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Nr. 154
Erstes Blatt.
151. Jahrgang.
Donnerstag 4. Juli 1901
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GietzenerAnzeiger
** General-Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Anzeiger Gießen.
Fernsprechanschluß Nr. H»,
Amtlicher Feil.
Bekanntmachung.
Betreffend: Maul- und Klauenseuche.
Wegen Ausbruchs der Seuche zu Grebenau Kreis Alsfeld ist Gehöftsperre angeordnet worden.
Gießen, den 1. Juli 1901.
Großher^ogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Betr.: Schweineseuche zu Oppenrod.
In einem Gehöft zu Oppenrod ist die Schweineseuche aufgetreten. Die Sperre des Gehöfts ist angeordnet worden.
Gießen, den 2. Juli 1901.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
~ Gießen, den 1. Juli 1901.
Betr.: Die Herrichtung von Schullokalitäten während den Ernteferien.
$s8 Großherzogliche Kreisamt Gießen
au die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß wir die pünktliche Erfüllung der Vorschriften in rubr. Betr. von Ihnen erwarten. Der Anstrich der Wände in den Schulzimmern muß mindestens alle zwei Jahre erneuert werden und muß hierzu Leimfarbe verwendet werden, die nach dem Trocknen nicht abfällt oder stäubt. (Ausschreiben Gr. M. d. I u. d. I. A. f. Sch. A. vom 29. Juli 1876.)
v. Bechtold.
Gießen, den 1. Juli 1901.
Betr.: Zurückstellung unabkömmlicher Beamten, hier von Lehrern und Schulverwaltern im Falle einer Mobilmachung.
Die Großh.Kreisschulkommisfion Gießen
au die Schulvorstände des Kreises.
Sie wollen die Lehrer oder Schulverwalter einklassiger Schulen, welche militärpflichtig sind, darauf aufmerksam machen, daß Gesuche um Zurückstellung im Falle einer Mobilmachung innerhalb acht Tagen bei uns einzuteichen sind. Später einlaufende Gesuche können nicht berücksichtigt werden.
In den Gesuchen ist anzugeben:
1. Zivilfiellung,
2. Vor- und Zunamen,
3. Militärcharge und Truppengattung,
4. Genaue Angabe des Truppenteils, Regiment, Kompagnie rc., bei welchem der Eintritt erfolgt ist, und Datum des letzteren,
5. Bezirk des Landwehrbataillous.
Bei Lehrern oder Schuloerwaltern, welche bereits früher bei uns reklamiert haben, bedarf es der Angaben 1—5 nicht, es genügt hier einfache Meldung.
Abwesende Lehrer oder Schulverwalter, die als alleinstehende Lehrer zur Reklamation berechtigt sind, wollen Sie sofort benachrichtigen.
v. Bechtold.
Eine lehrreiche Arbciterftatistik.
II. (Vgl. Nr. 154.)
Ter andere Teil der Arbeiterstatistik der „deutschen Gewerkvereine" baut sich auf auf den „Freiwilligen Angaben", Angaben aller Art über Lohnsätze, Arbeiter-Budgets, Lebensmittelpreise, Strafen, Arbeitsordnungen, Arbeiterausschüsse u. s. w. Hier kommt neben ganz objektiven Angaben auch! das subjektive Empfinden zu starker Geltung. Für den Sozialpolitiker sind diese Ängsten trotzdem äußerst wertvoll, denn es kommt, wie Heinz Krieger in der „T. R." weiter ausführt, wirklich nicht allein auf die Tatsachen an, sondern auch! auf den Eindruck, den sie dem Einzelnen hinterlassen. Dabei ist ein sehr bemerkenswerter Unterschied zwischen den Angaben der Gewerbeaufsichts- beamten uno der Arbeiter erkenntlich- nach den ersten war das Jahr 1900 noch recht arbeits-- und lohnreich, nach den letzten tritt die Krisis bereits in vollster Schärfe auf und übt einen starken Einfluß auf die Gefamtlage der Arbeiterschaft. So wird aus Kaiserslautern berichtet, daß der Ar- beiterftand einer Nähmaschinenfabrik von 1050 auf 300 Mann reduziert und die Arbeitszeit von 60 auf 50 Stunden die Woche herabgesetzt, daß in zwei Betrieben die Arbeit ganz eingestellt wurde, daß die Kammgarnspinnerei nur noch! 50 Stunden, in manchen Abteilungen gar 30 Stunden arbeitet, daß die noch! gut gehenden Fabriken von Arbeitsuchenden überlaufen werden, „was großen Einfluß zur Reduzierung des Lohnes hat". Tie Reduzierung selbst wird nicht erwähnt, ist also nicht eingetreten, und die noch gut gehenden Fabriken zeigen, daß die Gewerbeaufsichtsbeamten mit ihrer Auffassung auch' auf realem Boden stehen.
Sehr bedauerlich! ist vor allem dort, wo die Konjunktur abfällt, die Steigerung der Lebensmittelpreise und die Wohnungsnot. In Aschersleben mußten ganze Familien in einer alten Zuckerfabrik und in dem alten Husarenpferdestall, in Kiel bis tief in den Herbst hinein in Bretterwohnungen untergebracht werden. Schlimm auch sah es aus in Elberfeld, Berlin, Chemnitz, Düsseldorf, Giebichen- stein u. s. w. Tab ei stehen die Steuern Hoches kommen Kommunalsteuern bis zu 285 v. H. der Staatseinkommensteuer vor. In solchen Gemeinden sollte dann wenigstens Vorsorge getroffen sein, daß das Wohnungselend nicht den letzten sittlichen Halt zerstört, der den Arbeiter an die Gesellschaft fesselt.
Tas Familienleben leidet ohnehin genug unter der Mitarbeit der Frauen in den Fabriken. Hat die Statistik Recht, so nimmt diese Mitarbeit unter dem Zwange der Verhältnisse fortwährend zu. Und nicht allein die Mitarbeit in der Fabrik, ganz ungeeignete Arbeit wird von Frauen aufgesuchit. Diese Zustände werden sehr drastisch in verschiedenen Berichten geschildert. So wird aus Sorau geschrieben: „Tie Löhne in der Textilindustrie sind für männliche Arbeiter dermaßen niedrig, daß die Frau gezwungen ist- mit in die Fabrik zu gehen und die Kinder in den meisten Fällen sich selbst zu überlassen; da bleibt die Wirtschaft zurück und zum Kochen von Mittagessen bleibt keine Zett, denn beide Teile kommen erst um 12 Uhr nach' Hause. Entweder giebt es Leinöl und Kartoffeln oder sie beziehen das Essen aus der Speisewirtschaft." Noch! schlimmer ist ein Bild aus München: „Sehr viele Frauen
sind beim Bau der Häuser als Mörtelträgerinnen, andere beim Waschen und Putzen, sowie als sogenannte Ausgeherinnen beschäftigt, auch findet man viele Frauen als Aushilfskellnerinnen. Ueberhaupt sind hier viele Frauen außer dem Hause beschäftigt, was im Interesse des Familienlebens und hauptsächliche betreffs der Kindererziehung tief zu beklagen ist. Tie verheiratete Frau als Kellnerin und als Mörtelträgerin ist ein geradezu abschreckendes Bild. Leider sieht man dasselbe nicht allein in München, sondern auch a nderwärts im Tonischen Reichs.
Tas Kapitel Strafgelder ist auch ganz lehrreich. Im allgemeinen geben die Arbeiter zu, daß kleine Geldstrafen zur Aufrechterhaltung der Ordnung notwendig sind. Aber wenn Strafen erhoben werden, die die Hälfte des Tagelohnes und mehr ausmachen, so ist das ganz ungehörig. Namentlich dann, wenn die Verwendung der Gelder für andere Zwecke, als zur Unterstützung der Arbeiter erfolgt. Leider ist diese Praxis nicht selten. So fragt die Arbeiterschaft einer Fabrik in Frankfurt a. O.: „Wo bleiben die Strafgelder?" Aus Tüsseldorf wird geschrieben: „Die Verwendung der Strafgelder bleibt fast überall ein dunkles Geheimnis." Man beachte wohl, daß diese Bemerkung aus Tüsseldorf, dem industriell am weitesten entwickelten Kreise des Reiches kommt. Wie wird es danach erst in rückständigen Gegenden aussehen?
Tie vom Arbeiterschutzgesetz angeregten Arbeitsordnungen und Arbeiterausschüsse sind, soweit damit Organe zur Stütze der Gleichberechtigung der Arbeiter geschaffen werden sollten, nahezu vollständig auf dem Papier stehen geblieben. Allerdings haben sich die Arbeiterausschüsse in Elberfeld, Brandenburg, Leipzig und Nowawes bewährt, auch vereinzelt sonst, in der Mehrzahl von Orten, aus denen Berichte vorliegen, existieren sie überhaupt nicht oder nur dem Namen nach. Leider haben die Arbeiter selber kein rechtes Verständnis für die Sache. So sagt der Hamburger Bericht: „Arbeiterausschüsse werden sehr wenig gehört und ist wegen gelegentlicher Maßregelung sehr wenig Stimmung für dieselben." Aus Mannheim wird geschrieben: „Die ArbeiterausschußeMitglieder haben eine sehr schwierige Stellung, da bei jJjtejU Eintreten für ihre Kollegen ihre wirtschaftliche gefährdet wird." Tas erklärt den
Mangel an Verständnis sehr wohl. Wenn jemand den Mund austhut, wird er gemaßregelt. Ta hält er natürlich den Mund und kümmert sich' nicht mehr um den Ausschuß.
Erfreuliche sind diese Thatsachen keineswegs. Mag auch die Subjektivität der Urteile groß sein, so viel ist sicher, von der sozialen Gerechtigkeit, die das Arbeitsverhältnis als den Vertrag zweier gleich berechtigter Paciscenten angesehen wissen will, sind wir noch weit entfernt.
Politische Tagesschau.
In der Zeitschrift „Das Recht" weist Landrichter Dr. Winter auf eine vom sittlichen vnd sozialen Standpunkte sehr wichtige Unklarheit des Bürgerlichen Gesetzbuches hin. Es handelt sich nämlich um die Unterstützung von in Armut geratenen Eltern durch ihre alimeutatiouspflichtigen Kinder nach Paragraph 1606 B. G.-B. Nach diesem Paragraphen sollen gleich nahe Abkömmlinge nach dem Verhältnisse ihrer Erbteile für die Unterstützung ihrer bedürftig gewordenen Eltern eintreten. Der Verfasser setzt nun folgenden Fall: Ein Witwer hat seine drei Söhne zwecks Erlangung der wirtschaftlichen Selbständigkeit reichlich unterstützt und ist Jahre darauf in
Die Darmstädter Künstkerkolonie.
(Origiualbericht des „Gieß. Anz.")
Nachdruck verboten.
X.
' (Schluß.)
Wenn doch jeder, der öffentlich! zu urteilen bestimmt ist, sich', ehe er zu urteilen anfängt, ganz vertraut mit dem machte, was hier geboten ift Er würde zu wesentliche änderen Resultaten kommen, als es bisher der Fall war. Auf die Tauer wird sich! kaum jemand dem.Zauber eben jener Poesie entziehen tonnen, die in manchen Räumen der Künstlerhäuser webt und waltet, selbst wenn sich! der oder jener an geeigneter Stelle einen Polsterstuhl mehr wünschte als er vorsinden mag. Und kaum jemand wird sich ernstlich denken können, daß das Haus Behrens das einzige sei, in dem es sich! bequem leben läßt, oder daß H u b e r der Mann der Zukunft sei, mit diesem wahllosen Wüten in Holzverkleidungen. Wo ist die Poesie geblieben in dem Haus, das Huber eingerichtet hat? Man muß immer wieder fragen: gab es denn im weiten großen deutschen Reich! niemand anderen, der ideenreich da hätte sich bethätigen können? Irgend jemanden, der die Alten so versteht, daß er sich, in seinen Kunstformen von ihnen befreit, anstatt sich aus lauter Unselbständigkeit an sie anzuklammern? Man setze sich, einmal für längere Zeit in das Hubersche Arbeitszimmer im Haus Glückert, und man wird sich' gar bald fragen, ob es wohl thut, wenn eine schwere Holzdecke braun und dunkel auf unserem im Getriebe des modernen Lebens so stark in Anspruch! genommenen Haupt und Hirn lastet. Wir sind halt keine alten Ritter mehr, wir sind moderne Menschen, die denken, viel denken und erfinden, müssen wir das nun immer draußen thun in unseren Geschäftshäusern, und nicht auch
einmal zu Haus in anregender Umgebung? In einem Milieu, das uns innerlich, befteit und in seinem ganzen Timbre auf die Zukunft hinweist, statt in Vergangenheiten zurückz üblicken?
Man kommt wirklich mit großen Erwartungen nach! der Mathildenhöhe, betritt wohl meist ohne voreingenommen zu sein die Häuser, und gelangt gar bald zu dem richtigen Urteil. Und wie dies Publikum das Ernst Ludwigshaus ungleich' besser versteht, als der „Kritiker" Fritz Stahl vom Berliner Tageblatt, so versteht es auch' genau zu unterscheiden, wo ihm innen in den Häusern etwas Neues gesagt wird, und wo es alten Kohl aufgewärmt findet. Welche Mutter wird z. B. ernsthaft zugeben, daß ihr Heranwachsender Junge in eine Kabine gesperrt werden soll, wie die, welche im Haus Behrens euphemistisch Knabenzimmer genannt wird; in diese heiße Kammer mit dem eckigen Pfosten vor dem Bett, mit dem namenlos vielen eckigen, kantigen Holz? Tann sucht man im ganzen Hause nach! einem Raum, wo der Knabe seine freien Stunden verbringen kann, wo er Schularbeiten macht, wo er sich' ungezwungen jugendlich! benehmen kann? In der eckigen Holzschachtel den ganzen Tag zu hocken, wird ihm doch niemand zumuten.
Oder das Kinderzimmer im Christiansenhaus! Zeigt das mit seinem großen Glasschrank, den die Kinder beim Umhertollen dutzendfach zertrümmern, nur das mindeste Verständnis für die Bedürfnisse von Kindern? Schlechte Malerei an Zimmerwänden haben wir nun wirklich lange genug genossen — warum bietet uns nicht einmal einer gute? Noch dazu ein Maler? Wenn einer ein Atelier voll Gehilfen hat, und diese Hilfskräfte bringen nichts besseres als solche Schmiererei zu stände, wie z. B. an den Wänden der Loggia über dem Erker, dann wird man verstimmt.
Welchen Nutzen sollen nun die vielen Gewerbe haben von dieser Künstler-Thätigkeit, die doch so tief in sie eingreift? Sollen die Handwerker nochmals in den Taumel des , „Jugendstils" hineingerissen werden, wie ihn hiev Christiansen predigt; sollen sie immer wieder einen Eßtisch nach alter Schablone zu bauen, und „altdeutschies" Ornament für getäfelte Speisezimmerdecken zu gießen und zu schneiden? Nein, viel Gutes, viel Anregendes lernen die Handwerker nicht überall hier erkennen.
Es ist so viel die Rede gewesen von einer neuen Kultur, die über Tarmstadt aufgehen soll — ganz schön. Aber da mußten die Kulturbringer erst selbst auf einer für zeitgenössische Verhältnisse bemerkenswert hohen Kulturstufe stehen, nicht um diese Kultur den Mitmenschen zu geben, sondern durch diese Kultur anregend, weckend, veredelnd, erweiternd auf die anderen einzuwirken. Kultur ist fein Zweck, sondern nur Mittel zum Zweck. Einen Beweis zu geben von der Höhe der Kultur jedes beteiligten Individuums nicht nur als Künstler, sondern auch als Mensch — das war der Zweck dieser Veranstaltung hier auf der Mathildenhöhe, und dieser Zweck wird, wenn er sich erfüllt, ohne weiteres zum Mittel, anregend zu wirken. Es bleibt also dabei, daß nur Anregungen daraus geschöpft werden mögen, dazu bietet es das Mittel. Mer es bietet das Mittel nur, wo man ohne weiteres fühlt, daß Mensch und Künstler in einer Person Poet ist, Tichter, der köstliche Tinge zu sagen weist Jedoch solange Jugendstil und Bierrenaissance brüderlich vereint dem Publikum vor -den Augen und vor dem Empfinden umherturkeln, da fehlts im eigenen Herzen und Hause am Vermögen, Kulturaufgaben zu lösen. Tie Folgezeit wird zeigen, wer hier „nach der Tiefe" geschafft hat.
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