Ausgabe 
3.4.1901 Zweites Blatt
 
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Gust. Walter, Wtt»-oes 18* S!i2

§kr. 79 Zweites Blatt.

151. Jahrgang.

Mittwoch 3. April 1901

täglich mit Qn»«u*b< M Montags.

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Die letzte Ansprache des Kaisers.

Nach dem Berichte eines Montagsblattes hat bei dem Empfange des Präsidiums des preußischen Herrenhauses Vize- p äftdent Frhr. von Manteuffel an den Kaiser folgende Ansprache gehalten:

Majestät 1 DaS Herrenhaus hat uns beauftragt, unsere Freude uuszudrücken Uber die Errettung Ew. Majestät aus unmittelbarer Lebens­gefahr. Gott hat Ew. Majestät sichtbar geschützt gegen ein Buben­stück und es gereicht uns zur besondern Genugthuung, Ew. Majestät so frisch und vollauf, so heil und gesund wiederzusehen I"

Der Kaiser antwortete hierauf ungefähr mit fol­genden Worten:

Ich danke Ihnen herzlichst für Ihre Glückwünsche, welche ich gern «mnehme. Ich kann Ihnen nur sagen, daß alle Kombinationen, welche in der Presse über meine Stimmung verlautbart werden, auf vollständiger Unkenntnis beruhen und jeder Grundlage entbehre«. Ich habe alles gelesen, waS die Zeitungen über weine angebliche seelische Stimmung anläßlich deS Bremer Vorfalls geschrieben haben, aber nichts ist falscher, als annehmen zu wollen, daß meine Gemütsverfassung irgendwie darunter gelitten hab Ich bin a e n a u d e r s e l b e, d e r i ch v o r h e r war; ich bin weder elegisch noch melancholisch geworden.

Der Kaiser deutete hierauf auf das auf dem Tische liegende Eisenstück, die Lasche, welche Weiland als Wurf­geschoß benutzt hatte, und fuhr fort:

Ich stehe in Gottes Hand und werde mich durch solche Vorfälle persönlich niemals in dem Wege beirren lassen, den zu beschreiten ich alS meine Pflicht anerkannt habe. Ich komme auf meinen Reisen mit allen Kreisen der Bevölkerung zusammen und weiß daher sehr gut, was man im Volke über mich spricht und denkt. Aber wer da etwa glaubt, daß ich mich durch solche Vor­fälle einschüchtern lasten werde in meinen übrigen Maßnahmen, der wird sich sehr irren, es bleibt alles beim Alten/

ES verdient hervorgehoben zu werden, daß der Kaiser daS WortAttentat" vermieden und nur von einem ..Vor­fälle" gesprochen hat. Immerhin spricht auch aus diesen Worten eine gewisie drohende Gereiztheit, obwohl das Gegen­teil davon behauptet und bemerkt wird, er habe sogar einen leicht humoristischen Ton angeschlagen. Erfreulich ist eS, zu hören, daß sein Aussehen blühend war, die Wunde ist voll­ständig geheilt und hat nicht die geringste Narbe zurückgelaffen.

Der Kaiser knüpfte zum Schluß ein längeres Gespräch mit dem Kölner Oberbürgermeister Becker an, wies darauf hin, daß der Kronprinz gleich nach Ostern die Universität Bonn beziehen werde und fügte lächelnd hinzu:Ich hoffe, daß mein Sohn gute Nachbarschaft mit Köln halten wird." Dann wandte sich der Monarch wieder an Herrn v. Man­teuffel und versprach bestimmt, am 11. April der Enthüllung des Kaiser Wilhelm-Denkmals in Potsdam auf der langen Brücke beizuwohnen.Da werden ja die Herren meine Gaste fein", schloß der Kaiser.

Während also der Kaiser nur von demVorfall" in Bremen sprach, versuchte Vizepräsident Frhr. v. M a n t e u f f eI, auch bei dieser Gelegenheit die That des Geistesgestörten und EpilektikerS Weiland zu dem Verbrechen eines Zurechnungs­fähigen zu stempeln. Herr v. Manteuffel bezeichnete die That als einBubenstück"; in gleichem Sinne hatte Herr v. Man­teuffel jüngst im Herrenhause sich der Wortefluchwürdiger Anschlag" bedient. Man ist auf die Vermutung gekommen, t» liege einSystem" darin, daß von den beiden konservativen Präsidenten v. Manteuffel wie v Kräcker, der tief be­dauernswerte Vorfall in solcher Weise aufgefaßt wird; man hat die Ansicht geäußert, die konservative Partei habe ein Interesse daran, dem Herrscher die Ueberzeugung mitzuteilen, baß derUmsturz" drohend fein Haupt erhebe, um sich als energischer Bekämpfer der Umsturzelemente zur Verfügung zu stellen. Jndeffen würde ein derartiges Spiel doch gar zu plump fein, als daß man im Ernst angesehenen Männern der Rechten dergleichen zutrauen dürfte. Der Kaiser ist doch wohl ein zu selbständiger Charakter, um sich ein Urteil auf- drängen zu lassen, und vollends ist in eingeweihten Kreisen nicht unbekannt, daß Personen, die sich heranmachen zum Angebot guter Dienste, beim Kaiser kein Glück haben. Nein, man wird dem Frhr. v Manteuffel und anderen zutrauen dürf«, daß sie ihre auftichtige Meinung geäußert haben. ES giebt nun einmal Politiker, die überallZeichen der Zeit" erblicken, die tief durchdrungen davon sind, daß daSrote Gespenst" umgeht und nur durch Kraftmaßregeln zu bannen ist, An allem Unerfteulichen, was sich ereignet, soll die LolkSverführung, die Aufwiegelung der Mafien schuld sein.

Zum Glück besteht innerhalb der Regierungskreise eine wesentlich kaltblütigere Auffassung. Niemand an verantwort- licher Stelle hat den Brewer Vorfall zum Anlaß genommen, um nach einem neuen Umsturz-Gesetz zu rufen. Auch der Kaiser denkt wohl nicht daran. m ,

Me immer, solange keine authentische, amtliche Bekannt-

Wet roar, hier in Transvaal gefaßt machen müssen.

Engländer und Bnreu.

Folgende Telephon-Meldung ging uns heute vor­mittag zu:

W. Lo n do n, 2. April, 11.40 Uhr. TieTimes" meldet aus Middelburg, daß im Hinblick auf das Herannahen des Winters eine allgemeine Nordwärtsbewegung der Buren nach dem Buschweldt stattfinde, daß aber an beiden Seiten der Bahnlinie herumschwärmende Abteil­ungen zurückblieben.

Daß die Winterruhe noch keineswegs begonnen hat, geht daraus hervor, daß sich im südöstlichen Transvaal die Buren um De Wet in großen Massen sammeln. Die Briten sind infolgedessen natürlich auch äu mannigfachen Operationen genötigt. Oberst Plumers Abteilung, die an der letzten vergeblichen Verfolgung De Wets am stärksten beteiligt mar, und dann nach Pretoria zurückbeordert wurde, hat Pretoria jüngst wieder verlassen, wahrscheinlich, um gegen De Wek im Bezirke Standerton verwendet zu werden. Man wird sich also auf eine neue Auflage des soeben in der Kapkolonie beendeten Schauspiels, dessen Hauptperson De

China.

W T. 2k telegraphiert uns heute vormittag:

nondon, 2. April. 11 Uhr. 50 Min.Daily Expreß" meldet ein e n g lische s K o n s o r t iu m erhielt die Kon­zession in den Gebieten Schansi und Honan, die 71000 englische Quadratmeilen groß sind, und eine unerschlossene Kohlen-Zone von 3000 englischen Quadratmeilen, so­wie große Eisen- und Petroleumfelder enthält. Die Konzession stamme bereits aus der Zeit vor der jetzigen Krisis und sei vom englischen und italienischen Gesandten in China ratifiziert und mit dem Siegel des Tsungli- Yamen versehen worden.

Wie aus chinesischer Quelle verlautet, wird der Hof unverzüglich ein Edikt erlassen, in dem sein Entschluß, das Mandschurei-Abkommen nicht zu ratifi­zieren, bekannt gegeben wird. Ferner verlautet, die Regierung beabsichtige, den Prinzen Sa zum Minister uno den Prinzen Tsching zum Unterstaatssekretär be» Au-warn- 9Cn Der ^Wln^Ztg." wird aus Petersburg gemeldet, der Mandschurei sind in bet ^mg^bSRäü6eTba^e^, thufu neuerdinge wieder Unruhen o /

gäbe der kaiserlichen Äußerungen vorliegt, erscheinen auch heute in der Presse Mitteilungen nicht ganz übereinstimmenden Inhalts über die Antwort Wilhelms II. Die konservative Krenzztg." will keinen der Berichte gelten lassen. Frhr. v. Manteuffel sei alsbald nach der Audienz nach Krossen abgereift, ohne sich über den Empfang zu äußern. Alle in der Preffe auftauchendcn Meldungen über diese Audienz eien daher mit größter Vorsicht aufzunehmen. ES scheint edoch, daß der obige Bericht im Wesentlichen zutreffend ist, da die offiziöseNordd. Allgem. Ztg." ihn nicht dementiert oder der Ungenauigfeit zeiht. Auch in anderen Berichten jeißt eS, daß der Kaiser versicherte, der Bremer Vorfall ,abe keine seelische Depression bei ihm hinterlassen; er, der Kaiser, werde seinen Weg unbeirrt weiter gehen.

Ein anderer Bericht weiß einen neuen Satz deS Kaisers dem Obigen hinzuzufügen, der etwa also gelautet haben soll: Er, der Kaiser, sei betrübt darüber, daß ein deutscher Arbeiter eS fertig gebracht, daS Eisenstück gegen ihn zu schleudern. Ob der Kaiser so sich ausgedrückt hat, muß dahin gestellt bleiben. Jedenfalls ist durch den Herrscher elbst die vielfach geäußerte Vermutung widerlegt, daß das LreigniS einen verdüsternden Eindruck auf seine Stimmung aiidgeübt habe, und daß die Rede an daS Alexander Regiment mit der Pointe der Zurückweisung der Unbotmäßigkeit Berlins, von einer solchen Stimmung beeinflußt worden sei. ES scheint in der That, daß die Erinnerung an daS königstreue Verhalten derAlexander" im Sturmjahre 1848 dem Kaiser, der ja zumeist seine Ansprachen improvisiert, den markanten Satz in den Mund legte, und daß nicht die Möglichkeit revolutionärer Erhebungen in Berlin dem kaiserlichen Redner umschwebte.___________________

Politische Tagesschau.

Das Kelloereleud so schreibt man uns scheint nun

Uebrigeus hat French nach den letzten Meldungen augeiu scheinlich noch keinen Befehl, an diesen Unternehmungen teilzunehmen, denn er ist noch immer in dem äußersten Südosten Transvaals bei Vrijheid thätig. Heber das Okfedyt bei Hartebeestfontein am 22. März liegen jetzt ge­nauere Meldungen vor. Danach gehörten die dort ins Feuer gekommenen englischen Abteilungen zu Babingtons Kolonne. Babing ton lagerte 5 Kilometer südlich üon Hartebeestfontein. Von hier aus sandte er am 22. März 200 Mann der Impe­rial-Light Horse und der 69. Yeomanry-Kompagnie wr Er kundung gegen Geduld vor. Die Farmen waren abgesucht worden, 20 Buren hatten sich davon gemadft, und schon traten die Truppen den Rückmarsch zum Lager an, als eine beträchtliche Abteilung Buren unter General Telarey plötzlich den Briten den Rückzug abzu­schneiden versuchte. Die Absicht der Bureu wurde ver­eitelt, indessen entspann sich auf beiden Flanken ein ztoee- einhalbstündiges, höchst erbittertes Gefecht. Die Bureu kamen häufig bis auf 150 Meter heran. Der Angriff auf die linke Flanke wurde nur mit großer Mühe abgeschlagen. Tie Briten merkten die Wirkung des Angriffs bald auf beiden Flanken und z o g e n s i ch zur Besetzung der einzigen sich bietenden sicheren Stellung zurück. Diese hielten sie, bis Verstärkungen eintrafen. Die Verluste der Engländer sind schon mitgeteilt worden, ebenso ist bekannt, daß tne B u r en durch dieses ihnen günstige Gefechtme ganze Kolonne Babington auf sich lenkten und in der Flucht vor ihr ihre Artillerie, einen großen Teil ihres Trains und etwa 200 T ot e, Verwundete und Gefangene bet Vaal- vank am 25. Mürz verloren. Im O ran j e f r e t sta at hat Fourie bei De Wets Dorp die Rolle De Wets über nommen. Gegen ihn rückte Bruce-Hamilton am 27. v. M. mit einer starken Abteilung aus. Nach einem Kampf, dec sich 30 Kilometer ausdehnte, gelang es, das Burenlagec zu finden. Die Buren entkamen jedoch, bevor es. den Briten möglich war, das Lager zu umgehen. Auf bent Rückmarsch der Abteilung nach De Wets Dorp traf man auf eine andere Abteilung Buren, und es kam auch hier zu einem harten Kampf; schließlich sollen die Buren glUvorsen worden sein. Die Engländer verloren nur zwei Pferde, während eine Menge Pferde, Vieh und Wagen erbeutet wurden. .

In einem viel gelesenen englischen Blatte wird tue Lage der Briten auf dem Kriegsschauplätze sehr scharf kritisiert. Die gesamte englische Feld Herrn kunst wird verhöhnt und vonunglaublichen im höchsten Grade beschämenden Zu­ständen"' gesprochen. Dann heißt es weiter: De Wet, der gefährlichste und hartnäckigste aller Burenführer, reitet mit ein paar hundert Mann ganz nach, seinem Gefallen im Lande umher, immer bereit, uns zu schaden, wo er nur eine Gelegenheit findet. Er macht neuerdings einen Marsch von über 400 Meilen, ohne daß unsere ungezählten fliegen - den Kolonnen und Militärposten überhaupt nur feststellen formten, wo er sich befindet. Er verliert allerdings ab und zu einige Wagen und Geschütze, aber er hat immer so viel Hilfsquellen zu seiner Verfügung, daß ihn dies gar nichts weiter zu genieren scheint. Diese Zustande nehmen all­mählich die Proportionen eines riefigen Skandals an, und zum Ueberfluß ist dies noch nicht einmal alles. Unsere Truppen sind noch immer nicht im stände gewesen, ; mit irgend welchem nennenswerten Erfolge alle jene ein- i zelnen Kommandos, die ganz nach Belieben in der Kapkolonte schalten und walten, zu fassen oder gar unschädlich zu machen. , Es heißt da immer wieder in offiziellen und offiziösen. . Meldungen, daß dieser oder jener renommierte Burenführer ' mit seinem Korps umzingelt sei und kurz vor der lieber- 1 gäbe stehe, und bald nachher passiert das gerade Gegen- 1 teil, wie Cicero sagt:Abiit, evasit, excessit, erupit! E und dabei sind wir in Südafrika ungefähr in der Ivfachen. i Uebermacht! In den letzten 18 Monaten ist es uns thatsach- ° lich nicht gelungen, auch nur irgend einen einigermaßen wichtigen Führer oder Feldherrn (und die Buren haben verschiedene Männer an ihrer Spitze, die aus den letzteren. Titel vollen Anspruch haben, des Feindes gefangen zu. ' nehmen oder auch nur mit seiner Truppe wirklich gan*. ' unsck-ädlich zu machen. - Und De Wet - schweigt nnr von

nach so vielen Petitionen eine Linderung zu erfahren. Be kanntlich liefern die Gehilfen im Gast, und Schankwirts­gewerbe wegen der dauernd anstrengenden Thätigkeit, der meist sehr kurzen Nachtruhe, der geringen Möglichkeit zum Sitzen am Tage, des fast beständigen Aufenthalts in durch Rauch und Biergeruch ungesunden Lokalitäten die meisten Kandidaten zur Schwindsucht. Dem Bundesrat ist jetzt ein Gesetzentwurf zugegangen, der die Abstellung der Hauptübel bezweckt. Die wesentlichen Punkte find folgende: Jedem Gehilfen und Lehrling Über 16 Jahren ist täglich nach seiner Arbeit eine ununterbrochene Ruhezeit von mindestens acht Stunden, in Orten mit mehr als 20 000 Einwohnern eine solche von mindestens neun Stunden zu gewähren. Dieselbe Ruhezeit von neun Stunden genießen die Angestellten unter 16 Jahren. Die Zahl der Ruhezeiten muß wöchentlich mindestens sieben be­tragen. Bis zu sechszigmal im Jahre darf die Höchst dauer der Arbeitszeit überschritten werden. Jedoch muß in allen diesen Fällen nach der Beendigung der Arbeit die vor­geschriebene tägliche Ruhezeit eintreten. Alle drei Wochen ist mindestens einmal eine ununterbrochene Ruhezeit von vier und zwanzig Stunden zu gestatten. Inden beiden Übrigen Wochen muß zu der angesetzten acht- oder neunstündigen Ruhezeit mindestens einmal eine weitere von mindestens sechs Stunden hinzutreten, die in der Zeit zwischen zwölf Uhr mittags und neun Uhr abends liegen muß Gehilfen und Lehrlinge unter 16 Jahren dürfen in der Zeit von 10 Uhr abends bis 6 Uhr morgens nicht beschäftigt werden. Gehilfen und Lehrlinge weiblichen Geschlechts unter 18 Jahren, die nicht zur Familie des Ar­beitgebers gehören, dürfen nicht zur Bedienung der Gäste verwendet werden.

Die vorstehenden Bestimmungen, die mit dem 1. Ok tober 1901 in Kraft treten sollen, werden in dem Gast- und Schankwirtsgewerbe eine nicht geringe Umwälzung Hervor­rufen, da doch kaum irgendwo von fetten des Arbeitsgebers nach ähnlichen Vorschriften freiwillig verfahren wurde.