Ausgabe 
4.1.1901 Zweites Blatt
 
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Nr 3 Zweites Blatt. Freitag den 4. Januar 131. Jahrgang 1SV1

Hrscheint lägNch mit LuSnahmr W

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Amtlicher Heil.

Gießen, den 21. Dezember 1900. Betreffend. Die Bekämpfung -er Tuberkulose als VolkL- krankheit.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Gr. Bürgermeistereien des KreiseS.

Die Tuberkulose, insbesondere in ihrer am häufigsten vorkommenden Form als Lungenschwindsucht, ist, wie sich zahlenmäßig leicht nachweisen läßt, die verderblichste aller Volkskrankheiten. Nachdem der Erreger der Krankheit ent­deckt, und nachdem weiter bekannt geworden ist, auf welchen Wegen derselbe in den menschlichen Körper eindringt, er­scheint auch die Aussicht, den Kampf mit der Krankheit erfolgreich aufzunehmen, bedeutend in > die Nähe gerückt. Die wichtigste Voraussetzung für ein nutzenversprechendes Vor­gehen ist nur dann als erfüllt anzusehen, wenn weite Kreise der Bevölkerung in zweckentsprechender Weise über die Bedeutung der Tuberkulose als Volkskrankheit, über die Art und Weise ihrer Entstehung, über die Uebertragbar- keit derselben, sowie über die zweckmäßigsten Schutzmittel gegen die weitverbreitete Ansteckungsgefahr durch allgemein verständliche Belehrungen aufgeklärt werden. Um Ihnen die Wege anzudeuten, auf welche Weise auch von Ihrer Seite eine Mitwirkung eintreten könnte, machen wir Sie darau aufmerksam, daß im Kaiserlichen Gesundheitsamte das nach­stehend abgedruckte Tuberkulose-Merkblatt ausgearbeitet worden ist, welches in knapper Form Belehrungen über das Wesen, über die Ansteckungsgefahr und ihre Abwehr sowie Ratschläge für gefährdete und bereits erkrankte Menschen erteilt.

Wir haben den Wunsch, daß Sie Veranlassung nehmen möchten, das Merkblatt in den in Ihrem Dienstbezirk befindlichen öffentlichen Anstalten, in Fabriken und Werk­stätten, in Kranken-, Genesungs- und Armenhäusern, in Wirtschaften und Herbergen, sowie anderen Ihnen geeignet scheinenden Orten zur Verbreitung zu bringen.

Die notwendigen Exemplare können von der Verlags­buchhandlung von Julius Springer, Berlin N., zum Preise von 3 Mk. für 100 Stück bezogen werden. Ein Exemplar werden wir Ihnen demnächst zugehen lassen:

v. Bechtold.

Huöerkukose-Werkbkatt.

Bearbeitet im Kaiserlichen «esuvdheitSamte.

A. Was ist die Tuberkulose?

Die Tuberkulose ist die verderblichste aller übertragbaren Krankheiten. Sie befällt die verschiedensten Teile des Körpers, «eist aber die Lunge»; sie verschont kein Land, kein Lebens­alter, keinen Beruf, keine Volksklasse. In Deutschland sterben daran jährlich über 100000 Menschen, die Zahl der Kranken wird auf das zehnfache geschätzt. Zeder dritte, im Alter von 15 bis 60 Zähren sterbende Mensch erliegt der Tuberkulose.

Die Tuberkulose wird verursacht durch den von Robert Koch entdeckten Tuberkelbazillus, ein winziges, nur bei sehr starker Vergrößerung sichtbares Lebewesen niederster Art, welche« am besten bei Blutwärme (etwa 37 Grad Celsius' gedeiht und sich im Innern des Körpers vermehrt. In die Außenwelt gelangt er hauptsächlich mit dem Auswurf kranker Menschen und mit der Milch kranker Tiere.

Zeder Mensch ist der Gefahr ausgesetzt, den Keim der Tuber­kulose in sich aufzunehmen, und mancher beherbergt ihn seit langer Zeit, ohne es zu wissen.') Jedermann muß sich daher auf den Kampf mit diesem Feinde einrichten.

Der Tuberkelbazillus wird am sichersten vernichtet durch hohe Hitzegrade bei Anwesenheit von Feuchtigkeit, also durch Lochen oder durch strömenden Wasserdampf. Dem Sonnen­lichte widersteht er nicht lange. Andere Desinfektionsmittel, z. B. Kresolwasser, Karbolsäurelösung, Formaldehyd, bedürfen zu wirksamer und gefahrloser Anwendung besonderer Vor- keuntnisse.

B. Wie erfolgt die Ansteckung?

Angeborene Tuberkulose ist selten.

Tuberkelbazillen werden ausgenommen:

1. durch Einatmen mit der Luft: entweder von eingetrocknetem Auswurf Schwindsüchtiger im Staub, aufgewirbelt durch Wind, Luftzug, Ausfegen, oder verschleppt an Schuh solen oder Kleidern; oder von winzigen feuchten Tröpfchen, welche Kranke bei« Husten oder Sprechen in ihrer Um­gebung verbreiten;

2. mit der Nahrung: in erster Linie durch ungekochte Milch, bei ungenügender Fleischschau auch durch Fleisch tuber-

*) Ein Viertel der Leichen von Personen, die an anderen Krankheiten gestorben find, zeigt im Innern Spuren überstandener Tuberkulose.

kulöser Tiere, welches in-den Verkehr gelaffeu und vor dem Genuß nicht durchgekocht wurde;

8. durch verletzte oder erkrankte Stellen der Schleimhäute oder der äußeren Haut,

insbesondere durch Vermittlung von «ureiue« Händen: z. B. beim Kriechen der Kinder auf dem Fußboden, Anfassen beschmutzter Gegenstände (Kleider, Taschen tücher u. dgl.) und darauf folgender Einführung der Finger in den Mund (Fingerlutschen, Nägelkauen, Fingerlecken beim Umblättern), beim Bohren in der Nase und ähnlichen Untugenden;

ferner durch Vermittelung von unreinen Geräten: z. B. in den Mund nehmen von gebrauchtem fremdem Spiel zeug, Trinkgläsern, Eßgeräten, Blasinstrumenten;

endlich durch unbeachtete kleine Wunden, Kratzflecke, Hautausschlag (Grind).

Die Folge der Aufnahme von Tuberkelbazillen ist bei Kindern meist zunächst eine Erkrankung der Drüsen (z. B. des Halses und des Unterleibs) und im Anschluß daran der Lungen, der Knochen und Gelenke (Knochenskrofeln, tuber kulöse Buckel, freiwilliges Hinken), der Hirnhaut usw. Bei Erwachsenen überwiegt die Ansteckung durch Einatmung und führt zu Tuberkulose der Lungen, seltener des Kehlkopfes (Schwindsucht). Durch Aufnahme der Tuberkelbazillen in die Haut entsteht oft Hauttuberkulose (z. B. Lupus, fressende Flechte).

Meist verläuft die Tuberkulose langsam (chronisch); Ausnahme: galoppierende Schwindsucht.

C. Wir schützt man sich vor Tuberkulose?

Bei keiner Volkskraukheit hat der Mensch, auch der Schwächste und Aermste, es so in der Hand, sich selbst zu helfen, wie be der Tuberkulose, wenn er nur Einsicht mit Selbstbeherrschung verbindet.

I. Maßregeln gegen den Erreger der Tuberkulose.

I. Zeder, Gesunder wie Kranker, sorge für gefahrlose Be- seitigung des Auswurfs, weil keinem Auswurf angesehen wer den kann, ob er tuberkulös ist oder nicht. Also nicht aus­spucken auf den Boden geschloffener Räume (einschließlich Straßen- und Eisenbahnwagen) oder verkehrsreicher Wege! Aufstelleu von Spuckuäpfen mit feuchter, in kurzen Zeiträumen unschädlich (am besten durch Auskochen) zu beseitigender Füllung! Beim Husten ist die Hand vor den Mund zu halten! Andernfalls wende der Nachbar sich ab! Kleidungsstücke sind stets sauber zu halten, Kleiderschleppen nicht zu dulden! Kleider, Betten, Wäsche von Tuberkulösen dürfen erst nach gründlicher Des insektion von andern in Gebrauch genommen werden. Trockenes Fegen werde durch nasses Aufnehmen, nötigenfalls durch Scheuern mit heißer Soda oder heißer Schmierseifenlösung ersetzt. Jede Staubentwicklung in der Wohnung der ArbeitS stätte uno auf der Straße ist auf das geringste mögliche Maß zu beschränken. Meide Wirtschaften in denen auf den Boden gespuckt wird!

2. Peinlichste Sauberkeit herrsche bei der Zubereitung und Aufbewahrung (Schutz gegen Fliegen), sowie beim Genuß der Speisen, namentlich solcher, welche Roh genossen werden: Milch und Fleisch find vor dem Genuß gründlich zu kochen; die gekochte Milch ist geschützt und möglichst kühl auszubewahren

3. Die Hände einschließlich der Nägel, die Zähne nebst der Mundhöhle find häufig und gründlich zu säubern! Das Ein- ühreu von Fingern in Mund oder Nase, sowie das Kratzen im Geficht find zu uuterlaffen! Jede Wunde ist gegen Verun­reinigung durch geeignete Verbände zu schützen.

4 Hinsichtlich der Tiertuberkulose sei nur angedeutet, daß sie bet Rindern meist als Lungen-, bet Schweinen meist als Halsdrüsen­oder Darmtuberkuloie auftritt, bet jenen also durch Einatmung, bei diesen durch das Futter, namentlich durch Centrifugenschlamm der Molkereien und nicht abgekochte Magermilch ausgenommen wird. Ge­eignete Tilgungsmtttel sind: allmähltge Ausmerzung der tuberkulösen R nder, vor allen der mit stchtbaren Zeichen der Krankheit (tuberkulöse Euterknoten, Husten mit Abmagerung und rauhem Haar u. dgl.) be­hafteten, bet Kindermilchwirtschaften und für die Zucht aber auch aller onst aus Tuberkuleinsvritzung fiebernden Tiere: Trennung der Kälber von den tuberku ösen Müttern; reichliche Bewegung der Kälber und oeS Jungviehs, möglichst auch der älteren Tiere in freier Luft; Ver­wendung mit gekochter Milch und Molkereirückstände zur Fütterung der Schweine'); Ausschließung tuberkulöser Personen, namentlich olcher mit AuSwurf, von der Viehwartung; Reinhaltung der Ställe.

II. Maßregeln zur Kräftigung des Körpers.

Niemals wird es gelingen, alle Tuberkelbazillen abzutoten; deshalb ist es unerläßlich, den Körper so zn kräftigen und ab zuhärten, daß der eindringende Keim ihn nicht krank machen ann. Die Hauptmittel2) sind:

Viele große Molkereien erhitzen bereits die gesamte Vollmllch vor der Verarbeitung so, baß jede Gefahr beseitigt wird.

) Näheres imGesundh itsbüchlein". Bearbeitet im Kats. Ge- sundheitsamte. 8. Abdruck. Berlin, Jul. Springer 1899. Preis 1 M.

Einfache und kräftige Nahrung, die bei richtiger Auswahl nicht teuer zu sein braucht. Leckereien und berauschende Getränke sind zu meiden;

eine dem Zutritte von Luft und Licht zugangige Wohnung; lieber vor der Stadt als inmitten derselben; das beste Zimmer zur Schlafstnbe gewählt:

haltbare, einfache Kleidung aus nicht zu dicht gewebten Stoffen, weder zu warm noch zu kühl, bet ruhigem Körper oder bei sitzender Thätigkeit wärmer als bei Bewegung; Unterlassung von Modethorheiten, welche die freie Bewegung deS Körpers beeinträchtigen, z. B. Korsett und Leibriemen.

Erst nach Bestreitung dieser unumgänglich notwendigen Sachen darf an andere Ausgaben gedacht werden.

Bei der ganzen Lebenshaltung stehe Reinlichkeit und Ordnung voran! Wasche täglich den ganzen Körper mit mäßig kaltem Waffer oder reibe rhn schnell mit einem rauhen feuchten Tuche ab, bade in reinem Fluß- oder Seewasser, oder nimm ein Brausebad (unter Schonung des Kopfes), halte Haare und Bart, Zähne und Mund, sowie Nägel sauber! Atme unter Schließung des Mundes durch die Nase; diese ist das »atürliche Filter für Unreinigkeiten und Schädlichkeiten. Ist die Nasen­atmung dauernd erschwert, so lasse Dich durch den Arzt untersuchen: das Hindernis ist oft leicht zu beseitigen.

Deine Arbeit verrichte ganz und mit voller Kraft; fie giebt wieder Kraft; suche fie aber, soweit es mit ihrem Zwecke ver­einbar ist, der Gesundheit entsprechend auszuführen. Benutze Gebotene Schutzvorrichtungen! Meide gebückte Stellung bei Geistesarbeit! Bist Du Arbeitgeber, so sei darauf bedacht, Schädlichkeiten zu beseitigen oder doch thuntchst einzuschränken (Staub, Rauch usw.)! Ärbeits- und Ruhezeit sollen im rich­tigen Verhältnis stehen!

Die arbeitsfreie Zelt wende an zur Kräftigung der Körper­teile, welche bei der Arbeit selbst weniger Gelegenheit hatten sich zu üben! Bewege Dich außerhalb der bewohnten Orte! Mache in freier Luft oft langsame tiefe Atemzüge mit in die Seiten gestemmten Händen! Gewöhne Dich auch an ungünstige Witterung im Freien! Wechsele durchnäßte Kleider nnd Schuhe! Turnerische Hebungen namentlich Freiübungen, den Körperverhältnissen angepaßt, je nach den Mitteln unterstützt durch Fußmärsche, Ballspiele, mäßiges Radfahren, Rudern, Schwimmen und dergl. sind die besten Bundesgenossen im Kampfe gegen die Tuberkulose.

Suche rechtzeitig das Bett auf! Meide Ausschweifungen jeder Art! Sie zerstören in Kurzem, was in Langem errungen wurde. So wenig ein Glas nicht zu kühles Bier, eine Taffe nicht zu starker Kaffee oder Thee, eine Cigarre zur rechten Zeit genossen dem normalen erwachsenen Körper schadet, fo sehr schadet jedes Zuviel.

Meide endlich Verkehr mit Personen, die an ansteckenden Krankheiten leiden; wenn Pflicht oder Beruf solchen Verkehr fordern, so laffe die geforderten Vorsichtsmaßregeln nicht aus dem Auge! Beziehst du eine Wohnung, in welcher vorher ein Tuberkulöser gelebt hat, so lasse sie zuvor desinfizieren! D. Ratschläge für besonders gefährdete Personen.

Zedermann sollte sich der vorstehenden Gesundheitsregeln befleißigen, gyez besonders aber alle diejenigen, welche aus irgend einem Grunde die Tuberkulose mehr als andere zu fürchten haben: schwächliche Personen, sowie solche mit langem und chmalem Körperbau bei flachem Brustkasten, namentlich wenn fie von tuberkulösen Eltern abftammen; ferner solche, welche Grund zu der Annahme haben, daß sie durch Verkehr mit chwindsüchtigen Menschen (Verwandten, Pflegern, Arbeits­oder Spielgenoffen) oder infolge eigener Erkrankung an Skrofulose oder bergt in der Kindheit den Keim der Tuberku- !ose bereits aufgenommen hatten; nicht minder solche, welche der Berus gefährdet (Stuben-, Staubarbeiter und bergt); endlich die von schweren Krankheiten Genesenden, sowie all­gemein diejenigen, welche an Lungen- o er chronischen Hals- rankheiten, Keuchhusten, Masern, Influenza, Zuckerkrankheit, Bleichsucht gelitten haben ober leiden, oder zu starken Blut­verlusten irgend welcher Art (Nasenbluten und dgl.) neigen.

Wer einen wenig widerstandsfähigen Körper hat, nehme »arauf bei der Wahl des Berufs Rücksicht: ein Beruf, der in )ie freie Luft führt und die Körperkräste durch Hebung stählt, 1 bester als eine an das Zimmer fesselnde Thätigkeit. Menschen mit empfindlichen Atmungsorganen haben nicht nur Staub (also auch staubreiche Berufsthätigkeit), sondern auch Rauch (Tabaksdunst eingeschlosten) und kalte, rauhe Winde zu meiden oder sich dabei entsprechend zu schützen; Sprechen n kalter Lust oder beim Gehen sollten sie Unterlasten und ich vor Erkältungen und übermäßiger Körperanstrengung lüten.

Nicht minder wichtig ist die sinngemäße Durchführung der allgemeinen Schutzmaßnahmen überall da, wo durch Beruf oder sonst Menschen in großer Zahl sich regelmäßig zu-