „in den Jahren der Dreyfus-Affaire und des Burenkriegs" zugefallen sei, nicht unnötig aufs Spiel zu setzen. Die „Gazette" ist die deutschfreundlichste Zeitung unter den hiesigen Blättern.
Paris, 2. Dez. Die Kammer nahm vier Gesetz- Entwürfe an, tvodurch das Militärgerichts-Verfahren auf Disziplinarvergehen und auf Verbrechen im Dienste sich beschränkt, das Kassationsverfahren eingeführt und besondere militärische Gerichtshöfe gebildet werden.,
Madrid, 2. Dez. General Weyler fordert weitere neun Millionen für den Ankauf von Schnell- f e uetgefchützen.
Petersburg, 2. Dez. Mitte der vorigen Woche richteten, wie es heißt, Rußland und Deutschland offizielle Noten an die übrigen Mächte, worin sie diese zu einem Meinungs-Austausch über gemeinsame Maßnahmen zur Unterdrückung oder Eindämmung des Anarchist m u s einladen.
Schwurgericht
Gießen, den 3. Dezember 1901.
Fortsetzung der Verhandlung gegen Benedikt Reuperi wegen Körperverletzung mit tätlichem Erfolg.
Durch die Zeugenvernehmung wird festgestellt, daß der Angeklagte von seinem Nachbar Meininger auf dem Nachhausewege am Abend des 29. September mit Stichelreden verfolgt wurde, ehe beide vor ihren Wohnungen aneinander gerieten. Meininger soll sehr erregt gewesen sein, während Reupert sich ruhiger und abweisend verhiell. Der erstere


