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03/11/1901 Erstes Blatt
 
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Nr. 259

Erstes Blatt.

151. Jahrgang.

Sonntag 3. November 1901

Erscheint täglich mit Ausnahme des

Montag.

Die Eichener ZamUien- olatter werdendem An- zeiger im Wechsel mit dem ^Hefs. Landwirt' ,und den Klägern für hessische Voll-kunde' vrermal wöcherrlich bö­ge legt

Redaktion, Eiveditio« und Druclsrei:

Schulstratze 7.

Adresse für Dpeschen: Anzeiger Gießen.

Fernsprechanschl-z Nr. 51.

GietzenerAnieiger

General-Anzeiger w

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Annahme von Anzeige« zu der sür den folgenoero ^Lag erscheinenden Nr. bis vormittags 10 UFjrJ Alle Anzeigen-Vermitt-' llingsstellcn des Jn-unm Auslandes nehmen An-i zeigen entgegen.

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Rotationsdruck u. Ver­lag der Brüh l'schen Universitäts - Druckerei (Pietsch Erben).

Verantwortlich sür bett allgemeinen Teil: P. Witt ko; für den An­zeigenteil: Hans Beck.

KabüLbau und ßigarreudetailyandel.

Man schreibt uns von geschätzter Seite aus Kreisen der Gießener Industrie:

Besonder; stiefmütterlichen Schutzes seitens der Reichs­regierung erfreut sich neben den vielen so oft genannten landttrirtschastichen Produkten zweifellos auch der Tabak, der nur mit der, so mäßigen Zollsatz von 85 Pfg. per Kilo belastet ist. ? es sich deshalb auch bei der Frage einer eben hielten Zolterhöbung um die vitalsten Interessen der Tabakpflanzei handelt, und daß es wohlbegründete und äußerst maßwlle Wünsche sind, wenn man statt 85 Pfg. nun 125 Pfg. per Kilo, nebenbei gesagt für die meisten Aus­landstabake a 2300 Prv^. des Wertes, als künftigen Zoll­satz ersehnt, virb niemand zu bestreiten wageu. Während die Regierung die Tabak- und Zigarrenfabrikatton in der .zärtlichsten Weise verhätschelt, vergißt sie ganz die 100 000 ja hundervausend sind es kleinen Pflanzer, die sich fett zwei Jahrzehnten in der traurigsten Lage befinden; es ist also dir grwße Zollerhöhung des Jahres 1879 voll­ständig ungemgend gewesen. Wahrlich, es thut not, daß sich die Regierungen ihrer Pflichten erinnern! Einen Zvll- schutz, der die Tabakbauern in die traurigste Lage bringt, hält man für ausreichend! Ist es ferner nicht unerhört, daß man die Zigarrendetailverkäufer einen Gewinn von 40 Prvz. die Feder sträubt sich fast beim Niederschreiben solcher Verdiene berechnet von verständnisvollster, besb- o-rienttertester Seite, der von dem Geh. Reg.-Rat Haas herausgegebeim Korrespondenz der deutschen Tabakbau- Kommission, tinheimsen läßt, während der Tabakpflanzer sich kaum das tägliche Brot zu erringen weiß? Also gebt es freiwillig fcr, ihr Detaillisten, oder ihr müßt statt der euch durch die Zvllerhöhung von 85 auf 125 Pfg. per Kilo zufaflenden Bche von 5 Proz. mehr ist es sicher nicht und ihr behaüet dann immer noch 35 Proz. noch das Mehrfache ar Sondergebühren, die wir beantragen und durchsetzen werden, entrichten. 125 Mk. für 100 Kg. und ab unb zu eine kleine Aufbesserung, das müssen wir, soll der Tabakbau nur den Bodenzins aufbringen, wirklich haben, denn von 22 M Hektaren Anbaufläche im Jahre 1896 ist dieselbe auf 14000 in 1900 zurückgegangen. Daß die Tabak­preise in gleicher Waffe gefallen sind, setze ich als bekannt ooraus; eine kleine Ausnahme, und die soll es bei brauch­barer Ernte ttch ab und zu geben, wacht nur das Jahr 1900, das bei genauester Kalkulation vielleicht eine kleine Bohenverzinfmg von Gewinn wie z. B. bei den 'Detaillisten ist gar nicht zu reden stellenweise er­übrigen wird; stellenweise sage ist, denn ich kann kaum glauben, daß der Kleinbauer Freiherr v. H. 1900 etwas verdient hat, imr seine Freude am Tabak und an der Verminderung seiner finanziellen Verhältnisse läßt ihn seine Anpflarvmgen in beträchtlicher Weise vergrößern. Sollte die fttmzielte Frage allein nicht zweckmäßiger 'bei 3 Prozent deutscher Reichsanleihe gelöst werden können? Höchste Zeit ist es also, daß die Reichsregierung sich der ftei von jeglichn Sonderinteressen, nur lieber festen als 'flüssigen GegeuMden zugewendeten bayerischen Fürsorge die sich in Zeiten bedenklicher Reichsfinanzlage prompt «einzustellen pflegt fernerhin nicht mehr verschließt, und >zur Erfüllung der so durchaus begründeten und mehr wie 'maßvollen Wünsche der Tabakpflanzer übergeht. Manch herrliches Stückckw Land, mau denke nur an die vielen [in hiesiger Gegend liegenden, ihres besonders geeigneten fruchtbaren Bodens wegen jetzt leider vielfach zu Manöver­übungen benutzten Flächen, könnten dem Militarismus ent­rissen und edlen Tabakbau zugeführt werden. Entspricht ibie Güte solchen Gewächses auch nicht dem Gaumen des 'Gourments, es werden sich doch im Interesse der armen Tabakbauern unsere Großgrundbesitzer bereit finden lassen, 'für Absatz zu sorgen. Also Laudleute, auch in hiesigem Bezirk, baut Tobak, viel Tabak, und wenn er auch nickt zu genießen ist, so schreien wir, und die Regierung wird,

Feuilleton.

Julius Stettenheim.

Julius Stettenheim, der lachende Journalist, der lusttge VaterLippchens", des genialen Kriegsbericht-Er­statters aus Bernau, ist nun auch unter die Siebziger gegangen. Er vurde am 2. November 1831 zu Hamburg geboren und lebt seit langen Jahren in Berlin. Wenn man so sein lmges fünfzigjähriges Schaffen überblickt, so hat er den Weg eigentlich sehr schnell zurückgelegt. Wer da lacht, der lebt schnell. Wenigstens ist seinen eifrigen Lesern die bisherige Zett seines Schaffens, wie im Fluge vergangen. So ein siebzigster Geburtstag eines Humoristen, der ein halbes Jahrhundert hindurch feine Mitmenschen durch seinen prächtigen Humor erfteut hat, muß köstlich sein. Zumal der Humor noch nicht verraucht ist, sondern m-h täglich Drolligkeiten ohne Zahl gebiert. Erst dieser Tage wieder hat er, gewissermaßen als eine Geburtstagsvorgabe für seine lachenden Verehrer, den 15. Band vonWippchens sämtlichen Berichten" erscheinen lassen (Verlag von Hermann Paetel in Berlin, Preis 150 Mk.). Dessen Inhalt der folgende ist:Der Feldzug in China" (Fortsetzung und Schluß).Der Prä­sident Krüger in Paris".Krügers Rundreiselied".Die Alldeutschen" »Die Engländer in Transvaal", des englisch­transvaalscheu Krieges zweiter Teil.Frohe Kunde", Kuplet für ein chinesisches Uebcrbrettl Tie chinesischen Staats- männer" Frau Burengeneral Botha".Ruckblik m die chinesischen Wirren".Hundstägliche Betrachtungen".Kit- cheners Proklamation".Der chinesische Suhneprtnz". Der Band der Wippchen-Bibliothek, die längst als ein Haupt­werk der humoristischen Litteratur anerkannt ist, führt den berühmtesten aller Kriegsberichterstatter hauptsächlich

sie muß helfen, wenn sie nicht den letzten Funken vater­ländischer Gesinnung bei unseren Landwirten vernichten, ihren moralischen Pflichten nachkommen will. Nicht ver­stehen kann man es, warum Herr Geh. Rat Haas in den von ihm ausgestellten Berechnungen die genaueren An­gaben vermissen läßt, wo der Tabakbau eingeschränkt wurde; es sind doch zweifellos die Besitzer outen Bodens mit vorzüglichen Tabakergebnissen, die aus Aerger über das mangelnde Verständnis der Regierung neben den kargen Einnahmen den Tabakbau einstellten, und wenn dann und

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noch anfdiaffen will, verfäume nicht, dies bald zu thun, da unfer Vorrat in Kürze vergriffen fein wird.

£ür hiefige Hbonnenfen erfolgt die ® Abgabe in unterer Sefchäffsftelle; auswärtige Abonnenten belieben den Befrag von IHR. 1,35 eintcfil. Porto der Einfachheit halber gell, vorher einzufenden.

wenn auch einmal ein Stückchen Land dabei gewesen sein sollte, dessen Erzeugnisse mindestens ebenbürtig dem Grün gewisser landwirtschaftlicher Produkte ist, so wird man das auch nicht allzu abfällig beurteilen dürfen. Wie bescheiden die Forderungen der Tabakpflanzer int Laufe der Jahre werden mußten, beweist eine Nachricht imOrtenauer Boten" aus Hesselhorst. Sie lauter:

18. Oktober. Daß die Grundstücke noch immer im Preise steigen, zeigt das Ergebnis einer gestern voll­zogenen Versteigerung. Der Viertelmorgen Ackerland, besserer Lage, kam bis auf 1900 Mark zu stehen. Der Grund hierfür liegt in dem starken Anbau von Tabak und darin, daß die Gemarkung verhältnismäßig klein ist. Heute fand die Verwiegung der letzten Grumpen statt; es wurden pro Zentner 12 Mk. bezahlt."

Also nur 1900 Mark für ein Viertel.Morgen Land! Ist das nicht himmelschreiend? Möge die Regierung einsichts^ voll genug sein und anerkennen, daß es so nicht weiter gehen kann, möge sie bei den glänzenden Verhältnissen aller übrigen Stände, die sie mit Wohlthaten überschüttet, nicht die Tabakpflanzer vergessen!

Aus Stadt und Land.

(Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ist.nur unter genauer Quellenangabe:Gieß. Anz." gestattet.)

Gießen, den 2. November 1901.

** Erledigte Stellen im Bezirk des 18. Armeekorps: Franksiirr a. M., Oberlandesgericht, Kanz­lei-Gehilfe, für die kanzleimäßig geschriebene Seite 10 Pfg. (Jahresverdienst eines gewandten Kanzleigehilfen 1200 bis 1400 Mk.). Fulda, Magistrat, Aufieher im katholischen Heiliggeist-Hospital, Gehalt 750 Mk. bis zum Höchstbetraae von 1590 Mk. Frankfurt a. M., Ober-Postdirektton, Land­briesträger, 700 Mk Gehalt und der gesetzmäßige Wohnungs-» geldzuschuß. Daselbst, 2 Landbriefträger und Postschaffner, Gehalt 900 Mk. jährlich und Wohnungsgeldzuschuß. Ma­gistrat Niederlahnstein, Polizeidiener, Gehalt 1000 Mk. und 50 Mk. Kleidergelo, steigt bis zum Höchstbetrage von 1400 Mark. Magistrat Schlüchtern, Bureaugehilfe, Gehalt 600 Mark oder Remuneration bis etwa 900 Mk. Königl. Amtsgericht Usingen, Kanzleigehilfe, für die Seiten werden je 512 Pfg. bewilligt. Königl. Polizeidirektton Wies­baden, Schutzmann, Gehalt 1200 Mk. steigend bis 1600 Mk. jährlich und Wohuungsgeldzuschuß von 180 Mk.

*' Lehrerbesoldung vor 100 Jahren. Auf die Anfrage der Behörde, wie groß die jährliche Einnahme aus seiner Schul­stelle sei, antwottete im Jahre 1816 der damalige Lehrer in Nackenheim:Die Schulstelle einttagt sehr wenig; der Erttag ist dieser: 20 fl. Schulgeld, 1 Morgen Weingatten, welcher schon sehr alt und abgängig ist. Der schon mehrere Jahre sehr wenig, und dieses Jahr gar nichts eingetragen; wobei ich das meinige zusetzen muß, um denselben in der Ordnung zu erhalten. Dabey sind 6 Morgen Ackerfelt, welche alle zu Ende der Gemarkung liegen, welche mich mehr kosten zu bauen, als dieselben eintragen. 9 Malter Korn, welche von dem zehenden sind gegeben worden, haben mir die Fran­zosen entrissen, welche ich schon 23 Jahre entbahren mußte, ein schöner Bettag für dies Jahr. Die ganze Wohnung und das Schulzimmer ist nicht zum besten, besonders bei anhal­tendem Regenwetter und Kälte ist es beinahe nicht auszu­stehen." Der Lehrer hatte damals 150 Kinder zu unter­richten, 23 Wochen Ernte- und 4 Wochen Herbstfetten.

§* Ein Verzeichnis der Gesellenprüfungs- Ausschüsse im Bezttke der Handelskammer zu Darm-, stadt (Periode 1901/04) sowie die Prüfungsordnung zur Vor-t nähme der Gesellenvrüfungen liegt uns int Druck vor.» Ersteres, das 138 Positionen enthält, läßt die nunmehr über das ganze Land sich erstteckende planmäßige Organisation! des Gesellenprüfungswesens, von deren Bethättgung segens­reiche Wirkungen für das Handwerk erwartet werden dürfen, deutlich erkennen.

Q Köddingen bei Ulrichstein, 31. Okt. In nächster Zett wttd die zweiteLehrerstelle infolgevermindetterKinder­zahl und durch den jetzt auch in Hessen eingettetenen Lehrer­mangel eingehen und die Schule wieder einklassig werden.

Darmstadt, 31. Okt. Nach einer Mitteilung des Ministeriums der Justtz an die zuständigen Gerichte, waren seither in der Provinz Rheinhessen die Ortsgerichts- Vorsteher zur Beurkundung von Veränßerungsverttägen über Grundstücke überhaupt nicht zuständig. Nunmehr macht das Ministerium die Mitteilung, daß in solchen Gemark­ungen, in welchen das Grundbuch als angelegt anzusehen ist, die Vornahme und die Beurkundung freiwilliger Versteigere

also nach .Afrika und Asien. In Afrika nimmt er an dem Kriege zwischen den Buren und den Engländern teil, in China folgt er den Spuren der alliierten Armeen der Zivilisation. Selten hat Wippchen sich so in seinem Ele­ment befunden, wie in den genannten Welttetlen. Dort, so fern von der Heimat, hat er keine Kontrolle zu fürchten, und um so weniger braucht er seine üppige Phantasie zu zügeln. Aber auch über andere neue Zeitereignisse, wie die Mission der Frau Burengeneral Botha, die Prokla­mation Kitcheners usw., weiß der geniale Dernauer mit bekannter Meisterschaft zu berichten. Er schließt mit der Sühnefahrt des chinesischen Pttnzen Tschun, den Wippchen in Basel mit feinem Besuche, einem höchst interessanten Interview, beehrt. Der 15. Band der Wippchen-Bibliothek liefert einen vollgilttgen Beweis dafür, daß Wippchen der Alte, d. h. der Junge geblieben ist, und heute noch als Siebzigjähriger seine Leser ebenso zu belustigen versteht wie vor Jahrzehnten.

DieBett. Jllustt. Ztg.", die sich eines guten Porträts des Humoristen vergewisiern wollte, schickte ihm ihren Photo­graphen ins Haus und der Jubilar, in fröhlicher Gebelaune, begleitete das Bild mit einigen Versen, die wir nachstehend wiedergeben:

Daß Unglück niemals kommt allein, Daß es gesellig pflegt zu sein, ' Davon kann ich ein Liedchen fingen, Das ich jetzt zu Gehör will bringen. Als mich die Ziffer Siebzig traf, Da kam mit ihr der Photograph Mir eines Tags in's Arbeitszimmer, Ich weiß nicht, was von Beiden schlimmer. Da mußte ich an meinem Pult Nun sitzen still und voll Geduld,

Bis puffend mich das Blitzlicht schreckte, Und auf die Platte niederstreckte.

Man muß ja weichen der Gewalt, Denn mit den Jahren wird man alt, Da nützt kein Wünschen und kein Wollen, Die Zeit vergeht, die Jahre rollen.

Doch bleibt es schlimm, daß jeder sieht, Wie man so alt tft und verblüht, Wie man so reich ward mit den Jahren An Falten und an weißen ^jaren.

Dies plaudert aus höchst indiskret Der Photograph mit lautem:Seht Sein Bild 1 Er kann im hohen Alter Noch halten kaum den Federhalter!

Sein weiß umrahmtes Angesicht Ist ernst, doch trägt der Künstler nicht Die Schuld, und die Beschmier mögen Dem Künstler nicht zur Last es legen.

So ist er! Sprechend ähnlich traf Den alten Herrn der Photograph, Er schreibt und raucht zu viel und leider Setzt so was sich nicht tn die Kleider. Drum blickt so ernst er durchs Pincenez, Als thät ihm irgend etwas weh, Und fehlt das Lächeln oder Lachen.

So läßt sich nichts dagegen machen."

Ich laß' ihn reden, was er mag. Es ist der Siebzigste, ein Tag, Der ernst uns stimmt, es weiß das Leben Viel schön're Tinge uns zu geben.

Doch nun genug der Klagen sei's! Bleibt mir nur Kraft und Lust zum Fleiß, So lang es währt noch, will ich immer Mr loben mich mein Arbeitszimmer.