Mr. 154 Zweites Blatt.
151. Jahrgang.
Donnerstag 4. Juli 1901
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Die Verstaatlichung der Eisenbahnen.
- Kürzlich erMrte ein freisinnig-freihändlerisches Blatt, daß die Eisenbahnverstaatlichung in Preußen ein Werk der damals in der Entstehung begriffenen Agrarierpartei gewesen sei. Tas Blatt hat mit dieser Bemerkung nicht Unrecht, denn es steht fest, daß, als im Jahre 1887 im Abgeordnetenhause die Frage im Prinzip zur Entscheidung Island, der Minister Maybach es nur dem energischen Vorgehen der äußersten Rechten verdankte, wenn ein solcher Beschluß zu stände kam. Tie Agrarier werden also, wie wir vermuten, die als Vorwurf gemeinte Behauptung jenes Blattes als Anerkennung annehmen. Ein Blick auf die Entwickelung des Eisenbahnwesens in denjenigen Ländern, in denen das Privatbahn-Shstem ungehindert die vollständige Herrschaft behauptet hat, genügt, um zu erkennen, welche ungünstige Entwickelung das Eisenbahnwesen genommen haben würde, wenn in Preußen die Verstaatlichung der Eisenbahnen nicht durchgesetzt worden wäre. Hessen hat sich leider zurzeit die günstige Gelegenheit der Verstaatlichung entgehen und zu einer Gemeinschaft mit Preu- feett verleiten lassen, und die Klagen über die Unselbst? ständigkeit Hessens werden nie verstummen.
Unzweifelhaft macht sich in heutiger Zeit ein gewaltiges Streben nach Konzentration des Großkapitals in der ganzen Welt geltend. Die Trustbewegung ist dafür ein unwiderleglicher Beweis. Diese Bewegung aber hat, wo ihr kein Hindernis durch die Gesetzgebung in den Weg gelegt wird, auch das Eisenbahnwesen mächtig ergriffen. Arn deutlichsten tritt das in Nordamerika hervor. Tort haben sich in den letzten Monaten an der Effektenbörse Tinge abgespielt, von denen „Cincinnatti Price Current", dem wir die Einzelheiten entnehmen, sagt, wie die Na- poleanischen Kriege das europäische Gleichgewicht, so hätten die Operationen weniger 'Monate in letzter Zeit das Gleich? gewicht zwischen den Machtsphären der verschiedenen Eisenbahnen bis in den Grund erschüttert.
In der kurzen Zeit vom 1. Juli bis 1. November 1900 sind nicht weniger als 25 311 englische Meilen Eisenbahnen, die früher selbständig waren, von den großen Eisenbahn- königen ausgesogen worden. Das ist mehr als.ein Achtel des ganzen in den Vereinigten Staaten vorhandenen Bahnnetzes. Und wenn auch nicht alle Einzelheiten dieses Aufsaugungsprozesses bisher bekannt geworden sind, so läßt sich doch schpn aus dem bekannten Material seststellen, daß zurzeit im ganzen 111582 Meilen Eisenbahnen von fünf Eisenbahnkönigen unumschränkt beherrscht werden. Und
zwar von:
Harrimann, Kuhn Loeb . . 20 245 Meilen
Vanderbilt.......19 517 „
Margon - Hill...... 37 526 „
Pennsylvania - Gruppe . . . 18 220
Gould ........ 16 074 „
Summa 111 582 Meilen.
Um einen Maßstab für die Bedeutung dieser Macht der Eisenbahnkönige zu gewinnen, muß man sich gegenwärtig halten, daß das gesamte Eisenbahnnetz Europas zurzeit nur 172 622 Meilen, dasjenige Nordamerikas 216 290 Meilen lang ift
Zweifellos hätte sich auch in Deutschland bei Fortdauer des Privatbahnsystems eine ähnliche Konzentrations- bewegung wie in Nordamerika vollzogen. Unser ganzes Verkehrswesen und die Herrschaft über das Tarifwesen unterläge jetzt dem souveränen Willen einiger weniger großkapitalistischer Trusts. Tie gesamte Industrie und Landwirtschaft, kurz das gesamte Erwerbsleben der Nation wäre dem Belieben des Großkapitals preisgegeben, das durch seine Tarifpolitik alle zollpolitischen Maßnahmen des Staates wirkungslos zu machen im stände sein würden. Im Gefolge dieser Allmacht des Großkapitals wäre, wie das in Nordamerika auf allen Gebieten der Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung in erschreckender Weise zutage tritt, auch in Deutschland ein Korruptionssystem eingeführt worden, gar nicht zu reden von der Zerrüttung, in der sich die Finanzen des Staates heute befinden müßten, wenn die Einnahmen aus den Staatseisenbahnen ihnen nicht eine solide Grundlage gesichert hätten.
PalMsche Tagesschau.
. . ,/Köln. Ztg." wird aus München gemeldet: Sämt- Irche luddeutschen Eisenbahnverwaltunaen scheinen durch die sofortige Einführung der 4 5 tägi - g e n G r l t r g k eit für die preußisch, en Rückfahr- 1 a.,r * bn vollkommen überrascht zu sein. Es verlautet, die erste Nachricht darüber sei sogar den Regierungen nicht sruher als am 28. Juni zugegangen. Alsbald folgten leb- hafte Beratungen, deren Ergebnis ist, daß Bayern, zunächst für den Verkehr nut der preußisch-hessischen Eisenbahn-Ge- ebenfalls die 45tägige Giltigkeit, und zwar mit J?en Fernenverkehr sofort einzuführen be- ^chloß. Werterhrn wurde von Bayern eine Konferenz der bayerischen, wurttembergisch-u und badischen Eisenbahnverwaltungen angeregt, die hier Zusammentritt. Als sicher kann gelten, daß die Konferenz die 4 5 t ä g i g e Giltigkeit a u ch für den süddeutschen inneren Verkehr, slso für alle Rückfahrkarten, beschließen wird. Nur wird Bayern nut Rücksicht auf die Volkssitten besondere Ver- gunstigungen für das Oktoberfest und andere landwirtschaftliche Versammlungen nicht fallen lassen. Man glaubt daß
der durch die 45tägige Giltigkeit verursachte finanzielle Ausfall nur gering sein werde.
Ter „S. R.-Korr." zufolge hat die badische Eisenbahnverwaltung bereits verfügt, daß vom 4. Juli ab für den Verkehr mit Stationen der preußischen Staatsbahnen die Giltigkeitsdauer der Rückfahrkarten 45 Tage beträgt. Demnach werden vom 4. Juli ab uicht nur die von Stationen der preußischen Staatsbahnen nach Baden gelösten Rückfahrkarten, sondern auch die von badischen Staatsbahnstationen nach Orten des preußischen Staatsbahnnetzes lautenden Rückfahrkarten eine 45tägige Giltigkeit haben.
Tie „D. N." melden: Die sächsische Staatsbahnverwaltung beschloß gleichfalls bereits, dem Beispiele Preußens folgend, die Giltigkeitsdauer der Rückfahrkarten sowohl im inneren Verkehr als im wechselseitigen Verkehr mit den preußischen Linien auf 45 Tage auszuuehneu.
Ueber Petersburg, aus der „Nowoje Wremja", erfährt man, daß noch im Laufe dieses Monats der deutsche Reichskanzler dort eintreffen werde. Diese Reise hänge mit dem Abschluß des neuen deutsch?russischen Handelsvertrags zusammen. Bon einer solchen Absicht des Grasen Bülow ist bisher nicht das Mindeste bekannt gewesen. Es ist auch nicht eben wahrscheinlich, daß Graf Bülow, zumal die Bundesregierungen erst begonnen haben, den Zolltarisentwurf und dessen umfangreiche Begründung einer Prüfung zu unterziehen, jetzt schon in mündliche Verhandlungen mit der russischen Regierung eintreten sollte. Finanzminister Witte, so heißt es weiter in der Petersburger Meldung, verschiebt die geplante Reise nach der Mandschurei bis zum nächsten Frühjahr. Daß gerade Herr Witte nach seinen mehr ungestümen als diplomatischen Angriffen auf die deutsche Handelspolitik und den Reichskanzler den Wunsch nach einer Zusammenkunft und Aus- svrache haben sollte, will auch nicht recht einleuchten. Ta übrigens Herr Witte demnächst aus Gesundheitsrücksichten in Wiesbaden Aufenthalt nehmen will, so könnte ja Graf Bülow sich das Rendezvous bequemer machen. Oder hätte der Reichskanzler etwa politische Gründe, um in Petersburg einmal selbst zu erscheinen, und wären die handelspolitischen Besprechungen mehr ein Vorwand? Man darf gespannt sein, was unsere Offiziösen zu der Petersburger Meldung zu sagen haben werden.
Engländer nnd Buren.
Tie Gerüchte, daß Aktionen int Gange sind zur Herbeiführung des Friedensschlusses in Südafrika wollen nicht verstummen. Das „Berl. Tagebl." brachte gestern abend eine Zuschrift aus Amsterdam, worin von dem Friedensbedürfnis des Königs Eduard die Rede ist und dem von Tag zu Tag sich verschärfenden Gegensatz zu seinen Ministern. Chamberlain trage ein gedrücktes Wesen zur Schau und sehe sich nach einem Ruhesitz um u. s. w. Was König Eduard betrifft, so ist seine Friedenssehnsucht, nach allem, was von unterrichteter Seite verlautet, ziemlich platonischer Art, und man wird daher kaum annehmen können, daß der König Unmut über die Fortsetzung des Krieges den Ministern gegenüber an den Tag lege. Daß Chamberlain nichts weniger als in gedrückter Stimmung sich! befindet, sondern sich! nach wie vor „obenauf" fühlt, geht wohl deutlich! genug aus seiner stolzen Rede zur Feier des Kanada-Tages hervor, in der er über die „irregeleitete Anschauungsweise Europas, die auf Lügen gegründet sei", sich! empörte. Sv selbstbewußt und fic^Eer spricht kein Staatsmann, wenn er nicht des Rückhalts gewiß ist. Tie Rede ist charakteristisch genug, um nicht verschwiegen zu werden. Chamberlain meinte, nichts sei erhebender gewesen als die Art, wie die Kolonien England im südafrikanischen Kriege zu Hilfe kamen. Tie Einigung des britischen Reiches sei mit Blut besiegelt worden. Er glaube nicht, daß sich, die heutige Meinung der Gebildeten Europas mit dem Urteil der Nachwelt decke. Er bewerte vielmehr" die Meinung der englischen Kolonien weit höher, als die irregeleitete Anschauungsweise Europas, die auf Lügen gegründet sei, die von auswärtigen Feinden und einheimischen Verrätern verbreitet seien. Wenn je einmal das Szepter seiner Herrschaft für Englands Hände zu schwer zu werden drohe, so blicke es auf die jungen Nationen, um sich in stand zu setzen, den Hohn seiner Feinde mit dem Jubel seiner Kinder zu beantworten.
Im englischen Untexhause fragte Gib so n Bowles an, ob bei der Regelung der enogiltigen Friedensbedingungen mit den Buren die Regierung beabsichtige, den Einfall Jamesons in der begleitenden Urkunde in Erwägung zu ziehen und eine Kommission einzusetzen, die über den Einfall eine eingehende Untersuchung anzustellen habe. Der erste Lord des Schatzes Balfour erwiderte, die Regierung wolle die Angelegenheit nicht wieder aufs Tapet bringen.
Tem „Petit bleu" zufolge wurde Andries De Wet polizeilich aufgefordert, .bei Strafe der Ausweisung seine burenfreundliche Propaganda in Belgien einzustellen. De Wet erklärte darauf der Polizeibehörde, er begebe sich nach Paris.
Nach einer Meldung aus Kapstadt ist Oberst Talgety in das Eingeborenen-Reservat Mackear im Transkei-Distrikt einmarschiert. Tie Buren haben den Distrikt verlassen und ziehen jetzt in der Nachbarschaft umher. Ter Kommandant Fouche, her genötigt ist, sich zurückzuziehen, muß einen der drei Wege einschlagen, die von den Engländern besetzt gehalten werden.
Deutsches Reich.
Berlin, 2. Juli. Aus Travemünde wird gemeldet: Ter Kaiser begab sich heute an Bord der Dacht „Iduna", um nach Saßnitz zu segeln. Ter „Sleipner" begleitet die Fahrt.
— Nach: einer dem Generalsuperintendenten Tr. Braun in Königsberg aus dem Kabinett der Kaiserin zugegangenen Mitteilung hat die Kaiserin mit Genehmigung des Kaisers das Protektorat für den Bau von zehn Jubiläumskirchen in den ärmsten Gemeinden Ostpreußens übernommen, nachdem durch die Spende von je 50000 Mk. seitens zweier Männer der Provinz und bereits vorhandene Fonds der Bau von drei Kirchen gesichert ist
— Am Tage der großen Regatta. des °kaiserlichen Yachtklubs in Kiel fuhr ein kleineres deutsches Kriegsschiff, das zur Zeit Probefahrten macht, durch die Startlinie. Ter Kaiser sah's, und in allerkürzester Zeit hatte der K o m m a n b a n t des durch den Start gefahrenen Schiffs die Meldung, daß ihm persönlichvom Kaiser 24 Stunden Stubenarrest zudiktiert worden seien. Ter Kommandant trat die Strafe sofort an, gab nach Verbüßung derselben das Kommando an den ersten Offizier des Schiffes ab und reichte sein Abschiedsgesuch ein.
— Ter Kaiser hat eine Vorschrift für das Fechten auf Hieb undStich genehmigt, nach der die Offiziere das Führen der vorschriftsmäßigen blanken Waffen zu lehren ist. Es wurde dabei bestimmt, daß für alle Offiziere, die als IVaffe den Säbel führen, das Fechten nur mit dem Säbel stattfindet, für alle Offiziere, die als Waffe den Jnfanterie-Offizierdegen führen, mit dem Stoßfechten (Florettieren) begonnen und dann mit dem Fechten auf Hieb und Stoß mit dem Offizierdegen der Unterricht fortgesetzt wird. Tas Hiebfechten mit Rapieren kommt dagegen in dem Lehrplan der Militär-Turnanstalt in Fortfall, und als Lehrmittel kommen nur das Tegenrapier mit Schilfklinge und das Säbelrapier mit schwach gekrümmter Klinge wie bei dem älteren Kavalleriesäbel zur Verwendung.
— Ter aus der Initiative des Zentrums und der Sozialdemokraten hervorgegangene Gesetzentwurf betreffend die Einführung obligatorisch!er Gewerbegerichte und die Ausdehnung ihrer Befugnisse zu obligatorischen Einigungsämtern, der, wie gemeldet, die Zustimmung des Bundesrats gesunden hat und damit Gesetz geworden ist, wird heute im „Reichsanzeiger" veröffentlicht. Tie konservative Presse spricht ihre Bedenken über den Beschluß des Bundesrats aus, in dem sie ein Zurückweichen vor der Sozialdemokratie und die Außerachtlassung der Interessen der Arbeitgeber erblickt. Besonders scharf wenden sich die „Hamb. Nachr." gegen den Beschluß des Bundesrats.
— Aus Posen wird uns gemeldet: Ter Posener Magistrat hat beschlossen, die neue durch das Hochwasser- schutzprojekt vorgesehene Uferstraße längs der Warthe von der Büttelstraße bis zur Grabenpforte „Mi q n e l str aß e" zu benennen. Auf eine Anzeige hiervon und auf die Bitte um Genehmigung hat Herr v. Miquel folgendes Schreiben an den Bürgermeister gerichtet:
„Hochverehrtester Herr Oberbürgermeister! Ihre Mitteilung von der Absicht des Magistrats, der Straße au der Warthe den Namen Miquelstraße zu geben, hat mich sehr erfreut. Ich bitte Sie, dem wohllöblichen 'Magistrat meinen besten Tank für diesen für mich sehr ehrenvollen Beschluß mit der Versicherung übermitteln zu wollen, daß alle meine Wünsche für das Gedeihen und die Blüte der Stadt mich ins Privatleben begleiten werden. Inzwischen in bekannter Verehrung Ihr stets ergebenster Miquel." 1
Gleiw itz, 2. Juli. Tie Polizei untersagte dem katholischen Arbeiterverein und dem Verein „Harmonie" den geplanten Umzug mit Fahne und den gemeinsamen Kirchgang aus nationalen Gründen, wegen der Gefahr groß- polnischer Umtriebe.
Ausland.
London, 2. Juli. Tie New-Yorker World will erfahren haben, die italienische Regierung habe die Namen aller an der VersckMörung zur Ermordung König Humberts Beteiligter durch einen griechischen Detektiv namens Secura in Erfahrung gebracht und mehrere Komplizen Breszis nach Italien gelockt, wo sie verhaftet seien. Breszi wurde durch das Los zur Ermordung des Königs bestimmt. Das Los wurde in der Bartholdi-Halle in Paterson im vorigen Mai gezogen.
— Tas Oberhaus verwarf in seiner heutigen Sitzung mit 88 gegen 46 Stimmen den Gesetzentwurf, wonach es den Frauen ermöglicht werden sollte, Mitglieder der Londoner Bezirksräte zu werden. Ter Gesetzentwurf ging nicht von der Regierung aus.
Brüssel, 2. Juli. In der Repräsentanten- kammer kam es heute zu stürmischen Szenen aus Anlaß der Interpellation des Sozialisten Vandervelde wegen Aeußerungen, die ein General der Bürgergarde in Tournay qetban haben soll; er soll den Mannschaften gesagt haben, daß sie im Fall eines Aufruhrs auf d a s V o 1 k s ch i e ß e n müßten. Ter Minister des Innern de Trooz verliest eine Protesterklärung des betreffenden Generals, in der er in Ahrede stellt, die ihm zugeschriebenen Aeußerungen gethau


