Ausgabe 
4.12.1901 Drittes Blatt
 
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Nr. Ä86

Mittwoch, 4. Dezember 1901

151. Jahrg.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sietzen.

Dernnkw örtlich für den allgemeinen Teil:

P. für der» Anzeigenteil: H. 93«L

Cr^elnt tLglsih mit Ausnahme deS Montags.

Die Sievener Familiendiättcr werden dem 2üi» jqgcr im Wechsel mit Hess. Landwirt und Blätter Ml» VoüÄunde 4mal wöchentlich bcigelegi.

9iotanon5boicf und Verlag der Brühl'scheu ; UnwcrsitätSdruckerei (Pietsch Erben), Gieße», i

Parlamentarische Perhandlnnqen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet

Deutscher Reichstag.

... ^03. Sitzung vom 3. Dezember. Um .^aug und Tribünen sind g u t besetzt.

d n Irbr. v T h i e l m a n n . Graf P o s a,

b o w S k h , Mo Her, Frhr. o. R h e i n b a b e n u. A.

Ajas Andenken des verstorbenen Abg. Dr. M üll er - ^d)rt0X6111:9 h bur$ Erheben von den Sitzen

, .?°?.ann toitb Beratung des Zolltarif-Gesetzes fortgesetzt v

Staatssekretär Dr. Graf Posadowöky: Wenn man seit Jahr und Lag die Aeusicrungen über dieses ernste Werk der Zolltarif- rcform gehört hat. ein Werk, welches uns verpflichtet, mit unseren Vertragsstaaten unsere handelspolitischen Verhältnisse auf einer 5U regeln, und damit indirekt unsere ganzen ^pol't'schen Verhaltinge anders zu ordnen, auch gegenüber ^5"..^'^begunstigungsstaaten. d. h fast zur gelammten zivilisirten Welt so überkam einen oft das Gefühl, mit welch geringer Sack- Nchkett und Sachkenntniß dies ernste Werk öffentlich behandelt !^e. (Unruhe links Sehr richtig! rechts.) Mir fiel dabei oft oas bittere französische Sprichwort ein: La mauvaise joie e<t 1 ame de la discussionl In meiner Eigenschaft als Schatzsekretär habe td) im Jahr-: 1897 hier misgcsprochcn. daß es nothwcndig sein wurde, tm Jnreresse unserer künftigen handelspolitischen Beziehungen einen neuen moderneren, d. h. fpezialisirtcren Zolltarif aufzustellen, und daß unsere Handelsverträge nicht einfache Abschriften der alten Vertrage fern tonnen. Dieses Wort hat mir viele Anfechtungen zugczogen. die gegen mich persönlich gerichtet waren. Aber ich muh der Wahrheit die Ehre geben, daß ich nicht der Autor dieses Planes bin. sondern als Staatssekretär des Reichsschatzamts lediglich das ausfuhrende Organ des Auswärtigen Amtes und vorzugsweise des Mannes war. der hervorragenden Antheil am Abschluß der frü- heren Handelsverträge hatte und der dabei erkannt hat. daß unser veralteter Zolltarif ein ungeeignetes taktisches Instrument für die pwhrung von Vertragsverhandlungen war. Bereits IV. Jahre, ehe id) in das Reichsschatzamt eingetreten bin, bevor ich jemals daran dachte, daß ich an diese Stelle treten werde, hat Freiherr von Marschall erklärt: Wir werden uns nach 12 Jahren der Pflicht nicht entziehen können, unseren autonomen Tarif zu reformiren (Hort! hort! rechts.) Derselbe Mann, dessen Verdienste auf han- belspolitischem Gebiete Sie gewiß anerkennen werden, wenn auch ablehnend (Heiterkeit), sagte am 8. Februar 1897:Der Vorredner öot an eine Aeußerung des Staatssekretärs des Reichsschatzamts erinnert das war ich;man hat aus dieser Aeußerung Kapital geschlagen; als ob ein klaffender Riß zwischen den Handels < politischen Anschauungen des Grafen Posadowsky und mir vorhanden wäre; das ist in keiner Weise der Fall; auf die Gefahr hin. Wasser m den Wem der Begeisterung zu schütten, muß ich erklären, daß Graf Posadowskh, bevor er an die Ausarbeitung des Entwurfs ging, nicht nur selbstverständlich der Zustimmung des Reichskanzlers sich versicherte, sondern auch meiner Zustimmung; ja. ich kann ver­sichern. daß ich schon vorher aus eigener Initiative mit meinem Herrn Kollegen aus dem Reichsschatzamt den dringenden Wunsch ausgesprochen habe, daß möglichst bald an die Aufstellung eines der­artigen Entwurfs gegangen würde. Er sagte weiter, daß es not­wendig sein würde, einen neuen Tarif aufzustellen, und daß die neuen Handelsverträge nicht einfache Abschriften der alten sein dürften. Diese Anschauung theile ich vollkommen, ich halte sic geradezu für selbstverständlich." Also baS auswärtige Amt, welches die früheren Verhandlungen geführt hat und auch die neuen Ver­handlungen in erster Linie zu führen haben wird, war zu der Ueberzeugung gekommen auf Grund seiner Erfahrungen, daß der bisherige Zolltarif für neue Verhandlungen mit fremden Staaten absolut nicht ausreichend ist. und so gebot uns der Wunsch unserer handelspolitischen Fortexistenz, ein moderneres Instrument zu schaffen.

Nun hat man damals den wirthschaftlichen Aus­schuß geschaffen, eine Körperschaft, die so vielfachen Angriffen ausgesetzt ist. Ich erinnere daran, daß wir vor Beginn des russi­schen Handelsvertrages einen Zollbeirath geschaffen hatten, der aus 105 Personen bestand. Es zeigte sich ober sehr bald, daß es ganz unmöglich sei, in einer solch' großen Körperschaft die schwierigen Detailfragen, die bei den Handelsverträgen erörtert werden müssen, zu besprechen, und dieses große Plenum schmolz auf eine ganz kleine Körperschaft sachverständiger, von Arbeitslust erfüllter Personen zusammen, die schließlich uns den werthvollsten Nachweis zum Abschluß des russischen Handelsvertrages geleistet haben Aber schon damals, als wir diese Verhandlungen mit Rußland führten, loar sich alle Welt darüber einig, daß es unbedingt nothwcndig sei. zur Information der büreaukratisch zusammengesetzten Regierung aus der Menge der sachverständigen Industriellen, Landwirthschaft und Handel Treibenden eine ständige Körperschaft zu bilden, die die ungeheure Masse ihrer Detail-Erfahrung der Regierung zur Verfügung stellen könnte. Meine Msickst war damals und mein dringender Wunsch, daß sich diese Körperschaft herausbildete aus der freien Initiative der großen wirthschaftlichen Verbände, und daß diese Körperschaft als selbstständiges, freies Organ der Re­gierung gegenüber fungiren sollte. Zu meinem lebhaften Bedauern war dieser Plan nicht zu renlifiren, weil sich hier wiederholt, was wir leider in der deutschen Geschichte so oft finden, daß die Parteien sich nicht einigen konnten, wer die Führung haben sollte. Darauf­hin entschloß sich die Regierung, selbst Anordnungen zu treffen und die Bildung und den Vorsitz in diesen Körperschaften zu über­nehmen. Ich kann hier von dem wirthschaftlichen Ausschuß nur mit Worten der aufrichtigsten Dankbarkeit und Anerkennung sprechen und muß von dem wirthschaftlichen Ausschuß, der aus Männern der verschiedensten wirthschaftlichen und politischen Auf- : fassung zusammengesetzt ist, hiermit in diesem Hause gegenüber den unzähligen Angriffen vor Allem feststellen, daß die Herren mit einer Ruhe und Unparteilichkeit gearbeitet haben. (Bravo rechts. Widerspruch und Lärm links.) Meine Herren (nach links), Sie kennen ja die Verhandlungen in dem wirthschaftlichen Ausschuß überhaupt nicht und [predjen darüber wie über eine Dunkelkammer. , Unterbrechen Sie mich nicht, ich unterbreche Sie ja auch nicht! (Zuruf bei den Sozialdemokraten: Das wäre mich noch schöner!) 1 Der wirthschaftliche Ausschuß ist mit einer Unparteilichkeit Wieder- 1 Holter Lärm links) zu Werke gegangen, die den handelspolitischen ' Beziehungen Deutschlands dauernd zum Nutzen gereicht. (Beifall : rechts. Reichskanzler Graf von Bülow betritt bCU 'aßcnn dieser wirthschaftliche Ausschuß nichts geleistet hätte als 1 die Bearbeitung der Produktionsstatistik, einer Statistik, wie sie kein ! anderer Staat besitzt, selbst dann hätte er sich schon ein großes Ver- dienst erworben. Wir haben es durchgesctzt, daß 60 000 Betriebe oefraat sind und 92 pCt. von diesen Betrieben uns geantwortet 1 Zähen Der Eigennutz ist eben oft kein schlechter Rathgeber. Wir haben auch die Erfahrung machen müssen daß manche Personen. d?e sonst auf recht freiheitlichem wirthschaftlichen Standpunkte

sichen, hier ganz andere Ansichten gezeigt haben. Wir haben aber hierbei auch so hervorragend sachverständige Angaben und Daten bekommen, wie sie kaum eine andere Regierung haben dürfte. Auch diese Arbeit wird, wie Sic in den Verhandlungen der Kommission erfahren werden, einen gewichtigen Grundstein für die Erörterung unserer Gesammtverhandlungen bilden.

, Man hat nun die «vezialisirung deS Tarifs angegriffen. Am 8. Februar 1894 sagte der damalige Slaats- scftctär im Auswarugen Amt ausdrücklich, daß das amtliche

, Waarenverzeichniß zu große Sammelpositionen habe, daß es zu wenig im Einzelnen gegliedert sei. Dadurdi entstand die Noth- wendigkeit von Verschiebungen tm Verzeichniß und darauf be­gründeten sich die Reklamationen auswärtiger Staaten, bir Kon-

. ftikte herbeiführten. Wir setzten uns dem Verdachte aus. daß wir nicht so lohal verführen, wie nöthig. Im Laufe der Zen ergäben sich eine Menge neuer Industrien und :n Folge dieser Fort­entwickelung der Industrie sei es unbedingt geboten, unseren Tarif entsprechend zu modifiziren. Diese Nothwendigkeit klar zu madien, ist bei der Verwickelung der Verhältnisse reckt schwierig, ick will eS aber einmal versuchen: Mein verehrter Herr Kollege vom Reicks- sckatzamt führte gestern schon die großen Sammelvositionen an. Weil wir die SammelvositionEiscnwaaren" gegenüber den Ver­tragsstaaten gebunden batten, waren die meistbegünstigten Staaten in der Lage, diese minimalen Zölle fürEisenwaaren" aud) für die profey dieser Rubrik einbegriffenenEisenwaaren"', wie die feinen Präzisionsmasckinen, Nähmaschinen. Fahrräder u. s. w., in Deutsch­land massenhaft einzuführen, ohne daß wir von den meist­begünstigten Staaten hierfür irgend eine Gegenleistung erhallen haben. (Sehr richtig! rechts und im Centrum.) Ich will mich nickt in diese Fragen vertiefen. Ick führe nur noch eine Position an. Es ist mir zweifelhaft, ob die. welckie eine hohe Verzollung des Quebrackoholzes wünschen, wirklich ihr Ziel, die Erhaltung unseres Eickenschälwaldes, erreichen; fest steht aber, daß durch Bindung dieses Artikels gegenüber den Dertragsstaaten die meistbegünstigten Staaten ohne jede Gegenkonzession in unserer Einfuhr ihre Roh­materialien nach Deutschland bringen könnten. Wir sollen unsere Jndustrieerzeugnisse im Tarif in z u viele Positionen zerlegt haben. Dir haben die Positionen gegen früher vermehrt; das ist richtig. Aber, wie sehen die Tarife anderer Staaten aus? Das ist dock Wohl entscheidend Frankreich hat 654 Nummern, obgleich die französische Industrie sich mit dem jetzigen Stande der deutschen Industrie nicht messen kann. Rumänien bat 676 Nummern, die Schweiz, gegenüber Deutschland doch ein verhältnißmäßig kleiner Staat, 476 und die Vereinigten Staaten von Nordamerika haben 756 Nummern. Diese Vermehrung der Nummern, die Auflösung großer Sammelnummem, ist also keine zolltechnische bureau- kraftsche Passion, sondern sie hat eine ungeheure wirthschaftliche Bedeutung. Sie liegt in der Natur der Sache. Wenn unsere Unterhändler sich darüber fdjlüffig zu machen haben, ob große Sammelpositionen in Zollsätzen zu binden oder zollftei zu belassen sind, so müssen sie überaus vorsichtig sein, weil man bei einer sol­chen Sammelvosition die Tragweite der Zollperbindung oder Zoll- frei_6e.it gar nicht übersehen kann; es sind zu viel heterogene Sachen darin bereinigt. Die Meistbegünsiigungsvcrträge sind zahlreicher als die Tarifverträge. Von der Ausfuhr au-3 Deutschland ent­fallen über 61 pCt. auf die Meistbegünstigungsstaaten und nur etwas über 34'/, pCt. auf die Vertragstaaten, d. b. aus den Meist- bcgünstigungsstaaten empfangen wir einen Ueberfdiufe von 640 Millionen, aus den Vertragstaaten nur einen Uebersckuß von 466 Millionen. (Hört! hört!) Unsere Einfuhr aus Amerika stieg seit dem Jahre 1891 Von 439 Millionen auf über eine Milliarde. Und woher kommen unsere Rohstoffe? Sie kommen überwiegend aus den vor: uns meistbegünstigten Staaten. Die Meistbegünstigungs­staaten sind aber zugleich bieienigen, die entweder feine Industrie oder eine erst im Ausgang begriffene Industrie haben, daS sind aber zugleich die Staaten, wohin wir das dringendste Interesse haben, unsere Ausfuhr zu leiten. Eine große Anzahl von Meist­begünstigungsstaaten bat die von ihrem Standpunkt aus durchaus begründete Neigung, ihre Industrie zu entwickeln, weil sie mit Reckt folgern- wo die Rohstoffe sind, da ist es ein naturgemäßer Vorgang, daß man da auch Fabrikate schafft; ja. viele von diesen Staaken tragen sicki ernsthaft mit der Hoffnung, daß sie in etwa 10 Jahren unsere Einfuhr entbehren können.

Ick) halte es für einen wirthschaftlichen Grundirrthum, aus der Passivität der Handelsbilanz auf die schlechte ökonomische Lage eines Landes zu fdjhefeen. Die passive Handels - Bilanz ist nur ein Beweis dafür, daß eine größere wirthschaftliche Intelligenz dahin wirkt, Rohstoffe in werthvolle Ausfuhrfabrikate umzuwandeln. (Sehr wahr!) Also, ick stehe auf dem Standpunkte, die passive Handelsbilanz ist nickst ein Zeichen des ökonomischen Niedergangs eines Landes, aber man muß in der Lage sein, seine passive Handelsbilanz zu bezahlen, sonst wird der Staat von einer fortgesetzten passiven Handelsbilanz schließlich misgepowert. Womit bezahlen wir denn nun unsere passive Handelsbilanz? Wir bezahlen sie zunächst mit den Fabri­katen, die wir Herstellen aus den Rohstoffen ihrer Ursprungsländer, dann mit dem Gewinn aus unserer Schifffahrt, mit den Zinsen des im Auslände angelegten deutschen Kapitals. Wenn wir uns nun aber in einer solchen Entwickelung befinden, daß gerade die meistbe­günstigten Staaten, denen wir die Rohstoffe bezahlen, sich immer mehr durch prohibitive Zölle gegen die Einfuhr unserer Fabrikate absckließen, wenn es dem deutschen Kapital immer schwieriger ge­macht wird, mit Erfolg im Auslande thätig zu sein, bann folgt daraus für uns mit unerbittlicher Logik die Tbatsacke: Wir müßen unseren Zolltarif soweit spezialisiren wie nur möglich, um nicht große Sammelpositionen ohne jede Gegenleistung Anderen in den Sckooß zu ioerfen. (Beifall rechts.) Bedenken Sie, wie stark wir auf die Ausfuhr angewiesen sind. Von unseren Fahrrädern gehen über 20 Procent ins Ausland, von unseren Stahlfedern 25 Procent, von den deutschen Nähnadeln 68 Procent, von unseren Nähmaschinen 45 Pocxnt, von den Erzeugnissen der beutfdjen Textilindustrie über 20 Procent, von unseren Seiden- und Halbseidenwaaren gehen über 56 Procent ins Ausland, von anderen Webstoffen 52 Procent, von den Chemikalien 34 Procent, von den Spielwaaren 69 Procent, Kautschukwaaren zu 53 Procent, Musikalien zu 51 Procent, Por­zellan zu 67 Procent. Ich frage Sie, wenn gegenüber solcher Aus­fuhr sich die meistbegünstigten Staaten fortgesetzt abschließcn, was würde dann uberhauvt aus unserer Ausfuhr werden? In welcher Weise man ihr bisher schon entgegengetreten ist, dafür nur ein Bei­spiel: die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Unsere Ausfuhr nach Amerika an Glaswaaren ist seit 1893 von 67, auf 4 Millionen Mark gesunken, an Leinenwaaren von 12 auf 7 Millionen, an Kunstgegenständen von 22 auf 67, Millionen, an Seidenwaaren von 49 auf 30, an Wollwaaren von 21 auf 12, an Maschinen und Instrumenten von 97, auf 77, Millionen. Wenn wir also auf Ver­anlassung des Auswärtigen Amts seiner Zeit an die Ausarbeilung eines modernen, spczialisirten Tarifs herangetreten sind, so haben wir nicht so sehr gehandelt im Interesse des Schutzes unserer heimi­schen Industrie an sich, als gerade eminent im Interesse der Erhal­tung unserer Nusfuhrindustrie, die erhalten werden muß. wenn unsere Arbeiter in Deutschland ernährt werden sollen. Wer andere

: wirtb'ckastsvolitiscke Gesickstspi.-nkte gegen den Zolltarif geltend ! rnackt. >s"t meiner Meinung nach bei diesem Rennen auf ein 'falsches 1 Pferd gestiegen. Der Abg Molkenbubr sagte gestern, Amerika habe 1 nur deshalb eine schutzzöllnerlsche Politik eingeschlagen, weil wir I gegen die Vereinigten Staaten Dorgcgangcn sind. Das ist ein Jrr- thum. Amerika bar seine Schutzzollpolitik nickst gerichtet gegen > Deutschland, sondern gegen die ganze Welt, es hat sein Schutzzoll- - snstem 1859 e'.ngeführt. und zwar, wie mir von maßgebender Stelle : erklärt wurde, auch im Interesse der Sanirung der amerikanischen 1 Finanzen. Und diese Maßregel bat in unerwarteter Weise ganz , beträchtlich zur Hebung der Finanzen beigerragen, wie aus dem Berickk des Staatssekretärs der Vereinigten Staaten 00m 4. Dczem- : ber 1898 beroorgebt. Das ist ein unwiderlegbarer Beweis gegen : die Behauptung, daß Deutschland es sei, das Amerika zu Schutz- 1 Zöllen getrieben habe. Nein. Amerika ist schutzzöllnensch geworden '.m J'.'teresie der Entwickelung seiner eigenen nationalen Industrie Sind wir denn überhaupt, meine Herren. Hochs chutzzöllne- , risch? (Ruf links: Ja! Heiterkeit.) Das sehen Sie am ! besten, wenn Sie das Verhältniß der Zolleinnahmen zum Werth dec Einfuhr in den einzelnen Staaten miteinander vergleichen. In den Vereinigten Staaten beträgt die Zolleinnahme vorn Werth der Einfuhr 27.50 Procent, in Frankreich 9,66 Procent, in Italien 13,71 1 Protest! undm europäischen Rußland 32,61 Procent, bei uns hin­gegen nur 9.04 Procent. (Hört! Hört! rechts.) Wie sich dieser Pro- ; centsatz in Zukunft nach Verabschiedung des vorliegenden Zoll­tarifs und nach Abschluß neuer Handelsverträge stellen wird, kann beute kein Mensch voraussehen, aber sicher bleibt er ganz wesentlich , hinter den hier verleseneii Procentsätzen zurück. Also, daß wir 1 hochsckutzzöllnerisch in Deutschland sind im Vergleich zu anderen > Ländern, das ist eine Behauptung, die nicht erwiesen werden kann, i Wir können doch nicht eine freihändlerische Oase schaffen inmitten ; Von Schutzzöllen. (Sehr wahr! rechts, Lachen links.) In der Presse und in Versammlungen hat inan von Erziehungszöllen ge­sprochen. Zolltechnisch verstand man früher darunter Zölle, die be­stimmt waren, eine in der Entwickelung begriffene Industrie, die noch mit verhältnißmäßig großen Bruttokosten arbei­tet, durch Schutzzölle empcrzuführen. Solche Erziehungs­

zölle hatte zum Beispiel Amerika eingeführt. In der Oesfentlichkeit aber verstand man darunter etwas ganz Anderes, nämlick) Zölle, die wir herabsehen sollen, um durch unser gutes Beispiel andere Länder beim Point dhonneur zu fassen. Wir haben einmal diesen Versuch gemacht, wir waren die Edlen, aber kein Mensch folgte uns. Im Gegentheil, man war darüber sehr froh; iistd damit unsere Zuckerindustrie nicht an den Rand be§ Ab­grunds käme eine Fabrik nach der anderen wurde bankerott- waren wir gezwungen, die Zuckertreppe wieder hinaufzugehen.

Auf derselben Höhe bewegt sich ein anderer Vorschlag. Man bat von Konventional-Zöllen gesprochen. Was heißt das? Die Konventionalzölle sind diejenigen Zölle, die wir erreicht . haben im handelspolitischen Kampfe mit anderen Staaten, sie stellen den Minimalsatz dar, den die Verhandlungen mit anderen Staaten noch ertragen konnten, um unsere Industrie lebensfähig zu er­halten. Und dieselbe wirthfckaftspolitische Richtung, die sich mit Händest und Füßen gegen den Gedanken eines lückenlosen Zolltarifs wendet ein Gedanke, der nie und an keiner Stelle bestanden hat dieselbe handelspolitische Richtung hat den Muth, uns zuzu- muthen. wir sollten einen autonomen Zolltarif aufstcllen, der unsere Konventionalzölle als autonome Zölle enthält. Ja, meine Herren, ich würde wirklich einen anderen Staat bewundern, der unter solchen Umständen mit uns noch Handelsverträge schlösse, denn wenn wir unsere Konventionalzölle hineinsetzen, haben wir ja nichts mehr zu bieten. Tas sind ja die Mindestzölle, die wir im Interesse unserer Industrie fordern müssen, und die fremden Staaten würden selbstverständlich glauben, wie man das von jedem bemiinftigen Menschen glaubt, der sein Vaterland lieb hat, daß wir die Zölle hineingesetzt haben in unserem eigenen natio­nalen Interesse. ^Zustimmung rechts.)

Man hat über diesenenorm hochschutzzöllnerischen" Tarif ge­sprochen. die gehässigsten Kritiken baniber in der Presse veröffent­licht, gegen die hohen Zölle geeifert, und sich nicht einmal die Mühe genommen, unseren autonomen Zolltarif anzusehen. Man hat über Zollsätze gesprochen, die in unserem autonomen Tarif stehen und einfach in den neuen übernommen sind. Was hak sich denn an den einzelnen Sätzen geändert? Wir halten uns nicht für un­fehlbar, wir sind gern bereit, wenn wir vorbei gehauen haben bet einer so großen und komplizirten Arbeit, uns eines Besseren belehren zu lassen. Der neue Tarif enthält 946 Positionen. Davon sind 314 völlig unverändert. 65 theils ermäßigt, theils unverändert, 44 ermäßigt, 241 erhöht, 282 theil erhöht, theils unverändert geblieben. Wie kann man da behaupten, wir hätten einen hoch­schutzzöllnerischen Tarif aufgestellt und wir befolgten hochschutz- zöllnerische Tendenzen? Ein Zolltarif ist keine politische Frage, man darf ihn auch nicht dazu machen, sondern eine wirth­schaftliche Frage, ebenso wie die Frage Freihandel oder Schutzzoll! Und daS möchte ich namentlich den Herren von der Linken zur Erwägung anheimgeben, ob sie reckst thun. wenn sie sich gegen eine größere Spezialisirung unserer industriellen Zölle und auch gegen eine theilwcise Erhöhung der landwirthschaftlichen Zölle wenden. Warum haben wir denn die großen Sammel- Positionen beseitigt? Weil sie die heterogensten Dinge enthielten, weil sich darin Positionen bcfandcn, die zum Theil mit 3, zum Theil mit 12 Prozent ihres WeriheS verzollt iourden. Was heißt nun höhere industrielle Schutzzölle? Das Rohmaterial, das wir aus den meistbegünstigten Staaten bekommen, ist in der Regel ba§* selbe, ob ich eine Präzisionsmaschine herstelle oder ein ganz rohes Gcräth. Der Grund zu dem höheren Zolle liegt in der darauf ver­wendeten größeren Intelligenz und größeren Ärbeitstüchtigkeit der deutschen Arbeiter. Wenn wir deshalb unfern Zolltarif mehr spezialisiren, so thun wir nichts, als daß wir die Intelligenz und Tüchtigkeit des deutschen Arbeiters entsprechend dem Wertste seiner Arbeit in höherem Maße schützen. (Sehr ridjtigl rechts )

Nun frage ich mich: Was wollen denn die Freihändler? WaS wollen die Gegner des Zolltarifs? Ich spreche hier zunächst von unserer Industrie. Wer auf dem Standpunkt steht, daß er sagt: Diejenige Regierung treibt eine richtige Wirthschaftspolitik, welche die Rohstoffe und Fabrikate überall daher bezieht, wo sie am billig­sten sind ein Mann, der diese wirthschajispolitische Auffassung vertritt, der muß, wenn er konsequent ist, einen Antrag in drei Zeilen stellen:Die Schutzzölle werden überhaupt ausgehoben, die landwirthschaftlichen, wie die industriellen." Ich kann mich zu meiner Freude mit dem Abg. Molkenbuhr darin einverstanden er­klären, daß es prinzipiell das Gleiche ist, ob wir Weizen oder eine andere Maare versteuern. Was sollten wir wohl machen, wenn alle diese Zölle aufgehoben würden? Dann müßten wir kolossale direkte Steuern schaffen und dann würde vielleicht der Er­folg cintracn. der uns beim Börfengesctz immer prophezeit wurde, der aber damals nicht eingetreten ist, daß nämlich die reichen Leute ivegziehen wurden. Wenn also eine solche Finanzpolitik überhaupt nicht durchführbar ist. 10 mußten Sie zu dem englischen Snstem übergeben, um auf gewisse Einfuhrartikel kolossale Einfuhrzölle zu legen um dadurch die verloren gegangenen Summen wieder zu ver-